Heidi Maria Glössner ist in St.Gallen aufgewachsen. Sie ging nach Zürich, studierte dort Schauspiel, stand danach vor der Kamera und auf vielen deutschsprachigen Bühnen. Die des St.Galler Theaters war nicht dabei. Bis jetzt.
Auch ihre Rolle der „Claire Zachanassian“ kehrt in die Stadt ihrer Jugend zurück. Ihre Absichten sind jedoch weit weniger wundervoll als die von Heidi Maria Glössner.
Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ wurde 1956 in Zürich uraufgeführt, hat bis heute nichts an gesellschaftlicher Gültigkeit eingebüßt und darf als Beweis dafür angesehen werden, dass die moralische Evolution des Menschen schleppend verläuft … insbesondere dann, wenn sie sich durch die Abwehr umfangreicher Finanzmittel beweisen muss.
Eine Milliarde bietet „Claire Zachanassian“ den Einwohnern der wirtschaftlich geschundenen Stadt Güllen. Für einen Mord. Denn „Claire Zachanassian“ ist in Güllen Unrecht widerfahren. Nun, einige Milliarden schwerer, kauft sie Gerechtigkeit ein.
„Die Menschlichkeit, meine Herren, ist für die Börse der Millionäre geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung.“.
Das Angebot „Konjunktur für eine Leiche“ wird selbstverständlich und offiziell abgelehnt. Denn „Noch sind wir in Europa …“.
Doch die Güllener beginnen zu kaufen… besseres Essen, bessere Rauchwaren, neue Schuhe und Kirchenglocken, sie lassen ihr Gebiss mit Goldzähnen sanieren, bekleiden sich mit Pelzen … auf Kredit. Sie haben nun Kredit …und die vage Hoffnung, dass „sich die Sache friedlich arrangiert“. Sie haben so viel Kredit… dass sie irgendwann ihre humanistische Wahl dafür eintauschen müssen. Oder?

Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist.

Dürrenmatt ist einer meiner Lieblingsautoren. Dafür gibt es zahlreiche gute Gründe. Vor allem aber wohl den, dass er die Natur des Menschen erkennt… ohne die Hoffnung zu verlieren sich vielleicht doch geirrt zu haben.

Er nannte den „Besuch der alten Dame“ „ein böses Stück“.
Am 19.09.2014, 19.30h feiert es Premiere in St.Gallen.

Inszenierung: Kurt Josef Schildknecht
Bühne: Rudolf Rischer
Kostüme: Marion Steiner
>>>> Besetzung

Ich trinke selten. Die Anzahl meiner jährlichen Drinks kann man ohne Probleme an beiden Händen abzählen. Heute habe ich mir die Genralprobe unserer nächsten Premiere „Wir lieben und wissen nichts“ angesehen. Danach war ein Cuba Libre fällig.
Um das einzuordnen muss ich manches vorweg schicken:
– meine Kollegen sind wundervoll! Ich habe allen vieren gerne zugesehen, sogar fasziniert zugesehen, lachend und berührt. Der Abend entsteht auf ihren Schultern und sie tragen ihn auf wunderbare sehenswerte Weise.
– das Bühnenbild ist eine Wucht. Hugo Gretler hat eine flexible und ästhetische Bühne geschaffen, lebendig und veränderlich, die einlädt sie zu bespielen und ein großartiges Zuhause für alle Szenen bietet.
– die Regie von Roland Koch ist handwerklich großartig, ideenreich, menschennah, sie beschleunigt und verweilt mit den Figuren, baut Bilder, vereinzelt und mischt die Menschen, lässt sie einander fühlen und aufeinander los.
Ein runder Abend und unbedingt zu empfehlen… wenn man sich nicht mit Raumfahrt auskennt.
Und da kommen wir zum Cuba Libre.
Ein Protagonist betritt die Bühne bereits unter Zeitdruck, er braucht unbedingt eine tragfähige Internetverbindung denn in 55 Minuten wird „sein“ Satellit namens „Halo 2“ von einer ukrainisch russischen Rakete in eine Höhe von 15.000km befördert. Ich bin mit unbemannter Raumfahrt nur mittelmäßig vertraut und musste googeln… „Halo“ bezeichnet entweder einen Orbit über eine Million Kilometer entfernter als die angegebenen Höhe oder ein Stratosphärenflugzeug… „Halo 2“ ist ein Egoshooter und verrät mir zumindest womit sich Autor Moritz Rinke womöglich die Freizeit vertreibt. Besagter Protagonist hat die Isolierung der Atombatterie dieses Satelliten zu verantworten die als alleinige Stromversorgung vorgesehen ist.
Sie sind noch nicht zusammengezuckt?
Fein. Sie werden keinen Cuba Libre brauchen.
Man kann diese Stromversorgung „Atombatterie“ nennen… wer an ihrem Bau beteiligt ist würde sie vielleicht eher Radionuklidbatterie, Radioisotopengenerator oder schlicht RTG nennen. Aber seien wir nicht kleinkariert. Als alleinige Stromquelle diente sie der NASA lediglich bei Apollo 12-17, Pioneer 10+11, Viking Lander 1+2, Voyager 1+2, LES 8+9, Galileo, Ulysses, Cassini, New Horizons sowie dem Marsrover Cursiosity. Nur LES 8+9 sind überhaupt Satelliten, Start 1976. Die ersten, einzigen und sinnvollerweise letzten dieser Bauweise. Bis zu diesem Theaterstück.
Eine ukrainisch russische Trägerrakete? Das wäre dann wohl die „Dnepr“, eine umgebaute Interkontinentalrakete, in der Tat fähig Satelliten auszusetzen …in 300-900km Höhe. Wie sie auch nur einen einzigen Satelliten auf 15.000km Höhe wuchten will wird Herrn Rinkes Geheimnis bleiben.
But we are far from over…
Alle 90 Minuten wird der Satellit die Erde umkreisen. Aha. Ach ja?
In mittlerer Höhe (23.000 km) beträgt die Umlaufzeit bereits 12 Stunden. Wie das flotte Kerlchen in 15.000km auf niedliche 90 Minuten kommen will sollte der NASA mitgeteilt werden. Solche Probleme entstehen, wenn man einen Satelliten mit der ISS verwechselt, die tatsächlich alle 45 Minuten einen Sonnenauf- oder untergang beobachten darf.
We are still far far away from over…
Nun wird von Trümmern im Weltall gesprochen… und das ist auch wahr. Menschen haben die Tendenz zu vermüllen, was sie erobern… das All bildet da keine Ausnahme. Aber Trümmerteile von Raumschiffen???
Ja, um Gotteswillen… welche???
Wir haben zwei Raumschiffe verloren, die Challenger beim Start, die Columbia beim Wiedereintritt und bei Apollo13 ging’s knapp gut. Welches Raumschiff wurde denn im Weltall zertrümmert???
Ein Schraubenzieher soll dort herumfliegen. Naja, knapp daneben ist auch vorbei… es war ein NASA Toolbag, der bei einem Außeneinsatz abhanden kam.
Und dann wird’s dramatisch – gar Leichen fliegen angeblich kalt und still ihre Bahn im All.
Herr Rinke, ernsthaft… Raumfahrt kostet Leben, das ist wahr. Ironischerweise hat sie die meisten ihrer Opfer am Boden gefordert und 14 Menschen starben bei Start und Wiedereintritt. Aber niemand ist im Weltraum umgekommen und keiner umrundet die Erde als gefrorener Leichnam.
But still… lightyears away from over…
Der Satellit hat RTG’s um dem Strahlengürtel des Jupiters widerstehen zu können.
Es ist wahr… man nutzt RTG’s dort gerne, Solarzellen degradieren schnell in Gegenwart des Gasriesen. Aber dass dieser Strahlengürtel 15.000km über unserem Planeten wirkt während der Jupiter im Minimum 588 Millionen Kilometer von uns entfernt ist… das schmeichelt selbst dem größten Planeten unseres Sonnensystems zuviel. Und nebenbei bemerkt …es wäre auch schrecklich ungesund für uns.
Und bevor der kleine Satellit sich um den Jupiter sorgt sollte er sich vielleicht lieber um den Van-Allen-Strahlungsgürtel kümmern. Der ist, im wahrsten Sinne des Wortes, naheliegender.

Das Stück wird bei Rowohlt verlegt. Der Verlag schreibt dazu in seinem Magazin:

Weltraumstation in Kasachstan

Wir haben eine Weltraumstation… nicht im All, nein… in Kasachstan.

Ich liebe die Raumfahrt und wusste nichts (davon).

Ich dachte in Kasachstan liegt der Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur.

Prost!