Vermutlich sollte man eine Psychotherapie erwägen, wenn man sich bei der Verkörperung von „Heidi’s“ Fräulein Rottenmeier so wohl fühlt wie ich in den letzten Wochen… aber ich sehe guten Gewissens davon ab, denn ich habe plausible Gründe. Einige davon sind der Tatsache geschuldet, dass unser Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger der Geschichte großes Vertrauen geschenkt hat und ihre Menschen und Gefühle ernst nimmt… in der Komik wie in der Traurigkeit. Er traut ihrer Qualität und erzählt sie pur, ohne sie in trendige Modernismen zu quetschen, schlimmstenfalls zu zerquetschen. Die Bühne ist zeitlos… und eine bildschöne und bildgewaltige Arbeit von Achim Römer, der zudem das Wunder vollbrachte, dass ich mich bebrillt, bemittelscheitelt und in einem höchst erotikfernen Rottenmeier-Outfit äußerst gut angezogen fühle.
Der Abend begnügt sich mit der Hälfte des Romans und endet mit Heidis glücklicher Heimkehr zum Öhi und ihrer geliebten Alp. Ein guter Schachzug, der von der Notwendigkeit entbindet die Originalgeschichte bis zur Unkenntlichkeit zu verschlanken und den Figuren ihre Entwicklung läßt. Die heutige Premiere war fast ausverkauft und bunt besetzt. Viele Kinder waren kleiner als die Altersempfehlung 5+ vorsieht… aber sie waren dran, deutlich dran. Wobei schweizer Kinder mich da verblüffen. Sie sind so wohlerzogen …und höflich. Oh ja, sie haben die Protagonisten geliebt, sie haben sich eingelassen und mitgemacht, gerufen und geholfen, gelacht und gekichert. Aber sie sind Meister im fair play. Statt Fräulein Rottenmeier niederzubrüllen amüsieren sie sich viel lieber gediegen über das permanente Scheitern meiner pädagogischen Bemühungen und scheinen niemals die Hoffnung aufzugeben dass ich von „die Adelheid“ doch noch auf „das Heidi“ umschwenke. Selbst im frontalen Publikumsdialog kooperieren sie freundlich… allerdings gefällt es ihnen dann auch wieder sehr, wenn ich von kleinen Kätzchen gejagt werde… im Nachthemd… fuchtelnd mit einer Taschenlampe wie mit einem Jedischwert. Und das beruhigt mich dann wieder.
Eine wunderschöne Premiere heute. Wobei ich gestehen muss, dass mir der Schluss immer ein bißchen verrutscht. Da bauen wir uns nach Heidis Heimkehr nämlich in der Mitte der Bühne auf. Die Berge hinter uns tauchen sich in Alpenglühen, sichtbar durch den heruntergefahrenen Bühnendecker. Und dann singen wir für unser Publikum dreistimmig die erste Strophe von „Lueget vo Berg und Tal“… dem schweizer Volkslied schlechthin. Ich kannte es nicht, ich bin kein Fan von Volksliedern, aber dieses Lied ist wirklich ausnehmend schön. Danach laden wir unser Publikum ein mitzusingen. Auf den Bühnendecker wird der Text projeziert – aber den brauchen wohl die wenigsten denn sie kennen ihn alle. Und da reißt es mich dann immer ein bißchen. Da steht man auf der Bühne, schaut in große Kinderaugen, lächelnde Gesichter mit geröteten Wangen und singt mit hunderten, hunderten, hunderten heller Kinderstimmen gemeinsam dieses Lied… und alle Erwachsenen singen und lächeln auch. Ich habe immer einen Kloß im Hals, ein paar Töne müssen immer ‚dran glauben und verschlucken sich in der Berührung durch den Augenblick.