Leute, Hand auf’s Herz… wieviel XP läuft noch auf Euren Rechnern? Weil das Upgrade Geld kostet? Weil die kleine Möhre von Notebook Windows7 gar nicht kann? Weil man so herrlich viel Zeit hatte sich an XP zu gewöhnen? Weil es ein zutiefst nervenzerfetzender Vorgang ist ein Betriebssystem neu zu installieren und sich nutzbar zu machen?

Welcome to Linux!

Tux

Linux? Diese freien Betriebssysteme aus der Welt der Nerds und Geeks? Dieses Desktop-Nischenrandprodukt? Behaftet mit dem Mythos ohne IT-Sonderkenntnisse nahezu unbenutzbar zu sein?
Keine Panik! Ihr benutzt es längst. Neulich bei Ebay. Bei Google. Bei Amazon. Schätzungsweise die Hälfte aller Webserver werden mit Linux betrieben. Die Internationale Raumstation wird auf Linux umgestellt. Von den 500 Supercomputern dieser Welt sind 482 powered by Linux.
Warum also nicht auch Deiner?

Die Auswahl ist riesig. Wer gewöhnt ist nur alle paar Jahre mit einem neuen Betriebssystem konfrontiert zu werden wird erschüttert sein.
Vom Betriebssystem-Kleinkind „Damn Small Linux“ mit zarten 50MB bis zum 4GB-Allrounder sind aberdutzende Distributionen auf dem Markt. Und wenn man ein neues Hobby braucht dann kann man sie alle testen, ganz ohne Installation als Live-System. Einige vorab auszuprobieren ist tatsächlich empfehlenswert. Gewissermaßen eine nicht bindende Wohnungsbesichtigung vor dem Einzug auf dem hauseigenen Rechner.
Das Programm „Get Linux“ (natürlich auch Freeware) hilft einen Überblick über rund 100 der gängigsten Distributionen zu gewinnen und lädt sie auf Wunsch direkt als ISO-Datei herunter.
Ich möchte Euch heute eine winzige Auswahl deutschsprachiger Distributionen vorstellen, die meinem ganz persönlichen Geschmack entsprechen.

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde geschrieben bevor die Sicherheitslücke „Shellshock“ entdeckt wurde. Linux hat schnell reagiert und patches für die meisten Distributionen als Update zur Verfügung gestellt – aber nicht für alle. Ob eine Linux-Distribution betroffen ist lässt sich auf diese Weise testen. Ist sie auch nach einem vollständigen Update noch verwundbar sollte ergoogelt werden ob eine manuelle Schließung der Sicherheitslücke via Terminal möglich ist. Sollte dem nicht so sein wird die Distribution nicht mehr gewartet und sollte keine Anwendung mehr finden.

Ubuntu
Ubuntu ist schlicht und ergreifend das Flaggschiff. Es kommt bereits mit einer umfassenden Auswahl von Programmen für alle Aufgaben daher. Über das hauseigene Softwarecenter lassen sich hunderte und aberhunderte zusätzlich mit wenigen Klicks installieren. Die grafische Oberfläche ist ansprechend und gnadenlos personalisierbar.
Das Betriebssystem hat Größe …braucht allerdings auch eine gewisse Rechenleistung um sich zu entfalten. Für ältere Rechner sind seine weniger ressourcenhungrigen Ableger Xubuntu, Kubuntu und Lubuntu hervorragend geeignet. Mit Ubuntu Touch ist derzeit auch eine Touchscreenvariante für Tablets und Smartphones in der Entwicklung. Bereits zum Download verfügbar ist es aber, ganz im Gegensatz zum benutzerfreundlichen Desktop-Betriebssystem, derzeit noch in der Testphase für Cracks.

Elementary OS
Schlicht und schön… mit einem ansprechenden Hauch MacOS-Design ohne in den (…) Apfel beißen zu müssen. Meine subjektive Lieblingsdistribution. Über leicht zu installierende Tweaks lässt sich seine Optik vergnüglich den eigenen Wünschen anpassen. Das bereits installierte Softwarecenter hat unbegrenzten Zugriff auf die Ubuntu-Programmvielfalt und erlaubt es das System nach Herzenlust für alle Aufgaben zu bestücken. Seine Grafik ist selbsterklärend. Ich betreibe es auf einem ThinkPad X41 von 2006 mit 1,6GHz Prozessorleistung und schnuckeligen 1GB RAM. Darauf ist es nicht nur schön, sondern auch schön schnell.

LinuxMint
Die Grafik macht ein wenig Appetit auf After Eight… was an der hauseigenen Grünmintfärbung liegen kann und dem Namen Rechnung trägt. Ansonsten ist sie benutzerfreundlich und erlaubt ein zurechtfinden auf den ersten Blick. Wer nicht ständig einen latenten Pfefferminzhunger verspüren mag kann sie selbstverständlich auch anpassen. Auch Mint hat eine umfangreiche Programmauswahl bereits an Bord und erlaubt grafische Nachinstallationen aus dem Ubuntu-Universum. Ein modernes und umfassendes Betriebssystem, definitiv anfängergeeignet.

Knoppix
Die deutsche Linux-Distribution wurde als Live- und Datenrettungssystem konzipiert, lässt sich mittlerweile aber auch problemlos über den mitgebrachten Installer permanent auf die Festplatte befördern. Bereits als CD-Image bringt sie eine gediegene Programmvielfalt mit, als DVD-Image ist sie mit Programmen schier vollgepackt und lässt wenig Wünsche offen. Nicht lizenzfreie Anwendungen wie beispielsweise Skype bedürfen, wie bei den meisten Linux-Distributionen, der Nachinstallation. Dafür ist bei Knoppix (neben dem bei allen Distributionen vorhandenen Terminal) eine grafische Oberfläche vorgesehen, die Programmpakete installiert und ein wenig Einfühlungsvermögen in linuxspezifische Verfahrensweisen verlangt. Weniger intuitiv als das Softwarecenter erlaubt sie einen programmreichen Zugriff auf das Software-Universum der Debian-Distribution auf der sie basiert. Die Hardware-Erkennung ist vorbildlich, Boot- und Betriebsgeschwindigkeit kann man mit „rasant“ beschreiben.

Slax
Das Hosentaschen-Linux. Als reines USB-Stick-Betriebssystem gedacht lässt es sich nur mit mühevollen Kniffen fest installieren und sollte als reines Live-System betrachtet werden. Trotzdem lohnt es einen Blick, denn es ist einfach, grafisch ansprechend und selbst auf sehr sehr alten Rechnern ein Renner. Bereits mit einer agilen Programmauswahl ausgestattet lassen sich über die Slax-Website weitere Anwendungen als Modul herunterladen und auf den USB-Stick kopieren, wo sie dann zur Verfügung stehen. Dazu muss man ein Verzeichnis finden – und sich ein bisschen zurecht. Das erfordert aber nur begrenzte Nerdskills, wenig Nerven und kein Informatikstudium. Der Lohn ist ein flinkfreches Betriebssystem to go.

Was ist ein Live-System… und wie kriege ich eins???
Ein Live-System kann so gut wie jedes Linux sein. Es wird allerdings nicht fest installiert sondern von einer/m bootfähigen CD/DVD/USB-Stick vollständig aus dem Arbeitsspeicher heraus betrieben. Das auf dem jeweiligen Rechner installierte Betriebssystem wird dabei nicht verändert, seine Festplatte kann allerdings als Massenspeicher ausgelesen werden, sodass mit dort befindlichen Daten gearbeitet werden kann.
Linux bekommt man als ISO-Datei geliefert, die man herunterlädt. Sie ist gewissermaßen das Abbild des Betriebssystems, muss aber noch entpackt werden. Die meisten Brennprogramme bieten die Option „Iso brennen“ an. Auf diese Weise kann man bootfähige CD’s und DVD’s herstellen. Mit dem Programm „LinuxLiveUsbCreator“ macht man dasselbe, nur mit einem USB-Stick.
(Das Programm warnt, ich tu’s auch… der USB-Stick wird zu diesem Zweck formatiert! Es sollten keine Daten mehr auf dem USB-Stick sein, die man eigentlich noch haben möchte… denn danach sind sie weg!)
USB-Sticks haben den Vorteil Änderungen abspeichern zu können, geschlossene Live-CD’s/DVD’s sind vergesslich und können sich an die letzte Sitzung nicht erinnern.
Alte Rechner können oft nicht von USB booten, neue Rechner haben oft kein CD/DVD-Laufwerk… eine Einzelfallentscheidung.
Zuletzt muss man nur noch das Bios aufrufen (dazu unterbricht man den Startvorgang, meistens mit einer Funktionstaste… man kann googeln was der eigene Rechner sich da wünscht) und sucht sich mit den Pfeiltasten die Abteilung „boot“ heraus. Dort ändert man die Bootreihenfolge… und setzt wahlweise zuerst das Laufwerk oder USB vor die Festplatte. Der Rechner bootet jetzt zuerst vom ausgewählten Medium. Findet er keins nimmt er wie gewohnt seine eigene Festplatte.

Hat man „sein“ Betriebssystem gefunden kann man es mit wenigen Klicks installieren… entweder als alleinigen Herrscher über die Festplatte oder neben dem schon bestehenden Betriebssystem, denn Linux kann teilen. In Zukunft wird man dann bei jedem Start gefragt welches man benutzen möchte und hat die Wahl.

Linux ist, wie die Apfelsoftware auch, ein Unix-Derivat. Mit geschlossenen Ports programmiert kommen seine Desktop-Betriebssystem ohne Antiviren-Software aus. Dank 2% Desktop-Marktanteil, unterschiedlichen binären Formaten und Verzeichnisstrukturen ist Linux für Hackangriffe zudem sowohl unerfreulich als auch uninteressant. Updates und Upgrades für das jeweilige Betriebssystem inklusive all seiner Programme werden weltweit programmiert und zeitnah freigegeben. Sie zu installieren kostet ein paar Klicks oder zwei Terminalkommandos. So werden Sicherheitslücken bereits kurz nach der Entdeckung wieder geschlossen und das Betriebssystem ist unkompliziert immer und vollständig auf dem neusten Stand.

Fazit: ein modernes, sicheres und leistungsstarkes Betriebssystem muss kein Geld kosten. Es zu installieren nicht einmal Nerven. Allerdings, wer sich daran gewöhnt hatte sein etwas älteres Notebook zu starten, sich dann gemütlich einen Kaffee zuzubereiten und den Bootvorgang bei seiner Rückkehr an den Rechner immer noch nicht abgeschlossen vorzufinden – zugegeben… den wird Linux in Schwierigkeiten bringen.

 

(c) TUX public domain… thanks to the creator for this lovely work!