Manche Schauspieler haben ein Setcardalter und ein biologisches – ersteres ist meistens 5 Jahre jünger. Ich habe das nicht, ich habe nur ein Alter. Und seit gestern bin ich 42. Das ist eine tolle Zahl. Laut „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist 42 die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Ich rechnete also mit schlagartiger Allwissenheit um Mitternacht. Die ist ausgefallen. Aber ein anderes Wirkprinzip zeichnet sich ab – und wenn sich das für mein nächstes Lebensjahr durchsetzt, dann wird es chaotisch, aber spannend und am Ende kriege ich alles, was ich will. – Auch nicht schlecht.

Ich war allein an meinem Geburtstag. Besuch in Bremen war geplant, fiel dann aber auf den letzten Drücker aus. Was Weihnachten für mich eine emotionale Katastrophe bedeuten würde ist Silvester, Ostern oder geburtstags überhaupt nichts schlimmes und ich hatte eine Menge vor. Traditionell fröne ich am 25.02. einem Motto. Es lautet: „Ad Astra“! Das hat sich so entwickelt über die letzten Jahre und bedeutet, dass meine Interessenslage sich an diesem Tag möglichst hoch über der Erdoberfläche beschäftigt. In Bremen hat man dazu großartige Möglichkeiten, denn Bremen ist der Sitz von EADS Astrium, einem Raumfahrtkonzern, der Oberstufensegmente der ArianeV fertigt, in dem das ATV zusammengebaut wird, das später vollbepackt mit Versorgungsgütern zur ISS fliegt, der das ESA Forschungsmodul „Columbus“ endgefertigt hat, das seit 2008 die Raumstation vergrößert und der bereits vor knapp 30 Jahren Hauptauftragnehmer für das Spacelab war, das insgesamt 22 mal als mobiles Forschungslabor mit dem Space Shuttle in den Weltraum flog.

Bereits 2010 hatte ich eine Urlaubswoche in Bremen verbracht, nicht nur wegen den heiligen EADS Hallen, aber durchaus auch. Ich fand mich also überpünktlich am Bremer Flughafen ein, dem Treffpunkt, den ich von 2010 her kannte, genoß ein zweites Frühstück, führte Geburtstagstelefonate, spazierte unter dem riesigen Modell der ISS in der Empfangshalle umher und freute mich auf den Raumfahrtleckerbissen, der vor mir lag.

Erst als sich eine Viertelstunde vor der 14h-Führung noch immer keine Tourteilnehmer am Infopoint versammelten wurde ich ein bißchen mißtrauisch – und musste feststellen, dass der Treffpunkt für die Tour mittlerweile in die Innenstadt verlegt worden ist. Nie hätte ich damit gerechnet, ich hatte das nicht überprüft. Am Flughafen ist das riesige ISS Modell, die „Bremen-Halle“, die vollgestopft ist mit historischen Flugzeugen und das EADS-Gelände in Laufweite… wieso sollte man da den Treffpunkt ändern??? Man hatte es getan – und ich hatte nunmehr ein massives Problem. Den Treffpunkt in der Innenstadt noch rechtzeitig zu erreichen war völlig ausgeschlossen. Oben in der „Bremen-Halle“ aber könnte ich die Tour abpassen. Ich also hoch dorthin. Ein freundlich überraschter junger Kerl weiß gar nichts von irgendeiner Luft- und Raumfahrt-Tour. Nächster Plan. Die Tour muss zum EADS Gelände. Dort stoppt der Bus, die Personalausweise werden kontrolliert und Sicherheitspersonal steigt zu. Mit etwas Glück und Timing könnte ich also dort mit zusteigen. Ich werfe mich auf mein betagtes Bremenrad und flitze in Jan Ulrich Tempo zum Haupteingang des EADS Werksgeländes. Aus einiger Entfernung sehe ich gerade noch einen hellblauen Reisebus durch die Schranke fahren, nach links zu den Airbushallen biegen, wo die mächtigen Flügel der Metallvögel ihr Innenleben bekommen, und dann außer Sichtweite fahren – das könnte meine Tour gewesen sein. Ich parke mein Rad und flitze, ohne überhaupt darüber nachzudenken, an der Schranke vorbei. Erst als ich schon dem Weg des Reisebusses hinterherjogge fällt mir ein, dass mich eigentlich jemand hätte aufhalten müssen – da an der Schranke. Aber da war niemand.

Ich biege Richtung Oberflächenveredlung ein… das ganze Gelände ist wochenendlich ausgestorben. Nur vor der Warenanlieferung stehen zwei Männer in Arbeitskitteln und rauchen. Aber so dynamisch zielgerichtet, wie ich gerade unterwegs bin, scheint sich niemand über meine Anwesenheit zu verwundern. Vorbei an der Tragflächenfertigung, immer noch kein hellblauer Reisebus in Sicht. Dafür beginnt 100 Meter vor mir der werkseigene Teil des Rollfelds des Flughafens, dort, wo die Rohlinge aus Toulouse angeliefert werden. Das hat ganz sicher nichts mit Raumfahrt zu tun und ganz sicher sollte ich mich dort auch nicht herumtreiben, also biege ich nach rechts ab. Aber allmählich beginne ich mich zu fragen, was ich alles auf diesem Gelände anstellen könnte wenn ich nicht zufällig ein höchst idealistischer und der EADS zutiefst zugeneigter Raumfahrtfan wäre, der keine andere Absicht verfolgt als seine verpaßte Tour aufzustöbern.

Plötzlich stehe ich vor einer Wiese mit zwei riesigen Raketenmodellen der ArianeV und IV. Ich bin kein Raketenfan, ich liebe Raumschiffe, ich bin Space Shuttle affin, aber die Ariane mag ich. Beide sind Flüssigkeitsrakten und besonders die Ariane V „knattert“ beim Start genauso rund, kraftvoll und satt wie ein Space Shuttle. Wirklich schöne und sehr erfolgreiche „workhorses“ der ESA. Ich grinse noch als ich um die nächste Ecke biege …und da wird aus dem Grinsen dann ein Strahlen. Ich stehe vor dem „Phoenix“. Sieben Meter lang, 1200 Kilo schwer, ein Testmodel des Raumgleiters, der als wiederverwendbare und preisgünstige Alternative zu Einweg-Trägerraketen geplant ist, Einsatz ab 2020. Vor zwei Jahren habe ich es aus der Entfernung vom Bus aus gesehen, nur im vorbeifahren – jetzt stehe ich direkt davor. Allmählich gefällt mir meine private EADS-Tour richtig gut.

Trotzdem beschließe ich mein Glück nicht überzustrapazieren und kehre zu meinem Fahrrad jenseits der Werksschranke zurück. Und nun? Es ist 15h, um 16h gibt es noch eine Tour, das Touristikcenter am Hauptbahnhof hat bis 17h geöffnet… wenn ich schnell bin kann ich das schaffen. Und ich kann sehr schnell werden, wenn ich etwas wirklich will. Knapp 25 Minuten später stehe ich wieder dort, wo ich morgens schon mal eine Tourkarte abgeholt habe. Gibt es noch einen freien Platz für die 16h-Tour? Ja, genau noch einen. Einen einzigen. Allmählich fühlt sich das doch nach Geburtstag an. Wohl wissend, dass es durchaus mein Fehler war den Treffpunkt nicht noch einmal nachzusehen, lasse ich die beiden Damen im Touristikbüro ganz freundlich und höflich wissen, dass es gut wäre, wenn sie auf die Änderung hinweisen… die Tour sei wirklich einzigartig in Deutschland und es gäbe bestimmt einige Raumfahrtenthusiasten wie mich, die da zum Wiederholungstäter werden und den alten Treffpunkt voraussetzen. Und was passiert? Noch bevor sie wissen, dass ich Geburtstag habe werde ich aus Kulanz auf den letzten verbliebenen Platz umgebucht. Als sie es erfahren und dann auch noch sehen, dass ich gerade ein T-Shirt des Marsrovers „Curiosity“ trage, grinsen die beiden Damen sehr und wünschen mir enorm viel Spaß auf der Tour. Die Bremer sind schon süß.

Und ja, allmählich fühlt sich das sehr nach Geburtstag an. Enorm viel Spaß hab’ ich dann auch. Schon als unser Bus an der besagten Werksgeländeschranke stoppt, das Sicherheitspersonal unsere Ausweise checkt und wir die Maßgabe bekommen: keine Fotos, keine Handybenutzung. Ich erinnere mich eine Stunde zuvor als freies Radikal strahlend auf dem EADS Gelände umherlaufend und schmunzle in mich hinein. Und dann sehe ich doch noch die Reinraumfertigungshalle, die Raketensegmente, das noch „ganz nackte“ ATV im Bau, „mein“ Spacelab und spaziere durch die ISS Module, die in Bremen bereitstehen, falls das Columbus-Kontrollzentrum der ESA in Oberpfaffenhofen Hardwareprobleme abzuklären hat.

Als Geburtstagsdinner stelle ich mir ein umfangreiches McDonalds Menü zusammen. Mag schon sein, dass sowas nicht unbedingt auf den Ernährungsplänen von Leuten auftauchen sollte, die vorhaben Halbmarathon zu laufen. Aber was soll’s, ich habe Geburtstag.

War’s das mit ad astra? Natürlich nicht. Bremen hat ein Planetarium. Das Olbers Planetarium, liebevollst von Studenten betreut, ist ganz klein – und ich hatte vergessen WIE klein. Als ich abends an der Kasse stehe gibt es keine Karten mehr. Ich könne aber warten, ob alle Reservierungen abgeholt werden. Ich sage, dass ich das gerne mache und gehe eine rauchen. Grinsend. Wenn sich das Prinzip des Tages fortsetzt, dann habe ich gleich eine Karte. Wetten? Und richtig… kaum komme ich nach der Zigarette wieder in die Empfangshalle läßt mich einer der Studenten wissen, ich könne nun eine Karte kaufen, wenn ich wolle. Und ob ich will. Ja, inzwischen fühlt sich der Tag richtig herzhaft nach Geburtstag an.

Und so verbringe ich den Abend mit Sternenstaub – auf der Oberfläche des Mondes, mit Flügen zum Mars, mit 3000 für das menschliche Auge sichtbaren Sternen, unserer Sonne und schwelgerischen Bildern unseres kleinen blauen Planeten.

Wenn andere meine Raumfahrtbegeisterung mitbekommen, dann werde ich oft gefragt, warum ich Schauspielerin geworden bin. Es klingt dann so, als wäre das ein Widerspruch. Aber das ist es gar nicht. Ich bin schon richtig, da, wo ich bin… bei den Worten, den Gefühlen und Geschichten, beim gestalten und verwandeln. Ich will gar nicht in der Raumfahrt arbeiten …ich will sie benutzen. Nur deshalb weiß ich darüber, was ich weiß, nur deshalb suche ich so gerne und oft ihre Nähe am Boden… weil ich noch nicht in einer Zeit lebe in der Menschen zu halbwegs erschwinglichen Preisen höher als 100km reisen können. Noch nicht. Ich bin ja erst 42.

 

Die NASA kennt etwas, das nennt sich R&R. Die Abkürzung steht für „remove and replace“ und bezeichnet nichts anderes, als den Tausch von etwas nicht funktionierendem gegen etwas, das funktioniert.

Ich befürworte dieses Verfahren nicht nur für Raumfahrttechnik. Man kann es ganz generell zur Anwendung bringen. In der Regel weiß man, was man aus seinem Leben „ausbauen“, entfernen möchte. Das Problem: auch eine Lücke ist ein Platzhalter, ein abwesender Platzhalter, der durch Leere an das jeweils zuvor dort befindliche erinnert. In diesem Fall schlägt man nicht bei Shakespeare nach, man vertraut auf die NASA und startet R&R-Actions. Nächstes Problem: was taugt als replacement – vorallem auf die schnelle?

Alkohol… ähm… nö… der belämmert zwar hinlänglich den Geist, führt aber auf die Dauer zum Ausfall desselben und dann hat man was removed, was man so schnell nicht replacen kann.

Eiscreme literweise… eine gute und vorallem köstliche Lösung – die bedauerlicherweise kiloweise Fettreserven an Stellen einfriert wo sie das ästhetische Gesamtkonzept beleidigen. Strategisch also auch nicht günstig.

Meine Universallösung lautet in solchen Fällen Sport… macht den Kopf frei und beseitigt Fettreserven… darf also als günstig bewertet werden. Übernächstes Problem: ich bin faul. Sport geht gemeinhin mit der Notwendigkeit einher sich zu verschiedenartiger Bewegung aufzuraffen – was Disziplin erfordert. Diese Disziplin kann man leichter erzeugen, wenn man sich ein Projekt erstellt… und meines lautet „Halbmarathon“ (HM) am 4.März in der Hansestadt Bremen (HB).

2009 habe ich einen Halbmarathon in Oberhausen absolviert – allerdings im Nordic Walking… knapp über drei Stunden habe ich gebraucht, stolz war ich auch – aber eben Nordic Walking. Streng genommen ist der anstehende Lauf kein Halbmarathon, da er nur 20km lang sein wird und ein Halbmarathon per Definition 21,0975 km zu messen hat. So what… weiter bin ich noch nie gelaufen und in einem Wettkampf schon gar nicht.

Let’s go for it – also, was brauchen wir? Training wäre keine schlechte Idee. Lauftraining vermutlich… aber es ist Winter, die Luft ist kalt, der Boden hart. Alle paar Tage zweistellige Kilometerläufe zu absolvieren maträtiert die Lunge und ramponiert die Knochen… das muss besser gehen. Ein wenig abspecken sollte ich auch. Jedes Kilo, dass ich nicht über die 20km schleppen muss ist ein gutes Kilo.

Und so stand ich heute dort wo ich seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr gestanden habe… am Empfangsthresen eines Fitness-Studios. Ich finde Fitness-Studios witzig. Sie sind Bühnen. Und alle sind Darsteller und Publikum gleichermaßen. Wer gerne Menschen liest, dem ist ein Fitness-Studio eine Bibliothek.

Da sind die etwas rundlicheren, die mit einem irgendwie entschuldigenden Gesichtsausdruck an den überdimensionierten Posterdarstellungen karibikbrauner 2.0 Homo sapiens vorbei zu ihren Trainingsmaschinen huschen. Die Poser, die gekommen sind um anderen den unvergleichlichen Anblick ihres austrainierten Körpers zu gönnen. Die Cracks, die verbissen schwitzend die Geräte malträtieren, das Handtuch um den Hals gelegt, mit ab und an demonstrativ an der Halsschlagader abgelegten Fingern zur kritischen Pulskontrolle. Die Aufgepumpten, die vor Kraft nur so strotzen und deren Bizeps die gleiche beeindruckende Breite haben wie meine Oberschenkel.

Manchmal frage ich mich, was davon ich bin. Ich bin nicht rundlich, aber genußsüchtig genug, dass es immer ein bißchen Speck zu verlieren gilt. Ich bin kein Megaposer, aber irgendwie bedaure ich schon, dass meine coolen Outfits alle in Regensburg lagern und mir gerade nicht zur Verfügung stehen. Für einen Crack bin ich nicht austrainiert genug, aber ich gestehe ein, dass ich auf manchen Geräten zu ein bißchen manisch rauschhaftem Verhalten neige.

Ob ich den Kursplan will, werde ich gefragt. Nö. Ich will nicht in einem Rudel zusammengefaßt werden, dem dann jemand gegenüber steht der ebenso breit motivierend lächelt wie er laut schreit. Ich will bloß in zwei Wochen 20km laufen… und mich die Tage danach noch bewegen können.

 

To taste the sweet… I faced the pain… – one moment in time…

The time ist over… für eine Stimme, die sich in fünf Oktaven spielend austoben konnte, manchmal selbstvergessen in Stimmschlenkern zwischen kaum hörbar bis hin zur Wucht eines startenden Düsenjets.

Man konnte das mögen, man konnte das hassen… allein, wenn man es einmal gehört hatte konnte man es niemals nicht wiedererkennen. Ihre Stimme konnte Songs, die nach nicht viel mehr klangen als dem musikalischen Demo eines Keyboards, in einen dramatischen Event verwandeln.

Eigentlich hätte man die Musik neben ihrer Stimme weglassen können… ihre Stimme war ein Orchester und überlagerte ohnehin alles andere, drückte allem einen Stempel auf, unüberhörbar, unverwechselbar. Man konnte das mögen, man konnte das hassen… allein, man konnte es nicht beliebig finden.

Whitney Houston wurde oft die „Queen of Pop“ genannt – aber eigentlich war sie Gospelsängerin. Daraus übertrug sie das Entrückte, entlehnte sie die Dramatik…

Auch ihr Leben hatte fünf Oktaven. Aber sie blieb die Sängerin, die für immer an den Koloraturen des „I“ in „…and I will always love you“ gemessen wurde… gnadenlos und ohne Verzeihung.

Whitney Houston starb am 11. Februar 2012.

Einer meiner Lieblingskollegen, Thomas Gimbel, nennt mich seit 22 Jahren „alte Schwedin“. Er tut das vornehmlich deswegen, weil ich Ingrid Bergmann verehre und in meinen besten optischen Momenten manchmal einen Hauch von Ähnlichkeit mit ihr habe.
Am Wochenende habe ich mich bemüht einem anderen Aspekt dieser Benennung Rechnung zu tragen. Ich liebe Kälte. Ich liebe knirschenden Schnee und knackende Eisflächen. Und ich laufe gerne.
Der überwiegenden Ansicht der Gesundheitsexperten zufolge allerdings sollte man bei Temperaturen unter -10 Grad sportliches Laufen vermeiden. Bänder und Muskeln sind weniger gut durchblutet, die Verletzungsgefahr steigt. Die Luft kann beim Einatmen nicht mehr ausreichend erwärmt werden und schädigt die Bronchien. Niedrige Temperaturen verengen außerdem die Blutgefäße, sodass der Herzmuskel unter Belastung gegen einen höheren Widerstand anpumpt. Insgesamt sind Laufwettbewerbe und deftige Minusgrade also eine wirklich schwachsinnige Kombination.
Wenn irgendwo organisierter Schwachsinn stattfindet, dann kann man davon ausgehen, dass ich mich in vorderster Front einfinde. Als ich mich Sonntagmorgens im Bremer Bürgerpark für die 10km-Strecke des mittleren Laufes der 32.AOK Winterlaufserie 2012 einschreibe ist es knackige -11 Grad kalt, aber strahlender Sonnenschein… und gerade werden noch ein paar beheizte Zelte aufgebaut um den Wahnsinnigen des Tages einige warme Fleckchen bis zum Start zu bieten.
Die Serie umfasst drei Läufe – und ich wollte sie alle drei machen. Im Januar die 10km, im Februar die 15km und im März als Krönung den Halbmarathon. Aber der erste Lauf fand am 8.Januar statt… am 7.Januar hatten wir Premiere – und nee, wirklich, wenn man morgens um 6 Uhr mit den Kollegen die dazugehörige Feier verläßt, dann wollen die Füße vier Stunden später keinen 10km-Kurs absolvieren. Alles hat seine Grenzen.
Also befand ich mich in einem Entscheidungskonflikt… mit den 10km beginnen oder auf die planmäßigen 15km springen. Ich beschloß Kältevernunft walten zu lassen… und mich zu zügeln – was ich später bereut habe.
Ich bin sorgsam verpackt, als ich zum anmelden einrücke… diverse Schichten Sportklamotten und dann noch eine Motorradregenkombi drüber. Die ziehe ich zwar später aus… trotzdem stehe ich in der Startaufstellung wie ein von Addidas gesponserter Autonomer auf Kriegspfad. Aber so sehen alle der rund 400 Teilnehmer aus. Zwei 5km-Runden durch den Park sind für mich zu absolvieren – einige Cracks scheinen das als Sprintstrecke zu klassifizieren und preschen los wie die Besengten. Da hier alle Teilnehmer über eine gewisse Portion sportiven Wahnsinn verfügen müssen beschließe ich mich nicht zu verwundern und verweigere mich anstecken zu lassen. Als ich das erste Mal wieder über die Ziellinie laufe meine ich schehl zu sehen… die Uhr zeigt knapp über 30 Minuten. Ich scheine zu rasen… zumindest für meine Verhältnisse. Meine letzte Eventzeit beträgt 79 Minuten und ein paar zerquetschte… was mache ich denn hier? Und wenn ich so weiterlaufe… dann habe ich meine persönliche Eventfotografin, die meinen Zieleinlauf dokumentieren soll, doch viel zu spät bestellt! Abwarten… die zweite Runde muss einfach langsamer sein, schließlich läßt man ja ein bißchen Kraft im Lauf. Meine Trinkflasche durchsetzt sich allmählich mit Crush-Ice… gar nicht unangenehm, sehr erfrischend. Mein Atem feuchtet kondensierend meinen Mundschutz durch. In den Oberschenkeln prickelt die innere Betriebstemperatur gegen die schneidende Kälte von außen an… ein recht lustiges Gefühl eigentlich. Und kalt ist mir überhaupt nicht. Ich genieße die Sonne, die anderen Parkbesucher neben der Strecke, die uns zuschauen, applaudieren und mit Blicken bedenken, wie man sie unzurechnungsfähigen Geistesgestörten zuwirft.
Als ich das zweite Mal über die Ziellinie laufe stoppt mein Timechip am Turnschuh mich mit 73.45 Minuten… sechs Minuten schneller als in Regensburg.

 

Ich strahle. Und hatte eine Menge Spaß. Und hätte weiterlaufen können. Ohne Probleme.
Was mache ich denn nun nächstes Mal? Die 15km ganz sicher… oder Halbmarathon? Hm…

Länder sind in Bewegung. Die Bewegung richtet sich nach den innenpolitischen Strömungen. Die ungarische Strömung hat eine signifikante Strömung nach rechts.
Schon ein paar Jahre.
Ungarn besitzt ein Pressegesetz, wie man es sonst nur von autoritären Staaten kennt. Der europäische Protest hielt sich in Grenzen, die EU forderte wenig verbessernde Abänderung – und bekam sie nur teilweise. Ungarn bekam im Gegenzug eine „Pressefreiheit“, die eine schlecht bemäntelte staatliche Zensur bedeutet.
Premier Orbán hat eine Parlamentsmehrheit. Im Prinzip bedeutet das die Freiheit alles zu. Und diese Freiheit beschneidet vorallem die Freiheit der anderen. Demokratische Grundrechte werden ausgehöhlt, die Notenbank entmachtet, Schlüsselpositionen umbesetzt – Ungarn wurde von der Republik zur Nation, das neue Grundgesetzt beginnt nunmehr mit einem nationalen Glaubensbekenntnis.
Die Europäische Union schweigt dazu weitgehend. Gelegentlich hört man von Besorgnis reden… wenige äußern sich so definitiv wie Daniel Cohn-Bendit, der Orbán als „autokratisch durchgeknallt“ bezeichnete.

In einem solchen Land sind Kunst und Kultur, mehr noch als ohnehin in jedem Land, ein Ort an dem humanistischer Widerstand geleistet werden kann – es sei denn man ist gründlich genug auch dort die gedankliche Freiheit und Toleranz zur Tür hinauszufegen.
Heute geschieht am „Neuen Theater Budapest“ nicht weniger als genau das. Heute wird es in die Hände zweier Intendanten übergeben, deren humanistische Gesinnung nicht nur hinterfragt – sondern schlichtweg vermißt werden darf. Die Entscheidung dazu fällte der Oberbürgermeister im Alleingang, ein Tabubruch, dessen Gestalt sich harmonisch in die neusten Entwicklungen des Landes einfügt.
Als Reaktion wird heute an vielen Theatern in Europa vor der Vorstellung ein Memorandum verlesen und zugleich der „1.Europäische Theatertag der Toleranz“ begangen.
Ich habe heute keine Vorstellung. Leider. Aber heute gehen tausende Schauspieler/innen in Europa auf ihre Bühnen, sprechen Worte ihrer Geschichten des Abends, in so unterschiedlichen Sprachen.
Hier sind die Worte, die man ihnen heute voranstellen könnte:

Memorandum


Ich verlese ein Memorandum, das heute in den meisten Theatern Europas vor der Vorstellung in der jeweiligen Landessprache verlesen wird:
Heute ist der 1.Februar 2012. An diesem Tag wurde in Budapest eines der bedeutendsten Theater der Stadt an zwei neue Intendanten übergeben, die seit vielen Jahren öffentlich rechtsradikales Gedankengut vertreten. Sie publizieren antisemitische, antiziganistische und rassistische Hetzschriften und leiten ab heute ein subventioniertes Theater einer europäischen Hauptstadt. Das ist ein Tabubruch.
Wir wollen das nicht zum Anlass nehmen, Steine nach Budapest zu werfen, sondern uns in unserem eigenen Land und in unserer unmittelbaren Umgebung für Toleranz, Vielfalt und Solidarität für die Schwächeren einzusetzen.
Wir sind bestürzt darüber, dass in vielen Europäischen Ländern politische Kräfte wirken, die Hass, Verachtung und Neid zwischen den Menschen schüren. Wir wollen mit unserer Theaterarbeit das Trennende in der Gesellschaft überwinden, Neugierde erwecken und die Sinne für gesellschaftliche Wahrheiten schärfen – für das gemeinsame Wohl aller Menschen, den Frieden und die Freiheit in Europa. Sind wir Menschen doch alle frei und gleich an Würde und Rechten geboren, sind wir doch alle Bürger einer Welt.
Heute ist der 1.Februar 2012. Begehen wir heute gemeinsam den 1. “ Europäischen Theatertag der Toleranz“.