Zu den erheblichen Vorteilen des Theaters gehört, dass einem stets was neues begegnet. Trotzdem hat es satte 18 Berufsjahre gedauert bis mir mein erster Poetry Slam über den Weg läuft. Eigentlich erstaunlich, denn diese Dichterschlacht entwickelte sich bereits 1986 in Chicago und der deutschsprache Raum hat die zweitgrößte Slam-Szene weltweit. Marc Kelly Smith beschreibt das Unterfangen mit folgenden Worten:
„Poetry Slam ist ein Wettstreit der Bühnendichter, der Mitte der achtziger Jahre erfunden wurde, um das Interesse an Lesungen wiederzubeleben. Inzwischen hat sich Poetry Slam international als Kunstform durchgesetzt, die für ihre Interaktion mit dem Publikum und künstlerische Spitzenleistungen bekannt ist.“
In St.Gallen tobt die Wortschlacht um den Siegerpreis einer Flasche Whisky im Dies- und Jenseits. Am 23.März 2013 duellieren sich verstorbene und heutige Textbastler vor dem geneigten Publikum. Die Eigenwortschreiber konfrontieren sich mit den vom Theater auf den Bühnenbrettern wiederbelebten dahingeschiedenen Autoren und treten an zu der ultimativ zu klärenden Frage „Dead or Alive“!!!
Das Unternehmen unterliegt noch strengster Geheimhaltung… wen es zurück auf die Bühne treiben wird ist classified, absolutly classified – doch mag dies gesagt sein:

In Kenntnis des Tuns meiner Mitstreiter auf der Seite der Verblichenen, in Kenntnis meiner eignen düsteren Pläne mag verlautbart sein, dass Wortgewalt ihr manisches Gewand ausbreiten wird, Passionen sich entfesseln werden, Gesellschaftsumstürzende Worte hallen sollen, nicht weniger als die Essenz des Menschenseins in Wort gegossen wallend auf die Bühne stürzen wird.
Ausgebreitet wird sein das Füllhorn mächt’ger Worte in Wut und Tat und Leidenschaft… und Wahnwitz mag sich fühlen als ein unschuldig Kind im Angesicht des ausgesprochen unaussprechlichen. Gleich jenen magischen Nächten, in denen die Tore zwischen gestern und heute unverschlossen sind, sollen Zeitreisende der Worte aus der Vergangenheit emporsteigen und in ungebroch’ner Kraft die Stimm’ erheben zu alter neuer Sprache. Und künden neuerlich von dem, was sie einst trieb.
Denn wahrlich recht hatte schon der dahingeschiedene James Branch Cabell als er wissen ließ:
„Poesie ist der Aufstand des Menschen gegen das, was er ist.“

Wohlan, so sei es… laßt uns den Aufstand proben!

Premieren machen mich selten nervös. Ich fühle ein angenehmes Aufregungsniveau und ein prickelndes Vergnügen – wie wenn man lange an einem Bild gemalt hat und dann endlich auf einer Vernissage das verhüllende Tuch vor den Augen des Publikums herunterziehen darf.
Gestern war ich nervös.
TOI, TOI, TOI – Gedenktafel als Premierengeschenk… in der Schweiz natürlich mit chocolate inside.

 

Gestern hatte die Geschichte eines Mannes Premiere, der mehr als 3000 Menschen das Leben rettete und dafür in seiner Zeit „Charakterdefizite im Sinne fehlender Hemmungen“, sogar „geistige Störungen“ bescheinigt bekam. Seine Rehabilitierung in neuerer Zeit erfolgte gegen zähe Widerstände und quälend spät.  „Paul Grüninger – ein Grenzgänger“ basiert ausschließlich auf Originaldokumenten, deren Auswahl und Zusammenstellung eine mehrjährige Mammutaufgabe unserer Dramaturgin Nina Stazol und unserer Regisseurin Elisabeth Gabriel darstellte. In unserem Zuschauerraum hatten sich Menschen versammelt wie der Historiker Stefan Keller und der Rechtsanwalt Paul Rechsteiner, deren Arbeit und Engagement maßgeblich dazu beitrugen Grüningers Rehabilitierung zu ermöglichen. Sein Enkel Dieter Roduner war ebenfalls unter den Premierengästen – allein das ist für Schauspieler ungewohnt und besonders… die Familie von Maria Stuart oder Henry V ist nie anwesend.
Bereits nach der ersten öffentlichen Probe erreichten das Theater Zuschriften, die unsere Dramaturgin bewogen die Aktion „Dunkles Erinnern“ ins Leben zu rufen weil sie deutlich machten, wie persönlich berührt die Menschen auf diese Inszenierung ansprachen. Die Matinee war mehr als gut besucht und ein weiteres Zeichen dafür, dass dieser Theaterabend von vielen mit großem Interesse erwartet wurde. Der Weg in diesen Abend war lang. Inhaltlich umfaßt er einen Bogen von 1938 bis 2012. Jahrelang wurde er am Theater vorbereitet. Rund fünf Wochen hatte das siebenköpfige Ensemble, verstärkt durch zwei wunderbare junge Laienkollegen, schließlich Zeit zu Leinwänden  dieser Theaterdokumentation zu werden, rund 60 Rollen zu jonglieren und das Kalaidoskop aus Zeitfragmenten zusammenzufügen.
Mehr als genug Gründe dieses Mal doch nervös zu sein und mehr als ohnehin immer zu wollen, dass dieser Abend so besonders auf die Bühne kommt, wie es seiner Geschichte angemessen ist.
Wie spielt man eine Dokumentation auf einer Bühne? Wie abstrahiert man ohne zu entmenschlichen? Wie dosiert man das Bühnengeschehen so, dass die Betroffenheit nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauerraum? Der Probenweg war kein einfacher. Elisabeth Gabriel hat den Texten vertraut, das reale Geschehen aufgefädelt und darauf gebaut, dass Wirklichkeit keine Effekte braucht, keine zusätzliche Farbe… nur die Konzentration, Kraft und das situative Bewußtsein eines Ensembles.
Ensemble… vielleicht das Schlüsselwort dieses Abends. Wir starten alle im gleichen Kostüm – schwarze Schuhe, schwarze Hosen, schwarzes Oberteil, Hosenträger. Am Premierenabend trug unsere Regisseurin schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzes Oberteil, Hosenträger. Eine charmante optische Geste, die sehr bezeichnend ist für die Arbeitsatmosphäre, die diesen Abend möglich gemacht hat.
In St.Gallen ist es üblich, dass das Premierenpublikum anschließend noch bleibt, auf einen Snack, ein Getränk und Gespräche und dann ist es Aufgabe des Schauspieldirektors eine Rede zu halten. Er bedankt sich stets sehr vollständig. Er vergißt keine Gewerke, er findet Worte für jeden einzelnen. Als es an die Darsteller kam hob Tim Kramer zu Recht unsere jungen Laienkollegen und ihre Leistung hervor. Die Schauspieler des Hauses aber rief er zusammen und gemeinsam nach vorne. Eine ebenso schöne wie stilsichere Entscheidung nach einem Theaterabend dessen Kernsubstanz Teamwork und Ensembleleistung ist.
Das Publikum bedankte sich beim Ensemble bereits zuvor auf berührende Weise. Als wir zum dritten Mal nach vorne kamen standen sie auf und applaudierten stehend.

SRF Tagesschau-Bericht

Radio SRF Reportage

ORF Kulturbericht

 

Die Columbia war das erste Raumschiff der Menschheit. Am 16. Januar 2003 startete sie mit ihrer siebenköpfigen internationalen Crew zu einer 16 tägigen wissenschaftlichen Mission in den Erdorbit. Dabei löste sich ein Teil der Schaumstoffisolierung ihres externen Tanks und prallte auf die Hitzeschutzkacheln ihrer linken Tragfläche. Die NASA stufte die Gefahr einer Beschädigung als gering ein. Am 1.Februar 2003 setzte das Raumschiff zum Landeanflug auf seinen Planeten an. Plötzlich zeigten die Telemetriedaten Unregelmäßigkeiten an, Belastungssensoren in der linken Flügelvorderkante lieferten anomale Werte. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste war, dass die Columbia mit einem schätzungsweise 25cm großen Loch im Hitzeschutzschild ihres linken Flügels in den Wiedereintritt geflogen war. Bis zu 1800 Grad heißes Plasma drang ein, zerstörte mehrere Sensoren, Teile der Hydraulik und schwächte die Tragflächenstruktur. Die Kontrolle über die Lageregelung und aerodynamische Stabilität des Shuttles ging verloren, der Funkkontakt brach ab.
Das Auseinanderbrechen des Space Shuttles beschrieb Bob Crippen, Erstflugpilot des Raumschiffs, mit den Worten:
„‘I’m sure that Columbia which had travelled millions of miles, and made that fiery re-entry 27 times before, struggled mightily in those last moments to bring her crew home safely once again… She wasn’t successful.”.
Treffender kann man die Bilder des verglühendes Schiffes nicht in Worte fassen.

Was von der Columbia nicht verglühte ging als Trümmerregen über den Südstaaten der USA nieder – ihre Crew Rick Husband, William C.McCool, der erste israelische Astronaut Ilan Ramon, Michael P.Anderson, Davis M.Brown, Laurel B.Clark und Kalpana Chawla überlebte die Katastrophe nicht.
Das Schiff und die Crew waren 16 Minuten von der Landung entfernt…

“Columbia was a fine ship. Many said she was old and past her prime, still she had only lived barely a quarter of her design life. In years she was only 22. Columbia had a great many missions ahead of her, she along with the crew, had her life, snuffed out, in her prime. (…)
But it was her final moments that solidify the love people have for Columbia, as she fought past the expected boundaries of her capabilities, as super-hot gases on re-entry breached through the hole created by a debris strike, ripping her apart from the inside. (…)
Just as her crew has, Columbia has left us quite a legacy. There’s heavy grief in our hearts, which will diminish with time – but it will never go away – and we won’t ever forget. Hail Rick, Willie, KC, Mike, Laurel, Dave and Ilan. Hail Columbia.”
(Robert Laurel „Bob“ Crippen)