„Postdramatisches Theater“ ist eine Wortkombination des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann und beschreibt eine zeitgenössische performancenahe Form des Theaters. Es ist ein Abgrenzungsbegriff gegen das „traditionelle Sprechtheater“. Traditionell bedeutet zweierlei. Dass man etwas schon sehr lange macht – das ist im Fall des Theaters richtig… es IST alt, oft totgesagt und immer noch quicklebendig.

Traditionell bedeutet aber auch „herkömmlich“, einer „gängigen Praxis entsprechend“. In welcher Weise der Vorgang „Mensch geht auf Bühne und hat etwas zu sagen“ so „kömmlich“ da…her…kommt hängt enorm vom Geschehen und der Perspektive des Betrachtenden ab.

Mit Fantasie, Witz, Inhalt und Spielenergie gefüllt ist es ja gerade das Ziel eines Theaterabends gegenteilig davon zu sein, nämlich überraschend, frisch und erreichend.

Sei‘s drum – postdramatisch also. Was bedeutet das dem Wortsinn nach?

postdramatisch„Dramatisch“ bedeutet aufregend, ausdrucksvoll, explosiv, nervenaufreibend, packend, spannungsgeladen, überwältigend, bewegt, lebendig, mitreißend.

Postdramatisch bedeutet demnach: all das bitte nicht.

Was für ein Verlust.

Und wie unsinnig für das Theater. Wie kann man etwas auf eine Bühne bringen, aber all das nicht erreichen wollen?

„Postdramatisches Theater“ ist also eine theaterwissenschaftliche Beschreibung, die mit der Natur und Notwendigkeit von Theater rein gar nichts zu tun hat. Denn egal ob Textfläche, Performance oder 1400 Jahre alter Originaltext – Theater ist dramatisch. Und soll das im besten Sinne dieses Wortes auch sein.

„Post“ ist ein gefährliches Wortanhängsel. Es suggeriert nicht, dass man auf etwas aufbaut, etwas weiterentwickelt, sondern etwas überkommen hat. Abgehakt. Abgelegt. Weggeworfen. Ein für das Theater trügerischer Befreiungsschlag. Bäume ohne Wurzeln verdorren.

Zweifellos, manche Bäume verdienen das verdorren.

Ich würde gerne in einer postkriegerischen, postrassistischen, postsexistischen, posthomophoben, postnuklearen, postkorrupten, postintoleranten, postverdreckten Welt leben. Wer würde das nicht?

Aber an einem postdramatischen Theater arbeiten? Nein. Warum denn auch? Beweglich, suchend, experimentell, wagemutig… ja, bitte… aber postdramatisch. Nein.

Nun hat sich „Post“ in eine weitere gefährliche Wortkombination geschmuggelt. Kanzlerin Merkel hat es frisch ausgerufen, wir leben in einem „postfaktischen Zeitalter“. Im Grunde heißt das: „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!“.

Excusez???

Ich bin mir nach 46 Jahren Existenz durchaus bewusst, dass es auf dieser Welt Meinungen gibt, die weit von meiner eigenen abweichen. Ich lege großen Wert darauf, dass verschiedene Meinungen existieren und dass man sich über sie austauscht. Das geeignete Mittel dafür sind Argumente. In Argumenten enthalten sind Fakten, möglicherweise unterschiedlich bewertet, aber Fakten.

Der Ausstausch von Argumenten muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass sich Überzeugungen verändern, er führt aber ganz sicher dazu, dass jene, die diesen Austausch treiben oder verfolgen, sich in Kenntnis aller Interpretationsmöglichkeiten befinden und sich ein reichhaltiges Bild machen können.

Aber wenn ich mich in meinen Argumenten nicht mehr an Fakten binden muss… dann wird alles möglich, denn Fakten sind der kleinste unleugbarste gemeinsame Nenner. Bricht er weg – was soll ich da noch diskutieren?

postfaktischWie soll ich mit Kreationisten diskutieren, die das Alter der Erde mit rund 6000 Jahren angeben, wenn sie die Radiokohlenstoffdatierung von Dinosaurierknochen als Verschwörung deklarieren ohne dafür den geringsten Beweis aufbringen zu müssen?

Und was mache ich dann mit einem Präsidentschaftkandidaten Trump, dessen vordringlichstes Interesse vor dem ersten TV-Duell der Verhinderung des Faktenchecks gilt?

Was bedeutet Politik, wenn es als Gegenargument ausreicht gefühlte vierzig mal „Wrong!“ dazwischenzubrüllen?

Wohin entwickeln sich Gesellschaften, in denen es Wahlberechtigten ausreicht, wenn unliebsame Kritik eine Lüge genannt wird?

Postfaktisch ist präbequem, prädumpf. Und was uns, den Souverän einer Demokratie, angeht präverantwortungslos. Wir dürfen wählen… aber wir dürfen Politik nicht aus der Verantwortung entlassen uns mit ihrer Sicht auf belegbare Fakten zu beliefern.

Denn egal wie postfaktisch jemand zur Wahlurne geht, die Mehrheit jener, die das tun (und auch die stumme Menge jener, die es lassen) schafft Fakten, die ihr Leben bestimmen werden.

„Post“ ist eine Vorsilbe, die mit Bedacht gewählt werden will.

Dieser Blog hat einen griechisch-englischen Namen. „Theatron“ huldigt der Keimzelle des griechischen Theaters als „Raum zum Schauen“ – „Today“ schlägt den Bogen in das globalisierte englischsprachige Jetzt. Es schien mir eine logische sinnreiche Kombination.

Seit gestern steht aber auch fest, dass aus einer griechisch-englischen Kombination unerwartete Seltsamkeiten erwachsen können, vielleicht weder logisch, noch sinnreich.

Großbritanien und die Demokratie.

Demokratie ist großartig. Niemand bei klarem Verstand kann das bestreiten und ich würde in keiner anderen Staatsform leben wollen. Aber auch sie hat Tücken und Schwächen.

Die größte davon ist wahrscheinlich, dass sie darauf angewiesen ist, dass Menschen ihre Bedeutung verstehen.

Eigentlich sollte das bewerkstelligt werden können, denn die Regeln sind einfach:

1. Ich habe eine Stimme. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Privileg und Verpflichtung zugleich.

2. Ich darf jede Überzeugung, die nicht nicht das Völkerrecht auf den Kopf stellt, vertreten und zur Grundlage meiner Stimmabgabe erheben.

3. Um zu einer Überzeugung zu gelangen sollte ich mich idealerweise selbstständig informieren um diese zu bilden.

Das Ergebnis ist ein mündiger wählender Bürger… und die Mehrheit dieser Bürger bestimmt das Ergebnis.

Demokratie in Perfektion… und weit weg von der gerade erst wieder durchexerzierten Realität.

Problem mit Punkt 1:

72,2 Prozent der registrierten Wähler haben über den Brexit abgestimmt. Das ist eine hohe Wahlbeteiligung. Trotzdem war rund 27 Prozent das mit der Demokratie irgendwie zu anstrengend.

Sie haben damit jedes Recht verwirkt sich über irgendeine Brexit-Konsequenz in irgendeiner Weise zu beklagen.

Wer von seiner Stimme keinen Gebrauch macht muss auch anschließend dabei bleiben.

Ja, ich weiß, es hat am Abstimmungstag, wie die Briten sagen würden, Katzen und Hunde geregnet… aber wenn dann mehrheitlich ältere und konservative Wähler den Regenschirm benutzen prägen sie das Ergebnis.

Problem mit Punkt 2:

„Neiiin, ich will eigentlich nicht das wofür ich stimme, aber ich bin unzufrieden und will ein bißchen protestieren!“.

Leute, so funktioniert Demokratie nicht.

Denn wenn genug Leute auf die gleiche blödsinnige Idee kommen ist die Mehrheit da und ihr kriegt genau das, was ihr nie wolltet.

Das Wahllokal ist kein Ort um auf bequeme Weise zu protestieren, es ist ein Ort für Überzeugungen. Stimmzettel verstehen keinen Sarkasmus.

Und es macht keinen Sinn anschließend via TV und Twitter zu bekunden „Aber ich hab‘s doch nicht so gemeint!“ …

Problem mit Punkt 3:

Wir leben in einem Zeitalter der Information. Ob gedruckt, via TV oder im Internet – unser Zugang zu Informationen ist groß wie nie. Aber wir müssen sie nutzen und bewerten.

Und wenn ich Leuten glaube, die auf rote Doppeldeckerbusse malen, dass sie die angeblich 350 Millionen Pfund, die Großbritanien wöchentlich an die EU zahlt, in das nationale Gesundheitssystem stecken wollen …und dann am Morgen nach der Wahl verkünden „Sorry, it was a mistake.“… dann ist das zwar eine Sonderklasse von schamlos – aber mein Fehler.

Viele Argumente der Brexiteers standen seit Monaten auf dem Prüfstand und waren durch Fakten widerlegt.

Informationslücke

Demokratie ist großartig. Ja, sie ist es auch dann noch, wenn ihre Ergebnisse nicht meiner Meinung entsprechen. Und ja, sie ist noch nicht ideal. Aber das liegt nicht an ihr.

Versöhnlich schließen möchte ich mit einem Zitat von Alice Duer Miller:

„…I have seen much to hate here – much to forgive. But in a world where England is finished and dead, I do not wish to live.“

Schreisse

Stalin führte eine Quote ein… für Verurteilungen und Hinrichtungen. Sie musste erfüllt werden – unabhängig davon, ob genug „Verbrechen“ für diese Quote generiert werden konnten. Es musste sie eben geben, denn es gab ja die Quote. Die Besitztümer der Verurteilten wurden eingezogen und dem Staat überantwortet. Der Staat war Stalin.

Diktatoren sind bemerkenswert wenig subtil. Sie sind bemerkenswert durchschaubar. König Ubu verzichtet selbst auf diesen rudimentären Rest an Subtilität vollkommen. Es gilt sich zu bereichern. Dafür muss der bestehende König gestürzt, die Herrschenden müssen dem Schredder zugeführt und ihre Güter eingezogen werden.

Basta.

König(Tim Kalhammer-Loew als „König Ubu“)

Alfred Jarry erschuf seinen „König Ubu“ 1896 und legt darin, verspielt, schonungslos und unbemäntelt, die Prinzipien von Herrschaft offen, die Typologie von Macht.

Seinem König zur Seite steht dessen Frau, deren Begierde nach Macht und Gold durch den Einsatz aller verfügbaren Mittel der seinen in nichts nachsteht. Aber was passiert eigentlich, wenn man es übertreibt? Wie lange macht ein Volk sowas mit? Und wählt es danach eine bessere Herrschaft?

Fragen, auf die „König Ubu“ heute um 20h das letzte Mal in der LOKremise St.Gallen eine wildamüsante Antwort gibt.

Ubu Blog(„Mutter Ubu“… in Begleitung meiner Kollegen Romeo Meyer, Oliver Losehand und Marcus Schäfer – Fotos der Inszenierung: Tine Edel für das Theater St.Gallen)

Faust I

Osterspaziergang

Andrer Bürger:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Dritter Bürger:

Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.

Am Ostersonntag zündet ein 28 jähriger Mann, Lehrer aus Süd-Punjab, zwanzig Kilogramm Sprengstoff in einem Park der Millionenstadt Lahore in der Nähe eines Kinderspielplatzes. 70 Todesopfer sind zu beklagen, 340 Menschen werden verletzt.

Kein Gebäude, kein Denkmal, keine Sehenswürdigkeit wurde in weiß und grün angestrahlt – den Farben der pakistanischen Flagge.

 

Churchill(Als Winston Churchill gebeten wurde die Förderung der Kunst zugunsten der Finanzierung der Kriegeskosten zu beschneiden antwortete er lediglich „wofür kämpfen wir dann?)

 

Roland Methling weiß wofür er kämpft. Er tut das hartnäckig und seit vielen Jahren. Er kämpft gegen das Rostocker Theater in seiner jetzigen Vierspartengestalt mit eigenem Ensemble. Ein Bespieltheater soll es nach seinem Willen werden, damit kommt er nicht durch. Er kündigt den frisch verpflichteten Intendanten Sewan Latchinian, damit kommt er auch nicht durch. Jetzt sollen die Sparten Schauspiel und Tanz geschlossen werden. Damit könnte er durchkommen…

Rostock ist berühmt für seine Hanse Sail. Rostock ist auch berühmt für das viertägige braune Progrom gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in seinem Stadtteil Lichtenhagen 1992 mit eigenem Wikipedia-Eintrag.

Die Hanse Sail findet einmal im Jahr statt. Als 20 Jahre nach den Ausschreitungen in Lichtenhagen ein Gedenkmarsch stattfand musste der, aus diesem Anlass gepflanzte „Mahnbaum“ (übrigens eine deutsche Eiche), unter Polizeischutz gestellt werden… immer noch. Gesellschaftsstrukturen einer Stadt, deren Oberbürgermeister kulturelle Gegengewichte schrumpft …obwohl das Volkstheater ein Geschäftsführungsmodel vorgelegt hat, das den Vierspartenbetrieb ohne Zusatzmittel bis 2020 sichern würde.

Städte können schlecht auf lokale Kultur verzichten. Studien belegen, dass Kultur ein wirtschaftlicher Wertschöpfungsfaktor ist. Ihr immaterieller Wert für die Gesellschaft jedoch ist weitaus höher als jener, den man beziffern kann.

Keine Stadt, Rostock aber erst recht nicht, kann es sich leisten auf diese Werte zu verzichten.

Dafür gibt es eine Petition. >>>>>>>>>>>HIER!

 

 

 

In allen Wahl- und Parteiprogrammen der Afd, die ich recherchiert habe, wird bedeutsamer Wert auf Bildung und die deutsche Sprache gelegt. Einer Partei mit so eindeutigen Schwerpunkten sollte der Zusammenhang beider Themen mit Kultur nicht entgehen. Es wäre zu erwarten, dass dezidierte Vorstellungen dazu beschrieben werden.

Ganz so einfach ist es nicht. So besorgt sich beispielsweise die Hamburger Afd auf 28 Seiten u.a. über Ferienwohnungen, Überschwemmungsgebiete und sauberes StadtGrün – über Kultur findet man nichts.

Immerhin ist sie damit weiter als die AfD Thüringen. Wenn man dort auf das Wahlprogramm klickt… erhält man das Logo des Wahlprogramms – und ja, nur das Logo. Kultur ebenso abwesend, wie …naja, alles andere eben auch.

Ich beschließe grundsätzlicher vorzugehen und steuere die landesweite Website der AfD an. Acht Themenkomplexe sind dort aufrufbar, nein, Kultur gehört nicht dazu. Ich klicke hoffnungsvoll auf die Rubrik Bildung, denn dorthin könnte man sie sinnvoll verräumt haben. Hat man aber nicht, sie ist schlicht abwesend.

Zurück in die Regionen – in Bremen findet sich im Resümee des 49 Seiten umfassenden Wahlprogramms zwar der Satz: „Nur selbstbewusste Kulturnationen können Integrationskraft gewinnen…“ – Kulturpolitik, die ja dazu passen würde, sucht man indes vergebens.

Ich bin hartnäckig und schwenke um nach Baden-Württemberg… 64 Seiten, 12 Programmpunkte, keiner davon beschäftigt sich mit Kulturpolitik – aber ich finde etwas. Unter dem Programmpunkt „Leitbild der Familie schützen und fördern“ ein erster Hinweis darauf, wie die AfD sich gegenüber Kulturschaffenden zu positionieren gedenkt:

„Die AfD will auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden.“

Interessant. Die AfD will auf Rundfunkanstalten einwirken. Ein erstaunlicher Plan jener Partei, die gerne von „Lügenpresse“ spricht und unabhängige Berichterstattung so sehr vermisst.

Abseits von schwerwiegenden juristischen und journalistischen Bedenken – das wird die Drehbuchautoren diverser Fernsehproduktionen vor ganz neue Herausforderungen stellen… die sie in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht haben dürfen.

Das Wahlprogramm aus Sachsen ist eine informative Offenbarung. Es gibt Aussagen zur Kulturpolitik:
„Wir wenden uns gegen einen normierten und nach reinem Verkaufswert zusammengezimmerten Kulturbegriff ebenso wie gegen einen Verordnungsstaat, der durch Fördermittel und Auszeichnungen in die Kulturproduktion eingreift.“

Also keine Fördermittel für Kultur? Keine Auszeichnungen? „Jugend musiziert“ dürfte damit genauso am Ende sein, wie der „Heidelberger Stückemarkt“, Theatertreffen adé und… und… und. Man möchte Denkmäler pflegen, die sorbische Kultur, Vereine für Kultur und Sport und das Kulturraumgesetz modifizieren – alles bedarfsgerecht. Das ist ein dehnbarer Begriff, denn was ich nicht fördere verschwindet und bedarf dann auch weniger.

Beunruhigend. Sicher. Aber den Spitzenplatz ausformulierter Kulturpolitik sichert sich das AfD Wahlprogramm 2016 in Sachsen-Anhalt. Dort ist zu lesen:

„2.8.1 Pflege der deutschen Leitkultur

Die Internationalisierung aller Lebensbereiche, die Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft auf deutschem Boden und der fehlende Mut zu unserer deutschen Leitkultur schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährden auf lange Sicht die Demokratie selbst. Dem wollen wir mit einer Kulturpolitik gegensteuern, die in der Pflege einer deutschen Leitkultur eine sehr wichtige Aufgabe begreift und so dafür Sorge trägt, dass auch und gerade die integrationswilligen Einwanderer sich verstärkt mit unserem Land identifizieren.“

Warum eine Internationalisierung die Demokratie gefährdet erschließt sich mir nicht und wird auch nicht weiter erklärt. Was hingegen von der Kultur erwartet wird ist genau beschrieben:

„2.8.2 Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichtssagender Unterhaltung!

Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“

Wie man die freiheitlichen Aspekte von Kunst in wenigen Sätzen so mit Füßen treten kann, dass es in Stepptanz ausartet, zeugt nicht nur von einem bemerkenswerten Missverständnis der Kunst, sondern der Freiheit an sich.
Und jeder Staat, der auf Rundfunkanstalten einwirkt und seinen Bühnen vorschreibt was dort wie zu inszenieren ist, kann vieles sein… aber eines nicht – eine Demokratie. Was ist dann eine Partei nicht, die das will?

Was bedeutet „Lügenpresse“? Das Wort bedeutet: wenn Du nicht meiner Meinung bist, dann lügst du.

Und: weil du sowieso lügst muss ich mich mit dir nicht mehr auseinandersetzen.

Deshalb: brauche ich mich mit niemandem auseinandersetzen, der anderer Meinung ist oder meine Meinung hinterfragt. Denn entweder ist die oder der Teil der Lügenpresse – oder ein verblendetes armes Opfer der Lügenpresse.

Fazit: Meine Meinung steht fest – bitte verwirren Sie mich nicht mit Fakten oder Fragen.

Dunja Hayali hat genau das getan. Immer wieder, beharrlich und vor Ort. Sie hat zugehört, nachgefragt, ungeschützt, ruhig. „Menschen interessieren mich.“ sagt sie.

Für ihre Berichterstattung ist sie in den Sozialen Medien attackiert worden… ein besseres Wort dafür gibt es nicht. Ich habe überlegt an dieser Stelle Beispiele an zuführen. Sie sind leicht zu finden. Unter YouTube-Videos, auf Facebook, auf Twitter, in den Kommentaren zu ihren Sendungen. Es braucht keine Mühe sie zu finden, es braucht nur Mühe sie zu lesen.

Ich habe mich dagegen entschieden. Sie sind hasserfüllt, sexistisch, rassistisch. Sie unterschreiten, was noch Niveau genannt zu werden verdient, sie überschreiten, was noch den Namen Meinungsfreiheit tragen könnte. Sie verdienen Verachtung nicht Beachtung.

Dunja Hayali hat auch sie beachtet. Trotzdem. Rund 100 Anfragen zu einem persönlichen Treffen hat sie an jene verschickt, die ihr „Lügenpresse“ vorwarfen. Wenige wollten sich stellen, zwei hat sie getroffen.

Sie glaubt an den Dialog. Wie führt man ihn? Mit allen Menschen, auch mit denen die hassen statt zu denken?

Vielleicht trotzdem. Weil es der einzige Weg ist. Wer dem Hass ausweicht schenkt ihm Raum. Wer schweigt stimmt zu. Wer andere ignoriert kann sie nicht überzeugen.

Gestern bekam sie die „Goldene Kamera“ in der Kategorie „Beste Information“.

YES!

 

 

 

 

Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt und darin einen Gott… dann plant er ein Hörspiel… und ich mag es nicht.

Nur wenige Tage nach David Bowie ist eine weitere wunderbare, großartige Stimme für immer verstummt. Eine magnetische Stimme, eine Stimme, die das Telefonbuch von London hätte vorlesen können und man hätte danach das von Birmingham angereicht um ihr weiter zuzuhören.

Alan Rickman hätte diese Stimme nicht gebraucht um zu fesseln. Wenige konnten mit so wenig, wortlos, so viel erzählen. Vor der Kamera und auf der Bühne.

Wandelbar… unverwechselbar…

Über seine Rollen sagte er einmal: „I am the character you are not supposed to like.“

Was für ein Irrtum!

Heute ist die Bühne und das Kino um Alan Rickman ärmer geworden.

Chris Hadfield singt …naja… okay. Und er spielt ganz leidlich Gitarre. 2013 nahm er eine Version von “Space Oddity” auf.

Sie wurde auf YouTube bisher weit über 23 Millionen mal angesehen und David Bowie nannte sie die vielleicht ergreifendste Version, die jemals von seinem Song gemacht wurde.

Chris Hadfield muss auch nicht singen können oder brillant Gitarre spielen, er ist kanadischer Astronaut… und als der Song aufgenommen wurde war er Kommandant der Internationalen Raumstation ISS.

Einer Raumstation, auf der die Arbeitsstunde eines Astronauten 30.000 Euro kostet… aber für das besondere ist das manchmal eben egal… und soll es auch sein.

Hadfield schrieb zu dem ersten Musikvideo aus dem Weltraum: „Mit Verbeugung vor dem Genie von David Bowie, hier ist Space Oddity, aufgenommen auf der Station. Ein letzter kurzer Blick auf die Welt.“.

David Bowie starb gestern, am 10. Januar 2016, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung des Albums „Blackstar“.

In seinem Song „Within you“ gibt es die Textzeile „I move the stars for no one…“

Well… who knows… maybe now you do… but I will miss your voice.

Friedrich Hofreiter fabrizierte Millionen von Glühbirnen, eine Ehe und Dutzende Affären.

Ersteres machte ihn wohlhabend, zweiteres schenkte ihm einen Sohn… das dritte füllt ihn immer weniger aus. Dem erfolgsverwöhnten Jäger gehen die Herausforderungen aus während die Midlifecrisis vehement an seine Tür klopft. Seine, strikt auf das eigene Wohlbefinden ausgerichtete, Weltordnung verliert zusätzlich signifikant an Komfort, als er erfährt, dass seine Frau eine Affäre mit einem berühmten Pianisten ausgeschlagen hat, woraufhin dieser seinem Leben ein Ende setzte.

Ihren Vorsprung an Treue aus Liebe zu ihm interpretiert er zu einem Fluchtgrund um – denn dass ihre Treue einen Mann in den Tod getrieben hat ist ihm unheimlich und, seiner Meinung nach, doch mit einer gewissen unschuldigen Schuld behaftet. Er windet sich, weicht ihr aus, nutzt schließlich die erste Gelegenheit in die österreichischen Berge zu flüchten und in die Arme einer Zwanzigjährigen mit der er, wörtlich und übertragen, neue Gipfelbesteigungen unternimmt.

Seine Frau lässt sich währenddessen schließlich doch auf eine Affäre ein. Die Balance sollte nun für Friedrich wieder hergestellt sein – aber „die Seele ist ein weites Land“ in der die Logik widersprüchlichen Gefühlen unterlegen ist.

Schnitzlers „Das weite Land“ ist ein Stück über Menschen und ihre beziehungslosen Beziehungen, über die Verwechslung von Rausch und Liebe, über Projektion und Verleugnung, über Leere im Wohlstand und persönliche tragikkomische Strategien sie mit Bedeutung zu füllen.

Es wurde 1911 am Wiener Burgtheater uraufgeführt und ist 105 Jahre später aktueller denn je.

Denn für die Wege im weiten Land gibt es immer noch keine Wanderkarte.

 

Premiere am 8.01.2016 | 19.30h | Grosses Haus

 

Das Weite Land; Januar 2016, Theater St.Gallen; Regie Tim Kramer

(Foto: Tine Edel für das Theater St.Gallen)