Ich habe eine Premiere nachzureichen.
Zumindest hier… zur Premiere war ich wünschenswerterweise rechtzeitig. Aber der Bericht dazu ist verspätet – und wird nunmehr nachgeholt.
Es ist verrückt. Wir hatten über acht Wochen Probenzeit um mit einem über zwanzigköpfigen Team Strindbergs „Traumspiel“ aus dem Blauen zu erarbeiten… eine unvorstellbar komfortable Probendauer für ein Stadttheaterziehkind wie mich. Dann ist Endprobenwoche – und es ist wie immer… alles geht durcheinander, kleine Hauruckaktionen, Szenen werden nachgeprobt und verändert, Figuren bekommen ihren individuellen Boost und die umfangreiche Zeit führt keineswegs zu Gelassenheit und Ruhe, nein, nein, die lange „Schwangerschaft“ macht den Geburtstermin fiebriger, sehnlicher erwartet.
Am Tag der Tage dann brennt die Luft. Alles quirlt durcheinander.

 

Die „Stauerei“ ist ein ehemaliges Lagerhaus am Hafen. Sie hat einen betonausgegossenen Innenraum. An den Längsseiten befinden sich zwei emporenartige Etagen, an einer der schmaleren Seiten ist eine kleine, etwa 60 Zentimeter erhabene Bühne aufgebaut. Im Innenraum stehen Stühle verteilt, ohne Ordnung, als hätte man sie nach Lust und Laune im Raum platziert… gerade Reihen, einheitliche Blickrichtung – Fehlanzeige. Wieso auch, wir spielen überall, oben, unten, quer durch den Raum, auf der Bühne, mitten zwischen den Zuschauern. Das Licht ist zum Einlass noch einheitlich hell, später dämpft es sich herunter, Scheinwerfer schaffen kleine Inseln des Geschehens, Projektionen erhellen den Raum. Es sind Fotografien von Modellen, die unsere Bühnenbildnerin gebaut hat. Manche Modelle bilden die Stauerei nach, andere sind abstrakte Räume, in manchen warten kleine Menschen, manche klaffen leer, einige sind verformt, vervielfältigt und verbogen, andere im Bauhausstil gradlinig und suggerieren trügerisch eine heile Aufgeräumtheit, die vom Stück selbst torpediert und ad absurdum geführt wird.
Das Publikum schlendert vom Foyer in die Stauerei… wir schlendern mit, kleckern im Strom unserer Gäste in den Raum, sind Publikum unserer eigenen Inszenierung. Bis sie beginnt.

 

Was sie ist…? Sie ist vorallem ein Kaleidoskop, soll es auch sein. Angesiedelt in einem seltsamen Traum, der Albtraum ist ebenso wie fremde Welt, in dem sich Bruchstücke unserer Gesellschaftsordnung ablösen und enttarnen, reale Figuren seltsamen Zwischenweltenwesen die Hand reichen.
Wir machen es unserem Publikum nicht leicht. Das wissen wir. Das wollen wir auch nicht anders. In Strindbergs Sinne ist das ganz sicher. In seiner Vorbemerkung schreibt er:
„Von geringfügigen Wirklichkeitsanlässen schweift die Phantasie aus und webt neue Muster: ein Gemisch aus Erinnerungen, Erlebnissen, freien Erfindungen, Verstiegenheiten und Improvisationen. Die Personen spalten sich, verdoppeln sich, zerfließen, fügen sich wieder zusammmen. Aber ein Bewußtsein steht über allem, das des Träumenden. Für dieses Bewußtsein gibt es keine Geheimnisse, keine Inkonsequenz, keine Skrupel, kein Gesetz. Er verurteilt nicht, er spricht nicht frei, er gibt nur wieder. Und weil der Traum meist schmerzlich ist, und nur selten froh, geht ein Ton von Wehmut und Mitleid mit allem was lebt durch den vorwärts schwankenden Bericht.“
Nichts anderes tun wir an diesem Abend… wir haben Texte zugefügt, Sound, Klang, sogar Songs, unsere Hauptfiguren wechseln ihre Darsteller/innen, wir überzeichnen ebenso wie wir einladen leise in manche Zwischenmenschlichkeit zu sinken, wir springen von Ort zu Ort – im Raum selbst, wie auch in der Geschichte. 80 Minuten lang.
Durch die Gäste unserer Endproben wissen wir, dass wir unseren Zuschauern einiges abverlangen. Es ist vollkommen unmöglich in dieser play surround version alles mitzubekommen… es ist wie ein Dreimanegenzirkus. Und diese Manegen springen auch noch lustig durch den Raum. Manches prallt gegensätzlich aufeinander, anderes verwischt sich ineinander, manches schleicht sich zueinander. Manches wird mit der Wucht des ganzen Ensembles erstellt, manches teilt sich, manches vereinzelt sich zum Duo… ja, vereinzelt auch im Duo, denn keine menschliche oder zwischenmenschliche Regung in diesem Stück kann als wirklich gesund oder miteinander verbunden betrachtet werden. Jeder sucht wohl danach – und bleibt allein… „Es ist schade um die Menschen.“ sagt die Göttertochter, die lernen will, wie es auf der Erde zugeht. Sie sagt es immer wieder. „Das Traumspiel“ lädt ein sich zu fragen, ob es das ist… ob es das sein muss… ob es anders ginge… ob es vielleicht sogar anders ist… es beantwortet keine Fragen… aber es stellt eine Menge guter.


(Alle Fotos mit Dank und Copyright: Dariush Safa)

Das Theaterlabor hat eine Tadition, die die Applausordnung zum Kinderspiel macht – es verbeugt sich immer das ganze Ensemble. Der Abend wird als Teamleistung betrachtet, eine Reihenfolge, eine Rangfolge dessen, was jeder eingebracht hat, wird verweigert…und ich mag es.

Und dann, nach über acht Wochen, ist der Abend geboren. Hat er Schwächen? Bestimmt. Hat er Stärken? Ganz sicher. Was ist er? Für jeden etwas anderes. Er ist ein Puzzle, ein Fragment aus Leben und träumen, ein Experiment aus einem Labor… dem Theaterlabor.