Irgendwann einmal verhieß uns der Glaube an die Technologie eine strahlende Zukunft. Nirgendwann war die Chance dafür, dass sich dieses Versprechen einlöst, größer als 2011. Und wieso geht das dann nicht durch alle Medien? Als Gegengewicht zu frustrierenden Weltfinanzmeldungen und kriegerischen Mißständen aller Art?
Weil das mit der "strahlenden Zukunft" ein Mißverständnis war – und deshalb ist die Chance dafür auch frustrierend. Wenden wir uns den Strahlenquellen zu.
Fukushima – ja, das gibt's noch und leider strahlt es auch ohne mediale Anteilnahme weiter. Inzwischen ist klar, dass die Betreiberfirma TEPCO von Anfang an nach Kräften bestenfalls verschleiert, schlimmstenfalls gelogen hat. Der Tsunami hat zwar die Kühlung der Akw's schachmatt gesetzt, allerdings waren die Druckbehältnisse der Brennstäbe bereits nach dem Erdbeben beschädigt… eine Kernschmelze schon nach dem Erdbeben nahezu unausweichlich. In den Reaktorblöcken 1-4 hat es Explosionen gegeben, bei Block 3 vermuten einige Experten mittlerweile, dass die Explosion nicht auf Wasserstoff zurückzuführen ist, sondern auf Kernspaltung. Wie auch immer, vier Reaktoren befinden sich in einem desolaten Gebäudezustand, in dreien davon schmelzen sich die Kerne gerade durch ihren Sicherheitsbehälter. Wie weit sie in die darunterliegende Betonschicht geschmolzen sind kann derzeit niemand sagen, die Gebäude sind höchst begrenzt betretbar.
Immernoch findet man Spaltprodukte, die aufgrund ihrer geringen Halbwertzeit nicht mehr aus dem aktiven Reaktorbetrieb stammen können, sie wären dann bereits zerfallen. Ihr Vorhandensein deutet auf spontane Rekritikalität der geschmolzenen Kerne hin… was nichts anderes bedeutet, als dass in dieser Masse, die sich durch den Reaktor schmilzt, weiter aktive, sich selbst erhaltene Kernspaltungsprozesse stattfinden. Treffen diese Kerne auf Wasser wird es zu einer Explosion unabsehbaren Ausmaßes kommen. Wissenschaftler halten es für eine gute Idee eine zusätzliche unterirdische Eindämmung zu bauen, auch um das Grundwasser vor radioaktiver Verseuchung zu schützen. Auch die japanische Regierung befürwortet das. TEPCO lehnt ab. TEPCO ist überfordert. Denn da sind ja noch vier Abklingbecken in denen tausende Tonnen Uran und Plutonium lagern. Ganz dicht sind die Becken nicht mehr, in welchem Umfang weiß allerdings keiner. Man pumpt weiter Wasser in sie hinein, versucht einen angemessenen Füllstand zu sichern, trotzdem liegen die Brennelemente immer mal wieder frei. Abklingbecken Nr.4 ist 8 Grad davon entfernt zu kochen, der Zustand sämtlicher Brennelemente in allen Becken ist spekulativ, ganz sicher aber sind sie nicht unbeschädigt.
Rund um Reaktor 2 versagen neuerdings elektronische Geräte… das kennt man aus Tschernobyl, deswegen verpflichtete man damals dann Menschen für Aufräumarbeiten.
Das Evakuierungsgebiet ist zu klein, man weiß das. Man findet Strahlungsgebiete 60 Kilometer von den Reaktoren entfernt in denen Menschen nicht leben sollten, aber größere Evakuierung bedeutet größere Kosten. Deswegen verschleppt man sinnvolles handeln und schickt Schulkinder mit eigenen Dosimetern, langen Ärmeln und Mütze zur Schule. Das hilft nicht, aber man hat ja was getan. Spielen sollen sie aber zuhause… lieber nicht draußen. Ist draußen denn gesundheitsschädlich? Nein, natürlich nicht, reine Sicherheitsmaßnahme.
Ein Tierschützer, der zwei streunende Hunde widerrechtlich aus der Evakuierungszone gerettet hat, bekam einen abstrusen Anruf eines TEPCO-Mitarbeiters. Er solle die Hunde wieder abgeben, die gehören angeblich nunmehr TEPCO. In Tschernobyl wurden alle Haus- und Wildtiere abgeschossen. In ihrem Fell sammeln sich radioaktive Partikel, die sie dann verschleppen, sie werden zu Strahlungsquellen und müssen als schwachstrahlender Sondermüll beseitigt werden. TEPCO wollte die Tiere sicher nicht aus Tierliebe.
Dabei braucht es keine Tierfellmessungen um zu belegen, dass TEPCO das Ausmaß der Katastrophe verharmlost hat. Erst vor kurzem musste der Konzern die bisher voraussichtlich freigewordene Strahlungsmenge verdoppeln… man habe sich da verschätzt.
Gibt's auch anderswo strahlendes absurdes Theater? Oh ja. Haben Sie schon mal ein Boot an einem Kernkraftwerk anlegen sehen? Derzeit kann man ein solches Bild in Fort Calhoun besichtigen. Das Nuklearkraftwerk ist vom Mississippi eingeschlossen worden. 2010 bescheinigte die NRC (Nuclear Regulatory Commission) eine 100%ige Chance auf einen Kernschaden, wenn eine Mississippiflut 1010 Fuß übersteigt. Die Chance für eine solche Flut wurde mit 19% als unwahrscheinlich bewertet. Die derzeitige Flut ist bei 1007 Fuß, Tendenz steigend. Eilig erbaute wassergefüllte Barrieren sind zerstört, inzwischen sickert Wasser in die Transformatorengebäude, deswegen ist man auf Notstrom. Man hat Sandsäcke gestapelt und versucht einströmendes Wasser vom Gebäudekomplex zu pumpen. Man sieht Kraftwerkpersonal Benzinkanister eilig zu den jeweiligen Pumpanlagen schleppen und Sandsäcke auftürmen… wir können Atome spalten, aber wenn uns dieser Wagemut entgleitet, dann schippen wir Sand in Säcke.
War's das schon? Leider nein. In Los Alamos frißt sich ein expandierendes Buschfeuer an ein Kernforschungszentrum heran. Auf dem Gelände des Los Alamos National Laboratory lagern 30.000 Fässer mit über 200 Litern plutoniumbelastetem Müll aus der Zeit des Kalten Krieges, oberirdisch in Zelten. Das Feuer ist dem Gelände zur Zeit stellenweise bis auf 15 Metern nahe gekommen. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage lauten heiß, trocken und windig. Der Fire Chief Doug Tucker sagte in einem Interview “I seriously think it will be up to 100 thousand acres, God I hope not God I hope not."

Gerade, während ich diesen Beitrag geschrieben habe, kam eine neue Meldung auf Enenews herein… um Fort Calhoun gibt es jetzt eine 10 Meilen Evakuierungszone. Sicherheitsmaßnahme. Es gäbe keine unmittelbare Bedrohung. Ich habe nach Fukushima mal einen Physiker sagen hören: "Wenn jemand im Zusammenhang mit einem Atomkraftwerk sagt, es bestünde keine Gefahr… lauf'!"

Habe ich erwähnt, dass es ein Stück flussabwärts noch das Cooper Kernkraftwerk gibt? Sie wollen es erst ab 902 Fuß hoch Wasser drumherum abschalten… könnte bald passieren, man ist inzwischen bei 900 Fuß. Man könnte zynisch werden. Rachel Maddow wurde es. Sie faßte die aktuelle nukleare Situation weltweit zusammen… tadellos sarkastisch, tadellos faktisch korrekt. Ansehenswert.

Es ist so weit. Heute beginnt das Sommermärchen reloaded, der Anlauf für den Hattrick, der Anstoss zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Punkt.
Punkt? Nein, nicht Punkt. Der Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Das scheint man dazu sagen zu müssen, denn es scheint eine imsense Rolle zu spielen. Warum ist das eigentlich so ein Akt, ein Segen, ein Drama, eine Besonderheit, ein Aufreger, je nachdem, wen man fragt.
Kolummnisten der Süddeutschen Zeitung beschwören Kindheitserinnerungen, wie sie als kleiner Junge auf den Schultern ihres Papas Fußballspielen beigewohnt haben und begründen damit ihr Desinteresse am Frauenfußball. Ja, das ist natürlich ein Argument… weibliche Kicker können Erinnerungen wirklich beschädigen.
Die Fahrer der Formel 1 waren zum Teil verblüfft, dass diese WM stattfindet. Das kann schon mal passieren, wenn man an Frauen als Grid Girls gewöhnt ist. Macht auch nüscht, ich weiß auch nie welches Rennen wo auf der Welt ansteht und welcher Fahrer wieviele Punkte wann eingesammelt hat.
Immerhin, Panini hat zum ersten Mal ein Klebeheft für die Fußballerinnen 'rausgebracht. Die Auflage ist kleiner, man produziert aber bereits nach, denn es verkauft sich gut. Bei den persönlichen Angaben zu den Spielerinnen fehlt das Gewicht. Man fand, das gehöre bei Frauen nicht veröffentlicht. Wieso eigentlich? Von vielen Supermodels und Schauspielerinnen bekommt man es nachgeschmissen. Ein bißchen weniger diätetische Gewichtsangaben wären doch eine beruhigende Orientierungshilfe für Teenager, die mit zweiflerischem Blick auf der Waage stehen.
Die Berichterstattung hat sich gemausert seit den Tagen der Kaffeeserviceverschenkung an die Europameisterinnen aus Deutschland. Fragen nach der speziell weiblichen Perspektive, Formulierungen a la "…wie würden Sie als Frau…" und dergleichen Journalistenplattheiten scheinen zur Randerscheinung zu verkommen und Erkundigungen nach Spielstrategie und Aufstellung Platz zu machen.
Fußgängerzonenbefragungen erbringen hingegen immer noch vehemente männliche Abwehrreaktionen. Wieso ist das eigentlich so? Ausdrücklich: kein Mann sollte gezwungen werden Frauenfußball zu gucken, wenn er nicht mag. Für Frauen gilt das gleiche für den Herrenfußball. Jeder hat das Recht auf freie Interessenwahl. Aber wieso scheint manchen Männern allein die Existenz von Fußballerinnen Angstzustände zu bereiten? Wieso behandeln manche Vertreter der Männlichkeit eine Frauenfußball-WM, als käme dieses Event einer seelisch-mentalen Kastration ihrer Existenz gleich?
Wieso ist die Geschlechterfrage ausgerechnet im Fußball so schwer zu überwinden?
1978 starteten 15 Teilnehmer zum ersten Ironman-Triathlon auf Hawaii… Männer unter sich und im Titel steckt's ja schon drin: IronMAN. Bereits 1979 startete die erste Teilnehmerin. Es gab keine aufwendigen Sonderregellungen, über eine Streckenverkürzung wurde nicht debattiert und eine Abspaltung zum IronWOMAN wurde nicht praktiziert. Es lief mehr nach dem Motto: "Wenn du dich genauso quälen willst, dann mach' doch!". Derzeitige Streckenrekordhalterin auf hawaiianischem Pflaster ist Chrissie Wellington, nur 22 Männer waren jemals schneller als sie.
Fühlen sich die restlichen Teilnehmer deswegen entmannt? Wohl kaum, hey, sie sind Ironman-Finisher, da ist jeder ein Held… oder eine Heldin.
Heute kann jeder Triathlonveranstalter entscheiden, ob er Frauen und Männer in zwei Wettkämpfen starten lässt oder alles in ein Event packt. Oftmals eine logistische Entscheidung. Bei Weltcup oder World Series Events gebietet die schiere Masse der Gemeldeten eine Partionierung auf zwei Tage und dann starten die Geschlechter getrennt. Oft werden nur die verschiedenen Distanzen getrennt, aber alle starten gemeinsam.
Ist dabei Thema dass Frauen bei kürzeren Strecken etwa 90% der Leistung ihrer männlichen Kollegen erreichen? Eigentlich nicht. It's fun!!!
Ist dabei Thema dass Astrid Benöhr auf der fünffachen Ironman-Distanz über zwei Stunden und auf der zehnfachen Ironman-Distanz fast fünf Stunden schneller war als jemals ein Mann? Eigentlich nicht. It's fun!!!
Und darum geht's doch. Wir haben eine Fußball-WM im Land. Wir haben Gäste aus verschiedensten Ländern, wir haben Spiele, Spaß und Spannung. Man kann Fußball mögen oder nicht und danach entscheiden ob man sich mit Fanartikeln behängt, in den Nationalfarben bemalt und die Vuvuzela wieder auspackt.
Heute beginnt eine Fußball-WM. Leute, it's fun!!!

Regensburg ist katholisches Pflaster. Mit Bischof Gerhard Ludwig Müller, der Missbrauchsfälle auch schon mal als "Inszenierung" gegen die Kirche verstanden wissen will, ist es manchmal ein höchst verwunderliches und unerfreuliches katholisches Pflaster. Dafür können aber seine Schäfchen nichts und so ist Regensburg vornehmlich einfach nur katholisches Pflaster.
Das bedeutet, wenn es einen katholischen Feiertag gibt, dann wird er in Regensburg vollumfänglich begangen und gefeiert. Heute ist Fronleichnam, ein Hochfest der katholischen Kirche, bei dem die leibliche Anwesenheit Jesu Christi beim Abendmahl gefeiert wird.
Diese Feierlichkeit kündigt sich bereits Tage zuvor durch an die Häuser gebundene Birken an. Als mein Patenhund einmal zu dieser Zeit bei mir zu Besuch war fand er diesen Brauch entzückend und erfreulich. Für ihn muss es gewirkt haben, wie in dem Asterixband, in dem Miraculix Eicheln mit Zaubertrank präpariert, sodass man sie nur auf den Boden werfen muss und schwups steht eine neue Eiche da. Überall in der Stadt hatte es neue Bäume, dolle Sache!
Fronleichnam selbst gibt es eine Prozession. Sie zieht jedes Jahr unter meinem Fenster Richtung Dom, umfasst eine beeindruckende Anzahl verschiedenst gewandeter Gläubiger und Würdenträger, eine Monstranz unter einem Baldachin und zieht sich in der engen Gasse wie Kaugummi in die Länge, sodass es geraume Zeit in Anspruch nimmt bis der Polizeiwagen am Ende durch ist… im Marathon nennt man das den Besenwagen.
Dagegen ist gar nichts zu sagen. So, wie ich von jeder Religion Toleranz erwarte gegenüber anderen Religionen, so erwarte ich sie auch von mir gegenüber diesen Ausübungen des Glaubens. Allein, die Katholiken üben ihren Glauben bemerkenswert früh am Tag aus. Und bemerkenswert früh am Tag befindet sich meine Toleranz noch auf dem Level eines Neandertalers… sie ist gewissermaßen nur rudimentär angelegt.
Ich erinnere eine Kirche am Lausitzer Platz in Berlin, welche die Angewohnheit hatte sonntags ab 7 Uhr morgens ihre Gemeinde ins Gotteshaus zu rufen… etwa 15 Minuten lang und ich konnte mich nie wirklich dazu durchringen das Glockengeläut zu schätzen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde auch die Tendenz haben zu gewissen Uhrzeiten dem freundlichen Muezzin von nebenan , wenn er seine Ausrufung beginnt mit "Gott ist größer!", zuzurufen "Kann der nicht zur Abwechslung mal leiser sein statt groß?". Und Gott, egal welcher, ist mein Zeuge, dass ich die nordrheinwestfälischen Schützenvereine schon herzhaft verflucht habe wenn sie mit Blechinstrumenten-Tschingdarassabums zur morgendlichen Tradition des "Weckens" durch die Straßen ziehen.
Ja, morgens bin ich nicht fähig auferzwungene akustische Darbietungen zu würdigen, ganz gleich welcher Natur.
Zurück zur Regensburger Prozession. Sie ahnen es… lautlos besinnlich findet die nicht statt. Ich bin mit den inhaltlichen Abläufen nicht vertraut, aber es stellt sich so da: einer singt/betet vor, jeweils eine Zeile, dann singen alle anderen "Lobet den Herrn, denn er ist gut.", dann kommt die nächste Solo-Zeile und die anderen antworten wieder mit demselben Text. Der "Vorbeter" benutzt dafür zeitgemäß ein Megafon, könnte ja sein, dass ihn Gott sonst nicht hört.
Aufgrund der schieren Masse der Teilnehmer, der Enge der Gassen und wegen des gemessenen Schritttempos dauert diese Beschallung… und dauert… und dauert… "Lobet den Herrn, denn er ist gut."…
Inzwischen bin ich mir aber keineswegs sicher, ob der "Herr" das so gut findet, wie man ihn lobt. Inzwischen verfolge ich die Theorie, dass der vielleicht auch Langschläfer ist. Ursächlich für dieses Gedankenmodel ist die Fronleichnamsprozession vor zwei Jahren. Ich hatte gerade die ersten Klänge der „frommen Übung“ gehört (sie ist tatsächlich keine Lithurgie, sondern eine „fromme Übung“ mit bischöflicher Zuständigkeit), als sich am Himmel im Zeitraffertempo tiefbläuliche Wolken zusammenrotteten und zu einem regenverheißenden Gebilde formierten. Wind kam auf und fegte durch die Gassen, zupfte keck an den priesterlichen Gewändern, trieb weitere Regenwolken zu einer gräulichen Himmelsbedeckung zusammen und gerade als die Prozession an meinem Fenster vorbei war, und noch ettliches an Weges bis zum Dom vor ihr lag, öffnete das Himmelsgewölbe seine Schleusen und schüttete Wassermassen von bemerkenswerter Kapazität aus.
Als Besitzerin einer ausgeprägten Cartoonfantasie stellte ich mir vor, wie die Gewänder der Teilnehmer sich binnen Minuten mit etwa zwei Litern Wasser vollsaugten, wie das Dach des Baldachins sich in einen ansehnlichen Goldfischteich verwandelte und bestimmt ist es ganz und gar unschicklich die „fromme Übung“ abzukürzen oder deren Schrittgeschwindigkeit zu verdoppeln. Und unter diesen Umständen noch "Lobet den Herrn, denn er ist gut." zu singen kann tatsächlich als ein Glaubensbekenntnis angesehen werden.
Heute nun hatte man augenscheinlich viel Vertrauen in die mitgebrachte Technik gesetzt. In der Raumfahrt glaubt man an die Notwendigkeit der Redundanz technischer Systeme – aus gutem Grund. Wären die Prozessionsteilnehmer heute auch ein bißchen diesem Glauben gefolgt – dann hätten sie ein zweites Megafon am Start gehabt. Aber sie hatten wohl nur eins… und das tat definitiv nicht was es sollte. Trotzdem wurde es stoisch und in unverminderter Lautstärke zum Einsatz gebracht.
Das Ergebnis hatte eine Komik, die man auf einer Bühne vermutlich als Klamauk abgestempelt hätte. Hunderte festlich gekleideter Prozessionsteilnehmer… "Wrrrschpppschtk er krrrruptzukuzzzzzz das schrrrrupschhhhhhhhh." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut."… schreiten langsam über das Kopfsteinpflaster… "Kruzzzzzzzzzniakkkksch der prssssschhhhhhtgumnussch lobet chrrrrusssssjummmmmschkkkkssss." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut."… und die Gasse hallt wieder von der sinnreichen Botschaft: "Prrrrschhhhhumpfschhhh Herr gruzzzzzschzzzziakszt ist dwwwwworfffkschmmmmuschkz." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut.".
Nee, wirklich, ich bin geneigt die These in den Raum zu stellen, dass Gott ein Langschläfer mit viel Sinn für Humor ist.

Haptische Menschen sind durch Berührung verführbar. Nun werden Sie sagen, haha, großes Geheimnis, alle Menschen sind durch Berührungen verführbar. Es kommt nur darauf an wie und durch wen. Aber so meine ich das gar nicht.
Wikipedia beschreibt das so: „Als haptische Wahrnehmung (griech.: haptόs „fühlbar“, haptikόs „zum Berühren geeignet“) bezeichnet man das aktive Erfühlen von Größe, Konturen, Oberflächentextur, Gewicht usw. eines Objekts durch Integration aller Hautsinne und der Tiefensensibilität.“
Ich war ein sehr schüchternes Kind, das erschwerte mir das beherzte Zugreifen. Trotzdem äußerte sich die Tendenz zum Tastjunkie bei mir früh und ist bis heute erhalten geblieben. Das klingt harmlos, kann aber skurile Formen annehmen.
Ich besitze 17 Füller. Manche waren teurer, andere sind aus Plastik, erheblich ist das nicht. Manche schreiben überaus fein, andere eine satte Linie, manche kratzen ganz leicht das Papier, andere gleiten darüber, manche wiegen schwer, manche liegen schlank zwischen den Fingern, allein die kalligrafische Federsammlung unterschiedlichster Breite ist eine eigene Unterhaltungsabteilung. Ich schreibe gerne noch altmodisch Briefe. Dabei sondiere ich Stimmung und Zweck und wähle danach das Schreibgerät aus. Aber den richtigen Brief mit dem falschen Füller schreiben zu müssen wäre eine das Vergnügen kippende, das Projekt verflachende, fast körperlich schmerzhafte Vorstellung vollkommender Unsinnigkeit. Deswegen könnte ich keinen missen und kaufe ab und an ergänzende dazu.
1996 erwarb ich eine Zigarettendose von Lucky Strike, inklusive 21 Zigaretten für fünf Mark. Seidem beware ich darin meine Rauchware auf. Inzwischen kann man die rauchende Braut darauf nicht mehr gut erkennen, die Scharniere hat’s gehimmelt und mitleidig liebevolle Mitmenschen schenken mir immer wieder diverse alternative Zigarettenaufbewarungmöglichkeiten. Ich sammle sie ein einer Box und beule die Blechdose hartnäckig immer wieder aus.
Ähnliches betreibe ich unter anderem mit meiner Brieftasche, einer Jeans von 2002, meinem für mich gebauten Rennrad, einem Terminplaner, einem unvorstellbar lauten elektronischen Wecker Baujahr ca.1980 (ich glaube heutzutage würde seine Konstruktion gegen Lärmschutzbestimmungen verstoßen, ich werde nie wieder pünktlich sein, wenn er den Geist aufgibt!), einem Rucksack und einem Berlinplan, den ich 1986 geschenkt bekam und den ich bis heute dorthin mitnehme, obwohl im Osten längst viele Straßen umbenannt worden sind.
Das sind lauter Dinge, die sich extrem angenehm an mich angepaßt haben und deren Umbesetzung mit weniger personalisierten Alternativen mir Unbehagen bereitet.
Allein… nothing lasts forever… und manchmal muss es sein. Bis 2009 benutzte ich einen Sony Vaio, Baujahr 1998 für meine Internetaktivitäten. Er reichte aus und er hatte eine butterweiche, leicht gummierte Tastatur, die erfreulich widerstandsfreudig meiner Angewohnheit Texte nicht zu tippen, sondern einzuhacken entgegenkam und sich trotzdem angenehm an den Fingerspitzen anfühlte. Eines Tages, unvermittelt und grausam, blieb sein Bildschirm dunkel. Sofortige Verschleppung des Notebooks zur nächstgelegenen PC-Reparatur. Die Diagnose war erschütternd. Der Inverter der Bildschirmbeleuchtung war hinweggeschmort. Es folgte ein „Emergency Room“-ähnlicher Dialog: „Kann man das reparieren?“ „Ja, schon, aber das kostet Sie mehr als der noch wert ist.“ „Das ist mir egal. Tun Sie’s!“ „Ich bin nicht einmal sicher ob man den anschließend wieder zusammenschrauben kann.“ Ich trug meinen kleinen ausgedienten Vaio frustriert wieder heim, sicherte die Daten, bekam ein Notebook von einer Freundin geliehen und begab mich auf die Suche nach Ersatz.
Ich fuhr die Elektronikgeschäfte der Stadt ab. Inzwischen hatte sich dann doch was bewegt auf dem Notebookmarkt. TFT Bildschirme sind inzwischen out, dafür gibt’s irre schnelle Prozessoren, gigantische Festplattenkapazitäten und Wahnsinnsgrafikkarten. Ich baute mich vor allen Geräten auf und betippte die Tastaturen. Mein kritischer Verbraucherblick lockte zumeist schnell Verkaufspersonal an, das meiner Zufriedenheit hilfreich sein wollte.
„Das Model haben wir gerade heruntergesetzt, sehr gutes Preis/Leistungsverhältnis.“ „Bestimmt, aber… hören Sie das? Die Tastatur surrt.“ Man betrachtet mich leicht irritiert. „Und was ist mit dem? 3.072 MB RAM!“ „Ja, sehr schön, aber die Tastatur klingt nach Plastik und tippt sich nicht tief, so ohne Widerstand.“ In den Verkäuferaugen blitzt eine Idee auf, man führt mich zum Flaggschiff, einem Mac Book Pro. „Ganz ausgezeichnet verarbeitet! Wunderschönes Design!“ „Oh ja, stimmt, die hat mehr Widerstand, aber…“ ich tippe ein paar mehr Sätze „…die Tasten sind völlig flach, die passen sich gar nicht an die Fingerspitzen an.“.
Ich bin überzeugt, in den Aufenthaltsräumen der hiesigen Elektronikgeschäfte hängt mein Bild, versehen mit dem Vermerk „Diese Kundin einfach machen lassen, nicht beraten.“.
Ich versuchte einen identischen Vaio bei Ebay aufzustöbern, aber das Model ist offenbar hauptsächlich nur noch zum ausschlachten in Umlauf.
Dann endlich fand ich im Internet den Testbericht eines Gleichgesinnten. Neben technischen Details widmete er in seinem Bericht einen umfangreichen Absatz nur der Tastatur. Er beschrieb sie als Schreibmaschinenähnlich, widerstandsfreudig, hochwertig verarbeitet und perfekt geeignet darauf herumzuhacken. Der Testbericht war mehr als acht Jahre alt und beschrieb ein IBM ThinkPad. Ein Original aus der Zeit, bevor IBM 2004 die Notebookfabrikation an Lenovo nach China verkaufte. Ich recherchierte, ich jagte, ich bot auf Ebay was das Zeug hielt und die Vernunft erlaubte – und dann hatte ich es… mein T22 IBM ThinkPad, Baujahr 2001. Ja, es hat nach Betriebssysteminstallation weniger Festplattenspeicher als ein handelsüblicher USB-Stick, nein, die Grafikkarte schafft nicht jedes Game und mein Arbeitsspeicher beträgt niedliche 256MB. Aber ich klappte es auf und noch bevor ich es hochfuhr tippte ich Probe… es fühlte sich himmlisch an, nichts surrte, jeder Buchstabe tackerte wie ein Maschinengewehr und meine Fingerspitzen konnten jede Taste buchstäblich noch nach der Berührung spüren. Ich strahlte, ich war seelig. Meine Mails wurden wieder länger, ich schrieb wieder Texte, ich tippte wieder so schnell wie gewohnt.
Kurz darauf erwarb ich ein zweites ThinkPad als Subnotebook… sicher ist sicher. Den Schlamassel will ich nie wieder.

Ein guter Freund von mir gibt heute eine großartige Vorstellung. Ich bin sicher, Sie kennen ihn, man könnte ihn berühmt nennen. Ehrlich gesagt kennen ihn die meisten Menschen auf diesem Planeten… äh, nein, alle, es kennen ihn alle. Vielleicht nennen ihn nicht alle "Freund". Ich nenne ihn so, weil er ein guter Begleiter ist. Die meisten nennen ihn "Mond" und heute Nacht gibt er eine ganz grandiose OpenAir-Show.
Nein, Eintrittskarten müssen nicht erworben werden, die Show ist for free. Allerdings ist sie ein bißchen wetterabhängig. Aber das kennt man ja vom Freilicht.
Heute Nacht tritt der Mond in den Schatten der Erde ein, zur längsten Mondfinsternis der letzten 10 Jahre. Nun werden Sie denken, wow, nachts, wenn es gewohnheitsmäßig zur Dunkelheit neigt, wird nun auch der Mond finster… na, da wird man ja echt was zu sehen kriegen.
Aber wer oder was auch immer diese astronomischen Spektakel inszeniert… da ist ein Regietalent am Werk, mit einem gehobenen Talent für Special Effects. Obwohl sich die Erde erstaunlich exakt zwischen Sonne und Mond befinden wird erreicht noch genug Licht der Sonne den Mond um ihn für uns sichtbar zu erhalten… so weit einfach nur ein beeindruckender Beweis für die Leuchtkraft unseres Sterns. Doch nun zum Special Effect. Die Atmosphäre unseres Planeten wird rotes länger welliges Licht in den Kernschatten streuen, während kurzwelligeres grünes und blaues Licht durch Staub und Wasserdampf in der Atmosphäre zurückgehalten wird.
Das Ergebnis dieses kosmischen Filters heißt "Blutmond", beschreibt ein ziemlich seltenes astronomisches Phänomen und taucht unseren Trabanten in ein rostbraunes Rot.
Die Eckdaten der zu erwartenden Vorstellung sind:

19:53 Uhr MESZ Mi.: Beginn der sichtbaren Mondfinsternis
20:22 Uhr MESZ Mi.: Eintritt in den Kernschatten (Umbra) der Erde
21:22 Uhr MESZ Mi.: Beginn der Totalität
22:12 Uhr MESZ Mi.: Maximale Totalität erreicht
23:02 Uhr MESZ Mi.: Ende der Totalität
00:02 Uhr MESZ Do.: Austritt aus dem Kernschatten der Erde
00:32 Uhr MESZ Do.: Ende der sichtbaren Mondfinsternis

War's das schon? Aber nein, jede gute Show lädt sich doch Gäste ein. Alle, die nun beschlossen haben ihrem Nacken einen längeren Blick in den Nachthimmel zuzumuten sollten um 23.10 MESZ (Uhrzeitangabe für den Süden Deutschlands, kann in anderen Gebieten plus/minus rund 60 Sekunden variieren… individueller Standort kann HIER herausgefunden werden!) ihre Augen auf den westsüdwestlichen Horizont richten. 10 Grad über der angenommenen Horizontlinie wird aus dem Dunkel der Nacht ein gleißender Lichtpunkt zu einer rasanten Reise quer über den Nachthimmel antreten. Was auf den ersten Blick wie ein sprintender Stern aussieht ist die Internationale Raumstation ISS, nach dem Mond das zweithellste Objekt unseres Nachthimmels, die sechs Minuten lang mit 28.000 Stundenkilometern über unsere Köpfe hinweg rast, bis sie 11 Grad ostnordost im Nachthimmel verschwinden wird.

Ein französisches Sprichwort sagt: "Wenn die Sonne scheint, hat der Mond Langeweile.
Das stimmt nicht. Manchmal verbünden sich die beiden… und stellen eine Show auf die Beine, die den Tatbestand der Angeberei erfüllt.
Wenn Sie öfter mal nachts nach oben schauen und den Mond anlächeln, dann ist heute eine gute Nacht diese Angewohnheit zu pflegen. Wenn Sie lange nicht in der Nacht gestanden haben um den Mond anzulächeln – dann ist heute eine gute Nacht das mal wieder zu tun.
Viel Vergnügen!

Was hat man, wenn rund 4000 Menschen sich treffen um gemeinsam zu schwitzen und Endorphine auszuschütten?

Um Gottes Willen, was denken Sie denn jetzt… ???

Sowas nennt sich Laufevent, findet manchmal auf mehrere Tage verteilt statt, wobei der Marathon natürlich die hohe Weihe aller Laufwettbewerbe darstellt. In seinem Spülsaum finden Kidsläufe statt, man kann 5km oder 10km laufen, natürlich auch den Halbmarathon, man kann auch 10km Nordic Walking betreiben.
Obwohl ursächlich, und ich betone hauptsächlich, angetreten um eine wundervolle Kollegin, deren Begabung mich seit 18 Jahren entzückt und berührt, als „Marianne“ beim „Raub der Sabinerinnen“ über die Bühne toben zu sehen verband sich diese Gelegenheit zufällig mit der Möglichkeit an den Wettbewerblichkeiten rund um den Metropol Marathon in Fürth teilzunehmen.
Ich sage absichtlich „rund um“, denn obwohl ich als Schauspielerin natürlich eine gewisse Vorliebe für griechische Legenden habe und mich diese Geschichte „Erfolgreiches Schlachtgetümmel – Boten losschicken – rennen – rennen – rennen – Bote trifft ein – Bote japst „Sieg!“ – Bote bricht zusammen“ dramaturgisch dramatisch sehr anspricht… ich halte Marathonläufer für bewundernswürdige Wahnsinnige.
Da ich in letzter Zeit eine faule Socke war entschied ich mich gegen das laufen und für das 10km walken. Seit 2008 kann ich da auswählen. In dem Jahr schleuderte ich als begehrlich wilde „Brunhild“ meinen königlichen „Bezwinger“ leidenschaftlich auf seinem Thron in einem Halbkreis um mich über die Bühne… verhakte meinen Fuß dabei im altdeutschen Holzfußboden und animierte meine Kniescheibe mitten in einer der ersten Vorstellungen dazu kurzzeitig die für sie vorgesehene Knorpelschiene zu verlassen. Sofortige Beugungsunfähigkeit des Knies und spontaner Umbau einiger körperlich gewagter Aktionen. Am nächsten Morgen wurden überdehnte Sehnen und ein Bluterguss im Knie diagnostiziert – und noch massenweise tägliche „Nibelungen“-Vorstellungen vor der Nase. Juhu. Das Knie wurde verbandstechnisch stillgelegt, unüberspielbar. Also verpaßte ich der ohnehin gewaltbetonten Brunhild einen blutigen Verband und integrierte die Beugungsunfähigkeit in die Darstellung – witzigerweise stellte sich heraus, dass dieser eigentlich hinderliche Aspekt darstellerisch eine Bereicherung wurde, da sowohl „Brunhild“ als auch Silvia Rhode gegen dieses körperliche Defizit anspielen mussten und sich ganz neue raffinierte Verlagerungen von Wildheit eröffneten – auf die ich ohne den Schlamassel nie gekommen wäre.

Nicht eine Vorstellung fiel aus… aber joggen war tabu.
Das führte zu einer beständig anwachsenden körperlichen Unausgeglichenheit mit Grundzügen von persönlicher Unausstehlichkeit. Zum Schutz meines eigentlich annehmbar freundlichen Wesens lernte ich Nordic Walken.
Inzwischen laufe ich wieder, auch in Wettbewerben. Aber wenn ich gerade nicht sauber austrainiert bin, dann habe ich heute die Freiheit der Wahl… und überhole mit 7km/h Walkgeschwindigkeit angelegentlich sogar Freizeitläufer.
In Fürth war diese Wahl goldrichtig – wie sich später herausstellen sollte.
Das Hotel lag gewissermaßen im Epizentrum des Geschehens, Start/Zielbereich in Sichtweite, lustige Mikrophon- und Musikbeschallung inklusive. Ab 9 Uhr begucken wir minutenlang vom Hotelfenster aus wie rund 2000 Halb- und Marathonläufer/innen an uns vorbei auf die Piste traben… da ist es, gelinde gesagt, bereits freundlich warm. Wir gehen erstmal frühstücken. Das Hotel ist voll von Menschen in Sportklamotten, freundliches zunicken von unbekannt an unbekannt. Gegen High Noon verklebe ich an meinen Füßen einige im Training erworbene Blasen, präpariere mich in ein Outfit, das besagen soll „So wie ich aussehe bin ich schneller als du!“ (Kostüme sind wichtig!!!) und wir begeben uns an die Strecke.
Inzwischen sind es 29 Grad. Die Läufer und Walker starten gemeinsam auf ihre 10km-Strecke. Der Mann am Mikrophon ermahnt die Läufer vorzulassen und die „langsamen Walking-Schnecken sollen sich dahinter aufstellen“ (O-Ton). Sonja steht an der Startlinie und denkt sich grinsend „Oh oh, das wird Silvia nicht gefallen.“ Recht hat sie! Ich habe hinten in der Masse gestanden, auch gegrinst und gebrüllt „Ich zeig‘ dir gleich mal wer hier langsam ist!“. Sowas!
Zehn Kilometer sind eigentlich eine schöne Länge, man kann damit gut herumspielen. Es sei denn man verbringt sie auf Asphalt und Kopfsteinpflaster in brüllender Hitze. Das macht mürbe. Die meisten, der vor uns gestarteten Läufer laufen längst nicht mehr, sie haben sich ebenfalls auf’s gehen verlegt, ich sammle sie von hinten ein. Mit ein wenig innerer Zufriedenheit, das muss ich eingestehen. An jeder Versorgungsstation landet ein Becherinhalt in meinem Magen, ein zweiter wird zur Dusche genutzt, an einem öffentlichen Brunnen baggere ich im walken zwei Hände voll Wasser aus dem Becken und klatsche sie mir ins Gesicht, in der aufgebauten Sprühdusche auf der Strecke laufe ich einen Schlenker, mitleidige Hausbesitzer, Passanten stehen mit Gartenschläuchen und Wasserpistolen an der Strecke und sorgen für Abkühlung – und es ist trotzdem noch mörderisch heiß. Das Wasser läuft in meine Schuhe, durchweicht das Tape und die Blasen melden sich bei jedem Schritt, hinterlassen den subjektiven Eindruck von laufen auf rohem Fleisch… sehr lustig.

Irgendwann ist Ziel. Irgendwann ist immer Ziel, darauf kann man sich verlassen. Und das fühlt sich dann großartig an. Ein bißchen wie nach einer wirklich gelungenen Premiere. Wahrscheinlich sind an beidem sogar die gleichen körpereigenen und vollkommen legalen Drogencocktails beteiligt.

Ich bekomme meine Medaille, humple grinsend zur Chipabgabe und hole mir meine Urkunde mit persönlicher Nettozeitangabe ab. 1:27:07h, da war ich schon mal schneller, aber für die Umstände ok. Die gemeinsame Ergebnisliste der Läufer und Walker vermeldet für die 10km 282 Finisher. Ich bin auf Platz 81. Das sind 80 zuviel, ja gut, aber 201 Männlein und Weiblein, Läufer und Walker trudeln hinter mir ein. Sie laufen immer noch über die Ziellinie, als wir langsam, auf meinen Wunsch ganz langsam, ins Hotel zurückgehen.
Warum macht man sowas? Lassen Sie mich mit einem Filmzitat antworten. Da sagt Claude Rains in „Lawrence von Arabien“ zu Peter O’Toole „Es ist bekannt, dass Sie eine seltsame Auffassung von Spaß haben.“.
Und, oh ja, das war ein Spaß!

Ideen, Interpretationsfähigkeit, Innovation… das sind schöne "I"-Wörter und sie haben am Theater viel zu suchen. Wie bei allem bestimmt allerdings auch hier das "Wie" die Qualität. Ich werde irre, wenn man mir in der "Dreigroschenoper" Abu-Ghuraib-Bildzitate unterjubelt, während das Stück mitten in der Bankenkrise Textstellen wie „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ aktuell und original mitliefert. Oftmals sollte dem zwanghaften Modernisierungswillen von Regisseuren Einhalt geboten werden. Die Verbesserung des qualitativ hochwertigen und funktionierenden ist in der Regel eine Verschlechterung.
"Der Raub der Sabinjscharinnen… pardon, der Sabinerinnen" ist ein Stück dem man Modernismen ersparen sollte … und genau das hat Katharina Thalbach auch getan. Woran hingegen nicht gespart wurde war ein vergnügt dynamisch aufspielendes Ensemble, eine hinreißend präzise Kommödienstruktur aus Timing, Witz und Cäsur, eine für Sprachfetischisten wohltuend anzuhörende Sprachbehandlung und ein bunter Strauß Einfälle, die dem Stück beigemischt wurden, ganz ohne sein Gefüge auszuhebeln.
Es war ein ganz und gar vergnüglicher Theaterabend, zu dem ich da ausgerückt war, als ich letzten Samstag nach Fürth fuhr.
Bereits vor der Vorstellung umrundete ich den Theaterbau und genoß die Betrachtung seiner Fassade. Man nenne mich romantisch, aber ich habe eine kolossale Schwäche für Theater, die nach Theater aussehen. Auch in der Pause gönnte ich mir nur eine kurze Zigarette und flanierte dann grinsend und detailverliebt durch alle Räumlichkeiten bis in den höchsten Rang empor.
Man kann schwer über diese Aufführung schreiben ohne Katharina Thalbach eine besondere Erwähnung zukommen zu lassen. Nicht nur, weil sie für die Regie verantwortlich zeichnet, nicht nur, weil sie dem Sabotage-Kakadu ihre unverwechselbare Stimme leiht, nicht nur weil sie eine großartige Luise Striese abgibt, sondern auch weil sie die Rolle des Stückes zum Leben erweckt… den Theaterdirektor Striese. Ist das besonders, weil eine Frau ihn spielt? Nein, es ist höchst wurscht, man vergißt die Geschlechterfrage von Anfang an, sie ist einfach unerheblich und verliert sich in der Güteklasse der Darstellung vollständig.
Mit dem Theaterdirektor Striese habe ich eine eigene Vergangenheit zu laufen. Als ich den "Raub der Sabinerinnen" das erste Mal sah wurde er von Helmut Straßburger gespielt. Es war das erste Mal, dass ich meinen Schauspieldirektor auf der Bühne sah. Wer Helmut Straßburger niemals auf einer Bühne erlebt hat, dem kann man schwer beschreiben was für eine Wucht das ist. Ich nenne es "selbstverständliche Raumverdrängung". Eine ganz leichtfüßige Präsenz ungeheurer Kraft, Leidenschaft und Intensität von der großen Geste bis hin ins kleinste leiseste Detail, ein unwiderstehliches passieren-lassen von Gefühlen.
Ich finde der Theaterdirektor sollte überhaupt nur von Menschen gespielt werden, die die großartige Fähigkeit haben ihr überproportional vorhandenes Talent mit einer großen Demut und Liebe für das Theater zu verbinden. Dann und nur dann treffen Sätze wie "Ich habe dem Theater alles gegeben." ins Herz. Dann und nur dann ist die "Schmiere"-Rede ein Plädoyer für die Bühne auf der Bühne. Das ist eine Rolle für Theatermenschen… nicht für Stars.
Ist es also eine Rolle für Katharina Thalbach? Ja, oh ja. Und sie kann's nicht wissen, aber wenn man Helmut Straßburger als Striese gesehen hat und sie in der Rolle wunderbar findet, dann steckt darin ein großes Kompliment. Aber vielleicht könnte sie das verstehen… denn die beiden haben zusammen gearbeitet. Charmanter Bildbeweis anbei!

Wird dieser Theaterabend die Welt verändern? Voraussichtlich nicht. Wird er politische Diskussionen lostreten? Höchwahrscheinlich nein. Hat das Stück das Potential für gesellschaftliche Umstürzungen? Nope.

Gibt es einem Ensemble Futter und Gelegenheit auf hohem Niveau zu amüsieren? Aber ja doch! Sollte es weiterhin zur Aufführung gelangen? Oh ja bitte!

Warum? Weil Theater viele Aufgaben hat. Und wenn es schafft einen zweieinhalb Stunden schmunzeln und lachen zu lassen, zu berühren und mit einem Lächeln aus dem Haus zu schicken – dann hat es eine davon vollumfänglich erfüllt!

Ich habe eine Schwäche für alte Bücher. Die trifft sich ganz ungünstig mit einer ebenfalls vorhandenen Schwäche für Flohmärkte. Ich gehöre also zu den Leuten, die ihrer Begleitung am Beginn des Flohmarktrundgangs ihre Brieftasche aushändigen. Bei mir ist diese Handlung meist von dem Satz begleitet: "Egal, wie ich gucke, verhindere, dass ich Bücher kaufe oder ein Einrad!".
Das mit dem Einrad ist eine andere Geschichte. Ich wollte schon immer lernen Einrad zu fahren, aus angeberischen Gründen. Es steht aber zu befürchten, dass ich mich damit umbringe, deswegen sollte ich mir andere Wege suchen Eindruck zu schinden.
Bei den Büchern ist es ein Lagerproblem.
Nichts desto trotz besitze ich eine kleine feine Sammlung von Werken, die um die hundert Jahre alt sind. Oftmals ist mein Faible für skurile Dinge da mein Kaufberater. So besitze ich ein Buch mit geistlichen Amtsreden aus dem Jahre 1893 – obwohl ich Atheist bin. Die Lektüre der vorgefertigten Reden für schreibfaule Geistliche war trotzdem hochinteressant.
Ich nenne einen "Daheim-Kalender" aus dem Jahre 1903 mein eigen, der unter anderem großartige Anzeigen zur sofortigen Entfernung eines Damenbarts enthält ("Spur- und schmerzlos"-schon damals wurde in der Werbung gelogen was das Zeug hält!), für "Grolichs Haarmilch", "Photographische Apperate", "Elastische Gummi-Crepe-Leibbinden" und Zucker – Ja, Zucker… hier der Text: "Hausfrauen! Mütter! Beachtet die Mahnung der Wissenschaft, die uns lehrt, daß reichlicher Zuckergenuß das Vorteilhafteste für Ernährung und Verdauung ist. Zucker schafft Muskelkraft. Zucker wirkt durstlöschend. Zucker erhöht die Verdaulichkeit. Zucker ist in Anbetracht seines hohen Nährwertes das wohlfeilste aller Nahrungsmittel. Für schwerarbeitende Männer, für schwächliche Kinder ist Zucker unentbehrlich!".
Ich wußte es ja schon immer!
Ein äußerst gehegtes Expemplar ist "Der Schauspielführer, Theaterstücke ihrem Inhalte nach wiedergegeben" aus dem Jahre 1916. Einmal deswegen, weil darin großartige Bilder von Theateraufführungen sind. Etwa 80% der dem Inhalte nach wiedergegebenen Theaterstücke kenne ich nicht. Sie werden heute auch nicht mehr gespielt. Sie haben es einfach nicht durch den Filter der Zeit geschafft. Vieles, was wir heute grob "Klassiker" nennen, findet man gar nicht im Inhaltsverzeichnis… 1916 waren diese Stücke offenbar noch keine Klassiker und wurden nicht als erwähnenswert angesehen. Skakespeare? Gibbet nicht!
Das Buch ist auch deswegen hochinteressant, weil es Rollenbeschreibungen enthält die gesellschaftlich und moralisch zeitnah an den damaligen Einschätzungsgewohnheiten geschrieben wurden – während wir heute ganz andere Blickwinkel, Wertungen und Interpretationen vornehmen und für zeitgemäß erachten.
Aber lest selbst:

"Fräulein Julie, Trauerspiel von August Strindberg (1891)

Julie ist das entsetzliche Produkt einer schauderhaften Erziehung. Herrschsucht und unterdrückte Wollust sind die Hauptcharakterzüge des nun fünfundzwanzigjährigen Mädchens. Eine ehrliche Verlobung läßt sie, weil der Mann nicht ihr Sklave werden will, und in einem aufgeregten Moment wird sie selbst freiwillig die Sklavin ihres zynischen Dieners Jean, der gar keine Mühe braucht, das Mädchen in seine Kammer zu bringen, wo sie sich ihm selbst anbietet.
Wie die moralische Ernüchterung eintritt, will sie mit Jean fliehen. Dieser rät ihr aber roh, sich lieber den Hals abzuschneiden, und das tut sie denn auch, da die Ankunft ihres bisher abwesenden Vaters gemeldet wird.
Die Vererbung von Sünden, Verbrechen und Krankheiten ist, wie bei den meisten neuen nordischen Dichtern, auch hier betont. Es ist die Mutter, die ihren Gatten betrogen, Julie gegen ihren Wunsch zur Welt brachte und auf sie Selbstsucht und Leichtfertigkeit vererbte. Dadurch wird den Helden und Heldinnen dieser Stücke eine gewisse Unschuldigkeit zugesprochen, die mit ihren Handlungen in so grellem Widerspruch steht, daß das Grausige abstoßend, die Moral lächerlich wirkt. Eine Kunst, die weder erhebt, noch befreit. Auch die Darstellungskunst ist durch diese Dichtungen zur Nichtigkeit und Kleinlichkeit verschlechtert."

Verfasser dieser Zeilen ist Leo Melitz, 1855-1927, Direktor des Stadttheaters zu Basel, er gilt als der "Erfinder" des Schauspielführers. Das Stück hat überlebt. Bis heute kann es fesseln und liefert seinen Darstellern Futter zu brillieren. Und dann frage ich mich manchmal… was wird in hundert Jahren wohl über unsere neuen Dichter, unsere Darstellungskunst verfasst werden? Ich wüßte es nur zu gerne.