Letzten Samstag ging ich mit Klaus Kinski zur Arbeit, traf dort auf ein österreichisches Original in Unterwäsche, lernte den Erfinder der Talkshowprügelleien kennen und rauchte eine Zigarette mit Mozart. Mit ihm verzettelte ich mich in eine köstliche Verbalkabbellei, nannte ihn „Kretin!“, woraufhin er die heilige St.Galler Tonhalle mit den Worte stürmte „Da draußen ist ein Amerikaner – ich KANN so nicht arbeiten!“.
Fraglos ja… es war „Poetry Slam – Dead or Alive“.. und ich bin Edgar Allan Poe.

Poetry Slam - EdgarAllan Poe
Vier tote Dichter traten jeweils im Wechsel gegen die angereiste Wortgewalt von vier höchst lebendigen Slammern an, im Kampf um die Gruppenwertung und den zu erringenden Einzelpreis einer braungolden schimmernden Flasche Whisky. Die Auslosung bestimmt, dass ich als letzte der Verstorbenen antreten muss. Strategisch keine schlechte Position, aber meinen Nerven bekommt sie gar nicht. Poetry Slam heißt: Bestform auf dem Punkt, du gehst allein mit deinem Text auf die Bühne, füllst maximal sechs Minuten aus und anschließend wirst du bewertet… es ist wie vorsprechen vor rund 500 Menschen. Und wir alle wissen, wie Vorsprechen sich so anfühlen können.
Schon vor dem Event brummt der Zuschauerraum, Musik fetzt durch den Raum, es klingt nach Hexenkessel. Irgendwie fühlt es sich durchaus nach Spaß an, trotzdem bin ich grundnervös und pilgere meinen Text vor mich hin repitierend über das Fischgrätenparkett vor dem Bühnenaufgang. Unterbrochen allein durch eine Zigarette in der Pause, eine Schokoladenpraline und das auftragen von gehörigen Mengen Mastix unter den sich durch das beständige sprechen ablösenden Schnauzbart.
„Die schwarze Katze“ habe ich mir ausgesucht. Eine klassische Horrorgeschichte, ein bißchen blutig, ein bißchen mystisch… auf knapp sechs Minuten eingekürzt, der Meister möge es mir verzeihen, aber so sind die Regeln. Und, wegen meiner Lampenfieberverfassung unerwartet, auf der Bühne habe ich plötzlich einen unerhörten Heidenspaß damit. Die Wertung nach meinem Abgang bekomme ich nur am Rande mit, vorallem bin ich grunderleichtert.
Das hält nicht lange an. Wie sich herausstellt heimst Poe die höchste Punktzahl der Toten ein, was nicht weniger bedeutet, als dass er mit dem zweiten Text in’s Finale muss. Damit hatte ich nicht gerechnet. Meine Kollegen hatten zuvor wahre Lachsalven durch den Raum geschickt und die Bühne gerockt – wer rechnet denn damit, dass der älteste tote Dichter, der für den Anlaß untypischste humorfreiste Verstorbene mit der klassischsten Sprache so wohlwollend aufgenommen wird? Aber man soll den Sinn der Zuschauer für’s morbide nicht unterschätzen – alle CSI-Serien leben davon.
Etwas bestürzt stürzte ich backstage um umgehend das Textrepitieren wieder aufzunehmen. Dieses Mal mit der Strichfassung von „Ligeia“, einer leidenschaftlichen Romanze, die auf paranormale Weise die Schranken des Jenseits überwindet. Am Ende wird es Platz 3, die Lebenden sichern sich die Gruppenwertung, so richtig zum Anlaß für erhebliche Depressionen nimmt das niemand. Noch während der Verabschiedung auf der Bühne kreist bereits die Whiskyflasche und befeuchtet das allgemeine grinsen und freuen.
Denn wahrlich und ganz im Sinne Edgar Allan Poes: „Kunst ist die Wiedergabe dessen, was die Sinne in der Natur durch den Schleier der Seele erkennen.“.