Was ist eine schützenswerte Landschaft?

Wikipedia definiert den dazu gehörenden Naturschutz als Maßnahme mit folgenden Zielen:
– die Erhaltung der Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur, Landschaft und Wildnis (ästhetisch-kulturelle Gründe; Natur als Sinnbild).
– die Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, wobei eine nachhaltige Nutzbarkeit der Natur durch den Menschen angestrebt wird.
– die Erhaltung von Natur, insbesondere von Biodiversität auf der Artebene, aufgrund ihres eigenen Wertes (Natur als Selbstwert/Moralobjekt).
Ich stimme der Notwendigkeit all dessen vollumfänglich zu. Die Ausgaben für den Umweltschutz betrugen 2009 35,5 Milliarden Euro… gut investiertes Geld, schützt es doch Einzigartigkeit, Kostbarkeit, einen beeindruckenden Mehrwert an Lebensqualität und ein unwiederbringliches Gut das, einmal zerstört, nur unter Aufwendung weit umfangreicherer Mittel und dann doch nur teilweise rekonstruierbar wäre.
Das macht also Sinn.

Was ist eine schützenswerte Landschaft?

Der Deutsche Bühnenverein stellt in seinem Theaterpolitischen Thesenpapier korrekt fest: „Die Theatertradition Deutschlands mit ihren mehr als 220 Bühnen in 125 Städten und ihrer öffentlichen Finanzierung ist in der Welt einmalig und unverzichtbar.“.
Wir haben also Vielfalt, Eigenart und Schönheit.
Wir haben ebenso eine nachhaltig angestrebte Nutzbarmachung durch den Menschen, denn „Theater sind für Städte und Gemeinden, Länder und Regionen von zentraler kulturpolitischer, aber auch wirtschaftlicher Bedeutung.“
Und das dritte Ziel zum Schutz einer Landschaft? Ist es gegeben? Ja – „Jedes Theater muss mit eigenem künstlerischen Profil sein eigenes Publikum finden. Erst dies sichert eine vielfältige, lebendige, in der Gesellschaft verankerte Theaterkunst.“.

Die Theaterlandschaft Deutschlands ist also eine schützenswerte Landschaft. Und doch betrugen sämtliche öffentlichen Kulturausgaben 2009 lediglich 9,1 Milliarden Euro, wobei 35,4% auf Theater und Musik entfielen.

Wie ist nun zu erklären, dass die eine Landschaft durch das Bundesnaturschutzgesetz ausdrücklich (und zu recht) beschützt wird und dieser Schutz zusätzlich als öffentliche Aufgabe gemäß Art.20a/Grundgesetz Staatsziel ist und der Schutz der anderen Landschaft rangiert unter verzichtbarer Kostenfaktor?

Bundeskulturschutzgesetz
Das politische Bewusstsein für eine notwendige Gleichbehandlung dieses Erbes scheint zu fehlen.
Unbelastet durch ein (nicht existentes) Bundeskulturschutzgesetz  hat der Kultusminister Sachsen-Anhalts Stephan Dorgerloh die Mittel der Theater Halle, Dessau und Eisleben um 7 Millionen gekürzt, wissend und billigend, dass dies das unmittelbare und mittelbare Aus dieser ohnehin schon an den Abgrund gesparten Theater verursacht.
Trier möchte gerne die Einsparung einer Million Euro mit dem Verzicht auf Ensembletheater bezahlen, mittelfristige Schließung von Sparten oder Haus in Kauf nehmend.
In Rostock hat die Belegschaft einen Hausvertrag angeboten der über 5 Jahre 6,2 Millionen Euro einspart. Ob die Bürgerschaft sich trotzdem dazu durchringen kann das Haus mit allen vier Sparten langfristig und eigenständig zu erhalten steht in den Sternen.
Die einst überregional kulturprägende Stadt Wuppertal hat das Ende des Ensembletheaters beschlossen.
Immerhin, NRW hat sich entschlossen seinen Kulturhaushalt nicht von 196 auf 180 Millionen zu kürzen – es sind jetzt 182,5 Millionen Euro übrig geblieben. Andersherum sind das 13,5 Millionen weniger …aber so mag man das ja fast schon nicht betrachten.
Die Stadt Köln lässt mit Zustimmung des Bonner Oberbürgermeisters (aber ohne Einbindung des Rates oder der Verwaltung der Stadt Bonn) eine Fusion beider Opern prüfen.
Die Liste ist lang, frustrierend und weckt die Fähigkeit zum Sarkasmus.
Es scheint nicht mehr logisch auf die Einsicht der politischen Entscheidungsträger zu vertrauen, die seit Jahren geflissentlich überhören was Kulturschaffende predigen:
– Kultur ist ein Beschäftigungsfaktor
– jeder in Kultur investierter Euro zahlt sich mehrfach an anderer Stelle aus
– Theater- und Spartenschließungen sowie Fusionen sparen kein Geld ein, sondern kosten es

Was ist eine schützenswerte Landschaft?

Ob Kultur Staatsziel sein sollte und ein Bundeskulturgesetz haben kann ist ausgerechnet im Land der Dichter und Denker höchst umstritten. Dr. Franz-Josef Jung (CDU/CSU) merkte dazu an „Unsere Verfassung ist kein Warenhauskatalog.“. Gewiss nicht. Sie ist geschaffen worden Werte zu schützen. Und irgendwie wurde Kultur dabei übersehen.
Trotzdem nannte Dr. Christoph Bergner die das behebende Grundgesetzänderung „überflüssig“, denn im Rahmen der föderalen Grundordnung könne niemand die Bundesregierung bei der Förderung von Sport und Kultur überbieten.
Wie er das den Dessauer Bürgern erklären will, die neulich symbolisch liebevoll ihr Theater mit Pflöcken sicherten damit es ihnen nicht genommen wird, ist mir persönlich unklar.

 

Es war ein wenig still hier, denn ich war ein wenig beschäftigt. Auf den letzten Drücker, die letzten Wochen der Spielzeit, wurde es dann noch etwas voll. Seit Anfang Juni sind vier Darsteller nach Kräften dabei „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser einzufangen. Ich gehöre als „Sabine Halm“ zum Lassoschwingenden Team, das den Fallstricken zwischenmenschlichen Aufeinandertreffens auf den Grund geht. Da ich zu Beginn der neuen Spielzeit sicher noch ausführlicher darüber berichten werde sei vorerst nur gesagt, dass das halbe Bühnenbild aus Mineralwasser besteht von dem nicht wenig im Zuge des Geschehens in unseren Bäuchen landet, weswegen ich ernsthaft beschlossen habe den Sommer über Mineralwasserabstinent zu leben.

Kurz vor aller Spielzeitende gelang dann noch ein mehrtägiger Ausflug nach Rostock um nach dreijähriger Spieldauer die 85zigste und letzte Aufführung von „Gut gegen Nordwind“ doch noch zu erwischen. Zum Glück.
Wenn Bestseller den Weg auf die Bühne finden darf vieles befürchtet werden. Von gefälliger Mainstreaminszenierung bis hin zur künstlerischen Formüberhöhung und dem Verlust der Nähe zu den Figuren, die man als Leser genießen darf ist, ist alles möglich. Und wenn der Bestseller auch noch eine Liebesgeschichte ist bedroht zusätzlich Verschmalzung das Geschehen. Sonja Hilbergers Inszenierung ist frei von all diesen Befürchtungen. Die Bühne ist das Internet. Die Darsteller sind online, offline, ganz ohne Computer, ohne Schreibtische… sie begegnen sich ohne sich zu begegnen, sie bewerfen einander mit ihren Nachrichten, tauschen sie, breiten sie aus, gemeinsam oder aufeinander wartend, das Publikum wird zum allsehenden Server, der als einziges betrachtet worüber die beiden Hauptdarsteller in Neugier, Anziehung, Ironie, Komik und schließlich Sehnsucht nur spekulieren können. Und so entwickelt sich, inmitten von Bits und Bytes als Überträger, eine unwiderstehliche Gefühlsdichte, eine urkomische Wortschlacht, eine zärtlich verwirrte Verbindung, ein digitales Paralleluniversum in dem der mahnende Verstand von leidenschaftlichen Hoffnungen bekriegt wird.
Die Inszenierung wagt es ihre Menschen ins Zentrum zu stellen, wagt eine unverhohlene Liebesgeschichte. Und das Wagnis geht auf, weil sie vollkommen ohne Klischees und Kitsch auskommt. Das ist fraglos das Ergebnis stimmiger Regiearbeit, aber auch eine Leistung der beiden Darsteller. So sehr ihre beiden Figuren voreinander in der Deckung geschriebener Worte verbleiben, so sehr entdecken Sandra Uma Schmitz und Alexander Flache eine breite Gefühlsvielfalt vor den Augen des Publikums, decken sie auf, pur, schutzlos und deswegen berührend.
Ein unwiderstehlicher Theaterabend, den ich überaus lächelnd und alle Beteiligten gnadenlos lobend verlassen habe.

Jetzt habe ich Ferien. Ein ungewohnter und höchst bedenklicher Zustand massiven Freizeitaufkommens an den ich mich erst mal gewöhnen muss.