Es ist schon ein wenig irritierend. Kultusminister Stephan Dorgerloh will am Anhaltischen Theater die Sparten Schauspiel und Ballett schließen. Von einem „kulturellen Kahlschlag“ mag er trotzdem nicht sprechen und fabuliert von Strukturanpassung und alternativer Bespielung. Allein… die kulturelle Vielfalt, die er zu erhalten gedenkt, empfindet seine Pläne durchaus nicht als Bereicherung. Matthias Brenner, Intendant vom Neuen Theater Halle, verneinte auf journalistische Nachfrage gleich dreifach und sprach von „Beuteteilungsphilosophie“ an der er sich nicht zu beteiligen wünsche.
Das Hans Otto Theater sieht das genauso und fand für diesen Widerwillen deutliche, treffende und wohlformulierte Worte, die einer Verbreitung wert sind:

Sehr geehrter Herr Minister,
mit größter Verwunderung erfahren wir aus Ihrem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung, daß Sie u. a. das Hans Otto Theater Potsdam zur Bespielung der von Ihnen abgewickelten Dessauer Bühne vorsehen. Wir erinnern uns an keine Absprachen.
Ist es vielleicht Ihr Ziel, der zu Recht empörten Öffentlichkeit »Alternativen« vorzutäuschen? Wie können Sie glauben, daß unsere Potsdamer Künstlerinnen und Künstler auf einer Bühne spielen, deren Ensemble Sie ausgelöscht haben? Wir spielen in keinem toten Haus. Wir setzen unser Ensemble nicht dem Boykott des Dessauer Publikums aus. Wir lassen uns nicht in die Machenschaften Ihrer verheerenden Politik hineinziehen.
Wir fordern Sie auf, umgehend die Zerstörung der großen Dessauer Spieltradition zu stoppen. Diese 220jährige Ensemble- und Theatertradition gehört nicht Ihnen. Generationen von Künstlern haben hier gemeinsam mit Generationen von Bürgern und Stadtgemeinschaften ihre Welt befragt, Anschauungen entwickelt, soziale Erfahrungen und Erkenntnisse mit ästhetischen Mitteln vertieft.
Ihre Aufgabe ist es, künstlerische Impulse und Traditionen zu beschützen. Die bloße Auslöschung von Teilen der Struktur, ohne Idee für einen Neuanfang, ist phantasielos und haltungslos und bedeutet die ultimative kulturpolitische Bankrotterklärung.
Im Hinblick auf Ihr hohes demokratisches Amt halten wir Ihr Vorgehen darüber hinaus für moralisch verwerflich. Sie zertreten die Saat.
Es ist richtig, die Region wandelt sich. Haben Sie Ideen für die Zukunft? Wo Theater, Schauspiel-, Ballettsparten geschlossen werden, entsteht nichts – nur Ödnis. Prothesen können echte kulturelle Bewegung weder ersetzen noch imitieren. Die Kulturtechnik öffentlichen Spiels braucht Kontinuität und Befähigung, sie braucht Ensembles und den ständigen Austausch von Impulsen mit der Bürgergesellschaft.
Wir fordern Sie auf, alle gesellschaftlichen Teilnehmer an der kulturpolitischen Willensbildung des Landes zu beteiligen und insbesondere den Kulturkonvent, die Städte und Gemeinden mit ihren Theaterleitern und die Öffentlichkeit mit ihren differenzierten Haltungen und Erwartungen in den Prozeß kulturpolitischer Konzeptfindung auf ehrliche und transparente Weise einzubeziehen. Haben Sie Mut zu den »Investitionen in die Zukunft«, die Ihre Partei fordert. Stehen Sie dazu!
 Wir unterstützen den Protest unserer Kollegen und der Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt gegen Ihre hermetische Handlungsweise und Ihre zerstörerischen kulturpolitischen Entscheidungen.
 
Wir geben diesen Brief den Intendanzen von Dessau, Magdeburg, Halle, Eisleben und Leipzig sowie dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins zur Kenntnis.
 
 
Mit freundlichem Gruß,
Tobias Wellemeyer                   Volkmar Raback
Intendant                                   Geschäftsführender Direktor
Ute Scharfenberg                       Heike Arlt
Chefdramaturgin                        Betriebsratsvorsitzende            
Potsdam, 28. 01. 2014

Was mag daraus zu schlußfolgern sein, wenn Theaterleitungen und Ensembles der Bespielabsicht des Kultusministers eine so deutliche Absage erteilen? Vielleicht, dass man einfach das Ensemble auf die Dessauer Bühne lassen sollte, das es wirklich zutiefst will… das Dessauer Ensemble.