Es heißt, man soll gehen, wenn's am schönsten ist. Aber das ist Blödsinn, kein Mensch macht das. Oder habt ihr schon mal euren Freund/eure Freundin verlassen mit der Begründung: "Liebling, es ist gerade wunderschön mit dir, deshalb mache ich Schluß!"?

Theater machen ist auch eine Beziehung und man geht erst dann, wenn man die persönliche Entwicklung in keinem kreativen Zustand vorfindet. Das kann man, wie bei allen Trennungen, im guten und im schlechten handhaben. Bei mir war es nach sechs Jahren Regensburg nunmehr soweit und wie bei allen Beziehungen bevorzuge ich dabei den guten Weg. Nichts desto trotz führt auch dieser zu der unumstößlichen Notwendigkeit neue Bewerbungsfotos zu produzieren. Ich hasse das. Ich bin Schauspielerin, kein Model. Ich mag Bewegung, ich mag fließenden Ausdruck, ich mag Gestaltung über mehr als den Bruchteil einer Sekunde hinaus, ich mag es Dynamik zu entwickeln, Lebendigkeit auf- und abzubauen, ich bin kein Poser.

Trotzdem fahre ich tapfer nach Berlin, bepackt mit einer Tasche Outfits. Ich kenne meine Fotografin seit 12 Jahren. Sie hat nicht nur einen zuckersüßen und wunderbaren Hund, nein, sie hat auch zuckersüße und wunderbare Geduld mit meinem Stressfaktor bei einer Fotosession. Und so entstehen etwa 600 Bilder, an verschiedensten Locations. Der Engländer sagt dazu "to take pictures"… aber im Grunde genommen trifft das erst auf den Prozess zu, der nun folgt… nämlich "I have to take pictures" – aber verflixt nochmal welche denn???

Sechs der ungefähr 600 müssen erwählt werden. Nun wird gefiltert, was das Zeug hält. Am Anfang ist das leicht. Alles fliegt 'raus, was danach aussieht, als könne ich mich damit für "Wicked" bewerben… Ok, das ist leicht, Kinderspiel. Dann wird's komplizierter. Ich hätte gerne Vielfalt, unterschiedliche Outfits und Gesichter, die mich wiedergeben. Ja, ja, ich weiß was Photoshop kann. Ein völlig irres Spielzeug… aber ich habe es nunmal gern, wenn die Fotos einen hohen Wiedererkennungswert für den Menschen schaffen, der dann auch tatsächlich zur Tür hereinkommt. Also suche ich typische, facettenreiche Bilder von möglichst unterschiedlichen Locations… ich klicke mich also tapfer durch die übrig gebliebenen 300 möglichen Bilderkandidaten.

Nachdem ich weitere 150 eliminiert habe fängt mein eigenes Gesicht an vor meinen Augen zu verschwimmen und mutiert ganz langsam zu einer Ansammlung von Nasen, Labialfalten, widerspenstigen Haarsträhnen, Lippenkonturen, die lächeln oder was anderes machen… es wird mir immer fremder. Timeout, break!

Inzwischen habe literweise Kaffee vernichtet und sollte den Aschenbecher leeren. Machen Sie das mal, das ist ein interessanter, identitätszerrüttender Selbstversuch… betrachten Sie Ihr Gesicht etwa 2366 mal auf unterschiedlichen Bildern – ich garantiere erstaunliche Entdeckungen und eine Selbstentfremdung, die einer meditativen Außerkörperlichkeit nahe kommt.

Vertagung! Am nächsten Tag ist mir meine Mimik schon wieder vertrauter und ich schrumpfe den Bilderpool auf niedliche 40 Kandidaten… was mich der trügerischen Hoffnung anheim fallen läßt, ich sei bereits im Angesicht der Zielgeraden unterwegs. Weit gefehlt, denn nun kommt der Feinschliff und die Abmischung der Bilder untereinander. Ist das Lächeln nun auf dem einen Bild verschmitzter als auf dem anderen? Fliegen die Seifenblasen schöner nach links oder mitten durch's Bild? Lieber Ganzkörperbild mit rein oder ein weiteres Portrait? Meine Objektivität ist schon wieder dabei sich im Bildergestrüpp zu verlaufen – Zeit ein paar zweite Meinungen einzuholen.

Mein Freundeskreis ist ein buntgemischter, wundervoller Haufen. Er besteht auch, aber keineswegs nur aus Theatermenschen. Da finden sich Staatshüter und Köche, Oberärzte und Designerinnen – und die werden nun befragt. Interessanterweise gibt es tatsächlich sowas wie die Weisheit der vielen, denn es zeichnen sich klare Favoritenbilder ab. Komischerweise sind es jene Bilder, die meine Fotografin treffsicher von Anfang an aus dem Wust heraussortiert hat… aber ich will jetzt echt nicht darüber nachdenken ob ich mir die ganze Bilderbeschau auch hätte schenken können indem ich gleich ihre Auswahl hätte drucken lassen.

Am Ende ist es dann mal wieder geschafft. Die bildlichen Visitenkarten eines Menschen, der sein Gesicht an geschriebene Figuren verleiht, sind gefunden und werden auf die Reise geschickt, damit jene Theatermenschen, die mich interessieren die Gelegenheit bekommen sich für mich zu interessieren.

Aber irgendwann, wirklich, irgendwann mach' ich das tatsächlich. Da such' ich gar nichts aus, sondern stelle mich mit einem Stapel Bilder und einem Fragebogen in die Fußgängerzone, starte eine statistische Erhebung der Sonderklasse und treibe die Weisheit der vielen auf eine noch nie dagewesene Spitze. 🙂

 

Meine Haltung zum Thema Soziale Netzwerke war lange Zeit ein klar strukturiertes "Nein!". Wenn mir ein Datensammler leibhaftig an den Hacken klebt und meinen Alltag begleitet, archiviert und verscherbelt, dann würde ich ihn in der realen Welt fragen, was zum Teufel er da treibt und ob er das zügig zu unterlassen gedenkt. Wieso also sollte ich ihn auf Facebook & Co. ausdrücklich dazu ermächtigen?
Ich möchte meine Stimmung nicht in einem Wort beschreiben müssen, ich erklicke mir keine Freundschaften und sammle sie nicht in zahlenmäßigen Dimensionen die einer Briefmarkensammlung Ehre machen. Ich bin irritiert, wenn ich Besuch bekomme der bittet einmal am Tag online seinen Hund füttern zu dürfen… weil das Mistvieh sonst wegläuft und sich einen willigeren Besitzer für sein virtuelles Dasein sucht. Und ich bin altmodisch genug zu glauben, dass Tomatenernte in einem leckeren realen Salat enden sollte.
Ich bin gerne gut informiert, glaube aber vernachlässigen zu können via Twitter zu erfahren wer wann einen Hot Dog, einen Sojabratling oder Pommes rot/weiß für das Gebot der Mittagsstunde hielt. Und der Verweis auf die gut gepflegte Website ist keine erschöpfende Antwort auf die Frage "Wie geht es dir?".
Außerdem gebe ich zu eine leicht renitente Veranlagung mein eigen zu nennen, wenn es um Trends geht von denen eine verblüffende Mehrheit glaubt, man müsse das einfach tun, sonst verpasse man was.
Dieser Renitenz begann jedoch zunehmend ein nicht ungewichtiges Argument entgegen zu stehen… mein Beruf. Es schadet Schauspielern nämlich so gar nicht, wenn sie Publikum haben, wenn sie sich mitteilen, auffindbar machen oder Menschen unterhalten. Was in der realen Welt auf der Bühne fraglos Sinn macht kann in der virtuellen Welt nicht vollkommen bezweifelnswert sein. Ich entschied, dass es eine Frage des WIE sei.
Bei diesem WIE war sofort klar, dass es ohne Ackerbau und Playlisten würde auskommen müssen… das grenzte den Kreis der Möglichkeiten komfortabel ein. Eine eigene Website wurde erwogen. Und tatsächlich befinden sich in meinem ohne Mausklick erworbenen Freundeskreis hochtalentierte Gestalter, die ich hätte bitten können mir zu helfen (was sicher angebracht gewesen wäre, denn für mich ist bereits die Benutzung von Power Point eine hohe Weihe der Programmierung).
Ich besuchte diverse Websites von Kollegen und verließ sie allesamt ein wenig enttäuscht. Ich hatte schöne Bilder gesehen, Hörbeispiele und Videos konsumiert, Informationen erhalten… aber persönlicher kennengelernt hatte ich den Menschen hinter den Flashelementen nie.
Wenn ich auf die Bühne gehe, dann nicht als Silvia Rhode, nicht mit meinen Worten, nicht unverwandelt, aber trotzdem mit der Hoffnung, dass alles was ich da oben tue einen persönlich nachdrücklich eindrücklichen Moment kreiert in den Köpfen der Zuschauer. Warum sollte ich also in der virtuellen Welt etwas kreieren, das unpersönlich bleibt?
Und wenn man das, was man über einen Schauspieler erfahren sollte mit einer Menge persönlichen Worten verknüpft – dann hat man einen Blog.
So war der Weg …und jetzt ist es nur noch an mir dafür zu sorgen, dass es wortwörtlich nicht an Entertainment fehlt. Lasst mir dafür ein bißchen Zeit, es wird nicht täglich gehaltvolle Artikel hageln. Weniger ist manchmal mehr und die Entdeckung der Langsamkeit zum Zwecke der Herstellung von Qualität keine reine Marthaler Domäne. 😉