Die schönsten Liebeserklärungen sind immer jene, die man aus einem spontanen Moment heraus verteilt.
Heute Abend läuft "Alien – das Wesen aus einer anderen Welt"… mal wieder. Ich werde mir den Film ansehen …mal wieder. Diese Geburtsstunde in der Filmgeschichte. Nein, ich rede nicht von den Facehuggern, die in anbetungswürdigem H.R.Giger-Design mit einem schleimigen Aufreißgeräusch aus ihren Eiern krabbeln. Das ist der Film, in dem Sigourney Weaver, ganz nebenbei, etwas erfindet, das es vor ihr nicht gegeben hat: die Actionheldin.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Frauen sich mehrheitlich retten und beschützen zu lassen. Die fortgeschrittensten Kämpferinnen und Heldinnen durften im gleichen Team mit ihren Kollegen fighten. Gewissermaßen unter Supervision.
Überleben? Als Einzige? Während alle anderen Beteiligten, Männlein wie Weiblein von einem überirdisch resistenten Monster der galaktischen Evolution dahingemetzelt werden? Das war bis dato niemals vorgesehen. Sigourney Weaver eröffnete ein vollkommen neues Fach.
Dabei hat sie selbst nicht einmal eins. Sie verkörpert nicht hauptsächlich das oder jenes. Es vollkommen egal, ob sie sich schleimbedeckt mit den Geisterjägern herumtreibt, als Dian Fossey beschützt und in ihrer Passion eskaliert, ob sie Flammenwerfer von der Größe eines sechsjährigen Kindes durch die Gegend wuchtet, atemberaubende psychische Feinarbeit leistet in "Der Tod und das Mädchen", die grauenvollste furchteinflößenste Predigerin ist in "Jeffrey", sich mit Serienkillern anlegt oder in "Galaxy Quest" das Universum rettet.
Eines ist sie immer – bemerkenswert.
Wenn man von ihr hört, dann wegen ihrer Arbeit. Ihr Privatleben ist für Hollywoodverhältnisse ebenfalls außerirdisch… sie ist seit 27 Jahren verheiratet, nein, nicht immer wieder, sondern mit dem gleichen. Das ist schon fast verbrecherisch langweilig, würde sie nicht seit 35 Jahren durch ihre Arbeit glänzen.
Ihr Alter darf genannt werden. Ebenfalls Hollywooduntypisch erlaubt sie es sich nämlich zu altern. Sie ist 62 Jahre alt. Letztes Jahr bekam sie den Scream Award in einer eigens für sie geschaffenen Kategorie: Heroine!!! Im traditionell skuril bekleideten Publikum waren die wenigstens älter als ihre Tochter… sie wurde frenetisch gefeiert und entstieg in einem schlichten schwarzen Kleid einem überdimensionierten Alienei. Sie hatte ein kleines Bäuchlein, unglaublich schöne Falten in einer tatsächlich noch existenten Mimik, sie musste ihre Dankesrede leicht gebeugt halten, weil Standmikrofone niemals mit ihrer Größe rechnen – und sie sah großartig aus.
Nein wirklich, diese durch das heutige Fernsehprogramm verursachte Liebeserklärung war überfällig.

Heute um 18.00 geht die Welt unter.
18.00 in welcher Zeitzone? Keine Ahnung. Harold Camping weiß nur, dass heute der Weltuntergang beginnt. Er hat das aus der Bibel berechnet. Die Bibel kennt keine Zeitzonen. Der Weltuntergang beginnt halt. So insgesamt. Welt halt.
Mal wieder.
Den hatte Camping selbst zwar schon für 1994 vorausgesagt – aber er gibt zu, dass er sich da verrechnet hatte. Hey, kein Problem, ich bin auch nicht gut in Mathe, ich kann das verstehen. Heute ist er sich aber sicher.
Also Beginn vom Weltuntergang. Ok. Äh, Moooment. Sollte der laut dem evangelikalen Autor Hal Lindsey nicht 40 Jahre nach der Gründung des Staates Isreal stattfinden? Das wäre 1988 gewesen. Der fundamentalistische Prediger Jerry Falwel hingegen rechnete 1999 mit der Rückkehr Jesus Christi innerhalb der nächsten zehn Jahre. Offenbar besteht Einigkeit, dass dessen Wiederkehr auf unseren Planeten der Startschuss zum Weltuntergang ist. Er rettet dann eine undefinierte Anzahl gläubiger Menschen und überläßt den Rest dem Verderben. Die Endzeitprediger glauben immer, sie würden zu den Geretteten gehören. Aber vielleicht mag Jesus keine Petzer???
Wie auch immer, der Kerl kam nicht, keiner wurde gerettet, alle mussten weiter ihre Steuererklärung machen.
Heute ruft der Papst auf der Internationalen Raumstation an. Er wird sich 20 Minuten mit der Stationsbesatzung und der Crew des Space Shuttle Endeavour unterhalten, das gerade während seiner letzten Mission an der ISS gedockt ist.

Besitzt er Insiderwissen? Will er auf Nummer sicher gehen und arrangiert gerade seine Flucht zum Außenposten der Menschheit? Nö. Es sind gerade zwei ESA Astronauten aus Italien an Bord, deswegen.

Weltuntergang. Was heißt das eigentlich? Wieso reden immer alle von Weltuntergang und meinen den Menschheitsuntergang? Das ist durchaus nicht dasselbe. Endzeitprediger meinen wenn es mit den Menschen zu Ende geht sei dies das Ende der Welt. Frivole Selbstüberschätzung. Unser Planet hat schon ganz andere Stromschnellen gemeistert.
Vor rund 4,5 Milliarden Jahren kollidierte die Erde mit Theia, einem anderen Planeten von mindestens Marsgröße. Theia schlug wie ein gigantischer galaktischer Streifschuss in die Erde ein, die Metallkerne der beiden Planeten verschmolzen, Auswurfmasse beider verschleuderte sich im Weltall, formte Asteroiden, die zurückstürzend die Oberfläche der Erde in einen einzigen Magmaozean verwandelten – die Apocalypse nimmt sich dagegen aus wie ein freundlicher Besuch im Center Park. Aber… wir hatten danach einen Mond und ein wesentlich stärkeres Magnetfeld, absolute Pluspunkte der Evolution… und die Erde hat es überstanden.
Und da soll sich unsere Welt über Erdbeben, Vulkanausbrüche und Gesteinsbrockenbeschuss aus den Tiefen des Weltalls aufregen und zum Untergang verpflichtet fühlen? Ach nö.

Mr.Camping möge es mir verzeihen, aber werfen wir einen vorausschauenden Blick auf die nächsten Weltuntergangsszenarien.
Am 9.November 2011 schrammt 2005YU55 an uns vorbei, immerhin auf 200 Meter geschätzt und damit kein Winzling. Er passiert die Erde in einer Entfernung von rund 320.000 Kilometern, also zwischen Mond und Erde. Kosmisch gesehen passt da nicht mal ein Blatt Papier zwischen, aber einschlagen wird er nicht. Das Kerlchen umrundet die Sonne alle 1,22 Jahre, also keine Panik, wir haben regelmäßig die Chance, dass sich das ändert… allerdings nicht die nächsten 100 Jahre. Das haben bereits Leute berechnet, die das wirklich können.
Der Maya-Kalender… wenn wir eine Chance auf Weltuntergang haben, dann doch wohl am 21.Dezember 2012. Äh, nein. Das ist enttäuschend, aber nein. Die Planeten unseres Sonnensystems werden sich nicht in eine verderbnisbringende Linie fädeln. Auch das wurde bereits berechnet… Astronomen sind totale Spielverderber.
Nein, halt, sind sie nicht… sie liefern uns Apophis, vormals nüchtern 2004MN4, dann umbenannt in den Widersacher des Sonnengottes Ra. Er wird die Erde verheißungsvoll an einem Freitag den 13. im April des Jahres 2029 in nur niedlichen 30.000 Kilometern Entfernung besuchen. Optimisten gehen ‚runter bis auf 6.000 Kilometer, da lohnt sich schon das winken.
Höchstwahrscheinlich fliegt er vorbei… aber er könnte durch Gravitationskräfte fragmentiert werden und dann wie eine Schrotladung niedergehen. Er kann auch durch ein Gravitations-Schlüsselloch fliegen, was seine Flugbahn verändert, und dann schlägt er 2036 beim nächsten Versuch ein… also, mit einer Wahrscheinlichkeit von vier zu einer Million, aber immerhin.

Sehen wir den Tatsachen mutig ins Auge. Nichts davon wird unseren Planeten zerstören.
Aber verzaget nicht, lasst mich eine Prophezeihung sprechen. Denn ich weiß, wann unser Planet untergeht und ich kann es euch sagen. Und bitte lasst es mich in gewaltige Worte fassen:
In 50 Millionen Generation von jetzt an wird die Sonne sich über unseren Horizont breiten, 250 mal so groß wie heute. Der Boden unter Euren Füßen wird 70 Grad heiß werden, das Wasser wird verdampfen und die Erde wird zu einem oxidierten roten Planeten werden. Fünf oder sechs Milliarden Jahre später werden auf der Erde wieder Magmaozeane sich in Temperaturen bis 2200 Grad dahinwälzen und brodeln, Siliziumschnee und Eisenregen gehen hernieder und die Erde wird aufhören sich zu drehen, gefangen von der Schwerkraft ihrer Sonne.
Ja, ja, ja, wir sind immer noch nicht sicher, ob der rote Riese, der unsere Sonne dann ist, unseren Planeten schluckt oder ihn in ihrer Ausdehnung vor sich herschiebt… also vielleicht nicht mal dann Weltuntergang, aber ungemütlich wird es, darauf Brief und Siegel.
Bis dahin bleibt die Erde was sie ist…
…und sogar mit uns darauf.
Eine Befragung des „Public Policy Research Institute“ ergab, dass 44% der Befragten in den Unwetterextremen der letzten Zeit Vorboten des nahenden Weltuntergangs sehen. Vermutlich tankten sie anschließend ihr Auto voll, schalteten zuhause die Klimaanlage an, verstauten 10 Kilo Rindfleisch miesester CO² Bilanz in einer überdimensionierten schrottreifen Kühltruhe, sprengten ihren Rasen mit Trinkwasser und fanden, dass das Wirtschaftswachstum keinesfalls an peniblen Umweltschutzauflagen zugrunde gehen darf.
Ok, wir kriegen den Weltuntergang nicht hin. Aber wir zeigen eine gewisse Begabung für den Menschheitsuntergang.
Aber nicht heute. Das Experiment läuft noch.

Ich lese nicht viele Blogs regelmäßig. Zu denen, die ich wirklich fast täglich anklicke, gehört der Blog "Theaterliebe" von Johanna Schall. Ähnlich einem Ganzjahresadventskalender beliefert er Theaterfreunde nahezu täglich mit neuen Einträgen, die von Betrachtungen über Gedichte, Geschichten, Interviews und aktuellem Zeitgeschehen bis hin zu wörtlichen Sammlerstücken ein so breites Spektrum abdecken, dass der Blogtitel nicht übertrieben und in der Tat verdient ist.
Heute fand sich dort ein von Max Frisch 1966 entworfener Fragebogen, der mich augenblicklich dazu anstiftete die Fragen beantworten zu wollen. Spannende Fragen finde ich unwiderstehlich. Sie provozieren interessante Antwortsuchen.
Als ich Fragen und Antworten als Kommentar posten wollte stieß ich auf technische Hürden. Kommentare sind auf 4096 Zeichen zu begrenzen. Das war mir offenbar nicht gelungen. Ich entfernte die Fragen, aber die Technik spielte immer noch nicht mit.
Also entschloß ich mich das Gesamtpaket hier einzustellen.

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
– Ich bin mir sicher, dass sie mich nicht interessiert.

2. Warum? Stichworte genügen.
– Mein Lieblingswitz gibt die Antwort: treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen: "Du siehst schlecht aus. Was hast du?" Antwortet der andere: "Menschen!" Sagt der erste: "Mach' dir keine Sorgen, hatte ich auch, das geht vorbei!"

3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
– Alle…und keines. Ich habe mich früh entschieden mir lieber die Kinder meiner Freunde auszuborgen, sie rettungslos mit Blödsinn zu überfrachten und sie dann wieder bei ihren Eltern abzuliefern.

4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
– Die Begegnung, über die ich das sagen könnte, steht noch aus… und darf meinetwegen auch ausstehend bleiben.

5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
– Ja. Und eher mich.

6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
– Böse Zungen behaupten, ich hätte es bereits. Wahr ist aber vielmehr, dass ich auf die Lücken, die sich mein Gedächnis gönnt, keinesfalls verzichten möchte.

7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
– Jene, deren Eigenschaften ein Ableben weniger bedauernswert machen, besitzen leider genau jene Eigenschaften, die ich für beständig nachwachsend halte. Der Wunsch nach ihrem Ableben macht also wenig Sinn.

8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
– Abseits des privaten… ich hätte gerne Ingrid Bergmann getroffen.

9. Wen hingegen nicht?
– Die Liste jener, die für die negative Beeinflussung der Menschheitsgeschichte keinesfalls eine zweite Chance bekommen sollten ist derart umfangreich, dass sie hier keinesfalls zusammengestellt werden kann.

10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
– Nein.

11. Wie alt möchten Sie werden?
– Ich gehöre nicht zu jenen, die sich vor Dreistelligkeit fürchten.

12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
– Ja.

13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
– Hat sich in Frage 12. erübrigt.

14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
– Da bestimmt der Anlass das "Wie"… deswegen: sowohl als auch – bei beiden Fragen.

15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
– 41… und ich gebe mich gerne der Ansicht hin, dass ich es immer noch werde. In dieser Ansicht enthalten ist der Plan es weiter zu betreiben.

16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
– Schon. Immerhin kann ich auch nach anhaltendem Premierenapplaus, enthusiastischem Premierengelobe und mild wohlwollender Zeitungskritik noch gut unterscheiden wann eine Inszenierung und/oder ich selbst suboptimal waren… und weiche von dieser Erkenntnis auch nicht ab bloß weil's augenscheinlich niemandem aufgefallen ist. Selbstkritik ist dann auch höchst hilfreich bei dem anhaltenden Versuch das suboptimale zu beseitigen.

17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
– Die Frage kann ich beantworten, die Frage will ich im Internet aber nicht beantworten. Denn wenn ich ehrlich antworte ist sie sehr persönlich. Und sie nicht ehrlich zu beantworten ist ja nicht Sinn und Zweck. 😉
Nur so viel: ich entschuldige mich viel öfter für die Dinge, die ich mir selber übel nehme. Weil ich von der Notwendigkeit dafür überzeugt bin. Und ich bin nicht von allen Dingen überzeugt, die andere mir übel nehmen. 😉

18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
– Diese Frage ist der Beleg dafür, das Max Frisch nicht zum Physiker geboren wurde. Immer voraussetzend ich bin nicht Schrödingers Katze kann ich nicht gleichzeitig lebendig und tot, existent und nicht existent sein. Wenn ich nicht existiere, dann würde ich mir diese Frage nicht stellen. Wenn ich existiere kann ich sie mir nicht stellen, weil ich nicht weiß wie es ist nicht zu existieren und die Antwort zusätzlich durch das Wissen um die eigene Existenz verfälscht wird.
Ich sage mal: die Vorstellung irritiert mich zumindest – denn ich existiere ausgesprochen gerne.

19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbenen zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
– Die Überlegungen zu dieser Antwort erbrachten ein bemerkenswert schönes Ergebnis. Es ist zu ihren Lebzeiten nichts zwischen ihnen und mir ungesagt oder ungehört geblieben. Ich würde deswegen einen gleichberechtigten Dialog, ein angeregtes Gespräch bevorzugen.

20. Lieben Sie jemand?
– Ja.

21. Und woraus schließen Sie das?
– Weil ich ohne diesen Menschen leben kann, dazu aber absolut keine Lust verspüre.

22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wir erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
– Excellente Erziehungsarbeit meiner Mutter.

23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
– Ein eigenes Theater, 51% Firmenanteile bei Virgin Galactic und ein Hund.

24. Wofür sind Sie dankbar?
– Für alles, was man nicht kaufen kann und sich trotzdem bereichernd in meinem Leben herumtreibt.

25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
– Ich möchte überhaupt nicht lieber gestorben sein. Ich wäre dann schon lieber ein Tier. Ein Rabe wäre keine schlechte Wahl… intelligente Artgenossen und flugfähig.

Die übrig bleibende Frage lautet: ist eigentlich bekannt ob und wie Max Frisch diese Fragen beantwortet hat?

Mein offener Brief an Martin Rütter hatte ein bemerkenswertes Echo. Ich erhielt ungewöhnlich viele Kommentare und Rückmeldungen für die ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken möchte.

Heute war einer dabei, der mir eine Ergänzung zu diesem Brief notwendig erscheinen lässt. Er lautet:

"Nett formuliert, aber schlecht recherchiert. Herr Rütter hat bereits am 26.02.2009 Stellung zu dem Missverständnis genommen. Nachzulesen in seinem Gästebuch, unter dem entsprechenden Datum:http://www.ruetters-dogs.de/Infos/Gaestebuch?year=2009

Ich freue mich auf den nächsten “offen Brief”.

Beste Grüße, Peppi"

Ich halte Kritikfähigkeit für ein oberstes Prinzip der Güteklasse bei Schauspielern. Wir alle wissen wie leidig und nutzlos man Probenzeit zubringen kann, wenn sie abwesend ist. Ich ging also dem Link nach und fand in Martin Rütters Gästebuch folgende Anfrage:

"Herr Rütter, ich hätte gerne mehr über das Zitat "Nur Depravierte halten sich Listenhunde" von Ihnen erfahren. Es haben sich ja nun schon diverse Leute mit Listenhunden nach einem Training bei Ihnen erkundigt und wurden abgewiesen, weil Sie und Ihr Team "mit solchen Hunden nicht arbeiten" und "diese Tiere sowieso lieber alle euthanisiert werden sollten". Ich finde das eine unglaublich rassisitische Haltung. Sie tun doch so, als seien Sie Hundefreund? Wie passt das denn zusammen? Oder sind Sie nur ein Hundefreund, wenn es sich um einen Nicht-Listenhund handelt und die Kamera läuft? Es sieht ganz so aus…"

Als direkte Antwort darauf schrieb Martin Rütter folgendes:

"STELLUNGNAHME MARTIN RÜTTER:

Liebe Frau Weber, vielen Dank für ihre Mail. Sie sind zu Recht entsetzt. Es haben mir Gott sei Dank auch schon andere Hundefreunde geschrieben. Selbstverständlich habe ich den Satz nicht gesagt. Zum einen haben Mitarbeiter von mir Mischlinge so genannter Listenhunde, zum anderen arbeite ich selbstverständlich mit allen Menschen gerne, die motiviert sind. Für mich spielt es überhaupt keine Rolle welche Hunderasse ein Mensch hat.

Der Journalist hat es auch nicht bös gemeint, sondern einfach ein paar Sätze miteinander vermengt. Das Gespräch ging über 45min und wir haben in der Zeit auch über Listenhunde gesprochen. Da das leidige Thema aber jetzt seit Jahren in allen Formen und Farben durch die Medien geleiert wurde, gab es wirklich nicht viel dazu zu sagen. Und so kamen wir sehr schnell auf ein Thema, dass mir sehr am Herzen liegt: Nämlich Deprivationserscheinungen von Hunden, die unter schlechten Bedingungen gehalten bzw aufgezogen wurden. Und auch wenn es nur ein kleiner Buchstabe ist, so ist das Thema DeprIvation, doch ein anderes als DeprAvation. Ich hoffe ich konnte sie beruhigen, dass mein Herz tatsächlich nicht nur vor der Kamera an Hunden hängt.
Herzliche Grüße und weiterhin viel Spaß mir ihren Hunden. Martin Rütter"

Zum besseren Verständnis und direkten Vergleich nochmal das von mir im ersten Beitrag erwähnte Rütter-Zitat:

"Über die Gefährlichkeit von Kampfhunden und deren Besitzer will er dabei erst gar nicht reden. "Man muss danach fragen, was das für Menschen sind, die sich solche Hunde halten", so sagt er dann aber doch. "Es sind meist Depravierte, die wohl ihre eigenen Gründe haben."

Dass er über das Thema "Kampfhunde" nicht reden mag ist in beiden Aussagen deckungsgleich. Der Rest soll Mißverständnis sein.

Nun muss niemand eine Schauspielerin überzeugen, dass Journalisten gelegentlich Inhalte verwirbeln, Mißverständnisse vorkommen und Flüchtigkeitsfehler passieren können. Ehrlich gesagt bin ich immer schon froh, wenn mein Vorname nicht mit "y" geschrieben wird und mein Nachname nicht plötzlich eine Verwandtschaft zu Armin Rohde suggeriert weil das "h" verrutscht ist.

Wieviel Mißverständnis aber liegt wirklich zwischen seinem Zitat und seiner Erklärung? Nun, zunächst einmal muss der Journalist im vergangenen Thema verblieben sein, während Rütter schon beim nächsten war. Setzen wir mal diese inhaltliche Abwesenheit voraus. Dann muss er Deprivation mit Depravation verwechselt haben. Nehmen wir diesen Hörfehler an. Anschließend muss ihm zusätzlich entgangen sein, dass Rütter thematisch über Hunde sprach, statt über Hundehalter. Denn sonst wäre der Hörfehler zweifellos aufgefallen – Deprivationserscheinungen bei Hundehaltern fallen üblicherweise in das Fachgebiet der Psychologie und sind nicht Teil eines Interviews mit einem Hundeprofi.

Abschließend muss der vollkommen abwesende und mehreren Mißverständnissen erlegene Journalist die Frechheit besessen haben aus all dem einen Satz zu erbasteln, welchen er Martin Rütter als wörtliches Zitat in den Mund legte.

Ob das eine plausible Möglichkeit ist, eine Wahrscheinlichkeit… das zu beurteilen möchte ich an dieser Stelle jedem selbst überlassen.

Stattdessen möchte ich auf die aktuelle Ausgabe einer Hundezeitschrift verweisen, die folgenden Leserbrief abdruckte und kommentierte:

"WUFF Das Hundemagazin" (Aktuelle Ausgabe 05/11)

Darin äußert sich sein Team grundsätzlich anders zu der Äußerung, die auf einem Mißverständnis beruhen soll. Entweder bestehen da Abstimmungsschwierigkeiten oder mit der logischen Übereinkunft seines Gästbuchseintrags und der Teamäußerung wird es schwierig.

Die Redaktion zumindest wurde auf Nachfrage auf den vorliegenden Schriftwechsel als aktuellen Stand die Äußerung betreffend verwiesen. Dieser Stand schließt die Bennung von 16 wesensunterschiedlichen Rassen als "Kampfhunde" ein und die weitere Verwendung des Begriffes "Kampfhund", trotz bestehendem Bewusstsein über die Negativbesetzung.

Das ist nicht nur wissenschaftlich inkorrekt, es ist vorallem vorurteilsfördernd. Dem habe ich in dem offenen Brief erwidert. Auch nach den angeregten und weiterführenden Recherchen kann ich nichts erkennen, was die Notwendigkeit dieser Erwiderung überflüssig machen würde.

Am 11.März 2011 wurde Japan von einem Erdbeben der Stärke 9.0 erschüttert. Durch das Beben und den darauffolgenden Tsunami kamen Schätzungen zufolge bis zu 25.000 Menschen ums Leben. Die Folgen der Naturkatastrophe ließen vier Reaktoren den Kernkraftwerkes Fukushima Daichii havarieren.
Heute ist das zwei Monate her und längst aus den Medien verschwunden.
Eine meine Lieblingsschauspielerinnen, Ingrid Bergmann, hat einmal gesagt: "Glück bedeutet eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.". Im Grunde hat sie recht. Manchmal steht aber auch ein schlechtes Gedächnis einer guten Gesundheit entgegen.
So wie Tschernobyl aus den Schlagzeilen und dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verschwand und durch andere aktuelle Katastrophen ersetzt wurde, gerät auch Fukushima zur Randnotiz einer katastrophengewöhnten Welt, die sich für eine kurze Zeit medial-gesellschaftlich entsetzt und dann mit neuem Brot und Spiele gefüttert werden will.

Ich möchte den heutigen Tag zum Anlass nehmen einmal nachzusehen, welche aktuellen Nachrichten aus der strahlenden Kraftwerksruine es nicht mehr in die Schlagzeilen und das öffentliche Bewußtsein geschafft haben.

Für die Reaktorblöcke 1-3 gilt nach wie vor, dass die Brennstäbe im Druckbehälter ganz oder teilweise freiliegen. Damit einher geht fehlende Kühlung, die Gefahr der Bildung von explosivem Wasserstoff und die Selbstzerstörung der Brennstäbe durch unzureichende Abführung der Nachzerfallswärme.

Messungen radioaktiver Spaltprodukte im Abwasser von Reaktor 2 und im Kühlwasser des Abklingbeckens von Reaktor 4 legen den Schluss nahe, dass es zu unkontrollierten Kettenreaktionen auch noch 10-15 Tage nach der automatischen Abschaltung gekommen sein muss.

Eine solche Rekritikalität kann auch für Block 1 nicht ausgeschlossen werden.

Reaktorblock 3 hat sich letzte Woche binnen Tagen auf 240 Grad Celsius aufgeheizt. Das Reaktordruckgefäß ist in technisch einwandfreiem Zustand für Temperaturen bis 280 Grad ausgelegt. TEPCO will einen Zusammenhang zwischen dem Temperaturanstieg und den geschmolzenen Brennstäben nicht bestätigen.

Block 1 wurde vor sechs Tagen erstmals nach der Katastrophe wieder geöffnet und betreten. Dabei wurden 500 Millionen Becquerel freigesetzt. Die gemessenen Strahlungswerte im Reaktor erreichen 700 Millisievert. Zum Vergleich: die, bereits heraufgesetzte, Jahreshöchstdosis eines japanischen AKW-Arbeiters beträgt 250 Millisievert.

Während bereits seit Tagen Videos über Brände in den Reaktorblöcken kursieren ließ TEPCO verlauten, es handle sich dabei um Dampf aus den Abklingbecken von Block 3 und 4, welcher durch ein Schattenspiel schwarz erscheine und nicht besorgniserregend sei.

Auswertungen aktueller Fotos ergab, dass der Reaktorblock 4 sich aus der Senkrechten heraus "neigt", was für eine geschwächte strukturelle Stabilität des durch Brände beschädigten Gebäudes spricht in dessen Abklingbecken sich über 250 Tonnen Uran unter freiem Himmel gelagert befinden. TEPCO versucht nun eine Abstützung des Abklingbeckens und der Gebäudestruktur zu installieren.

Am Boden von Reaktor 3 wurde heute einströmendes Wasser entdeckt. Das Leck konnte inzwischen verschlossen werden. Seine Ursache und Auswirkung ist derzeit noch unklar.

Tepco plant den Sicherheitsbehälter von Block 1 mit 7.500 Tonnen Frischwasser zu fluten und so einen "Wassersarkophag" rund um den Reaktordruckbehälter zu schaffen. Mit Block 2 und 3 soll ähnlich verfahren werden. Laut eines Gutachtens des Londoner Ingenieurbüros Large Associates kann es dabei zum Bruch des Erdbebenstrapazierten Sicherheitsbehälters kommen, insbesondere da TEPCO keinerlei Erkenntnisse über mögliche Risse und Lecks der Behälter vorlegen kann. Auch jedes weitere Nachbeben könne einen auf diese Weise zusätzlich hochbelasteten Behälter brechen lassen. Sollte dieser Fall eintreten liegen offenbar keine Notfallpläne zur Bergung des Druckbehälters vor.

Keine dieser Nachrichten war in der letzten Woche eine Schlagzeile wert. Sie zu finden um sie zusammenzustellen erforderte Zeit. Sie zu lesen erfordert gute Englischkenntnisse oder, bei Bedarf, den wagemutigen Einsatz der Googleübersetzung… denn die wenigsten schafften den Sprung auf deutsche Nachrichtenportale.

Das "Theater" in Fukushima geht weiter, aber viel Publikum hat den Saal verlassen.

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Stars weltweit haben für Japan gespendet. Geld ist gut und kann helfen, aber es fühlt sich nicht an. Der japanische Schauspieler Ken Watanabe bewegt seit Wochen die Creme de la Creme seiner internationalen Kolleginnen und Kollegen dazu mehr nach Japan zu schicken als ihre Konten hergeben. Unter dem Motto "Stars Unite for Japan" senden sie Botschaften in das erschütterte Land.

Stars Unite for Japan Part One

Stars Unite for Japan Part Two

 

Mir wurde gerade warm um's Herz. Mehr durch Zufall klickte ich mich auf einen YouTube-Beitrag von Fabian Nehring. Er studiert offensichtlich an der Universität Rostock und geht gerne ins Theater – was ja in Rostock seit der Schließung der Hauptspielstätte Ende Februar mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ist.

Also überlegte er, was zu tun sei, kombinierte eine Idee mit einer derzeit laufenden o2-Aktion, erstellte einen kompakten Film über sein Anliegen und reichte seine Idee ein.

Link: Fabians Idee…

Lieber Fabian… (bitte um Erlaubnis Dich im Überschwang der Freude über diese Entdeckung zu dutzen!)… sollte ich jemals an einem Theater engagiert sein, dass sich gegen ähnliche Schwierigkeiten durchsetzen muss, wie das in Rostock derzeit der Fall ist, dann wünsche ich mir sehr, dass in meiner Stadt Theaterfans leben, die wie Du kreative Ideen haben, sich hinter selbige klemmen und sie in Taten verwandeln.

Jeder Schauspielerin/jedem Schauspieler, jedem Theatermacher muss bei solchen Aktion aus den Reihen des Publikums das Herz aufgehen. Ich kann Dir nur die Daumen drücken, dass Deine Idee eine Verwirklichung findet… denn ich finde sie kreativ, persönlich und sehr engagiert.


Sehr geehrter Herr Rütter,

bisher war ich immer recht angetan von Ihrer Arbeit. Das betrifft die gewaltfreie Konsequenz der Erziehung ebenso, wie Ihre Einschätzungen des jeweiligen Problems und die Verhaltensumbildungen, welche sie den Hundehaltern nahelegen. Und ebenso wie Sie bin ich der tiefverwurzelten Meinung, dass die Ursache der meisten Probleme auf zwei Beinen herumläuft und keine Pfoten hat.
Nun lese ich eine Aussage, die Sie bereits 2008 getätigt haben:
Über die Gefährlichkeit von Kampfhunden und deren Besitzer will er dabei erst gar nicht reden. „Man muss danach fragen, was das für Menschen sind, die sich solche Hunde halten“, so sagt er dann aber doch. „Es sind meist Depravierte, die wohl ihre eigenen Gründe haben.“
Das mit dem „depraviert“ musste ich nachschlagen, es bedeutet: verdorben, verkommen, verunstaltet.
Aha, ich bin also „depraviert“… wahrscheinlich sogar „hyperdepraviert“, denn ich bin nicht nur bekennender Fan der „Listenhunde“ (so die korrekte Bezeichnung der von Ihnen gemeinten Hunde – die ich übrigens vorzugsweise und gut begründbar „Kampfschmuser“ nenne), sondern auch Mitglied eines Tierschutzvereins, der sich die Aufnahme und Vermittlung dieser Hunde in die Statuten geschrieben hat.
Aber rollen wir das Feld von vorne auf. „Kampfhunde“… was ist das eigentlich für eine Rasse? Ich muss doch keinem Hundeprofi, der bereits von einem Chihuahua berammelt wurde was das Zeug hält, erklären, dass dies ein dehnbarer Begriff ist, bei dem sowohl böswillige, als auch unwissende Hundehalter dafür sorgen können, dass er zutrifft.
Mit „Kampfhunden“ meinen Sie also „Listenhunde“… Wikipedia führt unter diesem Begriff 16 Rassen, welche Sie also subsummierend in einen Topf schmeißen… auch das sollte sich ein Hundeprofi nicht unbedingt erlauben. Oder wollen Sie ernsthaft behaupten, dass ein Anatolischer Hirtenhund, die „Pinscherweiterentwicklung“ Dobermann, die „Scott und Huutch“ Bordeauxdogge und der quirlige Staffordshire Terrier deckungsgleich sind in ihren Eigenschaften?
Depravierte können lesen… ich möchte aber darauf verzichten Sie mit Gutachten und Studien von veterinärmedizinischen Fakultäten von Kiel bis Wien zu bewerfen, die allesamt die Lehrmeinung vertreten, dass „Eine valide wissenschaftliche Studie, in der zweifellos nachgewiesen wurde, dass bei den Rassen Pit Bull Terrier, American Staffordshire Terrier und Bullterrier die genetische Veranlagung des krankhaft übersteigerten Aggressionsverhaltens grundsätzlich vorhanden ist, existiert meines Wissens nicht. (Prof.Dr.Irene Stur)“.
Das ist aktueller Stand der Wissenschaft… und kontrapunktiert Ihre wissenschaftlich unhaltbare Verallgemeinerung von Rassen und Haltern.
Seit 1993 konnten in den Niederlanden „pitbullartige“ Hunde beschlagnahmt, abgeurteilt und getötet werden… ohne jegliches Fehlverhalten, aufgrund ihrer Rassezugehörigkeit und der RAD-Verordnung. 2009 bescheinigte eine Kommission 109 Seiten lang, dass diese Verordnung die Beißstatistik in keinem Jahr verändert hat und schaffte sie ab. Tausende von Hunden haben bis zu dieser Erkenntnis nicht überlebt – aufgrund haltloser Vorurteile, wie Sie sie ebenfalls propagieren.
Lieber Herr Rütter, ich arbeite nun seit sechs Jahren mit Listenhunden, ich habe mich während eines Hundepraktikums mit dem, laut Bildzeitung, „gefährlichsten Hund Deutschlands“ namens „Sugar“ um ein Gummihühnchen gebalgt… ich müsste tot sein.
Tatsächlich bin ich in dieser Zeit mal fies verletzt worden. Ich habe in eine sich abrollende Flexleine gegriffen, als der Stafford am anderen Ende gerade einem von mir geworfenen Ball hinterher spurtete… Mann, hat das weh getan! Aber Dummheit muss bestraft werden und ich hab’s seitdem auch nie wieder getan…
Ob Listenhunde kämpfen? Ja! Eindeutig ja! Gegen Vorurteile, überhöhte Hundesteuer, um Liebe und Zuneigung, manchmal gegen Übergewicht.
Ob es ein Klientel gibt, dass diese Hunde zur Kompensation eigener physischer und psychischer Defizite mißbraucht und in deren Händen ich diese Hunde nicht gerne sehe? Auch ja! Aber in deren Händen will ich überhaupt keinen Hund sehen, weil das Ergebnis dieses Hintergrundes rasseunabhängig immer ein gefährlicher Hund wäre.
Was Ihre oberflächliche und beleidigende Äußerung hingegen völlig ignoriert ist der weitaus größere Anteil von Hundehaltern, die Listenhunde als Familienhunde halten, als Rudelmitglied. Die das stressfeste, gelassene, menschenzugewandte, kinderliebe, verspielte und intelligente Wesen dieser Rassen schätzen, die alle Auflagen bewältigen, die sich zu hunderten auf Sommerfesten treffen, mit Kind, Hund und Kegel… was Ihrer Theorie nach in einem gigantischen Hundekampf ausarten müsste… und die, so wie ich, irgendwann mal einen verwirrt verängstigten Staff trösten müssen, weil ein neurotischer Westi sich in seiner Lefze verbissen hatte.
In meiner Tierheimarbeit habe ich „Kampf“-Hunde getroffen, die allen Grund hatten Vorurteile gegen Menschen zu entwickeln. Sie wurden zum verhungern an Heizungen gekettet, geprügelt, geblendet, mißhandelt auf so viele unterschiedlichen perfiden Weisen, wie sie nur ein Menschengehirn erdenken kann. Die meisten von ihnen habe ich in neue, liebevolle Hände fortziehen sehen. Sie alle hatten die Größe sich neu einzulassen, Menschen nicht zu verallgemeinern, ihre bestialischen Erfahrungen nicht in ein Vorurteil zu verwandeln.
Wieso kann ein Hundeprofi weniger als jene Hunde, die er diffamiert?

Am 9. September 2001 war ich in Dessau engagiert. Wir hatten gerade Endprobenwoche "Die Feuerzangenbowle", sie sollte am 14. September Premiere haben… sollte, die Premiere wurde dann verschoben.
Wir hatten einen Durchlauf und ich wartete oben bei den Garderoben auf meinen nächsten Auftritt, als die Nachricht kam, dass ein Flugzeug in das World Trade Center gestürzt war.
Unfall, ein schrecklicher katastrophaler Unfall… so unser erster Gedanke. Dann kamen die anderen Flugzeuge. Die Probe wurde unterbrochen.
Ich ging mit einigen Kollegen und meinem Lieblingsdramaturgen in die Dramaturgie, dort lief der Fernseher und ich sah zum ersten Mal die Bilder zu den Nachrichten.
Surreale Bilder. Bilder, wie man sie gewohnt ist aus Kinofilmen, die sich dramatische Spezialeffekte leisten können. Bilder, wie man sie nicht fassen kann, wenn sie das Wissen in sich tragen, dass sie die Wirklichkeit abbilden.
Was ich aber genauso unauslöschlich erinnere sind die Bilder von feiernden Menschen. Jubelnden Menschen. Menschen, die die amerikanische Fahne auf den Straßen verbrannten, Männer die Freudenschüsse in die Luft feuerten, tanzende Frauen, Kinder, die die Hände triumphierend Richtung Himmel streckten, lachend. Ein Fest angesichts der zu Feuerbällen gewordenen Flugzeuge. Ein Fest des Hasses. Diese Bilder waren nicht minder surreal.

Heute habe ich sie wieder gesehen.
Es wurden keine amerikanischen Fahnen verbrannt, sie wurden geschwenkt. Es gab keine Schüsse, aber kollektives high five. Jubelnde Menschenmassen auf den Straßen, Chöre skandieren "USA, USA!", die Menschen tanzen, springen, tragen sich gegenseitig auf den Schultern, lachen und feiern ekstatisch.
Ein saudi-arabischer Terrorist wurde in Pakistan nach 10 Jahren von den Amerikanern hingerichtet – und die feiernden Menschen auf den Straßen sprechen von Gerechtigkeit, Gott und Glück.
Der überwiegende Anteil der Medien, Politiker aus aller Welt, inklusive unserer beglückwünschen die Amerikaner zu dieser Leistung. Eine Verhandlung hat nicht stattgefunden, ein Gerichtsurteil wird es niemals geben – aber das Urteil wurde vollstreckt.
Und mir fällt schon wieder nur ein einziges Wort ein… surreal.