Von meinem Lieblingsdramaturgen habe ich an einem Kantinenabend einmal den Satz aufgeschnappt: „Berlin hatte viele Theater, hat viele Theater und wird einmal viele Theater gehabt haben.“.
Man kann diesen Satz hemmungslos auf die gesamte deutsche Theaterlandschaft übertragen.
Gewiss… Euroland hat eine Krise, gewiss alle müssen sparen, sparen, sparen – aber die entscheidende Frage bleibt zweifellos: WO?
Dabei auf die Kultur zu verfallen ist eine Kurzsichtigkeit für die den Regierenden bisher noch keine passende Brille verpaßt werden konnte. Aktuelle Beispiele zu finden braucht keine umfangreichen Recherchen. Sie sind so zahlreich, dass es großer Kunst bedarf der Schieflage selbiger auszuweichen. Eine neue Fallstudie eröffnet sich gerade in Dessau.
Die kreisfreie Stadt, ungefähr mittig zwischen Berlin und Leipzig in Sachsen-Anhalt beheimatet hat eine große kulturelle Geschichte. Man findet in ihr das 1926 fertiggestellte Bauhaus mit dem Walter Gropius ein neues Wirkungsfeld für bahnbrechende Strömungen in den Bereichen Kunst, Design und Architektur schuf. Seit 1996 ist es Weltkulturerbe. Dessau besitzt zahlreiche Parks und Gärten, die schon zu fürstlichen Zeiten als erbauliche Orte jedem zugänglich waren, das Wörlitzer Gartenreich ist seit dem Jahr 2000 Weltkulturerbe.
Das erste feste Theaterensemble gab es in Dessau bereits 1794… dessen kulturelles Erbe das 1938 erbaute, 1250 Sitzplätze fassende Anhaltische Theater bis heute antritt.
Dessau war auch Sitz der Junkers-Werke… und deshalb Ziel der alliierten Bomben des zweiten Weltkrieges. 80% der Stadt wurden zerstört – im Dach des Theaters landete eine Brandbombe… aber sie zündete nicht. Das Theater blieb erhalten.
Die Liste der Denker, Künstler, Forscher, Wissenschaftler, die aus Dessau stammen und dort gewirkt haben ist lang.
DAS ist das historische kulturelle Profil einer Stadt, die sich selbst in den 8 Jahren, in denen ich dort gelebt habe, als „Sportstadt Dessau“ bewarb und seinem derzeit siebtklassigen insolventen Landesligistenverein ein saniertes Stadion mit 22000 Sitzplätzen spendierte.

Wenn es darum geht Gelder einzusparen, dann lautet die Frage für Dessau nicht wo man es sich nicht leisten kann Geld auszugeben – sondern, wo man es sich nicht leisten kann es einzusparen.
Und um diese Frage zu beantworten muss man das Dessau von heute betrachten. Weit entfernt vom Speckgürtel Berlins verzeichnete die Stadt Spitzenwerte in der Arbeitslosigkeitsstatistik von bis zu 23% – Tendenz deutlich fallend… das ist die Einwohnerzahl seit der Wende allerdings auch. Soziale Spannungen, Perspektivlosigkeit und auch Ausländerfeindlichkeit sind der Spülsaum dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage.
Vier Sparten des Anhaltischen Theaters (ja, vier, das Puppentheater soll hier keineswegs vergessen werden!) arbeiten daran dieser Stadt und ihrem, von Theatern mittlerweile entblößten Umfeld, Nahrung und Impulse anzubieten. Dabei gehört Dessau zu den Theatern, von denen die kulturelle Quadratur des Kreises verlangt wird. Nicht in einer Großstadt angesiedelt, in der sich verschiedene Theater Nischen und Anforderungen teilen, soll es die Kinder bespaßen, die Jugendlichen ansprechen, die Studenten, die Erwachsenen, die Senioren, alle Schichten, überhaupt alle. Es soll Unterhaltung bieten und Innovation, muss moderne und konservative Strömungen sinnvoll verflechten, soll die Menschen zeitgemäß erreichen, gleichzeitig Traditionen bewahren, einen Wiedererkennungswert behalten und sich trotzdem an den Impulsen der Zeit entwickeln.
Bitte in ganz Dessau, bitte auch darüber hinaus… und neuerdings bitte billiger. Strategisch günstig wurde dem Theater in der Sommerpause ein Schreiben des Kultusministers der Stadt Dessau-Roßlau zugestellt, des Inhalts, dass 205 000 Euro Zuschusskürzung unumgänglich seien. Die Kürzung bezieht sich auf einen Zusatzvertrag, in dem das Anhaltische Theater Bespielaufgaben in der Region übernimmt und dafür Fördergelder erhält. Der Mitarbeiterversammlung erörtert hat der Minister seine Entscheidung nicht – er fuhr in Urlaub.
Generalintendant Andrè Bücker nannte die Kürzung skandalös, das timing schäbig und kündigte bereits an sich zu weigern diese finanzielle Sektion seines Budgets mitzutragen. Mindestens drei große Produktionen müssten gestrichen, ein längst bestehender Spielplan aufgemischt werden.
Das Ensemble und die Mitarbeiter des Theaters protestieren auf ihre Weise. Am Tag des offenen Denkmals werden sie an der Karl Marx Büste, die auf ihren Arbeitsplatz blickt, „Das Kapital“ verlesen… 24 Stunden lang. Eine interessante Idee in Zeiten der Banken- und Eurokrise. In Dessau aber quittiert diese Performance auch die neuerliche Blüte des Irrglaubens, dass Werte einen Preis haben.
Eine radikale Etatkürzung ist nicht nur gefährlich, leichtfertig und belastend. In der Dessauer Variante ist sie zusätzlich politische Sabbotage der künstlerischen Arbeit und gerade erst jungen Spielzeit. Ein künstlerisches Albtraumszenarium für jedes Theater, das schließlich lange an einem Spielplan feilt, ihn dann nicht grundlos so umsetzen möchte und womöglich bereits entsprechende vertragliche Verpflichtungen eingegangen ist.
Die Sportstadt Dessau pokert hoch, wenn sie die Einsparung als Gewinn betrachtet. Denn der tatsächliche Gewinn für diese Stadt ist das Anhaltische Theater. Meiner persönlichen Ansicht nach gewinnt ausnahmslos jede Stadt durch ein Theater… aber nicht jede Stadt braucht ihr Theater so lebensnotwendig wie Dessau und kann sich dessen Demontage deswegen erst recht nicht leisten.
Schließen möchte ich diesen Beitrag mit einer Erfahrung, die für mich persönlich kennzeichend dafür ist, was ein Theaterbetrieb bewirken kann – hier im kleinen, aber genauso in größeren Zusammenhängen. Kurz nach dem Amoklauf eines Schülers am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002 hatten wir in Dessau Premiere mit „Liebe Jelena Sergejewna“ – das war ein Zufall, aber er führte zu einer Podiumsdiskussion im oberen Foyer des Anhaltischen Theaters. Brauchen Jugendliche eine härtere Hand, brauchen sie mehr Verständnis? Die Meinungen waren vielseitig und kontrovers. An der Diskussion beteiligte sich ein fast verlegen wirkender Jugendlicher, seine Klasse wollte sich bald die Inszenierung ansehen und war geschlossen zur Diskussion erschienen. Es war die gleiche Klasse, die nach ihrem Besuch noch mit uns Schauspielern zusammensaß zur Nachbereitung. Und wieder war er fast schüchtern aber sehr bei der Sache. Als ich ihn das nächste Mal traf kam er mir auf einem Gang neben der Bühne entgegen und trug einen schwarzen Technikeroverall. Ich grüßte ihn und fragte, was er denn hier mache? Wieder war er ganz verlegen, aber er grinste und meinte, das Theater hätte angefangen ihn sehr zu interessieren und da hätte er sich einfach mal für ein Praktikum beworben.
Als ich 2003 ging… war er immer noch da.

Erinnert Ihr Euch noch… wenn man als Kind aus den großen Ferien wieder in die Schule kam? Das ganze Schulgebäude schwirrte wie ein Bienenstock… rufen, erzählen, begrüßen, alle aufgedreht, Satzfetzen wabern durch’s Gelände, großes „Hallo!“.
Jedes Mal muss ich daran denken, wenn ein Theater seine Menschen zur Spielzeitbegrüßung im Zuschauerraum versammelt.
Und die neue Spielzeit liegt vor einem wie eine noch nicht angebissene Pizza, ein Sahnekuchen, von dem man plötzlich Lust hat die Maraschino-Kirschen zu klauen…

(Es gab Nachfragen… deswegen ein kleiner Zusatz: nee, im Titel ist kein Tippfehler… ich bin in der Schweiz…)

🙂

„Der hat sie doch nicht alle!“
Ich sage es laut und einigermaßen fassungslos… und schaue zu, wie ein Mann eine Treppe über mir eine ganz eigene Trainingsmethode praktiziert. Er stellt sich auf die unterste Stufe und macht dann Strecksprünge die Treppe hoch – jeweils eine Stufe überspringend. Ich trinke erstmal einen Schluck aus meiner Trainingsnuckelflasche, dann stapfe ich weiter, Stufe um Stufe hoch. Als ich auf seiner Höhe bin nehme ich einen Kopfhörerknopf aus meinem Ohr, nicke ihm zu und attestiere laut: „Beeindruckend!“. Er grinst und japst nicht schlecht und antwortet mit einem atemlosen „Jawoll!“.
536 Stufen und einige schräge Wege bringen mich, direkt gegenüber meiner Haustür beginnend, auf 700 Meter Höhe. Dort liegt der „Panoramaweg“ und ein Rundkurs um drei Badeweiher. Eben ist es da auch nur streckenweise. Meine neue Joggingstrecke hat Schrägen in alle Richtungen. Und es macht mich alle.
Ich bin das nicht gewöhnt. Ich bin eine Donauuferläuferin. Immer schön am Fluß lang und an Flüssen ist es hübsch flach. Ich bin eine Stadtparkläuferin im platten Bremen. Acht Minuten brauche ich allein um meinen neuen Laufparcours überhaupt zu erreichen, eine weitere um den Puls wieder im Griff zu haben.
Die Aussicht allerdings… die ist wow und reicht bis zum Bodensee.


Gemäß meiner Laufleistung strafen mich die ortstypischen Cheerleader noch mit Mißachtung. Eine Kollegin hat mir mal beigebracht und demonstriert, dass man die Aufmerksamkeit von Kühen gewinnen kann, indem man ihnen etwas vorsingt. Sie reihen sich dann auf wie routinierte Theaterabonnenten. Aber wirklich… dafür fehlte mir die Puste.

Man findet mich selten in Opernvorstellungen. Dabei mag ich Opern. Ich finde nicht wenige grandios, manche Arien schlichtweg zum heulen schön und oftmals finde ich die Bühnenbilder aufregend. Aber als Schauspielerin, die der Theatralik höchst abgeneigt ist, fällt es mir meistens schwer eine Oper als Vorstellung zu sehen. Das ist kein wirklicher Kritikpunkt. Mir ist durchaus klar, dass von einem Körper, dessen Stimme solch intensive und vielfältige Gefühlsgewalt als Klang in den Raum wuchtet, nicht verlangt werden kann zeitgleich einen mimisch und gestisch sparsam treffenden Ausdruck hervorzubringen.
Da ich also in Opernvorstellungen ohnehin meistens die Augen schließe um allein die Akkustik auf mich wirken zu lassen lautet die innerliche Verabredung mit mir selbst: Oper ja, aber eher konzertant oder via Kopfhörer und CD.
Demzufolge ist Bregenz kein Ort, von dem man erwarten würde, dass ich da unbedingt hin will. Aber Bregenz ist nicht nur Opernerlebnis. Jeder, der Bühnen liebt, der ohnehin berührbar ist von der besonderen Magie dieser Orte, sollte sich einen Abstecher dorthin gönnen …zum lokalen schwelgen und staunen.
Im Festspielhaus wird „Solaris“ gegeben. Ich erhalte bereits vorab striktes Verbot mir unter fadenscheinigen Vorwänden hinterlistig Zutritt zu den Garderoben zu verschaffen um die in der Inszenierung verwendeten Raumanzüge zu klauen und einer privaten Nutzung zuzuführen.

(Lightspeed… auf dem Dach des Festspielhauses.)


Die Seebühne zeigt „André Chénier“ in der zweiten und letzten Spielzeit. David Fieldings atemberaubend schönes Bühnenbild adaptiert das Gemälde „Der Tod des Marat“, wandelt den französischen Revolutionär und Zeitgenossen Chéniers symbolisch in dessen Gegenspieler Gérard um, den Rivalen um Maddalenas Gunst und Liebe. Bildelemente wie Feder, Brief oder Messer werden als handlungstragende Spielelemente von der Inszenierung aufgegriffen. Der ganze Bodensee wird zur Wanne aus dem der Körper emporragt wie ein humanoider Felsen.

Gewaltig und doch friedlich ruht das Gesicht. Gewaltätig wird es im Stück von Speeren verwundet, die sich meterlang durch die Haut bohren wie eine das Gesicht überziehende Dornenkrone. Im Oberkörper steckt ein 11 Meter hohes, bespielbares und im Wasser versenkbares Messer. Die Augen lassen sich öffnen und blicken dann fast gequält in den 7000 Menschen fassenden Zuschauerraum, werden zu einem stechenden Blick, wenn sie sich erleuchten. Eine feine, kaum wahrnehmbare Linie, die waagerecht über die Haut des Halses verläuft verrät, dass sich der 60 Tonnen schwere Kopf um 90Grad nach hinten absenken läßt. Der dann geköpft wirkende Torso gibt den Blick frei auf das, was im Kopf verborgen war – Bücher, überdimensionierte gestapelte Bücher, auch sie bespielbar. Zu Beginn des Stückes offeriert die Hand aus dem Wasser die Einladungskarte für den Ball der Adeligen – selbige bietet dann auch gleich mehr als genug Platz diesen darauf stattfinden zu lassen und fährt vom Steg der linken Seite, über den die adelige Gesellschaft den Ballsaal betritt, einmal quer durch’s Wasser, wo die Hand dann dem offenen See die Einladung darzubieten scheint.
Ein gigantischer Spiegel thront wie ein Stargate hinter der rechten Schulter des Seegiganten und umfasst einen Panoramaausschnitt des Bodensees. Die beiden seitlichen Kerzen brennen im Stück ab und symbolisieren die verbleibende Lebensdauer von Chénier und Maddalena. Im Stück wird Seewasser dort hinaufgepumpt und bildet einen Wasservorhang auf dessen Spiegelfläche das Bildnis des Todes erscheint während das aufgeklappte Buch auf der linken Schulter zum Hinrichtungsplatz wird. Wie ein Borgimplantat kriecht eine schwarze Treppe den Oberkörper hinauf zum linken Auge. Die Akrobaten, Luftakrobaten und Stunt Rigger benutzen sie nicht. Sie seilen sich über das gewundene Kopftuch das Gesicht hinunter ab.
6,5 Millionen hat der Spielplatz gekostet. Das klingt unverhältnismäßig, relativiert sich aber, wenn man bedenkt, dass etwa 300.000 Menschen zwei Spielzeiten lang das darauf stattfindende Spektakel betrachten… und das zu keineswegs elitären Preisen.
Der Zuschauerraum ist den ganzen Tag über frei zugänglich. Jeder, der mag oder auf seiner Radtour rund um den Bodensee zufällig vorbeikommt, darf eintreten, sich beeindrucken lassen und vielleicht Appetit holen für die abendliche Vorstellung.


Dreimal am Tag erlauben Führungen einen Blick hinter die grandiosen Kulissen. Für Theatermenschen wird’s dann allerdings erst so richtig grandios – und auch ein bißchen skuril und schmunzelig. Auf Pfählen und Stegen erbaut wird man hinter der Bühne eigentlich permanent von Wellengeplätscher begleitet – teilweise so laut, dass man nachvollziehen kann wieso die Sänger manchmal das im Festspielhaus befindliche Orchester nicht mehr hören können und in solchen Momenten stoisch nach dem via Bildschirm präsenten Dirigenten navigieren müssen. Auf der unteren Ebene erblickt man neben den Stegen riesige Karpfen im türkisblauen Wasser… Bühne mit Koi-Teich. Vieles sieht nicht anders aus als hinter einer Bühne auf festem Grund und Boden. Heller ist es. Sonniger. Die Gewerke haben Tische und Stühle ‚rausgestellt, Perrücken trocknen open air. Und neben Pulten, Schaltern, Sicherungen, Requisiten immer wieder Rettungsringe, die einen optisch daran erinnern, dass man eben doch auf dem Wasser ist.
Treppen und Leitern ziehen sich durch ein Gewirr aus Stahlstreben, Holzbalken und Hydraulik. Die Technik trägt schwarze T-Shirts mit der Aufschrift „Revolutionär“. Im Gebälk hängt eine französische Flagge. Wir steigen 24 Meter bis neben den Kopf hinauf und genießen für einige Minuten den gleichen Anblick, den die Darsteller haben. Und plötzlich kann man verstehen, warum sich die 400 an der Vorstellung beteiligten Menschen Wind, Nieselregen und Wellen aussetzen. Warum sie Klettertouren am Arbeitsplatz in Kauf nehmen, Ameisenhaufenähnliches Gewusel auf engstem Raum und ganz und gar ungewöhnliche Arbeitsbedingungen.
Der Zuschauerraum ist mit kaum 200 Schaulustigen angefüllt, aber selbst fast leer verursacht er ein Innehalten und genießen. Wie atemberaubend muss er erst am Abend aussehen, fast ausverkauft, mit dem Bühnenbild im Scheinwerferlicht und der Sonne, die rotmalerisch im Bodensee untergeht.
Bregenz ist kein Schaulaufen gut betuchter Opernfans, keine Modenschau, kein musikalisches Event für das man als Normalsterblicher seine Karten etwa so lange im Voraus bestellen muss wie einen Trabant in der ehemaligen DDR. Bregenz ist aber sehr wohl ein ambitioniertes Spektakel, ein gigantischer und gigantisch gut platzierter Spielplatz für Töne, es ist Hollywood am Bodensee und für alle Bühnenfans ein Ort mit Gänsehautgarantie.