Ingeborg Stüber, Antje Gospodar und Elisabeth Degen (Foto von links nach rechts) hatten Freizeit. Soetwas darf man Schauspielern nicht gewähren, sie kommen dann auf die dollsten Ideen. Das war bei den dreien nicht anders – und herausgekommen ist eine dreißigminütige Theaterpraline, die nach der Vorstellung der „Berühmtesten Dramen“ im Nachtprogramm gereicht wird.

Minou Davar, die auch für das Bühenenbild der Dramen verantwortlich zeichnet, entwickelte eine rasante Verwandlung von selbigem in den Schauplatz von“JANE – Anamnese einer Abhängigkeit“ (sehr frei nach dem Film „Was wirklich mit Baby Jane geschah“)… keine leichte Aufgabe, die mit Beamer, weißen Überwürfen und prägnanten Requisiten jedoch erstaunlich überzeugend gelingt. Mit etwas Hilfe aus dem Ensemble dauert der Umbau mittlerweile nur noch rasante 10 Minuten. Teamwork ist wunderbar.

Teamwork ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass „JANE“ zu einem köstlichen Minihorrortrip durch das Seelenleben zweier Schwestern geworden ist, die sich hassen und lieben, deren Schicksal untrennbar verwoben ist, die sich kaum aushalten können und dennoch ertragen, weil sie einander auf perfide Weise brauchen.

Elisabeth Degen und Antje Gospodar gelingen unter der Regie von Ingeborg Stüber unsäglich komische Momente, die anschließend getötet werden von unsäglich tragischer Beklemmung. In weichen, manchmal fast beiläufigen Worten, entspinnen sie ein immer gegenwärtiges Netz zwischenmenschlicher Bedrohung, tanzen mit der Grandezza zweier Stummfilmdiven über Abgründen aus Vergangenheit, Neid, Rache und Abhängigkeit.

Mit einfachsten Theatermitteln und einem low, low, zero Budget erschaffen zwei Schauspielerinnen, eine Regisseurin, eine Bühnenbildnerin, tatkräftig unterstützt von Désirée Kelleni (Regiemitarbeit & Technik) und Christiane Dobbratz (Ausstattung) aus dem Nichts einen dichten Theatermoment, der sich auf keine weiteren Effekte beruft als eine gute Geschichte und das Talent seiner Beteiligten. Theater in der Essenz dessen, was es sein kann… ein erzählerischer Sog, geboren aus nichts als einer Idee und Spaß an der Arbeit.

Heute zum (vorraussichtlich) letzten Mal… Stauerei Bremen, Cuxhavener Str.7, 21.30h !!!
UPDATE:
Wegen Erfolges verlängert – zwei weitere Vorstellungen „JANE“ sind am 3.04. und 5.04., jeweils 21.30h zu erleben!!!

 

Wenn jemand die berühmtesten Dramen der Welt für die Gegenwart bearbeitet und dabei (verständlicherweise) radikal kürzt – dann schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken. Sowas kann fulminant schiefgehen. Doppelt betroffen in diesem Fall Schiller mit „Wilhelm Tell“ und „Die Räuber“, Tschechow mit seinen „Drei Schwestern“, Goethe und „Faust“ fehlen selbstverständlich nicht, mit Beckett wird auf „Godot“ gewartet, Brecht und „Die Dreigroschenoper“ sind mit von der Partie, ebenso wie Lessings „Nathan“ und Shakespeare, ebenfalls doppelt aufgegriffen, mit „Hamlet“ und „Romeo und Julia“.

Da sind eine ganze Handvoll meiner Lieblingsautoren versammelt. Entsprechend kritisch näherte ich mich dieser Uraufführung aus der Feder von Tom Peuckert, seines Zeichens freier Autor, Theaterregisseur, Dokumentarfilmer und Hörspielautor. Tatsächlich aber sind ihm zwei Dinge gelungen.

Erstens hat er die Essenz des Inhaltes der Stücke erhalten, während er sie in gegenwärtige Situationen übertragen hat und zweitens ist es ihm gelungen in den Sprachduktus des jeweiligen Autors zu krabbeln… auf sehr respektvolle Weise, was deutlich für ihn spricht.

Angerichtet hat er eine Stücksammlung in kurzen Happen… und genauso wird sie auch serviert. Die erste Szene holt die Zuschauer gewissermaßen im Foyer ab, mitten zwischen Bar und Sitzmöbeln und mitten aus dem Blauen… die Darsteller treiben sich bereits die letzten 10 Minuten vor Vorstellungsbeginn unter ihnen und mit ihnen herum und dann beginnt einfach das erste Stück. Anschließend werden die Zuschauer in den Innenhof geleitet, wo sie die nächste Szene erwartet, bevor sie die Stauerei betreten. Dort bekommen sie transportable (und erstaunlich bequeme) Papphocker in die Hand gedrückt – denn obwohl alle weiteren Stücke an diesem Ort spielen sind die Zuschauer frei, ja eingeladen ihre Perspektive durch ihren Sitzplatz immer wieder zu verändern und sich neu zum Spielgeschehen zu positionieren.

Für uns Darsteller bedeutet das vorallem: unser Publikum verhält sich wie ein Schwarm, den wir leiten müssen. Jedes Mal neu, jedes Mal anders. Das Sofa muss von den drei Schwestern für die Dreigroschenoper umgestellt werden… ok, aber da, wo es hin soll sitzen vier Menschen auf Pappstühlen… und um unsere Gäste von dort woanders hinzubekommen, dafür gibt es natürlich keinen Text. Die Zuschauer sind überall, sollen sie auch sein und unsere Gänge müssen sich dem anpassen. Die Zuschauer formieren sich teilweise mit zum Bühnenbild und dass sie es tun und wie sie es tun, das obliegt unserem Charme und Geschick.

Ein Zurücklehnen auf Rollen und durchchoreografierte Szenen ist unmöglich, man muss wach sein, direkte Interaktion nicht nur aushalten, sondern auch anteilig neu herstellen, jeden Abend, situationsbezogen, aus organisatorischer Notwendigkeit und um das Publikum einzufangen, abzuholen, es einzubinden.

Patrick Schimanski, der für die Regie verantwortlich zeichnet, hat mit uns ein Gerüst gebaut von dem sich erwiesen hat, dass es tragfähig ist – es macht etwa 70% des Abends aus und verbleibt relativ unverändert. Die restlichen 30%, die Verbindungen und Überleitungen, die Publikumsführungen und –verführungen, die Partnerschaften mit den Zuschauern rund um uns herum, sind jedes Mal neu… und für mich ganz persönlich die eigentlich bereichernde Erfahrung. Dieses wachsein und interagieren müssen, das hat einen schönen Reiz und ist eine spannende Herausforderung.

Aber eine Befürchtung habe ich seit den Endproben, hatte ich bei der Premiere, habe ich in jeder Vorstellung. Wir beginnen mit „Wilhelm Tell“… es ist mein Vergnügen den „Gessler“ zu geben. Nach meiner Konfrontation mit dem schweizer Nationalhelden werde ich von ihm gewissenhaft verprügelt… wir haben draußen vor dem Foyerfenster zum Hof eine ganz wundervolle Kampfchoregrafie, Blut inklusive. Wenn die Zuschauer zur Szene im Hof geleitet werden, dann liege ich mit blutiger Nase ohnmächtig unter dem Fenster, die ganze Szene, bis die Zuschauer weiter in die Stauerei gehen. Dort finden dann weitere Szenen aus „Die Räuber“ statt und es ist meine Aufgabe irgendwann hereinzustürmen, eine Pistole zu zücken und Karl ins Jenseits zu befördern.

Für diesen Auftritt muss ich einmal rund um’s ganze Gebäude, eine Metalltür aufschließen und mich lautlos hinter einem Vorhang platzieren. Und jedes Mal, wenn ich entschlossenen Schrittes rund um’s Haus gehe, mit blutender Nase, zügig gehetzt, Schlüssel in der einen Hand, Pistole manchmal bereits in der anderen – dann hoffe ich inständig niemandem zu begegnen. Keinem Passanten, dem der Anblick sicher ein fragwürdiges abendliches Rätsel bescheren würde… und bitte, erst recht keiner Polizeistreife. Denn eines ist sicher: zu meinem Auftritt schaffe ich es dann wahrscheinlich eher nicht mehr rechtzeitig.

SMS ist die Abkürzung für „Short Message Service“ und eigentlich war der Dienst ein Nebenprodukt… gedacht um Informationen über Netzstörungen und ähnlich dröge Mitteilungen an Handynutzer zu versenden.

Seitdem hat sich das „texten“, das „simsen“, das „es-em-es-en“ zu einem kommunikativen Breitensport weiterentwickelt. Abkürzungen und Codes entwickelten sich um die 160 Zeichen einer handelsüblichen SMS möglichst effizient zu nutzen, Emoticons traten an die Stelle der Stimmlage eines Telefonates, Symbole für Sarkasmus, Lachen, Weinen, Wut, Stirnrunzeln, Unverständnis und vieles mehr. Wurden 1996 noch rund 0,1 Milliarden Kurzmitteilungen versendet tobten 2011 bereits annähernd 46 Milliarden davon durch’s Netz.

Die SMS ist zum Kommunikationsinstrument mutiert. Mit ihr lassen sich Beziehungen beenden ohne die Deckung zu verlassen, dem Lebenspartner Ergänzungen zum abzuarbeitenden Einkaufszettel hinterherschicken, man kann Frivolitäten hinterlegen und manch Schulstunde oder Vorlesung einen vollkommen neuen Inhalt geben. Und da die Kurzmitteilungen mittlerweile als Flatrate angeboten werden kann man texten bis die körperlichen Grenzen erreicht sind und eine Sehnenscheidenentzündung droht.

Allein… die kurzen Textmitteilungen haben einen enormen Nachteil – sie sind bleibende Zeugnisse. Einmal getippt und versendet sind sie Dokumente für die Ewigkeit und belegen, was man vielleicht schon kurze Zeit später eher dem Vergessen hätte anheim fallen lassen wollen. Schlimmer noch… man kann sie fehlversenden, an die falsche Nummer im Telefonbuch oder gar einfach an alle Nummern, die dort gespeichert sind.

So sind SMS ein textlicher Spiegel von Zeit und Geschehen… von Nächten und Menschen… und insbesondere in Verbindung mit Alkohol eine berückend komische Kombination.

 

04:23 Mama, wirst du abgeholt, oder soll ich dich holen ?
04:27 keine ahnung , keine zeit. ich hdipef nwkao !
04:31 es tut mir weh , zu wissen , dass meine mutter auf besseren partys ist als ich.

 

09:17 welcher arme typ hat sich gestern mit spüli besoffen?
10:01 wie kommst du darauf?? :DD
10:02 da steckte ein strohhalm in einer halbleeren spüli flasche

 

03:17 Papi, Hilfe!!!! Ich find niht heim… =( Zur hilfe, da vorne ist ne Kirche…ud ne straße…Laterne…und so… Kannst du mir Helfen??
03:20 Leg dich auf eine Bank und schlaf deinen Rausch aus. Dann rufst du mich nochmal an….wenn du bis dahin nicht gemerkt hast, das du vor der Wohnung stehst. Und bitte hör auf zu singen.

 

08:54 Ich hatte dir doch gesagt dass ich fahren kann!!!
09:07 Alter, du bist nicht gefahren! ich bin gefahren und du saßt auf dem beifahrersitz und hast mit einem pappteller gelenkt !

 

23:30 Hi Katze! Wie wärs mit Rotwein bei mir, nackt DVD schauen und Schabernack treiben?
10:32 Du Trottel hast die SMS nicht auf meine Handynummer sondern an die Nummer vom Haustelefon geschickt! Mein Papa hat mich heut morgen geweckt und gefragt ob ich „Katze“ sei oder er meine Mutter fragen muss!
10:35 FUCK! o.O

 

10:38 Boah welcher Assi hat gestern Vodka in mein Mundwasser gemacht?!!! Ich hab grad ins Waschbecken gekotzt wegen euch Pennern!!
10:40 Alter das warst du selba, wie du denn reingekippt hast hast du gemeint: morgen werd ich mich so wundern. xDD

 

3:10 Hi Spatz, wann kommst du nach Hause?
3:21 Gleich, zieh dich schonmal aus und leg dich ins Bett! 😉
3:22 Ich glaube nicht, dass du das wirklich willst. Lg, Mama.

 

13:02 AAlter ich hab gestern nen liter wodka gesoffen, bin grad mit nem mädel im arm auf ner caoch in irgendsoner wg aufgewacht, hab den kater meines lebens un des einzige was die im kühlschrank haben is bier
13:08 ich versteh dein Problem nich…

 

12:34 Kann das sein das du dir gestern Nacht noch ein „bisschen“ was zuessen gemacht hast?
12:37 Kein Plan, kann wohl.
12:40 Na danke bist ja ein toller freund mein ganzes scheiß Zimmer ist voll mit geschmierten Broten -.- um genau zu sein 18 …

 

11:13 Leute, daß die Bude wie Sau aussieht, nehme ich hin, aber in 6Std. Sind meine Eltern wieder am Start, WO IST DER INHALT VON DADS AQUARIUM?

 

17:26 Rafael letze nacht war wirklich schön mit dir , mein ganzes bett ist noch immer von den eiswürfeln feucht 😀 kuss. T
17:30 dein Papa ist also nicht der einzige Rafael den du kennst. sooso ps. schick die sms nicht an ihn, er muss DIR zuerst schreiben 😉 LG. Rafael 😉

 

02:37 Schatz kanns mich bei Marti abholen, bin stramm. Eine hat mich versuvht zu kusse.
02:42 Du Vollhorst, ich bin 1. mit dir auf der gleichen Party auf der ich dich schon zwei Std. suche und 2. war ich die, die dich versucht hat zu küssen.
02:53 ok, kanns du mich trotzdem abhole kommen, bin bei Marti.

 

05:36 Falls Du Angst hattest in der Dunkelheit nach Hause zu kommen, brauchst du jetzt keine Angst mehr zu haben, es ist jetzt hell draußen. Papa

 

08:12 omg süßer ich glaub ich bin dir fremdgegangen… da liegnt fremdes mädel neben mir…
08:15 mit nem mädel!? kein problem schatz wie wars denn?

 

21:52 Und wie is es so in der hauptstadt, gehts dir eh noch gut?^^ falls du betrunken bist drücke 4 tasten deiner wahl
22:01 apmg

 

02:14 Deine Katze will ins Haus.
02:18 Hä?? Woher weist du das
02:17 Sitze mit ihr vor deiner Haustüre..

 

05:27 Wo bist du? Du gehst doch heut snowboard fahren, der bus fährt in 45 minuten! WO BIST DU!!?? Bussi Mama
05:30 Ähm, Bus fährt um viertel vor 8 und ICH bin daheim. WO bist du?
05:45 Mist, wo bin ich?

 

12:17 Hey! Sag mal ist meine Hose noch bei Euch?
12:20 Nee, du bist gestern schon ohne gekommen…

 

23:16 Ey Lena, der Lukas hat mir grad seine Handynummer gegeben. Ich glaub ich versuchs mal und geh zu ihm rüber 😀
23:24 Kannst du gerne machen hätt ich nix dagegen. Gruß Lukas

 

19:47 Wir haben grade bei IKEA 3197 Bleistifte mitgenommen. Bauen jetzt Floß.

 

17:56 Hey meinst du dein Bruder freut sich wenn ich ihm eine Zimmerpflanze für seine neue Wohnung schenke?? gruß mama
18:07 Wenn man sie essen oder rauchen kann schon.

 

03:12 Kathi meinte grad du bist nich mehr im Klub und weißt net wo du bist. Send doch deinen Ort über dein iphone in Facebook 😀 Ich komm dich dann holen^^
03:19 Gudde idee man! Ich wieß echt nezt wo ich bin – alls dunkel heir! Hab s jezz gepostet. Kommstdu??
3:21 Alteeeer, du bist bei dir zuhause!!!

 

22:53 kati nervt. wir glotzen titanic und knabbern soletti. kommt ihr rüber?
22:56 Danke, nein. Die süße rothaarige bei der du damals gemeint hast die ist anstrengend und zu klug, meine werte freundin, brät mir grad im sommerkleid ein steak. sie hat kartoffelsalat gemacht und bier eingekühlt, es läuft fußball- die lass ich nie mehr weg. Ich LIEBE mein Leben. Schönen Abend noch! 😛
23:03 ich hasse dich -.-

 

4:07 marco… bis du so lieb un holst mich von bullen am banhof ab…bitte di sagn da muss einer kommn der über 18 is… danke bigbro, du bisn schatz!
4:12 nö, hab kein bock, ich muss morgen früh raus! hab oma bescheid gesagt, sie is unterwegs!

 

23:42 Wir sind im Peter! Bier 1,60 hier, total super! Kommste vorbei?
23:48 DIGGER! Ich bin in Vietnam! Ausserdem kostet das Bier im Peter immer 1,60, das is nix besondres!
23:51 Ich weiss, deshalb isses ja super hier. Also, kommste?
23:55: Nochmal, ich bin in Vietnam!!!! Das ist keine bar oder so sondern ein land in asien!!!

 

04:20 Wieso sehen die scheiss Parkautomaten aus wie Kippenautomaten? jetz bin ich 5euro losgeworden, hab keine kippen aber darf mit ’nem auto was ich nich hab ’ne ganze weile parken!!!

 

1:22 so schatz, sind jetzt in nem table dance laden gelandet…OMG…hihihihih
1:45 komm mir ja nicht nach hause ohne was dazu gelernt zu haben

 

9:53 du hast immer wieder versucht von mehr als nem meter entfernung auf die treppe zu steigen. dann hast du dich ganz langsam zu mir gedreht und gesagt: ‚ich glaub mein fuss ist in den gasfoermigen zustand uebergegangen.‘

 

Mehr „SMS von gestern Nacht“ -> HIER!

20

 

In 2,5Std. kann man theoretisch 3000 Rosinen essen, man kann rund 15.000 Worte sagen, etwa 50 Kilometer radfahren ohne sich groß zu verausgaben, man könnte wahrscheinlich 9000 mal einen Ping Pong Ball hin und her schlagen, man kann mit dem IC von Bremen nach Essen Hbf fahren, genial geübte Leser schaffen in der Zeit 135000 Worte… oder man läuft 20 Kilometer. Letzten Sonntag hatte ich mir letzteres als Zeitvertreib vorgenommen.

Ich empfehle das nicht. Durchaus nicht. Sollte man die Wahl haben… selbst die Rosinen sind wahrscheinlich besser. Aber ich hatte es mir nun mal vorgenommen und wollte es ganz unbedingt.

Über den Ausgang dieses Wunsches war ich mir noch unsicher, als ich mir meine Startnummer und den Einmalchip für die Zeitnahme abhole. Ich bin in Wettkämpfen nie weiter als 10km gelaufen, ich weiß, dass ich 15km schaffe… 20km bin ich noch nie gelaufen, noch nie. Als ich den Halbmarathon im Nordic Walking gemacht habe gab’s eine Trainingsgeneralprobe. Das Laufen habe ich anders trainiert. Jeden zweiten Tag Fitness-Studio, drei Wochen lang… rund 10km auf dem Laufband oder Crosstrainer. Nicht mehr, nicht weniger. Konditionstraining ohne Körperramponierung. Fünf Kilo nehme ich dabei ab… zu schwer für den Spaß bin ich immer noch, aber von einer angemessen drahtig leichten Läuferfigur werde ich mein Leben lang so weit entfernt sein wie vom Mond, also was soll’s.

10.30h trabt die bunte Schar der Freizeitläufer minutenlang über die Ziellinie, es sind deutlich mehr als bei den Minusgraden des letzten Laufes. Die Sonne strahlt frühlingshaft, die Luft ist angenehm, aber kühl und die Parkwege sind noch ein wenig regenfeucht, also weich – auf die Rahmenbedingungen werde ich ein Scheitern gegebenfalls also eher nicht schieben können.

Die ersten 5km mäßige ich mich selbst herunter… das laufen fühlt sich gut an, ein wenig übermütig – sonnig eben und gutlaunig… aber ich weiß, dass es mir ungeheuerlich die Laune der letzten beiden Runden verderben wird, wenn ich mich nicht einteile.

Als ich nach 10km über die Ziellinie laufe denke ich, wie seltsam das gerade ist. Eigentlich wäre ich jetzt fertig… hätte den üblichen roten Kopf und würde noch ein paar Stunden eine angenehme Erschöpfung und Ruhe in meinen Muskeln spüren. Heute bin ich nicht fertig, heute mache ich das Ganze gleich nochmal. Und als hätte ich meinen Kopf damit in die falsche Richtung gelenkt beginnt ab 12km die Meuterei der Gedanken. Ab jetzt greift etwas, das nenne ich „psychische Hygiene“. Der Körper findet das Unternehmen nunmehr weniger schick und beginnt die Gedanken zu instrumentalisieren, formiert sie zu Terrorgruppen, die subversiv die Laufmoral attackieren. Ich gehe dann in mir selbst ins Kino. Mal verlege ich die Laufstrecke zum New Yorker Marathon und stelle mir Menschenmassen vor, die meine Strecke säumen, manchmal stelle ich mir vor, ich sei oben in der ISS auf dem Laufband beim täglichen muskelerhaltenden Pflichtsport der Astronauten. Ich verfasse schon mal im Geiste kleine Passagen für den Blog oder platziere mir wertvolle motivationsgebende Menschen unter die Zuschauer. Kurz, ich veranstalte eine regelrechte Clipshow in meinem Kopf, die mich vorwärts trägt und meine nörgelnden Gedanken planiert. Sowas bringt locker 3-4km Ruhe.

Allmählich meutert allerdings auch mein Körper. Der Magen beklagt sich über den bröseligen Protein-Magnesium-Riegel, den ich ihm in der dritten Runde zugemutet habe und bedankt sich mit winzigen Dosen hauseigener Salzsäure zu Beginn der vierten Runde. Meine Kniegelenke halten das Projekt mittlerweile für eine grundsätzlich blödsinnige Idee und strahlen ihre Meinung hoch zu den Hüften, die sich dem vorbehaltlos anschließen und ihrerseits den unteren Rücken ins rebellische Boot holen. Meine Schulterpartie mutiert zu einer Verspannungsregion mit Spanplattenartigem Charakter und meine Muskeln machen den Ganzkörperschmerz dumpf perfekt.

Vor kurzem hat mir eine Kollegin gesagt, unser Körper könne von mehreren Schmerzregionen immer nur die dominante wahrnehmen… ich kann mich aber gerade nicht entscheiden welche das nun ist.

Ab Kilometer 17 beginnt das, was ich in Anlehnung an „Findet Nemo“ meine „Dori-Phase“ nenne… laufen, laufen, einfach laufen. Denken ist jetzt Nebensache und funktioniert auch nicht mehr auf feinstrukturierte Weise, der Körper mechanisiert sich durch, läuft, weil etwas das will, weil es vollkommen unsinnig wäre 3km vor dem Ziel aufzuhören, 2km vor dem Ziel aufzuhören, ach komm, 1km noch… eigentlich mache ich solches Zeug wegen genau dieser Phase. Nicht mittendrin, aber später, finde ich immer, dass es das Beste war. So ein tranceartiger Zustand zwischen Willen und scheitern, wo der Körper etwas macht, was er eigentlich gar nicht mehr kann und es trotzdem kann.

Hinter der Ziellinie steht eine junge Kollegin von mir, mit gezücktem Smartphone. Sie ist während des Wettkampfes extra mit ihrem Bremer Gast angerückt, damit nach meinen ersten 20km im Exil jemand auf mich wartet.

Ich lade beide zum Essen ein – aber erstmal gehe ich in die Badewanne… lange, sehr sehr lange.

Als ich drei Stunden später auf mein Rad steige dufte ich wie ein Eukalyptusbonbon nach Muskel- und Rheumasalbe und fahre so langsam in die Bremer Innenstadt wie noch nie, noch niemals zuvor. Aber auf meinem Gesicht liegt ein nahezu verklärtes Dauergrinsen. Weil ich’s geschafft habe – und weil unser Körper uns für so einen Blödsinn mit einem wahren Drogencocktail aus Schmerzmitteln, Heroinverwandten Substanzen und Glücklichmachern belohnt… ganz legal. Bewegen kann ich mich nicht so gut, aber irgendwie schwebe ich doch.

Und dann feiern wir. Ominös und lecker. Ich habe vegetarische Maultaschen und Salat und Pommes frites und Toblerone obendrauf.

Und das ist das Beste. Jede einzelne Kalorie davon habe ich bereits verbrannt. Ich darf das!