Textbücher I

Filed under: Allgemein — silviarhode am 17. Mai 2012 um 11:07 |

 

Wenn man sein Textbuch abholt ist es jungfräulich, meist kopiert und gebunden, hinten mit Pappe verstärkt und vorne mit einer durchsichtigen Plastikfolie versehen. Dann stopft man es in seine Tasche – und von da an durchläuft es einen Individualisierungsprozess.

Die dazu angewendeten Techniken sind höchst persönlich und hängen von den Gewohnheiten des es besitzenden Schauspielers ab.

Die erste Handlung besteht meistens in der Markierung des eigenen Textes. Ich verwende dafür gelb. Ich habe bei Kollegen auch schon grün, rosa und blau gesehen – aber ich bleibe beim klassisch gelben Marker. Schon mein erstes Textbuch in der Theater-AG war gelb unterlegt und meine Augen wären furchtbar irritiert in meinen Textbüchern eine andere Farbe vorzufinden.

Als nächste Bearbeitung werden meistens Striche vorgenommen. Wir kennen das Prinzip dafür: Textende und neuer Textanfang werden mit einem eleganten gewagten Strich verbunden. Für mich reicht diese Art Text zu entfernen aber bei weitem nicht aus. Wie viele Schauspieler lerne ich Texte optisch. Das heißt, ich weiß nicht nur den Satz den ich sage, ich weiß auch wo er auf der jeweiligen Textseite steht… also dritte Erwiderung von oben, letzter Satz eines kleinen gelben Textblocks usw. Ein einziger Strich läßt ihn für mich daher nicht verschwinden – ich schwärze den ganzen gestrichenen Textteil vollständig. Nur auf diese Weise läßt er sich aus meiner optischen Wahrnehmung entfernen und verhindern, dass ich ihn mitlerne oder bei den Proben hartnäckig immer wieder sagen will. In der Konsequenz ist es ungeheuer lustig für mich, wenn Striche wieder aufgemacht werden… ich muss dann nämlich den ganzen Text neu einschreiben.

So weit die Pflicht… kommen wir zur Kür.

Manche Schauspieler notieren ihre Gänge, Haltungen und Regieanweisungen auf gesonderten Zetteln, die sie in ihr Textbuch einlegen. Mir wurde von Kollegen berichtet, die für jedes Stück kleine Probenbücher führen, in denen sie alles zur Rolle und Produktion gehörige festhalten. Mir hilft das nicht weiter. Ich brauche die betreffende Textstelle und die sie betreffenden Seiteninformationen auf einen Blick. In der Konsequenz landet alles, aber auch wirklich alles in meinem Textbuch. Was ich tue, wie ich es tue, was ich dabei denke und was die Regie dazu befindet.

Das kann ausufern…

Kreieren wir einen simplen hypothetischen aber symptomatischen Fall:

Szene: mein Ehemann und ich sitzen nebeneinander auf einem Sofa, halten Gläser in der Hand und schauen reglos in den Zuschauerraum. Folgender Dialog soll sich abspielen…

Ich: Willst du noch etwas zu trinken?

Er: Gerne.

Ich: Wodka?

Er: Wenn noch welcher da ist.

Ich: Ich sehe im Kühlschrank nach.

In den Proben schlüsseln wir auf, dass wir unser Ehe ein Albtraum aus Gleichgültigkeit mit zarten Anflügen von Hass ist, solche Abende die Tage immer ausklingen lassen, er eine Affäre mit einer Kollegin hat und ich davon träume mit dem Postboten nach Neuseeland auszuwandern. Am Tag der Premiere, nach allen Proben, aller Kritik, allen Regieanweisungen werden sich rund um diese fünf Sätze etwa folgende Randnotizen in meinem Textbuch zusammengesammelt haben…

(Blick nach vorne halten, Stille noch widerlicher finden als seine Gegenwart)

Ich: Willst du noch etwas zu trinken?

(Höflichkeit kostet, Tonfall betont leicht, „Hoffentlich sagt er ja, dann kann ich hier aufstehen!“)

Er: Gerne. (Blick auf ihn, „Schon klar, ‚nen Drink hast du noch nie abgelehnt,was?“)

(„Also nehme ich doch mal schwer an:“) Ich: Wodka?

Er: Wenn noch welcher da ist.  (kleine Zäsur, „Willst du mir jetzt sagen dass ich saufe, oder wie?“ – Glas aus seinen Fingern nehmen ohne ihn zu berühren, Glas halten als wär’s verseucht, aufstehen, sein Anblick ist zum Ohrfeigen verteilen)

Ich: Ich sehe im Kühlschrank nach.

(…umständlich um’s Sofa ‚rum, vielleicht sagt er ja noch was, nee, klar, macht er nicht,  letzter Blick, dann ab in die Küche als gäb’s dort die Rettung für alles… )

Vorallem wegen meiner Angewohnheit meine Subtexte höchst plastisch und ausformuliert neben meine Originaltexte zu schreiben gebe ich Textbücher ab einem gewissen Probenstand nur noch mit bedenklicher Miene und höchst ungern aus der Hand. Antigone wäre vielleicht überrascht gewesen, dass sie in meinem Textbuch als „verzogene Mistgöre“ auftaucht. In unschuldigen Märchenbüchern findet sich als Gedankenstütze auch schon mal die Randnotiz: „terminatorähnlicher Abgang“. Und Strindbergs traumspielerische Frage „Na, wunderst du dich nicht, dass ich so schwarz bin im Gesicht?“ steht in meinem Textbuch übersetzt mit „Na, Schmalhirn, fällt dir sonst nix auf?“. Ein Kollege fragte sich mal welcher Gedankengang einem Gesichtsausdruck zugrundelag, den er köstlich fand. Er hätte bloß in mein Textbuch schauen müssen. Dort stand als Reaktion auf seinen Satz ein einziges Wort: „Mmpf!“.

ICH wußte, was gemeint war.

Wahn – witzig, halsig, sinnig… Dr.Wahn

Filed under: Allgemein — am 1. Mai 2012 um 14:02 |

Auf der schlichten Bühne ein brauner Schreibtisch. Klobig, massiv. Auf dessen Tischplatte sich ein waghalsiges Sammelsurium von Globen, Barbiepuppen, Flummis und diverser sinnhaft ungeklärter Objekte befindet. Ein oranger Bürostuhl auf Rollen. Im Hintergrund ein Flachbildschirm, der sich zu einer weißen Fläche erleuchtet – darin bildet sich, zunächst schwer auszumachen, ein schwarzer Punkt. Ein größer werdender schwarzer Punkt, dessen Konturen sich allmählich in einen durch Schnee heranstapfenden Mann verwandeln. Einen rothaarigen Mann in Mantel und verschiedene Schals eingewickelt. Er blickt auf den trichterförmigen Eingang der Bühnenmitte … wo genau dieser Mann die Bühne betritt.

Es ist Dr.Waan, fälschlicher – aber treffenderweise oftmals mit „h“ geschrieben, statt mit „aa“.

So beginnt ein 90minütiges Bühnenprogramm von und mit Paul Kaiser, das sich den Strukturen des Universums annimmt… im großen und im kleinen, im langsamen und schnellen, in der Zeit oder allen Zeiten, im kosmisch komischen wie tragischen – ernsthaft, skuril, gnadenlos unterhaltsam.

Es vollständig inhaltlich wiederzugeben …ein Ding der Unmöglichkeit. Denn es breitet sich aus, wie das expandierende Universum, komprimiert sich auf den Punkt bis es unwiderstehliche Anziehungskraft entwickelt, es wird zum eigenen Ereignishorizont, überholt sich mit der Unvorstellbarkeit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit und belegt die Relativität von Zeit allein dadurch, dass 90 Minuten zur Kurzweiligkeit einer halben Stunde dahinschmelzen.

Es produziert urknallhaftes Gelächter und weltraumhaft lautlose Schmunzler. Und es beläßt es nicht bei Quanten- oder Astrophysik. Die Wissenschaft wird mit Philosophie, Humor und Cartoonkomik zu einem bunten Strauß gewunden in dem schweizer Volkslieder ebenso einen Platz finden wie Telefongespräche mit der kurz vor der Entbindung stehenden Ehefrau, Erkenntnisse über das ALLeinsein und psychedelische Sprünge zum Ursprung von so manchem und einigem im besonderen.

Am Ende liegen sämtliche Requisiten auf der Bühne verstreut, der Schreibtisch hat sich demontiert und u.a. in ein schwarzes Loch verwandelt und Paul Kaiser hat einen Abend von der Dichte eines Neutronensterns gestemmt – und dabei ungefähr genauso viel hochenergetische kosmische Strahlung freigesetzt wie man sie aus dem Zentrum unserer Milchstraße kommend messen kann.

Eine Figur wie Dr.Wahn, pardon Waan, zu erfinden braucht Fantasie. Ein solches Bühnenstück für ihn zu schreiben braucht Recherche, Sprachgefühl und Humor. Ihn mit einer solchen Virtuosität vorzutragen braucht Talent und Kondition. Paul Kaiser beweist, dass er jede einzelne dieser Notwendigkeiten sein eigen nennen darf.

Ein grandioser Abend. Galaktisch gut.

 

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(Ausschnitt aus diesem physikalischen Theaterabend anläßlich des Willkommenskonzertes des Theaters Regensburg)

 

In Kürze wird Dr.Wahn seine Theorien am Metropol-Theater in München ausbreiten. Die hierfür vorgesehenen Termine im Raum-Zeit-Kontinuum sind dann HIER verfügbar.

Stalking the Universe

Filed under: Allgemein — am 25. April 2012 um 13:06 |

Vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren tat ein sehr ungewöhnliches Baby einen Geburtsschrei… den gewaltigsten, den es vermutlich jemals gab. Wir nennen ihn Urknall und dabei verschleuderten sich die Bausteine für absolut alles, was heute ist. Das Baby ist unser Universum und seitdem wächst es. Es expandiert. Herausgefunden hat das der amerikanische Astronom Edwin Powell Hubble und deswegen wurde die Konstante, die diese Expansion beschreibt, nach ihm benannt. Auch ein Mondkrater trägt seinen Namen und ein Asteroid.

Trotzdem wäre er der breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich ein Unbekannter geblieben… doch dann wurde ein Teleskop nach ihm benannt. Ein Weltraumteleskop.

Groß wie ein Schulbus wurde es am 24.April 1990 mit dem Space Shuttle Discovery in den Weltraum gebracht und heute vor 22 Jahren an seinem Bestimmungsort ausgesetzt.

Doch als die erste Aufnahme knapp einen Monat später zur Erde gefunkt wurde verursachte sie alles andere als Begeisterung. Sie war verschwommen. Was man zunächst noch als Einstellungsfehler verstehen wollte entwickelte sich zu einem astronomischen Schockerlebnis… auch alle weiteren Aufnahmen waren verschwommen. So langsam führte kein Weg an der Erkenntnis vorbei: das Hubble Weltraumteleskop war kurzsichtig.

Was war geschehen?

Hubbles Hauptspiegel mißt 2,4 Meter im Durchmesser. Seine Herstellung oblag computergesteuerten Schleifmaschinen. Diese kalibriert man mit einer Testeinrichtung die Nullkorrektor genannt wird. An einer Befestigungsschraube dieses Nullkorrektors war ein wenig Farbe abgeplatzt. Und diese dünne, nicht mehr vorhandene Farbschicht, produzierte eine Abweichung von 2,2 µm. Zum Vergleich: ein normales Blatt Papier ist etwa 80 µm dick.

Aber wenn man die Babydecke des Universums lupfen will, dann sind 2,2 µm ein Grand Canyon an Unzulänglichkeit – Hubble brauchte eine Brille.

Hubble war aber nie gebaut worden um knapp 600km über unserem Planeten Besuch von einem Optiker zu bekommen. Das Weltraumteleskop ist mit beachtlich vielen, beachtlich kleinen und beachtlich unzugänglichen Schrauben ausgestattet – es dauerte drei Jahre eine Space Shuttle Mission zu konzipieren und zu trainieren, die Hubble schließlich unter anderem mit dem Spiegelsystem COSTAR (Corrective Optics Space Telescope Axial Replacement) ausstattete. Die Mission war ein durchschlagender Erfolg.

Und der Rest? Der Rest ist Legende.

Seitdem sendet Hubble Bilder zur Erde, die Wissenschaftlern und Laien die Sprache gleichermaßen verschlagen, zum staunen bringen, die unsere Vorstellung über das Universum mitbestimmen und unser Wissen darüber expandieren lassen wie das Universum selbst. Hubble hat uns 30 Billionen Kilometer hohe Gas- und Staubsäulen gezeigt in denen Kernfusionen das Feuer neuer Sterne entzünden. Es hat extrasolare Planeten entdeckt, Galaxien die wie kosmisches Feuerwerk in einer Kollision begriffen sind und schwarze Löcher in den Kernregionen naher Galaxien nachgewiesen. Auf seinen Bildern reisen wir an Orte von denen ausgeschlossen ist, dass Menschen jemals dorthingelangen werden – aber wir können sie sehen. Das Licht, das Hubble einfängt, ist Milliarden Jahren alt, es wurde vom Kinderzimmer unseres Universums aus auf die Reise geschickt.

Chris Lintott von der Oxford University sagte einmal: „"Als Kind wollte ich immer eine Zeitmaschine zum Geburtstag. Das hier kommt der Sache am nächsten.".

Die für mich wahrscheinlich schönste Entdeckung des Hubble Weltraumteleskops aber ist, dass es kein Nichts gibt, dass in dem, was wir als Schwärze annehmen, immer noch etwas ist und nicht wenig davon. Das Foto dazu heißt „Deep Field“ und gilt manchen als das wichtigste Bild, das jemals aufgenommen wurde.

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Hubble ist selbst zu einem Stern geworden, einem Star. Wir finden seine Bilder in „Star Trek“ wieder, in „Futurama“ wird es mit einem feindlichen Raumschiff verwechselt und zerstört, in „Armageddon“ begutachtet es den bedrohlichen Asteroiden, im „Mystery Science Theater 3000“ wird es von einer Raumstation gerammt und verglüht daraufhin… man nimmt an, dass jeder Mensch, der auf unserem Planeten Zugang zu Fernsehen hat, wenigstens einmal in seinem Leben ein Bild des Weltraumteleskops sieht. Aber es lohnt sehr seine Bilder auch wesentlich öfter und nicht zufällig zu sehen.

Fünf Shuttle Missionen sind zu Hubble geflogen, haben es repariert und verbessert, zuletzt im Mai 2009. Der letzte Einsatz hat die Lebensdauer des Weltraumteleskops um geschätzte 5 Jahre verlängert. Neue Servicemissionen wird es nicht geben – die Space Shuttle fliegen nicht mehr. Ihre Außerdienststellung bedeutet auch für das einzigartige Instrument Hubble ein absehbares Aus. Eines Tages wird man es kontrolliert über dem Pazifik zum Absturz bringen. Noch aber arbeitet es dort wo es hingehört – im Weltraum. Und schickt uns Bilder dessen, was wir nie ganz verstehen werden… obwohl wir ein Teil davon sind.

Happy Birthday, Hubble!

GRIPS – haben oder nicht haben

Filed under: Allgemein — am 20. April 2012 um 13:14 |

„Das hältste ja im Kopf nicht aus“… war 1975 der Titel des ersten Jugendstückes mit dem das GRIPS Theater seine Zuschauerschaft erweiterte und wurde, was es bis heute ist… ein Kinder- UND Jugendtheater. Das vielleicht berühmteste Kinder- und Jugendtheater der Welt.

„Das hältste ja im Kopf nicht aus“ wird nun wieder gegeben – nein, nicht auf dem Spielplan, sondern in der Berliner Kulturpolitik.

Die sponsert das GRIPS Theater mit 2,7 Millionen Euro jährlich. Seit Jahren. Unverändert. Diese lobenswerte Unterstützung hält allerdings mit den real steigenden Betriebskosten des Theaters nicht Schritt. Seit Jahren. Unverändert.

Denn Kinder- und Jugendtheater steckt in einem Dilemma. Es trägt die Kosten eines handelsüblichen Ensembletheaters ohne die Eintrittspreise eines handelsüblichen Ensembletheaters einnehmen zu können. Vier bis fünf Euro zahlen die jungen Gäste im Schnitt für ihr Theatererlebnis, während die Kosten für Gehälter, Verwaltung, Strom, Ausstattung und Miete beharrlich ansteigen. In dieser Schieflage kann man nur begrenzt balancieren. 150.000 Euro drohen nun das GRIPS Theater in die Insolvenz zu kippen.

Der Berliner Kulturverwaltung ist das seit Oktober 2011 bekannt. Ergebnislos.

Volker Ludwig hat den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, seines Zeichens auch Kultursenator, persönlich um Hilfe gebeten. In seinem Brief schreibt Ludwig:

„Dieser Brief ist mein allerletzter Versuch, einen auch für die Berliner Kultur desaströsen Eklat abzuwenden. Das Grips Theater ist in den letzten acht Jahren trotz gleichbleibender Höchstleistungen dermaßen ausgeblutet, dass eine Insolvenz unvermeidlich ist, wenn nicht binnen vier Wochen endlich etwas Greifbares geschieht. Zwar bin ich schon ganz schief vom vielen Schulterklopfen, ertrinke fast in einem Meer von Verehrung, Liebe und Verständnis, auch vonseiten der Kulturverwaltung, doch was hilft mir das, wenn sie nicht handelt?“

Gute Frage… eine Antwort von Klaus Wowereit steht bis dato aus.

Die Lage kommentiert hat allerdings Torsten Wöhlert, Sprecher der Senatskultur. Er fand diese Worte hilfreich:

„Wenn das Grips-Theater wirklich insolvenzgefährdet wäre, dann müssten wir sofort alle Zuwendungen stoppen“ Recht hat er, denn schließlich ist es per Landeshaushaltsverordnung verboten Steuergelder an insolvenzgefährdete Unternehmen zu vergeben.

Dabei geht es um nichts weiter als eine Anpassung der seit Jahren eingefrorenen Subventionen um 150.000 Euro. Und man wird ja wohl nicht beginnen wollen zu fragen wieviele Theater in Deutschland durch Kürzung oder Einfrieren von Subventionen in den Status der Insolvenzgefährdung mannövrierbar wären…

Letzten Endes läuft es auf eine einfache Frage hinaus. Auf diese Frage läuft es immer hinaus. Die Frage wieviel uns der Mehrwert eines Theaters in Zahlen wert ist.

Was bedeutet die Erfahrung und Erinnerung von Generationen von Kindern? Was ist es einer Gesellschaft wert ein Theater zu erhalten, das seit 40 Jahren kontroverse Inhalte, jugendliche Belange und kindgerechtes Amüsement in die Köpfe von Heranwachsenden transportiert? In die Köpfe ihrer Eltern und Lehrer? Die ersten Zuschauer sind heute die Eltern der jetzigen Zuschauer. In welches Theater werden die jetzigen Zuschauer ihre Kinder mitnehmen können?

Derzeit läuft die Petition „Berlin braucht GRIPS“… warten wir ab, ob Berlin genug GRIPS hat um es zu behalten.

(Zu diesem Beitrag hat mich der Blogbericht meiner geschätzten Kollegin Esther Barth inspiriert. Sie ist leidenschaftlicher GRIPS Theater Fan. Ihr persönliches Plädoyer für den Erhalt dieses Theaters lohnt eine Lektüre…)

Der letzte Flug einer Entdeckung

Filed under: Allgemein — am 17. April 2012 um 18:34 |

Der Luftraum über Washington gehört zu den am besten überwachten der Welt. Heute flog ein Flugzeug dort ein und drehte ungewöhnlich niedrig mehrere Schleifen.

Wenn ein Flugzeug das Pentagon anfliegt, dann werden, nicht nur in Amerika, dunkle Erinnerungen wach. Heute überflog dasselbe Flugzeug diesen neuralgischen Punkt – und die Menschen verließen das Gebäude um es zu sehen, um es zu feiern und ihm zuzujubeln.

Überall auf den Straßen der amerikanischen Hauptstadt schauten ihre Bewohner heute suchend in den Himmel. Sie versammelten sich, sie winkten, sie riefen, sie lachten, sie filmten und fotografierten.

Das Flugzeug, eine modifizierte Boing 747, umkreiste das Capitol und das Washington Monument und erlaubte sich einen flyover über das Weiße Haus. Es flog mehrfach den Dulles International Airport an – ohne dort zu landen und setzte stattdessen zu weiteren Schleifen über der Hauptstadt an. Das Flugzeug ist der Shuttle Aircraft Carrier der NASA und transportiert auf seinem Rücken piggy-back das meistgeflogene Raumschiff der Welt – das Space Shuttle Discovery.

Das Mid-Atlantic AAA hatte eigens eine Warnung an alle Fahrer ausgegeben:
"Don’t let anyone or anything — even a space shuttle overhead — distract you’’ and "For safe shuttle-spotting, pull off the road and park your car.’’
("Lassen Sie sich durch nichts und niemanden – selbst von einem Space Shuttle über Ihren Köpfen – ablenken." und "Zur sicheren Shuttle-Beobachtung fahren Sie bitte von der Straße ab und parken Sie Ihr Auto.")

Mitgenommen sieht der Orbiter aus gegen das strahlende weiß seines Trägers. Es sind die Spuren von 39 Starts und Wiedereintritten in unsere Atmosphäre, es sind die Narben die Plasma und 1600 Grad Hitze hinterlassen haben.

Die Discovery ist, seit dem Verlust der Columbia, das dienstälteste Shuttle. 26 Jahre ist sie geflogen. Alle ihre Missionen zusammengezählt hat sie ein volles Jahr im Weltraum zugebracht und dabei unseren Planeten 5830 mal umrundet. Über 148 Millionen Meilen hat sie dabei zurückgelegt, das ist mehr, als die durchschnittliche Entfernung zwischen Erde und Mars.

Es ist ihr letzter Flug, ihre letzte Reise in einen Ruhestand, von dem nicht wenige denken, dass er zu früh kommt. So ist denn auch „bittersweet“ die wohl meist verwendete Beschreibung des Tages in der CNN Berichterstattung. Amerika feiert ein letztes Mal das Flagschiff der bisher einzigen Raumschiffe der Menschheit. Und ja, das ist bittersüß, denn diese Feierlichkeiten enden im Smithsonian National Air and Space Museum – nicht unbedingt der Ort für den Raumschiffe gebaut werden. Besonders dann nicht, wenn diese Raumschiffe noch keineswegs das Ende ihrer vorgesehenen Lebenszeit erreicht haben und es Budgetentscheidungen sind, die sie in Ausstellunsstücke verwandeln.

Zu bewunderten Ausstellunsstücken, sicher. Aber sie hinterlassen außerhalb des Museums eine Lücke in der bemannten Raumfahrt, von der in den Sternen steht wie und wann es gelingen wird sie zu schließen.

Den Menschen in Washington mögen diese Gedanken heute zweitrangig gewesen sein. Sie haben sich begeistern lassen von einem Anblick wie man ihn vielleicht nur ein einziges Mal in seinem Leben zu Gesicht bekommt. Und warum auch nicht. Denn zu den unzählbaren Leistungen dieser Raumschiffe gehörte schon immer Staunen und Begeisterung zu wecken.

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Bye Bye Bremen

Filed under: Allgemein — am 10. April 2012 um 13:28 |

1975 gründete Georg Tabori das „Bremer Theaterlabor“. Ein zehnköpfiges Ensemble versammelte sich unter seiner Leitung im traditionsreichen Bremer Raumtheater „Concordia“ und begann Stücke gemeinsam auf neue Weise zu entwickeln, experimentell zu erspielen und zu zeigen. Für seine erste Inszenierung „Talkshow“ legte er das gesamte Theater mit Matrazen aus… auf denen Schauspieler und Publikum zusammen Platz nahmen.

Das „theaterlabor bremen“ versteht sich in der Nachfolge dieser Ideenströmung. Von 2007-2011 selbst im „Concordia“ zuhause wechselte es im Oktober 2011 in die Bremer „Stauerei“. Diese neue Spielstätte zu etablieren, zum Theaterort zu machen, in ihrer Besonderheit zu nutzen und zu entdecken war die Aufgabe des zehnten Ensembles… ein halbes Jahr, zwei Inszenierungen und drei Projekte lang.

Ich bin ein Stadttheaterziehkind. Zwei Jahre Stückvertrag am Schauspielhaus Bochum während der Schauspielschule, acht Jahre Anhaltisches Theater Dessau, zwei Jahre Mainfranken Theater Würzburg, fünf Jahre Theater Regensburg – am Funktionsprinzip städtischer Theater freut mich vieles und schockt mich wenig.

Aber was bedeutet Ensembletheater???

Ich wußte, dass ich mich auf ein Experiment einlassen würde, auf eine neue, und vielleicht auch fremde, Weise zu arbeiten. Letzten Endes gab genau das den Ausschlag es zu wollen und zu tun. Wenn man sich so kontinuierlich und lange in Festengagements herumgetrieben hat wie ich, dann muss man ein bißchen aufpassen sich weiter zu hinterfragen… das ständige lernen nicht zu vergessen statt zu glauben Theater begriffen zu haben. Ich habe Schauspieler erlebt, die die Möglichkeit zum Körpertraining abgewunken haben mit der Bemerkung „Ich bin doch nicht mehr auf der Schauspielschule.“. Das waren jene, die angefangen hatten ihren Stiefel ‚runterzuspielen und bei dieser Methode irgendwie nicht mehr gestört werden wollten. Und ich habe mit viel viel älteren Kollegen gespielt, die es irgendwie geschafft hatten neugierig zu bleiben, offen und begeisterungsfähig wie junge Hunde… trotz des Reichtums großer Bühnenerfahrung. Diese Kollegen habe ich immer bewundert und mir vorgenommen sie als Vorlage für meine eigene Entwicklung zu sehen.

Nun hatte ich die Möglichkeit diese Absicht intensiv einzulösen.

Tollheiten.JPG Und ja, ich habe mich nicht selten an meine Schauspielschulzeit erinnert gefühlt. Plötzlich habe ich wieder Körpertraining, nicht wenig Körpertraining. Die fünf Tibeter schauen wieder vorbei, Stockkampf, Spannungsübungen, Yoga, Sprechtraining, Stimmübungen, Körperabklopfen… immer mit dem ganzen Ensemble.

Auch die Probenarbeit ist neu. Wir reden viel, wir lesen viel, Stück und Sekundärliteratur, wir sehen uns Filme an, wir lesen das Stück in immer anderen Besetzungen, verteilen manche Rollen auf mehrere Darsteller, entwickeln Chorpassagen, Musikeinlagen und Szenen mit unserem Regisseur… aber auch immer mit dem ganzen Ensemble. Jede Probe meint alle.

Wir helfen die Vorstellung auf und ab zu bauen, wir singen uns gemeinsam ein, wir bleiben nach der Vorstellung gemeinsam zur Kritik der Abendspielleitung, wir sitzen nach den Proben und Vorstellungen im Foyer zusammen, manchmal mit unserem Publikum, wir feiern Partys und veranstalten brunches, wir entwickeln enge Bindungen und Antipathien und müssen doch immer eine gemeinsame Sprache finden, tun es auch, wir wachsen und verändern uns, wir brechen auf und ein, aber wir brechen nicht zusammen… wir haben gelernt uns aufzufangen wenn es sein muss. Wir teilen dichte Momente aller Art, Probleme, Herausforderungen, Triumphe, Höhenflüge.

Es ist ein Spaß, es ist nicht immer ein Spaß, es gibt vieles, es fordert vieles, es ist ungewohnt, es ist vertraut, wir bewegen einiges und einiges bewegt uns.

Was ist Ensembletheater?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich am Tag unserer letzten Vorstellung ungewohnt sentimental fühle, nicht selten einen Kloß im Hals hinunterschlucke. Das kenne ich nicht von mir. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich ein Ensemble verlasse… ich habe es immer lächelnd getan, immer liebevoll, immer im guten. Ensembles mit denen ich viel länger zusammengearbeitet habe. Trotzdem ist dieses Mal etwas anders. Wir nehmen alle Abschied. Wir lösen uns auf, versprengen uns wieder in ganz Deutschland, machen Platz für das nächste Ensemble, das die 11.Spielzeit gestalten wird. So wie fast alles teilen wir auch diesen Abschied gemeinsam. Das hat eine eigenartige Dynamik.

Wir feiern die letzte Vorstellung, wir feiern uns, wir feiern unsere gemeinsame Zeit, wir verabschieden uns. Am nächsten Tag treffen sich einige noch einmal zu einem Brunch in der Stauerei und räumen die Abschiedsparty auf.

Theaterlabor.jpg

Ich gehe ein letztes Mal zur Bühne und gönne mir einen maximal melancholischen Moment – ich lege beide Hände auf die Bühne und sage „Danke!“. Das ist ein Ritual, so verabschiede ich mich von meinen Bühnen. Es mag kitschig sein, aber es kennzeichnet das Besondere, das eine Bühne mir bedeutet.

Das Theaterlabor war ein Experiment. Ich bin froh es eingegangen zu sein. Ich habe vieles wiederentdeckt, manches neu gefunden, ich habe viel gelernt darüber was ich nicht will und was ich unbedingt will. Ich muss den Menschen des Ensembles danken, denn sie alle haben mir etwas beigebracht das ich mitnehme. Ein Experiment ist wohl dann gelungen, wenn es einen voranbringt durch zwei Dinge: Antworten auf alte Fragen und die Entstehung neuer Fragen.

Das Experiment Theaterlabor ist gelungen.

Blick aus dem Zug.jpg

…dann hätten wir ja Freundinnen sein können, die ganze Zeit!

Filed under: Allgemein — am 31. März 2012 um 16:03 |

Ingeborg Stüber, Antje Gospodar und Elisabeth Degen (Foto von links nach rechts) hatten Freizeit. Soetwas darf man Schauspielern nicht gewähren, sie kommen dann auf die dollsten Ideen. Das war bei den dreien nicht anders – und herausgekommen ist eine dreißigminütige Theaterpraline, die nach der Vorstellung der „Berühmtesten Dramen“ im Nachtprogramm gereicht wird.

drei Damen vom Grill.jpg

Minou Davar, die auch für das Bühenenbild der Dramen verantwortlich zeichnet, entwickelte eine rasante Verwandlung von selbigem in den Schauplatz von"JANE – Anamnese einer Abhängigkeit" (sehr frei nach dem Film "Was wirklich mit Baby Jane geschah")… keine leichte Aufgabe, die mit Beamer, weißen Überwürfen und prägnanten Requisiten jedoch erstaunlich überzeugend gelingt. Mit etwas Hilfe aus dem Ensemble dauert der Umbau mittlerweile nur noch rasante 10 Minuten. Teamwork ist wunderbar.

Teamwork ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass „JANE“ zu einem köstlichen Minihorrortrip durch das Seelenleben zweier Schwestern geworden ist, die sich hassen und lieben, deren Schicksal untrennbar verwoben ist, die sich kaum aushalten können und dennoch ertragen, weil sie einander auf perfide Weise brauchen.

BJ Elisabeth.jpg

Elisabeth Degen und Antje Gospodar gelingen unter der Regie von Ingeborg Stüber unsäglich komische Momente, die anschließend getötet werden von unsäglich tragischer Beklemmung. In weichen, manchmal fast beiläufigen Worten, entspinnen sie ein immer gegenwärtiges Netz zwischenmenschlicher Bedrohung, tanzen mit der Grandezza zweier Stummfilmdiven über Abgründen aus Vergangenheit, Neid, Rache und Abhängigkeit.

BJ Antje2.jpg

Mit einfachsten Theatermitteln und einem low, low, zero Budget erschaffen zwei Schauspielerinnen, eine Regisseurin, eine Bühnenbildnerin, tatkräftig unterstützt von Désirée Kelleni (Regiemitarbeit & Technik) und Christiane Dobbratz (Ausstattung) aus dem Nichts einen dichten Theatermoment, der sich auf keine weiteren Effekte beruft als eine gute Geschichte und das Talent seiner Beteiligten. Theater in der Essenz dessen, was es sein kann… ein erzählerischer Sog, geboren aus nichts als einer Idee und Spaß an der Arbeit.

Baby Jane.jpg

Heute zum (vorraussichtlich) letzten Mal… Stauerei Bremen, Cuxhavener Str.7, 21.30h !!!

UPDATE:

Wegen Erfolges verlängert – zwei weitere Vorstellungen "JANE" sind am 3.04. und 5.04., jeweils 21.30h zu erleben!!!

 

 

Die brühmtesten Dramen der Welt

Filed under: Allgemein — am 27. März 2012 um 20:48 |

Wenn jemand die berühmtesten Dramen der Welt für die Gegenwart bearbeitet und dabei (verständlicherweise) radikal kürzt – dann schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken. Sowas kann fulminant schiefgehen. Doppelt betroffen in diesem Fall Schiller mit „Wilhelm Tell“ und „Die Räuber“, Tschechow mit seinen „Drei Schwestern“, Goethe und „Faust“ fehlen selbstverständlich nicht, mit Beckett wird auf „Godot“ gewartet, Brecht und „Die Dreigroschenoper“ sind mit von der Partie, ebenso wie Lessings „Nathan“ und Shakespeare, ebenfalls doppelt aufgegriffen, mit „Hamlet“ und „Romeo und Julia“.

Da sind eine ganze Handvoll meiner Lieblingsautoren versammelt. Entsprechend kritisch näherte ich mich dieser Uraufführung aus der Feder von Tom Peuckert, seines Zeichens freier Autor, Theaterregisseur, Dokumentarfilmer und Hörspielautor. Tatsächlich aber sind ihm zwei Dinge gelungen.

Erstens hat er die Essenz des Inhaltes der Stücke erhalten, während er sie in gegenwärtige Situationen übertragen hat und zweitens ist es ihm gelungen in den Sprachduktus des jeweiligen Autors zu krabbeln… auf sehr respektvolle Weise, was deutlich für ihn spricht.

Dramen_der_Welt.jpg

Angerichtet hat er eine Stücksammlung in kurzen Happen… und genauso wird sie auch serviert. Die erste Szene holt die Zuschauer gewissermaßen im Foyer ab, mitten zwischen Bar und Sitzmöbeln und mitten aus dem Blauen… die Darsteller treiben sich bereits die letzten 10 Minuten vor Vorstellungsbeginn unter ihnen und mit ihnen herum und dann beginnt einfach das erste Stück. Anschließend werden die Zuschauer in den Innenhof geleitet, wo sie die nächste Szene erwartet, bevor sie die Stauerei betreten. Dort bekommen sie transportable (und erstaunlich bequeme) Papphocker in die Hand gedrückt – denn obwohl alle weiteren Stücke an diesem Ort spielen sind die Zuschauer frei, ja eingeladen ihre Perspektive durch ihren Sitzplatz immer wieder zu verändern und sich neu zum Spielgeschehen zu positionieren.

Für uns Darsteller bedeutet das vorallem: unser Publikum verhält sich wie ein Schwarm, den wir leiten müssen. Jedes Mal neu, jedes Mal anders. Das Sofa muss von den drei Schwestern für die Dreigroschenoper umgestellt werden… ok, aber da, wo es hin soll sitzen vier Menschen auf Pappstühlen… und um unsere Gäste von dort woanders hinzubekommen, dafür gibt es natürlich keinen Text. Die Zuschauer sind überall, sollen sie auch sein und unsere Gänge müssen sich dem anpassen. Die Zuschauer formieren sich teilweise mit zum Bühnenbild und dass sie es tun und wie sie es tun, das obliegt unserem Charme und Geschick.

Ein Zurücklehnen auf Rollen und durchchoreografierte Szenen ist unmöglich, man muss wach sein, direkte Interaktion nicht nur aushalten, sondern auch anteilig neu herstellen, jeden Abend, situationsbezogen, aus organisatorischer Notwendigkeit und um das Publikum einzufangen, abzuholen, es einzubinden.

Patrick Schimanski, der für die Regie verantwortlich zeichnet, hat mit uns ein Gerüst gebaut von dem sich erwiesen hat, dass es tragfähig ist – es macht etwa 70% des Abends aus und verbleibt relativ unverändert. Die restlichen 30%, die Verbindungen und Überleitungen, die Publikumsführungen und –verführungen, die Partnerschaften mit den Zuschauern rund um uns herum, sind jedes Mal neu… und für mich ganz persönlich die eigentlich bereichernde Erfahrung. Dieses wachsein und interagieren müssen, das hat einen schönen Reiz und ist eine spannende Herausforderung.

Aber eine Befürchtung habe ich seit den Endproben, hatte ich bei der Premiere, habe ich in jeder Vorstellung. Wir beginnen mit „Wilhelm Tell“… es ist mein Vergnügen den „Gessler“ zu geben. Nach meiner Konfrontation mit dem schweizer Nationalhelden werde ich von ihm gewissenhaft verprügelt… wir haben draußen vor dem Foyerfenster zum Hof eine ganz wundervolle Kampfchoregrafie, Blut inklusive. Wenn die Zuschauer zur Szene im Hof geleitet werden, dann liege ich mit blutiger Nase ohnmächtig unter dem Fenster, die ganze Szene, bis die Zuschauer weiter in die Stauerei gehen. Dort finden dann weitere Szenen aus „Die Räuber“ statt und es ist meine Aufgabe irgendwann hereinzustürmen, eine Pistole zu zücken und Karl ins Jenseits zu befördern.

Für diesen Auftritt muss ich einmal rund um’s ganze Gebäude, eine Metalltür aufschließen und mich lautlos hinter einem Vorhang platzieren. Und jedes Mal, wenn ich entschlossenen Schrittes rund um’s Haus gehe, mit blutender Nase, zügig gehetzt, Schlüssel in der einen Hand, Pistole manchmal bereits in der anderen – dann hoffe ich inständig niemandem zu begegnen. Keinem Passanten, dem der Anblick sicher ein fragwürdiges abendliches Rätsel bescheren würde… und bitte, erst recht keiner Polizeistreife. Denn eines ist sicher: zu meinem Auftritt schaffe ich es dann wahrscheinlich eher nicht mehr rechtzeitig.

1:15 ich muss die ganze zeit an dich denken.. – 1:25 das freut mich :) kuss, mama.

Filed under: Allgemein — am 17. März 2012 um 16:14 |

SMS ist die Abkürzung für „Short Message Service“ und eigentlich war der Dienst ein Nebenprodukt… gedacht um Informationen über Netzstörungen und ähnlich dröge Mitteilungen an Handynutzer zu versenden.

Seitdem hat sich das „texten“, das „simsen“, das „es-em-es-en“ zu einem kommunikativen Breitensport weiterentwickelt. Abkürzungen und Codes entwickelten sich um die 160 Zeichen einer handelsüblichen SMS möglichst effizient zu nutzen, Emoticons traten an die Stelle der Stimmlage eines Telefonates, Symbole für Sarkasmus, Lachen, Weinen, Wut, Stirnrunzeln, Unverständnis und vieles mehr. Wurden 1996 noch rund 0,1 Milliarden Kurzmitteilungen versendet tobten 2011 bereits annähernd 46 Milliarden davon durch’s Netz.

Die SMS ist zum Kommunikationsinstrument mutiert. Mit ihr lassen sich Beziehungen beenden ohne die Deckung zu verlassen, dem Lebenspartner Ergänzungen zum abzuarbeitenden Einkaufszettel hinterherschicken, man kann Frivolitäten hinterlegen und manch Schulstunde oder Vorlesung einen vollkommen neuen Inhalt geben. Und da die Kurzmitteilungen mittlerweile als Flatrate angeboten werden kann man texten bis die körperlichen Grenzen erreicht sind und eine Sehnenscheidenentzündung droht.

Allein… die kurzen Textmitteilungen haben einen enormen Nachteil – sie sind bleibende Zeugnisse. Einmal getippt und versendet sind sie Dokumente für die Ewigkeit und belegen, was man vielleicht schon kurze Zeit später eher dem Vergessen hätte anheim fallen lassen wollen. Schlimmer noch… man kann sie fehlversenden, an die falsche Nummer im Telefonbuch oder gar einfach an alle Nummern, die dort gespeichert sind.

So sind SMS ein textlicher Spiegel von Zeit und Geschehen… von Nächten und Menschen… und insbesondere in Verbindung mit Alkohol eine berückend komische Kombination.

04:23 Mama, wirst du abgeholt, oder soll ich dich holen ?

04:27 keine ahnung , keine zeit. ich hdipef nwkao !

04:31 es tut mir weh , zu wissen , dass meine mutter auf besseren partys ist als ich.

09:17 welcher arme typ hat sich gestern mit spüli besoffen?

10:01 wie kommst du darauf?? :D D

10:02 da steckte ein strohhalm in einer halbleeren spüli flasche

03:17 Papi, Hilfe!!!! Ich find niht heim… =( Zur hilfe, da vorne ist ne Kirche…ud ne straße…Laterne…und so… Kannst du mir Helfen??

03:20 Leg dich auf eine Bank und schlaf deinen Rausch aus. Dann rufst du mich nochmal an….wenn du bis dahin nicht gemerkt hast, das du vor der Wohnung stehst. Und bitte hör auf zu singen.

08:54 Ich hatte dir doch gesagt dass ich fahren kann!!!

09:07 Alter, du bist nicht gefahren! ich bin gefahren und du saßt auf dem beifahrersitz und hast mit einem pappteller gelenkt !

23:30 Hi Katze! Wie wärs mit Rotwein bei mir, nackt DVD schauen und Schabernack treiben?

10:32 Du Trottel hast die SMS nicht auf meine Handynummer sondern an die Nummer vom Haustelefon geschickt! Mein Papa hat mich heut morgen geweckt und gefragt ob ich "Katze" sei oder er meine Mutter fragen muss!

10:35 FUCK! o.O

10:38 Boah welcher Assi hat gestern Vodka in mein Mundwasser gemacht?!!! Ich hab grad ins Waschbecken gekotzt wegen euch Pennern!!

10:40 Alter das warst du selba, wie du denn reingekippt hast hast du gemeint: morgen werd ich mich so wundern. xDD

3:10 Hi Spatz, wann kommst du nach Hause?

3:21 Gleich, zieh dich schonmal aus und leg dich ins Bett! ;)

3:22 Ich glaube nicht, dass du das wirklich willst. Lg, Mama.

13:02 AAlter ich hab gestern nen liter wodka gesoffen, bin grad mit nem mädel im arm auf ner caoch in irgendsoner wg aufgewacht, hab den kater meines lebens un des einzige was die im kühlschrank haben is bier

13:08 ich versteh dein Problem nich…

12:34 Kann das sein das du dir gestern Nacht noch ein "bisschen" was zuessen gemacht hast?

12:37 Kein Plan, kann wohl.

12:40 Na danke bist ja ein toller freund mein ganzes scheiß Zimmer ist voll mit geschmierten Broten -.- um genau zusein 18 …

11:13 Leute, daß die Bude wie Sau aussieht, nehme ich hin, aber in 6Std. Sind meine Eltern wieder am Start, WO IST DER INHALT VON DADS AQUARIUM?

17:26 Rafael letze nacht war wirklich schön mit dir , mein ganzes bett ist noch immer von den eiswürfeln feucht :D kuss. T

17:30 dein Papa ist also nicht der einzige Rafael den du kennst. sooso ps. schick die sms nicht an ihn, er muss DIR zuerst schreiben ;) LG. Rafael ;)

02:37 Schatz kanns mich bei Marti abholen, bin stramm. Eine hat mich versuvht zu kusse.

02:42 Du Vollhorst, ich bin 1. mit dir auf der gleichen Party auf der ich dich schon zwei Std. suche und 2. war ich die, die dich versucht hat zu küssen.

02:53 ok, kanns du mich trotzdem abhole kommen, bin bei Marti.

05:36 Falls Du Angst hattest in der Dunkelheit nach Hause zu kommen, brauchst du jetzt keine Angst mehr zu haben, es ist jetzt hell draußen. Papa

08:12 omg süßer ich glaub ich bin dir fremdgegangen… da liegnt fremdes mädel neben mir…

08:15 mit nem mädel!? kein problem schatz wie wars denn?

21:52 Und wie is es so in der hauptstadt, gehts dir eh noch gut?^^ falls du betrunken bist drücke 4 tasten deiner wahl

22:01 apmg

02:14 Deine Katze will ins Haus.

02:18 Hä?? Woher weist du das

02:17 Sitze mit ihr vor deiner Haustüre..

05:27 Wo bist du? Du gehst doch heut snowboard fahren, der bus fährt in 45 minuten! WO BIST DU!!?? Bussi Mama

05:30 Ähm, Bus fährt um viertel vor 8 und ICH bin daheim. WO bist du?

05:45 Mist, wo bin ich?

12:17 Hey! Sag mal ist meine Hose noch bei Euch?

12:20 Nee, du bist gestern schon ohne gekommen…

23:16 Ey Lena, der Lukas hat mir grad seine Handynummer gegeben. Ich glaub ich versuchs mal und geh zu ihm rüber :D

23:24 Kannst du gerne machen hätt ich nix dagegen. Gruß Lukas

19:47 Wir haben grade bei IKEA 3197 Bleistifte mitgenommen. Bauen jetzt Floß.

17:56 Hey meinst du dein Bruder freut sich wenn ich ihm eine Zimmerpflanze für seine neue Wohnung schenke?? gruß mama

18:07 Wenn man sie essen oder rauchen kann schon.

03:12 Kathi meinte grad du bist nich mehr im Klub und weißt net wo du bist. Send doch deinen Ort über dein iphone in Facebook :D Ich komm dich dann holen^^

03:19 Gudde idee man! Ich wieß echt nezt wo ich bin – alls dunkel heir! Hab s jezz gepostet. Kommstdu??

3:21 Alteeeer, du bist bei dir zuhause!!!

22:53 kati nervt. wir glotzen titanic und knabbern soletti. kommt ihr rüber?

22:56 Danke, nein. Die süße rothaarige bei der du damals gemeint hast die ist anstrengend und zu klug, meine werte freundin, brät mir grad im sommerkleid ein steak. sie hat kartoffelsalat gemacht und bier eingekühlt, es läuft fußball- die lass ich nie mehr weg. Ich LIEBE mein Leben. Schönen Abend noch! :P

23:03 ich hasse dich -.-

4:07 marco… bis du so lieb un holst mich von bullen am banhof ab…bitte di sagn da muss einer kommn der über 18 is… danke bigbro, du bisn schatz!

4:12 nö, hab kein bock, ich muss morgen früh raus! hab oma bescheid gesagt, sie is unterwegs!

23:42 Wir sind im Peter! Bier 1,60 hier, total super! Kommste vorbei?

23:48 DIGGER! Ich bin in Vietnam! Ausserdem kostet das Bier im Peter immer 1,60, das is nix besondres!

23:51 Ich weiss, deshalb isses ja super hier. Also, kommste?

23:55: Nochmal, ich bin in Vietnam!!!! Das ist keine bar oder so sondern ein land in asien!!!

04:20 Wieso sehen die scheiss Parkautomaten aus wie Kippenautomaten? jetz bin ich 5euro losgeworden, hab keine kippen aber darf mit 'nem auto was ich nich hab 'ne ganze weile parken!!!

1:22 so schatz, sind jetzt in nem table dance laden gelandet…OMG…hihihihih

1:45 komm mir ja nicht nach hause ohne was dazu gelernt zu haben

9:53 du hast immer wieder versucht von mehr als nem meter entfernung auf die treppe zu steigen. dann hast du dich ganz langsam zu mir gedreht und gesagt: 'ich glaub mein fuss ist in den gasfoermigen zustand uebergegangen.'

 

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Filed under: Allgemein — am 7. März 2012 um 02:37 |

In 2,5Std. kann man theoretisch 3000 Rosinen essen, man kann rund 15.000 Worte sagen, etwa 50 Kilometer radfahren ohne sich groß zu verausgaben, man könnte wahrscheinlich 9000 mal einen Ping Pong Ball hin und her schlagen, man kann mit dem IC von Bremen nach Essen Hbf fahren, genial geübte Leser schaffen in der Zeit 135000 Worte… oder man läuft 20 Kilometer. Letzten Sonntag hatte ich mir letzteres als Zeitvertreib vorgenommen.

Ich empfehle das nicht. Durchaus nicht. Sollte man die Wahl haben… selbst die Rosinen sind wahrscheinlich besser. Aber ich hatte es mir nun mal vorgenommen und wollte es ganz unbedingt.

Über den Ausgang dieses Wunsches war ich mir noch unsicher, als ich mir meine Startnummer und den Einmalchip für die Zeitnahme abhole. Ich bin in Wettkämpfen nie weiter als 10km gelaufen, ich weiß, dass ich 15km schaffe… 20km bin ich noch nie gelaufen, noch nie. Als ich den Halbmarathon im Nordic Walking gemacht habe gab’s eine Trainingsgeneralprobe. Das Laufen habe ich anders trainiert. Jeden zweiten Tag Fitness-Studio, drei Wochen lang… rund 10km auf dem Laufband oder Crosstrainer. Nicht mehr, nicht weniger. Konditionstraining ohne Körperramponierung. Fünf Kilo nehme ich dabei ab… zu schwer für den Spaß bin ich immer noch, aber von einer angemessen drahtig leichten Läuferfigur werde ich mein Leben lang so weit entfernt sein wie vom Mond, also was soll’s.

Zielfoto vor dem Start.jpg

10.30h trabt die bunte Schar der Freizeitläufer minutenlang über die Ziellinie, es sind deutlich mehr als bei den Minusgraden des letzten Laufes. Die Sonne strahlt frühlingshaft, die Luft ist angenehm, aber kühl und die Parkwege sind noch ein wenig regenfeucht, also weich – auf die Rahmenbedingungen werde ich ein Scheitern gegebenfalls also eher nicht schieben können.

Die ersten 5km mäßige ich mich selbst herunter… das laufen fühlt sich gut an, ein wenig übermütig – sonnig eben und gutlaunig… aber ich weiß, dass es mir ungeheuerlich die Laune der letzten beiden Runden verderben wird, wenn ich mich nicht einteile.

Als ich nach 10km über die Ziellinie laufe denke ich, wie seltsam das gerade ist. Eigentlich wäre ich jetzt fertig… hätte den üblichen roten Kopf und würde noch ein paar Stunden eine angenehme Erschöpfung und Ruhe in meinen Muskeln spüren. Heute bin ich nicht fertig, heute mache ich das Ganze gleich nochmal. Und als hätte ich meinen Kopf damit in die falsche Richtung gelenkt beginnt ab 12km die Meuterei der Gedanken. Ab jetzt greift etwas, das nenne ich „psychische Hygiene“. Der Körper findet das Unternehmen nunmehr weniger schick und beginnt die Gedanken zu instrumentalisieren, formiert sie zu Terrorgruppen, die subversiv die Laufmoral attackieren. Ich gehe dann in mir selbst ins Kino. Mal verlege ich die Laufstrecke zum New Yorker Marathon und stelle mir Menschenmassen vor, die meine Strecke säumen, manchmal stelle ich mir vor, ich sei oben in der ISS auf dem Laufband beim täglichen muskelerhaltenden Pflichtsport der Astronauten. Ich verfasse schon mal im Geiste kleine Passagen für den Blog oder platziere mir wertvolle motivationsgebende Menschen unter die Zuschauer. Kurz, ich veranstalte eine regelrechte Clipshow in meinem Kopf, die mich vorwärts trägt und meine nörgelnden Gedanken planiert. Sowas bringt locker 3-4km Ruhe.

Allmählich meutert allerdings auch mein Körper. Der Magen beklagt sich über den bröseligen Protein-Magnesium-Riegel, den ich ihm in der dritten Runde zugemutet habe und bedankt sich mit winzigen Dosen hauseigener Salzsäure zu Beginn der vierten Runde. Meine Kniegelenke halten das Projekt mittlerweile für eine grundsätzlich blödsinnige Idee und strahlen ihre Meinung hoch zu den Hüften, die sich dem vorbehaltlos anschließen und ihrerseits den unteren Rücken ins rebellische Boot holen. Meine Schulterpartie mutiert zu einer Verspannungsregion mit Spanplattenartigem Charakter und meine Muskeln machen den Ganzkörperschmerz dumpf perfekt.

Vor kurzem hat mir eine Kollegin gesagt, unser Körper könne von mehreren Schmerzregionen immer nur die dominante wahrnehmen… ich kann mich aber gerade nicht entscheiden welche das nun ist.

Ab Kilometer 17 beginnt das, was ich in Anlehnung an „Findet Nemo“ meine „Dori-Phase“ nenne… laufen, laufen, einfach laufen. Denken ist jetzt Nebensache und funktioniert auch nicht mehr auf feinstrukturierte Weise, der Körper mechanisiert sich durch, läuft, weil etwas das will, weil es vollkommen unsinnig wäre 3km vor dem Ziel aufzuhören, 2km vor dem Ziel aufzuhören, ach komm, 1km noch… eigentlich mache ich solches Zeug wegen genau dieser Phase. Nicht mittendrin, aber später, finde ich immer, dass es das Beste war. So ein tranceartiger Zustand zwischen Willen und scheitern, wo der Körper etwas macht, was er eigentlich gar nicht mehr kann und es trotzdem kann.

Hinter der Ziellinie steht eine junge Kollegin von mir, mit gezücktem Smartphone. Sie ist während des Wettkampfes extra mit ihrem Bremer Gast angerückt, damit nach meinen ersten 20km im Exil jemand auf mich wartet.

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Ich lade beide zum Essen ein – aber erstmal gehe ich in die Badewanne… lange, sehr sehr lange.

Als ich drei Stunden später auf mein Rad steige dufte ich wie ein Eukalyptusbonbon nach Muskel- und Rheumasalbe und fahre so langsam in die Bremer Innenstadt wie noch nie, noch niemals zuvor. Aber auf meinem Gesicht liegt ein nahezu verklärtes Dauergrinsen. Weil ich’s geschafft habe – und weil unser Körper uns für so einen Blödsinn mit einem wahren Drogencocktail aus Schmerzmitteln, Heroinverwandten Substanzen und Glücklichmachern belohnt… ganz legal. Bewegen kann ich mich nicht so gut, aber irgendwie schwebe ich doch.

Und dann feiern wir. Ominös und lecker. Ich habe vegetarische Maultaschen und Salat und Pommes frites und Toblerone obendrauf.

Und das ist das Beste. Jede einzelne Kalorie davon habe ich bereits verbrannt. Ich darf das!

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