Ich schreibe diesen Blog als Theaterblog …und es ging jetzt lange wirklich ausschließlich um Theater. Der Blog ist aber auch ein Rhode-Blog und so ganz ohne Raumfahrt wäre er keiner. Die Griechen hätten darin übrigens keinen Widerspruch entdeckt – Kunst und Wissenschaft waren für sie gleichermaßen Elemente von Kultur.
Und heute habe ich es endlich gelesen. Seit Jahren warte ich auf diese Schlagzeile. Sie kam immer mal wieder auf… und es war stets die NASA, die sich zweifelnd gab. Jetzt ist es NASAoffiziell…  die am 5. September 1977 gestartete Raumsonde Voyager 1 hat als erstes menschengemachtes Objekt unser Sonnensystem verlassen.
Voyager
(Bild – public domain, created solely by NASA/Walt Feimer… thank you!)
Es ist gar nicht so einfach das zu definieren. Wann endet die Heliosphäre, der interplanetare Bereich um unseren Stern in dem sein Sonnenwind und seine Magnetfelder wirksam sind? Wann beginnt die Heliopause, der Bereich in dem sich die letzten Partikel des Sonnenwindes strömungslos mit interstellarem Gas vermischen? Die Voyager-Zwillingssonden haben genau dafür ein Instrument an Bord, ein Plasma Spectrometer. Aber bei Voyager 1 ist es dem Zahn der Zeit anheim gefallen, es ist defekt. Von 11 Instrumenten sind zwei defekt, eines beschädigt, fünf mussten aufgrund der sich mindernden Stromversorgung durch die drei Radionuklidbatterien abgeschaltet werden – aber drei Instrumente arbeiten… 18,8 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt, mit einer Reisegeschwindigkeit von 60.000 km/h arbeiten sie immer noch. Knapp eine Sekunde braucht das Licht vom Mond zur Erde, acht Minuten von der Sonne zu uns… die Voyager erreicht es in knapp 17 Stunden.
Und trotzdem erhalten wir Daten von der Sonde, deren Auswertung die Annahme rechtfertigt, dass die Voyager eine Weite betreten hat, über die wir nur Erwartungen haben, aber kein Wissen. Wir werden ihn mit der Sonde entdecken… den interstellaren Raum.
Noch bis voraussichtlich 2025 wird Voyager uns mit Informationen beliefern, jede einzelne davon markiert einen Meilenstein der Raumfahrt. Dann wird sie weiterfliegen ohne mit uns kommunizieren zu können. In 38.000 Jahren wird sie wieder eine schwach leuchtende Sonne sehen… nüchtern katalogisiert als AC+79 3888 im Sternbild Kleiner Bär. Und dann wird sie immer noch weiterfliegen. An Bord befindet sich eine goldene Schallplatte mit Bild- und Toninformationen ihres Heimatplaneten, einer Wegbeschreibung ihrer Herkunft und einer Bauanleitung für einen „Plattenspieler“. Die Botschaft ist die Idee von Carl Sagan, amerikanischer Astronom, Astrophysiker, Exobiologe, Fernsehmoderator, Sachbuchautor, Schriftsteller – und, das ist ihm sehr zu unterstellen, Humanist. Er wusste genau, wie unwahrscheinlich es sein würde, dass sie jemals von außerirdischem intelligenten Leben gefunden werden würde, jeder, der sich mit den Weiten des Weltalls beschäftigt weiß das. Aber er mochte den Gedanken, dass Menschen darüber nachdenken, wie sie sich anderen Lebensformen darstellen wollen. Die Datenplatte enthält Grüße in 55 Sprachen, 115 Bilder, 90 Minuten Musik, ethnische, klassische, Rock, Geräusche unseres Planeten… und eine geschriebene Nachricht des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carters:

„“This is a present from a small, distant world, a token of our sounds, our science, our images, our music, our thoughts and our feelings. We are attempting to survive our time so we may live into yours.”.

(„Dies ist ein Geschenk von einer kleinen, entfernten Welt, eine Probe unserer Klänge, unserer Wissenschaft, unserer Bilder, unserer Musik, unserer Gedanken und unserer Gefühle. Wir versuchen, unsere Zeit zu überleben, um in Eure hinein leben zu dürfen.“)

Aber selbst wenn uns das nicht gelingt… fliegt die Voyager weiter und trägt das Abbild ihrer Zeit durch den interstellaren Raum.

Wann wird aus einer guten Ehe eine ausreichende Ehe? Wann aus ersehntem Umgang eine liebgewonnene Gewohnheit? Ab wann verbringt man sein Leben mit einem Menschen, weil er einfach schon so lange da ist?
Sabine Halm könnte nicht sagen, dass sie eine schlechte Ehe führt. Sie würde das Gegenteil sagen. Sie würde von Respekt reden, den man einander schenkt, von gemeinsamem Humor, von einem um einander wissen und einem sich verstehen mit und ohne Worte. Sie würde die Interessen betonen, die man teilt… und vergessen zu erwähnen, was man schon länger nicht mehr teilt. Man schätzt den Wert des anderen, die Verbundenheit und die Kontinuität, die sich unter anderem in einem jährlichen Urlaub am Bodensee spiegelt… jährlich, seit 11 Jahren.
Ein zufälliges Aufeinandertreffen mit einem Schul- und Studienfreund ihres Mannes auf der Urlaubspromenade wird zur statischen Belastungsprüfung des eingefahrenen Ehegebäudes. Klaus Buch ist, ganz namensgemäß, Journalist und Verfasser von Trendbüchern, unkonventionell, Gesundheitsprofi, Herausforderungsfahnder und potenter Eroberer der 18 Jahre jüngeren Hel, mit der er in zweiter Ehe verheiratet ist. Sabine lädt das espritgeladene Paar in die Eheferienwohnung ein…
Fliehendes Pferd2(Plakatfoto © Theater St.Gallen/Tine Edel)

„Ein fliehendes Pferd“ ist eine 1978 veröffentlichte Martin Walser Novelle über die Lücken sozialer Behauptungen, über die Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Scheins und das Unvermögen der Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Scheins. 1985 adaptierten Martin Walser und Ulrich Khuon die Novelle für das Theater und wandelten den feingliedrigen Sarkasmus und das subtil/offensichtliche menschliche Verletzungspotential unerfüllter Sehnsüchte und Hoffnungen in eine szenische Fassung.
Es war Voltaire, der gesagt hat: „Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.“. Treffender lässt sich das zeitlose Brennmaterial der vier Figuren nicht beschreiben, mit dem sie, zur kritischen Masse verdichtet, beginnen miteinander entlang ihrer Wünsche zu zündeln. Das Ende ist Zerstörung und Aufbruch zugleich – vielleicht hinein in eine Erneuerung…vielleicht auch nur in die Rekonstruktion des gewesenen. Das Ende ist die Frage, ob Menschen mit ihren Erfahrungen nur lernen… oder ob sie etwas begreifen.

„Ein fliehendes Pferd“ – Theater St.Gallen/Lokremise – weitere Aufführungen: 10., 13., 14., 17., 18., 22., 25., 27. und 29. September 2013

In der Novelle reisen die Halms mit ihrem siebenjährigen Cockerspaniel „Otto“ an den Bodensee. In der Theaterfassung ist „Otto“ aus verständlichen Gründen nicht anwesend. Unsere Kostümbildnerin Meta Bronski machte ihn, zu meinem außerordentlichen Vergnügen, trotzdem zu einem Teil ihrer wunderbaren Figurinen. Ich möchte ihn nicht vorenthalten…

Otto Halm Cockerspaniel

Gestern hat das Theater St.Gallen seine Spielzeit 2013/2014 offiziell eröffnet und sich zu diesem Anlass ein eintägiges Theaterfest gegönnt mit so ungefähr allem was das Zuschauerherz und Spielkinder jeden Alters erfreut.
Eröffnungsfest
Viele Bereiche des Theaters waren für eingehende Blicke hinter die Kulissen geöffnet, wurden aber auch zu Spielorten für Theatererfahrungen jeder Art. Im Studio hatte das Kinderstück doppelt Premiere und Hans eine Menge Glück, szenische Lesungen fanden statt, die Hauptbühne wurde lebendig und zeigte, was sie technisch ‚drauf hat, bevor sie wieder als Hauptdarsteller in den Hintergrund trat und wechselnden Darbietungen von Oper, Musical und Tanz einen Platz gab. Vor dem Theater gab es Leckereien, der Park daneben wurde gleich mit zur Bühne, ein Speakers Corner vor dem Haus erlaubte Spontanperformances für alle. Es gab einen Shuttleservice mit Großraumrikschas vom Marktplatz zum Theater mit dem man sich den ganzen Tag über von sportlich strampelnden Theatermitarbeitern zum Epizentrum des Events befördern lassen konnte, prächtige Kostüme wurden versteigert und die Maskenabteilung war ins Foyer umgezogen, zeigte Kostproben ihres Verwandlungshandwerks, schminkte Kinder und platzierte hautnah hunderte von Tattoos mit Motiven aus der kommenden Spielzeit.
So kam es, dass ich bereits einen schicken Beethoven auf dem Unterarm trug als ich mich morgens zur Matinee von „Das fliehende Pferd“ im Malersaal einfand… wo man nebenbei auch noch Elemente aus dem „Heidi“-Bühnenbild ganz aus der Nähe in Augenschein nehmen konnte.

Malsaal1
Nachdem wir neugierig gemacht hatten auf die kommenden menschlichen Verwicklungen nach Martin Walser knöpfte ich mich in meine selbstgewählte Festaufgabe. Ich muss es gestehen… ich habe ein anhaltendes Vergnügen in seltsamen Ganzkörperkostümen über Theaterfestivitäten zu stromern und die dort eingetrudelten Kinder (ggf. auch gewogene Erwachsene, da kenne ich keine Altersobergrenze) zu bespaßen. Ich gebe der Ausbildung der Westfälischen Schauspielschule dafür die Schuld. Maskenspiel war dort fester Bestandteil des Lehrplans, erst die neutrale Maske, dann die expressive, gefolgt von Commedia dell‘ arte und schließlich der Clownsnase als kleinste und schwierigste Maske. Ich bin dieser Ausbildung heute noch oft dankbar, sie legt ein ganz wunderbares Gefühl für Rhythmus, Bewegung, Spannung und Impulse an, das man überall gebrauchen kann… auch wenn man später selten mit Masken auf der Bühne steht. Umso mehr ein Grund sie sich gelegenheitsweise zu suchen. In Dessau bin als Bremer Stadtmusikanten Katze über den Tag der offenen Tür getobt, in Regensburg als fast Zweimeterbär. Ein Streifzug durch den St.Galler Kostümfundus erbrachte dieses Jahr eine völlig neue Kreation… ein Froschdrache.
Froschdrache
Kinder sind umwerfende Spielpartner in nonverbaler Kommunikation. Am Anfang sind sie oft  erstaunt über das 1.70m.-Geschöpf, das da plötzlich auftaucht… so was passiert im Kino schließlich nie. Schüchternes betrachten, winken, gegenseitiges anpirschen… aber dann wird sehr genau erkundet was man mit diesem komischen Ding alles anstellen kann. Sobald man erst mal eine Schar Kinder um sich versammelt hat wird die Hemmschwelle für alle anderen kleiner, die Unbedenklichkeit des grünen Wesens ist ja offensichtlich. Händeschütteln? Geht. High Five? Geht auch. Bauch anpicksen? Ja, der Drache ist kitzlig. Kann man ihn erschrecken? Ja, kann man. Tanzt der? Wenn man vortanzt – dann macht der mit. Nachmachen, vormachen, mitmachen. Redet er? Nein, leider nicht. Wie alt ist der Drache? Drei… Gekicher, man ist nämlich älter. Viele Kinder hatten noch ihre Schaumstoffröhren von der „Cyrano de Bergerac“-Fechtdarbietung dabei… ich musste einige Duelle bestehen, ließ mich natürlich aber auch zum Vergnügen der jungen Helden ins Boxhorn jagen. Aus den Werkstätten hatten manche coole gebastelte Saiteninstrumente mitgebracht, was zu spontanen Rockkonzerten im Foyer führte. Ein kleines Mädchen hatte vor dem Theater eine Weile mit mir herumgekaspert und als ihr Vater dann lächelnd andeutete, dass man ja eigentlich nach Hause gehen wollte, da fand sie, es sei eine gute Idee, wenn ich mitkomme. Es bedurfte einigen Gestenreichtums und der wörtlichen Mithilfe ihres Papas festzustellen, dass ich im Theater wohne und deswegen kein neuer Kinderzimmerbewohner sein kann.
Je jünger die Kinder sind, desto suspekter ist ihnen das seltsame Geschöpf. Auf dem elterlichen Arm und wenn man sich selber ganz klein macht gelingt es aber manchmal trotzdem sie von der eigenen Ungefährlichkeit zu überzeugen. Ein sehr süßer kleiner Junge von höchstens drei Jahren hatte zunächst eine klare Vorstellung davon wie groß die Distanz zu dem seltsamen Drachen zu sein hatte. Kam ich näher war sehr ersichtlich, dass es ihm dann unheimlich wurde. Und dann mache ich auch keinen Blödsinn und halte den Abstand ein. Aber er kam immer wieder. Und jedes Mal wurde der Sicherheitsabstand kleiner. Er fing an die Hand nach mir auszustrecken, wenn ich es tat, aber ein Meter vor der Berührung war es ihm dann doch nicht mehr geheuer. Beim nächsten Mal waren es dann bloß noch dreißig Zentimeter. Beim folgenden Mal hätten nur noch Zentimeter gefehlt bis zur Berührung unserer Zeigefinger – aber, nee, noch war es nicht so weit. Und natürlich kam er dann doch wieder, auf dem Arm seines Papas. Ich kniete schon am Boden, sein Papa auch und er hielt sich an ihm fest – aber dann war es doch so weit… mein Finger tippte an seinen. Und nichts furchtbares war passiert. Hm. Erneutes antippen. Wieder alles ungefährlich. Ganz vorsichtiges streicheln meiner ausgestreckten flachen Hand. Der Drache tut nichts. So saßen wir dann da, auf dem Boden im Foyer, minutenlang und der kleine Junge streichelte ganz gedankenverloren die Hand des großen Drachen. Manchmal habe ich mit dem Zeigefinger seine Hand gekitzelt, dann hat er sich das ruhig betrachtet und die Hand vom Drachen zurückgekitzelt. Als die beiden gingen bedankte sich sein Vater höflich für die vielen Anläufe und die Zeit auf dem Foyerboden und erzählte, dass der Kleine einfach immer wieder zum Drachen hingewollt habe.
Manchmal ist es schade, dass ich in der Vollmaske nicht rede, denn ich hätte zu sagen gehabt, dass der kleine Junge mir ein sehr bezauberndes Theaterfesterlebnis beschert hat. So aber habe ich ihnen einfach enthusiastisch vehement nachgewinkt.