Ich verbringe die letzten Stunden eines Jahres traditionell nicht auf einer Party. So verbringe ich die ersten Stunden des neuen Jahres. Aber bis Mitternacht nehme ich mir ein Glas und rekapituliere. Dieses Jahr möchte ich die Zeit nutzen an den Verlust eines großen Theatermenschens zu erinnern.
Ich habe ein Wertesystem. Es äußerst sich in der Benennung. Die Leute am Theater, die ich gut finde und/oder menschlich mag nenne ich Kollegen. Das bedeutet ich schätze sie und ihre Arbeit. Die nächste Weihe der Benennung lautet Theatermacher. Das sind Kollegen, die mit dem, was sie auf oder für die Bühne tun großartiges leisten, unverwechselbare Momente erschaffen und schenken. Theatermacher bringen das Theater nach vorne, behaupten es als unersetzlich gegen seine Unterhaltungskonkurrenz.
Helmut Straßburger war mehr… er war ein Theatermensch. Diese Benennung vergebe ich selten. Sie schließt den Theatermacher ein, meint aber, dass das Theater untrennbar mit dem Menschen verbunden ist und umgekehrt.
Ich war 25, als ich meine Anfängerzeit beim Schauspieldirektor Straßburger in Dessau begann. Diese Entscheidung gehört fraglos zu den richtigen und guten in meinem Leben. Wenn man von der Schauspielschule kommt, dann kann man so gut ausgebildet sein, wie nur möglich… das Theater muss man trotzdem lernen. Und ich begreife es als ein Privileg, dass ich das Glück hatte nicht wenig darüber von ihm lernen zu dürfen. Helmut Straßburger war ein Mann, dessen Leistungen es ihm erlaubt hätten exzentrisch und eitel zu sein – er war nichts davon. Stattdessen hat er mich wunderbar altmodische Demut vor dem Theater gelehrt, die das Werk, das Ergebnis über persönliche Geltung stellt. Er hat mich begeistert durch seine Energie. Sicher, er war schon älter, 65 Jahre, als ich bei ihm anfing, aber alt war er nicht. Er konnte packen, wenn er erklärte, mitreißen, wenn er Regie führte… in einer ganz seltenen Verbindung von klugen Betrachtungen und emotionalem Bauchgefühl. Er konnte auf eine Weise fordern, die ansteckend war und er begleitete seine Schauspieler durch ihre Entdeckungsreisen und Entwicklungen.
Helmut Straßburger auf der Bühne zu erleben ist schwer zu beschreiben. Ich würde es selbstverständliche Raumverdrängung nennen. Es gelang ihm jeden Gedanken, jedes Gefühl so auf die Bühne zu stellen, dass man den Eindruck hatte: "Ja, genau so, es gibt gar keine andere Art diesen Satz zu sagen oder dieses Gefühl zu zeigen!". Von seiner Bühnenkraft und seinem Elan konnten sich jüngere locker Scheiben abschneiden. Straßburger, oder "Strassi" wie er liebevoll im Ensemble hieß, zu beoabchten war lernen mit den Augen.
Er hat meine Sicht auf das Theater, auf meine Arbeit geprägt wie wenige. Ich erinnere mich an handwerkliche Besessenheit im sprachlichen Umgang mit den Chören in "Faust II", sein fast musikalischer Umgang mit Sprache, mit Sprachrhythmus, mit Zäsuren, die kleine Spannungshöhepunkte bildeten – und plötzlich bekam ein Text eine Wucht, eine Lebendigkeit.
Ich erinnere eine Premierenfeier des "Elektrischen Reiters", wir trafen uns an der Bar des Bauhauses und er sagte, er wüßte, dass wir vielleicht mit diesem sehr eigenen Stück nicht immer volle Vorstellungen haben würden, aber man müsse sein Publikum auch fordern. Strassi hat sich nie zurückgelehnt auf bequemen Wegen, er wollte Theater, das den Mut hat ungewöhnlich zu sein. Ich habe danach nie wieder akzeptiert wenn irgendjemand am Theater gesagt hat: "Die Leute wollen das doch so." und dann mit beliebigem zufrieden war.
Wenn ich heute in Proben an einer Rolle herumknabbere, wenn ich Bögen nicht rund kriege, wenn ich Gedanken und Gefühle nicht auf das Niveau kriege, auf dem sie einfach passieren, dann denke ich daran was er gesagt hat: "Theater ist schnelles denken!". Oh, ja, Strassi konnte so schnell denken, dass einem schwindelig werden konnte. Und wenn ich mich an diesen Satz von ihm erinnere, dann schmeiße ich Ballast aus der Rolle und Gedankenknoten, fange an die Essenz zu denken – und dann haut es plötzlich hin.
Ich habe in dem ersten Märchen gespielt, das er inszeniert hat und erinnere mich, dass er zur Premiere strahlte, als sei er gerade Papa von jedem einzelnen Kind im riesigen Dessauer Zuschauerraum geworden. Dieser große Theatermann hatte ein Märchen auf die Bühne gebracht und freute sich selbst wie ein kleiner Junge darüber wie wunderbar die Kinder darauf reagierten.
Ich blieb acht Jahre bei ihm als Schauspieldirekter… ich habe ihn bis zum letzten Tag mit "Sie" angesprochen. Das ist im Dutzverein Theater doppelt ungewöhnlich und es war keineswegs distanziert gemeint. Und Helmut Straßburger war niemand, der diese Förmlichkeit gefordert hätte, im Gegenteil. Aber es wäre mir nahezu vermessen vorgekommen Sätze zu sagen wie "Strassi, wie meinst du das?". Es war Ausdruck von sehr tiefem Respekt dem Theatermenschen Helmut Straßburger gegenüber.
Ich wußte immer wie sehr ich ihn schätze und wußte es doch auch irgendwie nicht. Ich erfuhr von seinem Tod durch eine Mail seiner Frau und meiner ehemaligen Kollegin Astrid Straßburger. Ich las die Mail, ging in die Küche, machte mir einen Kaffee und merkte plötzlich, dass ich weinte. Ich stand einfach in meiner Küche und weinte.
Das Theater und alle die darin und dafür arbeiten wird ärmer, wenn Theatermenschen gehen. Helmut Straßburger hat 62 Jahre am Theater gearbeitet. Er hat Spuren hinterlassen, die unauslöschlich sind. Ich werde ihn nie vergessen und bin dankbar dafür, dass ich mit ihm arbeiten und von ihm lernen durfte.
Der Bühnenbildner Carlheinz O. Städter hat ihn mit den Worten gewürdigt: "Er hat fürs Theater gelebt – menschlich, kollegial, integer". Dem ist nichts hinzuzufügen.