Das Anhaltische Theater in Dessau soll bis 2016 die Sparten Schauspiel und Ballett schließen. Das meldete die Mitteldeutsche Zeitung, die sich auf ein Interview mit Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) beruft. Aufgrund der demografischen Entwicklung halte Dorgerloh die Schließung für unausweichlich. Dennoch solle in Dessau ein Vierspartenangebot erhalten bleiben, indem Schauspiel und Ballett eingekauft werde und Theaterpädagogik, Puppentheater, das Orchester und der Chor am Haus bestehen bleibe.
Das Land erhöht die Zuwendungen für das Theater in diesem und im nächsten Jahr um jeweils 300.000 Euro, 2016 um 350.000 Euro, um die Umstrukturierung und den Ausstieg aus den bisherigen Haustarifverträgen zu ermöglichen. Die Hälfte der Abfindungen könne sich die Stadt Dessau vom Land erstatten lassen, so Dorgerloh. Dies gelte auch für Halle, wo alle Sparten erhalten werden sollen, allerdings mit personellen Kürzungen.
Der Intendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker, habe zu den Plänen für Dessau knapp bemerkt: „Über den Abbau von Sparten entscheidet der Dessauer Stadtrat – und niemand anderes“.
[Quelle: Mitteldeutsche Zeitung]/ theaterjobs.de

Um es in der gebührenden Deutlichkeit zu sagen… niemand kann vorhersehen wie lange Stephan Dorgerloh Kultusminister von Sachsen-Anhalt sein wird – aber jeder kann nachlesen wie lange eine Schauspieltradition in Dessau besteht… bereits 1794 gab es in Dessau ein festes Schauspielensemble.
Unter dem Deckmantel des demografischen Wandels soll nun nach Dorgerlohs Willen 2016 damit Schluss sein. Der Duden definiert „demografisch“ als „wirtschafts- und sozialpolitische Bevölkerungsbewegungen betreffend“. Die Spartenschließung ist nicht das Ergebnis, wohl aber der Motor einer solchen.
Marion Tiedtke schreibt dazu auf „Nachtkritik“ treffend: „Das Beispiel unserer niederländischen Nachbarn zeigt, dass eine radikale Kürzung des Kulturhaushaltes nur eine Sterbehilfe ist. Sobald die Kunst nur noch als Hochkultur gefördert, sobald die Nachwuchsförderung oder die sogenannte Provinz als Spielwiese und freies Feld einer zukünftigen Generation abgeschafft wird, ist es eine Frage der Zeit, bis gar nichts mehr bleibt als Repräsentationskultur im Hochglanzformat.“.
Lokal betrachtet entkernen solche Schließungen zusätzlich die Lebensqualität der davon betroffenen Stadt. Wer sucht sich einen Wirtschaftsstandort mit nichts als ein paar Cafés und einem Kinoplalast? Wer bleibt in Städten, die nichts weiter herzeigen können als die Kultur vergangener Zeit im Museum?
Wie zynisch und kurzsichtig agiert Politik, die Zuwendungen kürzt um Kultur abzuholzen und dann Zuwendungen erhöht um den Abtransport selbiger zu finanzieren?
Stephan Dorgerloh ist studierter Theologe. Es ist ihm nicht zuzumuten den künstlerischen Unterschied zwischen einem lokal verankerten, kontinuierlich arbeitenden Theaterensemble und gelegentlichen Tourneetheatereinkäufen zu verstehen… obwohl es nur wenig guten Willen und Kenntnis bedarf ihn zu erkennen. Wieso aber sind von ihm vorangetriebene und gebilligte Entscheidungen dann einem Theaterensemble zuzumuten, das durch ebensolche Zukäufe ersetzt werden soll?
Stephan Dorgerloh ist Politiker. Das leitet sich ab von dem Wort „Politik“ in dessen Wortstamm „Polis“ auf das Gemeinwesen verweist. Das Gemeinwesen, die Bürger, jene, die nicht über Theater entscheiden, wohl aber im Zuschauerraum eines solchen sitzen, haben seit Monaten ihren Willen sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Sie sind zu Diskussionen gegangen und zu Demonstrationen, sie haben ihr Theater symbolisch angeseilt, Petitionen erstellt, Unterschriftssammlungen übergeben, Plakate getragen und Krach gemacht. Sie haben sich in allen Medien geäußert und sind auf die Straße gegangen. Ihrem Wunsch nach lebendiger Kultur vor Ort wird nicht entsprochen.
In einem Bundesland das letztes Jahr 120 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftete von denen 95 Millionen in eine Steuerschwankungsreserve fließen sollen – für den Fall dass die Steuereinnahmen einmal unerwartet einbrechen.
Sinnvoll… denn es darf einiges befürchtet werden wenn die Regierung eines Bundeslandes nicht davor zurückschreckt ihre drittgrößte Stadt umfangreicher Lebensqualität zu berauben. Da ist es durchaus sinnvoll Finanzmittel auf die hohe Kannte zu legen und beachtliche Abwicklungskosten für Spartenschließungen bereitzustellen um für eine Zukunft gerüstet zu sein in der man weniger Kultur hat und weniger Attraktivität für Steuerzahler.
In Dessau zeigt Kulturpolitik was sie nicht kann… den Grund für ihre Existenz zu erhalten. Wer mit Kultur kurzsichtige Finanzplanspiele treibt hat nicht verstanden worin sie eingebettet ist und wofür sie selber die Grundlage darstellt. Theater kostet weniger als es seiner Stadt zurückzahlt. Das erst durch seinen Verlust zu begreifen ist eine wirtschaftliche Fehlkalkulation. Für die heutigen Entscheidungsträger ist das wahrscheinlich nicht erheblich. Diese Berechnung wird die Aufgabe anderer in anderen Wahlperioden sein. Irgendwann… wenn die 222 Jahre Geschichte sind in denen Dessau ein Schauspielensemble hatte.

EDIT (23.01.2014): Mehr als gut und treffend geschriebener Beitrag der „Mitteldeutschen Zeitung“ mit Reaktionen und sinnvollen Gedanken zur Lage >>> HIER!

EDIT (24.01.2014): Brief des Dessauer Operndirektors an die Stadt Dessau >>> HIER!

Offener Brief des Thomaskantors aus Leipzig an den Kultusminister – bereits vom 8.10.2014. Erst auf Nachfrage erhielt er eine Bestätigung des Eingangs des Briefes sowie die Mitteilung, dieser sei leider nicht mehr auffindbar – was ihn veranlasste ihn nun als offenen Brief zugänglich zu machen!

 

Ich bin gegen Talkshows in denen Laien ihr zerstörtes Beziehungsleben veröffentlichen, ihre Familienfehden einem johlenden Studiopublikum zugänglich machen oder mit künstlich aufgeplusterten Exaltiertheiten nach fünf Minuten Fernsehaufmerksamkeit fahnden. Ich bin vor allem deswegen dagegen, weil ich es für unverantwortlich halte medienunerfahrene Menschen in den Häcksler der TV-Verwertung zu werfen, die weder ihre Wirkung noch deren Konsequenzen abschätzen können.
Allerdings geht mein Mitleid und Fremdschähmpotential schlagartig offline, wenn mediengewohnte B,C,D,E,F-Promis sich freiwillig über dem australischen Dschungel abwerfen lassen um sich fürderhin von Reis, Bohnen und Kakerlakendrinks zu ernähren.
Das „Dschungelcamp“ geht in die achte Staffel und jede/r Campbewohner/in dürfte hinlänglich Gelegenheit gehabt haben zu recherchieren für welche soziologische TV-Studie sie/er gebucht worden ist. Der Konsumgehalt des Dschungelcamps manövriert auf einer Stufe mit Chips und Mikrowellenhamburger und spaltet die Nation in Ernährungswissenschaftler und Junkfoodfans. Neun Millionen Zuschauer aller Alters- und Bildungsschichten snackten sich durch die Finalfolge der letzten Staffel. Die anschließende Nominierung für den Grimmepreis führte nicht nur bei Katrin Sass zu kultureller Empörung. Dabei erhebt die RTL-Version der wortwörtlichen „Hunger Games“ so wenig Anspruch auf Kunst, wie die Bildzeitung auf tiefschürfenden Journalismus, während sie schwarze Zahlen schreibt obwohl niemand sie liest.
Das aus England importierte TV-Format macht keinen Hehl daraus „die niedersten Gaffgelüste verrohter heimischer Chipsfresser zu befriedigen“…wie „Der Spiegel“ schreibt. Damit allein allerdings kann man den Erfolg des stressmaximierten Camps nicht erklären. Dass es nicht reicht die niedersten Instinkte der Fernsehzuschauer anzusprechen bewiesen die zu Recht grundgefloppten Realityshows „Wild Girls“ und „Reality Queens auf Safari“ … bei denen es Pseudo-Promis erlaubt wurde kopfschüttelnde Einheimische mit ihren Albernheiten zu belästigen.
Der Schlüssel zur Konsumakzeptanz des Dschungelcamps liegt wohl eher darin, dass die Teilnehmer im eigenen Saft schmoren und sich ausschließlich gegenseitig mit der Demaskierung ihrer sozialen Kompetenzen die Nerven ramponieren. Zu diesem Zweck stellt RTL jährlich eine erfolgversprechende kritische Masse aus Allüren, Attitüden, Ambitionen und Aversionen zusammen, die, gewürzt mit Dschungelprüfungen, Schatzsuchen, Nahrungsmittelknappheit und der Aufgabe Stimmen für den weiteren Verbleib im Camp zu akquirieren, notwendigerweise explodieren muss. So ist nicht das OB die Frage, sondern das WIE.
Wie bei allen interessanten menschlichen Versuchsanordnungen, gleich ob Theaterstück oder Verhaltensexperiment, werden die Protagonisten umständehalber gezwungen die Komfortzone ihres selbstgewählten Rollenverständnisses zu verlassen und problembehaftet abseits ihres Normalverhaltens zu interagieren. Dabei kann die Erwartungshaltung des Publikums sowohl erfüllt als auch durchbrochen werden. Darin liegt die konzeptionelle Fairness und ein nicht unwesentlicher Reiz der sich live entwickelnden Handlung. Das Playmate kann sich darauf beschränken hüllenlos im Planschteich zu baden oder als geschickte Streitschlichterin verblüffen. Der dynamische Held kann Essenssterne sammeln wie ein Weltmeister oder von einer Schar beißwütiger Ameisen dazu verdammt werden wie ein Koloratursopran zu kreischen. Andererseits kann die Diva oder das Weichei in den Dschungelprüfungen auch eine erstaunliche Fähigkeit zur Selbstüberwindung unter Beweis stellen. Unterhaltungsdramatik entsteht, wenn Menschen anderen Menschen dabei zuschauen, wie sie eine Wahl haben. Kein Theaterstück würde über Menschen geschrieben, deren Schicksal vorbestimmt ist. Was uns interessiert sind die Entscheidungen, die sie treffen und die Entwicklung, die sie dabei nehmen. RTL hat dieses Prinzip bloß in den Dschungel verlegt und mit Kameras bestückt.
Der Wiener Komponist, Autor, Musiker und Kabarettist Gerhard Bronner sagte: „Das Drama aller Zeiten hat eigentlich nur ein einziges Thema gehabt: die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu leben.“. Man ist versucht sich an Jean-Paul Satres „Geschlossene Gesellschaft“ zu erinnern und die Erkenntnis: „Die Hölle, das sind die anderen.“. Die kulturelle Aufarbeitung dieses Gedankens ist Satre tiefgründiger und aus anderen Motiven gelungen als RTL, keine Frage. Und doch nutzen beide zutiefst menschliche Mechanismen, im Handelnden, im Zuschauer… auf ihre Weise.

Die Bühne ist ein weißer Würfel, dessen  drei Bühnenwände über dem weißen Boden schweben und Freiheiten suggerieren, die im Inneren des Würfels nicht zu haben sind, die den Blick freigeben in nichts als Schwärze. Schwarze Leichenbahren mustern das weiß zu einem Schachbrett auf dem sich die Figuren des Staates hin und herschieben, ihren Wünschen hinterherkrabbeln wie die Ameisen, die geschäftig als Projektion die weißen Wände mit untertäniger Arbeit überziehen… ihrem Staat nicht entweichen können, so, wie die Figuren des Stückes dem Raum nicht entkommen, den Plänen anderer nicht entkommen, ihren eigenen Leidenschaften nicht entkommen.

Kabal und Liebe
Alle wollen mehr als ihnen gegeben ist, aus guten Gründen, aus schlechten Gründen, wagen aus Gier, Zwang oder Liebe, wollen das beste und ergeben ihr eigenes Unglück und das anderer. Die Form der Inszenierung ist klar wie ein Gesetz, bricht sich, so, wie ihre Figuren die Gesetze ihrer Gesellschaft brechen. Im Zwang des Raumes, im Zwang des Staates eskalieren Pläne und Gefühle wie ein Ping Pong Spiel, in dem Handgranaten den Ball ersetzt haben. Die Kabalen schichten sich übereinander bis die Liebe nur mehr ein Bestandteil der kritischen Masse ist, deren explosive Verdichtung Auslöschung als unausweichliche Konsequenz haben muss.

Kabale und Liebe – Premiere: heute, 19.30, Theater St.Gallen