Ich habe mir heute die Mühe gemacht Rostocks Selbstdarstellung auf der von der Stadt dafür eingerichteten Website zu betrachten. Ich wollte wissen welchen Überfluss an Attraktivität eine Stadt zu bieten hat, die es sich leisten kann ihr Theater dem Verfall preiszugeben und womöglich der, nicht nur vorübergehenden, Schließung.
Die Aufzählung der Errungenschaften von Bildung und Wissenschaft endet in den 30iger Jahren. Doch immerhin, man findet einen Verweis auf "Talente und Taten". Das letzte dort aufgeführte Talent verstarb 1913.
Ich machte mich an die Lektüre der Geschichte der Stadt Rostock und anhand dieser Website endet sie mit dem Umbruch 1989. Weitere erwähnenswerte Geschichte ist nicht vermerkt. Im Artikel jedoch findet man, so um 1850 herum, erwähnt: "Bildende Kunst hielt Einzug ins Stadtbild, Kunstsammlungen und ein neuerbautes Theater unterstrichen die Attraktivität der Stadt."
Rostocks erstes Theater stand von 1786–1880, aber sei's drum, offensichtlich beurteilt man das Vorhandensein von Kultur im vergangenen Stadtgeschehen noch als erstrebenswert.
Die Chronik Rostocks endet immerhin erst 1994… 5 Jahre nach der Stadtgeschichte, dennoch 17 stille und ereignislose Jahre bis zur Gegenwart. Einer Gegenwart, in der die Stadt ihrer eigenen Darstellung nach, praktisch nicht vorkommt.

Aber ich bin ja hartnäckig und guten Willens. Eine Stadt muss nicht mit Daten protzen, wenn in ihr das wilde Leben auf andere Weise tobt. Ich nehme mich der Rubrik "Veranstaltungen" an. Aha… eine ist da… auf dieser Veranstaltung kann man bei einem Tauchgang neun Seehunde füttern. Ja, das kann auch mal schön sein. Die Unterrubrik "Highlights" fesselt nun meine Erwartungen, ich klicke sie an und… oh, schon wieder die Seehunde …und nur die Seehunde. Die Fütterung dieser Viecher scheint oberste Priorität bei der Gestaltung der Veranstaltungshinweise zu genießen.
Jetzt endlich wird mir der Veranstaltungskalender angeboten. Ich mache Nägel mit Köpfen und lasse mir alle Veranstaltungen für alles anzeigen, von Poppendorf bis Krakow am See… es bleibt mit 16 Veranstaltungen übersichtlich. 12 davon betreffen Ausstellungen und werden wahrscheinlich ohnehin wochenlang angezeigt, einmal könnte ich einen Aquakurs auf einem Schloss belegen und dreimal wird mir nahegelegt essen zu gehen… eine Einladung dazu betrifft einen Samstags- & Sonntagsbrunch… obwohl heute Montag ist.

Das ist das selbstgewählte Portrait einer Stadt, deren selbstgewählter Oberbürgermeister Methling keinen Hehl daraus macht, dass er ihr Theater für verzichtbar hält.

"Die ganze Kunst der Politik besteht darin, sich der Zeitumstände richtig zu bedienen."

Das hat Methling nicht gesagt, es war König Ludwig XIV. Aber es lohnt den Sonnenkönig und Roland Methlings Theaterunlust mal im Hinterkopf zu behalten bei der nun folgenden Chronologie einer Demontage:

Im April 2010 vollzieht sich am Volkstheater dessen Umwandlung von einem städtischen Amt in eine GmbH.
Dieser Schritt wurde bereits 2008 von Stefan Gretsch, Bundesvorsitzender der Fachgruppe Musik in ver.di, als "hochproblematische Lösung" bewertet, als "Holzweg zur Bewältigung akuter Finanzierungsprobleme" und darüberhinaus würden "…Erfahrungen der letzten Jahre zeigen dass, Privatisierungen, auch in Form einer GmbH, Arbeitsplätze langfristig nicht sichern. Im Gegenteil, sie sind eine Abwicklung auf Raten…".
Eine "hochproblematische Lösung" mutiert zu einer katastrophalen Lösung, wenn bei einem solchen Unterfangen keine ordentliche Eröffnungsbilanz erstellt wird, stattdessen aber sehr wohl eine mangelhafte Buchführung. Diese ungünstige Kombination führte im November 2010 zur Entlassung des Geschäftsführers Kay-Uwe Nissen, der die Gründung der Theater GmbH seit 2009 begleitet hatte.
Sibylle Bachmann, Vorsitzende der Bürgerschafts-Fraktion des Rostocker Bund, schreibt zu diesem Vorgang auf MVregio (4.11.2010): De facto sei die GmbH unterfinanziert ins Leben gerufen worden. Dafür wie für die noch nicht vorgelegte Eröffnungsbilanz sei Oberbürgermeister Roland Methling politisch verantwortlich.
Dieser sah sich nach Auskunft der Ostsee Zeitung vom gleichen Tag aus gesundheitlicher Angeschlagenheit "nicht zu einer Aussage in der Lage".
Die gesundheitliche Angeschlagenheit des Theaters bezifferte sich zu diesem Zeitpunkt auf ein Defizit beheimatet zwischen 750.000 und 1,2 Millionen Euro.
Die Prognose der Wirtschaftsprüfer bis ins Jahr 2014 hinein veranschlagt zusätzlich ein jährliches Defizit von 4 Millionen Euro.
Für beides wird wohl die Stadt Rostock einspringen müssen, die sich auf diese Weise von ihrem Traum verabschiedet sieht das Theater mit einer Eigenkapitalleistung von 25 000 Euro auf eine acht Millionen Euro Zuschussdiät setzen zu können.
Unerfreulich. Absehbar, aber unerfreulich.
Was tun mit einem Kulturpatienten, den man nach jahrelanger Prügel nun in einem wirklich ramponierten Zustand vorfindet und dessen Überleben finanzielle Zuwendungen erfordert?
Gerade erst hat eine neue Intendanz begonnen, Verträge sind geschlossen worden. Wie stoppt man Zahlungen, wie schließt man ein Theater ohne es zu schließen und womöglich den Zorn der Rostocker Bürger auf sich zu ziehen, die im Gegensatz zu ihrem Oberbürgermeister ins Theater gehen und die Fütterung von Seehunden nicht als ausreichendes kulturelles Angebot bewerten?
Man schließt es ohne es zu schließen. So geschehen Ende Februar. Das große Haus ist dicht. Wegen gravierender Sicherheitsmängel im Bereich Brandschutz und Elektrik. Ein Schelm, wer arges dabei denkt. Aber ein Narr, wer glaubt diese Sicherheitsmängel seien gewissermaßen über Nacht in das Volkstheater teleportiert und hätten sich dort breit gemacht.
Oberbürgermeister Roland Methling bezeichnete diesen Schritt als eine seiner bisher schwersten Entscheidungen. Spätestens jetzt ist offensichtlich, dass er wenig Zeit im Zuschauerraum des Theaters seiner Stadt verbracht hat. Die dort Engagierten wissen wie glaubwürdige Darstellung funktioniert.
Was folgt aus diesem Schritt?
Das Volkstheater verliert seine wichtigste Spielstätte. Provisorische Ausweichspielstätten werden nun gesucht, die künstlerische Arbeit den Gegebenheiten angepaßt… das verursacht neue Kosten, denn der Theaterneubau ist erst für 2018 in der finanziellen Planung.
Die Stadt aber gewinnt etwas hinzu: nämlich die Möglichkeit im Oktober betriebsbedingte Kündigungen zu verschicken, Verträge nicht zu verlängern und ein Haus abzuwickeln, das unter einer beeindruckenden Last von Fehlentscheidungen und Versäumnissen am Boden liegt.
2018 kann dann ein neues Theater gebaut werden. Ein Ensemble wird es nicht mehr haben. Es wird ein Bespielhaus sein, dessen Akteure ab und an mit Tourneebussen vorfahren, ihre kulturelle Aufgabe erfüllen und Rostock dann wieder verlassen. Der Oberbürgermeister erwähnte, dass ihm das reichen würde. Für ihn macht es sicher auch keinen Unterschied, er geht ja ohnehin nicht hinein.
Für Rostock aber macht es einen Unterschied. Den gleichen Unterschied, ob man sich einen Pappkaffee to go bei einer der gesichtsgleichen Fillialen einer Coffeeshopkette geholt hat, oder ob man in seinem Lieblingscafé sitzt und der Kellner, den man kennt, lächelnd einen Milchkaffee mit Schaumverzierung und der richtigen Anzahl Süßstoffpäckchen bringt.

Kultur kostet Geld. Ja. Ein Theater kostet Geld. Auch richtig. Was kostet eigentlich sein Verlust? Was kostet eine Stadt die Demontage identitätsstiftender Attraktivität und Lebendigkeit?
Man hat das mal für die Raumfahrt durchgerechnet… angeblich ein Milliardengrab. Man fand heraus, dass jeder US Dollar, der in das Raumfahrtprogramm investiert wurde über Steuern und Wachstum durch Innovation siebenfach in den amerikanischen Haushalt zurückfließt.
Was also kostet es eine Stadt, deren eigene Website in der Gegenwart keine Geschichte mehr verzeichnet, wenn sie den Ort verliert, wo Geschichten erzählt werden? Was bedeutet es für eine Universitätsstadt, wenn sie vierspartige Geistesnahrung durch Haferschleim ersetzt?
Was es für den Wirtschaftsstandort bedeutet hat Sybille Bachmann formuliert: "„Fachkräfte fragen nach Kindergartenplätzen und kulturellen Angeboten“.

Der nachweislich älteste gedruckte Theaterzettel Deutschlands stammt aus Rostock. Er datiert auf das Jahr 1520. Theater hat in Rostock Vergangenheit.
Auf welches Jahr datiert der Satz: Theater ist in Rostock Vergangenheit?
Es wird an den Rostockern liegen diese Frage zu beantworten.
Nicht an ihren verrechnungsanfälligen Entscheidungsträgern. Nicht an ihrem theaterabwesenden Oberbürgermeister. Sie selbst werden entscheiden müssen wie wertvoll ihnen ihre Zeit an ihrem Theater geworden ist und in Zukunft auch bleiben soll.