Textbücher I
Wenn man sein Textbuch abholt ist es jungfräulich, meist kopiert und gebunden, hinten mit Pappe verstärkt und vorne mit einer durchsichtigen Plastikfolie versehen. Dann stopft man es in seine Tasche – und von da an durchläuft es einen Individualisierungsprozess.
Die dazu angewendeten Techniken sind höchst persönlich und hängen von den Gewohnheiten des es besitzenden Schauspielers ab.
Die erste Handlung besteht meistens in der Markierung des eigenen Textes. Ich verwende dafür gelb. Ich habe bei Kollegen auch schon grün, rosa und blau gesehen – aber ich bleibe beim klassisch gelben Marker. Schon mein erstes Textbuch in der Theater-AG war gelb unterlegt und meine Augen wären furchtbar irritiert in meinen Textbüchern eine andere Farbe vorzufinden.
Als nächste Bearbeitung werden meistens Striche vorgenommen. Wir kennen das Prinzip dafür: Textende und neuer Textanfang werden mit einem eleganten gewagten Strich verbunden. Für mich reicht diese Art Text zu entfernen aber bei weitem nicht aus. Wie viele Schauspieler lerne ich Texte optisch. Das heißt, ich weiß nicht nur den Satz den ich sage, ich weiß auch wo er auf der jeweiligen Textseite steht… also dritte Erwiderung von oben, letzter Satz eines kleinen gelben Textblocks usw. Ein einziger Strich läßt ihn für mich daher nicht verschwinden – ich schwärze den ganzen gestrichenen Textteil vollständig. Nur auf diese Weise läßt er sich aus meiner optischen Wahrnehmung entfernen und verhindern, dass ich ihn mitlerne oder bei den Proben hartnäckig immer wieder sagen will. In der Konsequenz ist es ungeheuer lustig für mich, wenn Striche wieder aufgemacht werden… ich muss dann nämlich den ganzen Text neu einschreiben.
So weit die Pflicht… kommen wir zur Kür.
Manche Schauspieler notieren ihre Gänge, Haltungen und Regieanweisungen auf gesonderten Zetteln, die sie in ihr Textbuch einlegen. Mir wurde von Kollegen berichtet, die für jedes Stück kleine Probenbücher führen, in denen sie alles zur Rolle und Produktion gehörige festhalten. Mir hilft das nicht weiter. Ich brauche die betreffende Textstelle und die sie betreffenden Seiteninformationen auf einen Blick. In der Konsequenz landet alles, aber auch wirklich alles in meinem Textbuch. Was ich tue, wie ich es tue, was ich dabei denke und was die Regie dazu befindet.
Das kann ausufern…
Kreieren wir einen simplen hypothetischen aber symptomatischen Fall:
Szene: mein Ehemann und ich sitzen nebeneinander auf einem Sofa, halten Gläser in der Hand und schauen reglos in den Zuschauerraum. Folgender Dialog soll sich abspielen…
Ich: Willst du noch etwas zu trinken?
Er: Gerne.
Ich: Wodka?
Er: Wenn noch welcher da ist.
Ich: Ich sehe im Kühlschrank nach.
In den Proben schlüsseln wir auf, dass wir unser Ehe ein Albtraum aus Gleichgültigkeit mit zarten Anflügen von Hass ist, solche Abende die Tage immer ausklingen lassen, er eine Affäre mit einer Kollegin hat und ich davon träume mit dem Postboten nach Neuseeland auszuwandern. Am Tag der Premiere, nach allen Proben, aller Kritik, allen Regieanweisungen werden sich rund um diese fünf Sätze etwa folgende Randnotizen in meinem Textbuch zusammengesammelt haben…
(Blick nach vorne halten, Stille noch widerlicher finden als seine Gegenwart)
Ich: Willst du noch etwas zu trinken?
(Höflichkeit kostet, Tonfall betont leicht, „Hoffentlich sagt er ja, dann kann ich hier aufstehen!“)
Er: Gerne. (Blick auf ihn, „Schon klar, ‚nen Drink hast du noch nie abgelehnt,was?“)
(„Also nehme ich doch mal schwer an:“) Ich: Wodka?
Er: Wenn noch welcher da ist. (kleine Zäsur, „Willst du mir jetzt sagen dass ich saufe, oder wie?“ – Glas aus seinen Fingern nehmen ohne ihn zu berühren, Glas halten als wär’s verseucht, aufstehen, sein Anblick ist zum Ohrfeigen verteilen)
Ich: Ich sehe im Kühlschrank nach.
(…umständlich um’s Sofa ‚rum, vielleicht sagt er ja noch was, nee, klar, macht er nicht, letzter Blick, dann ab in die Küche als gäb’s dort die Rettung für alles… )
Vorallem wegen meiner Angewohnheit meine Subtexte höchst plastisch und ausformuliert neben meine Originaltexte zu schreiben gebe ich Textbücher ab einem gewissen Probenstand nur noch mit bedenklicher Miene und höchst ungern aus der Hand. Antigone wäre vielleicht überrascht gewesen, dass sie in meinem Textbuch als „verzogene Mistgöre“ auftaucht. In unschuldigen Märchenbüchern findet sich als Gedankenstütze auch schon mal die Randnotiz: „terminatorähnlicher Abgang“. Und Strindbergs traumspielerische Frage „Na, wunderst du dich nicht, dass ich so schwarz bin im Gesicht?“ steht in meinem Textbuch übersetzt mit „Na, Schmalhirn, fällt dir sonst nix auf?“. Ein Kollege fragte sich mal welcher Gedankengang einem Gesichtsausdruck zugrundelag, den er köstlich fand. Er hätte bloß in mein Textbuch schauen müssen. Dort stand als Reaktion auf seinen Satz ein einziges Wort: „Mmpf!“.
ICH wußte, was gemeint war.


