Churchill(Als Winston Churchill gebeten wurde die Förderung der Kunst zugunsten der Finanzierung der Kriegeskosten zu beschneiden antwortete er lediglich „wofür kämpfen wir dann?)

 

Roland Methling weiß wofür er kämpft. Er tut das hartnäckig und seit vielen Jahren. Er kämpft gegen das Rostocker Theater in seiner jetzigen Vierspartengestalt mit eigenem Ensemble. Ein Bespieltheater soll es nach seinem Willen werden, damit kommt er nicht durch. Er kündigt den frisch verpflichteten Intendanten Sewan Latchinian, damit kommt er auch nicht durch. Jetzt sollen die Sparten Schauspiel und Tanz geschlossen werden. Damit könnte er durchkommen…

Rostock ist berühmt für seine Hanse Sail. Rostock ist auch berühmt für das viertägige braune Progrom gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in seinem Stadtteil Lichtenhagen 1992 mit eigenem Wikipedia-Eintrag.

Die Hanse Sail findet einmal im Jahr statt. Als 20 Jahre nach den Ausschreitungen in Lichtenhagen ein Gedenkmarsch stattfand musste der, aus diesem Anlass gepflanzte „Mahnbaum“ (übrigens eine deutsche Eiche), unter Polizeischutz gestellt werden… immer noch. Gesellschaftsstrukturen einer Stadt, deren Oberbürgermeister kulturelle Gegengewichte schrumpft …obwohl das Volkstheater ein Geschäftsführungsmodel vorgelegt hat, das den Vierspartenbetrieb ohne Zusatzmittel bis 2020 sichern würde.

Städte können schlecht auf lokale Kultur verzichten. Studien belegen, dass Kultur ein wirtschaftlicher Wertschöpfungsfaktor ist. Ihr immaterieller Wert für die Gesellschaft jedoch ist weitaus höher als jener, den man beziffern kann.

Keine Stadt, Rostock aber erst recht nicht, kann es sich leisten auf diese Werte zu verzichten.

Dafür gibt es eine Petition. >>>>>>>>>>>HIER!

 

 

 

In allen Wahl- und Parteiprogrammen der Afd, die ich recherchiert habe, wird bedeutsamer Wert auf Bildung und die deutsche Sprache gelegt. Einer Partei mit so eindeutigen Schwerpunkten sollte der Zusammenhang beider Themen mit Kultur nicht entgehen. Es wäre zu erwarten, dass dezidierte Vorstellungen dazu beschrieben werden.

Ganz so einfach ist es nicht. So besorgt sich beispielsweise die Hamburger Afd auf 28 Seiten u.a. über Ferienwohnungen, Überschwemmungsgebiete und sauberes StadtGrün – über Kultur findet man nichts.

Immerhin ist sie damit weiter als die AfD Thüringen. Wenn man dort auf das Wahlprogramm klickt… erhält man das Logo des Wahlprogramms – und ja, nur das Logo. Kultur ebenso abwesend, wie …naja, alles andere eben auch.

Ich beschließe grundsätzlicher vorzugehen und steuere die landesweite Website der AfD an. Acht Themenkomplexe sind dort aufrufbar, nein, Kultur gehört nicht dazu. Ich klicke hoffnungsvoll auf die Rubrik Bildung, denn dorthin könnte man sie sinnvoll verräumt haben. Hat man aber nicht, sie ist schlicht abwesend.

Zurück in die Regionen – in Bremen findet sich im Resümee des 49 Seiten umfassenden Wahlprogramms zwar der Satz: „Nur selbstbewusste Kulturnationen können Integrationskraft gewinnen…“ – Kulturpolitik, die ja dazu passen würde, sucht man indes vergebens.

Ich bin hartnäckig und schwenke um nach Baden-Württemberg… 64 Seiten, 12 Programmpunkte, keiner davon beschäftigt sich mit Kulturpolitik – aber ich finde etwas. Unter dem Programmpunkt „Leitbild der Familie schützen und fördern“ ein erster Hinweis darauf, wie die AfD sich gegenüber Kulturschaffenden zu positionieren gedenkt:

„Die AfD will auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden.“

Interessant. Die AfD will auf Rundfunkanstalten einwirken. Ein erstaunlicher Plan jener Partei, die gerne von „Lügenpresse“ spricht und unabhängige Berichterstattung so sehr vermisst.

Abseits von schwerwiegenden juristischen und journalistischen Bedenken – das wird die Drehbuchautoren diverser Fernsehproduktionen vor ganz neue Herausforderungen stellen… die sie in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht haben dürfen.

Das Wahlprogramm aus Sachsen ist eine informative Offenbarung. Es gibt Aussagen zur Kulturpolitik:
„Wir wenden uns gegen einen normierten und nach reinem Verkaufswert zusammengezimmerten Kulturbegriff ebenso wie gegen einen Verordnungsstaat, der durch Fördermittel und Auszeichnungen in die Kulturproduktion eingreift.“

Also keine Fördermittel für Kultur? Keine Auszeichnungen? „Jugend musiziert“ dürfte damit genauso am Ende sein, wie der „Heidelberger Stückemarkt“, Theatertreffen adé und… und… und. Man möchte Denkmäler pflegen, die sorbische Kultur, Vereine für Kultur und Sport und das Kulturraumgesetz modifizieren – alles bedarfsgerecht. Das ist ein dehnbarer Begriff, denn was ich nicht fördere verschwindet und bedarf dann auch weniger.

Beunruhigend. Sicher. Aber den Spitzenplatz ausformulierter Kulturpolitik sichert sich das AfD Wahlprogramm 2016 in Sachsen-Anhalt. Dort ist zu lesen:

„2.8.1 Pflege der deutschen Leitkultur

Die Internationalisierung aller Lebensbereiche, die Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft auf deutschem Boden und der fehlende Mut zu unserer deutschen Leitkultur schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährden auf lange Sicht die Demokratie selbst. Dem wollen wir mit einer Kulturpolitik gegensteuern, die in der Pflege einer deutschen Leitkultur eine sehr wichtige Aufgabe begreift und so dafür Sorge trägt, dass auch und gerade die integrationswilligen Einwanderer sich verstärkt mit unserem Land identifizieren.“

Warum eine Internationalisierung die Demokratie gefährdet erschließt sich mir nicht und wird auch nicht weiter erklärt. Was hingegen von der Kultur erwartet wird ist genau beschrieben:

„2.8.2 Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichtssagender Unterhaltung!

Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“

Wie man die freiheitlichen Aspekte von Kunst in wenigen Sätzen so mit Füßen treten kann, dass es in Stepptanz ausartet, zeugt nicht nur von einem bemerkenswerten Missverständnis der Kunst, sondern der Freiheit an sich.
Und jeder Staat, der auf Rundfunkanstalten einwirkt und seinen Bühnen vorschreibt was dort wie zu inszenieren ist, kann vieles sein… aber eines nicht – eine Demokratie. Was ist dann eine Partei nicht, die das will?

Was bedeutet „Lügenpresse“? Das Wort bedeutet: wenn Du nicht meiner Meinung bist, dann lügst du.

Und: weil du sowieso lügst muss ich mich mit dir nicht mehr auseinandersetzen.

Deshalb: brauche ich mich mit niemandem auseinandersetzen, der anderer Meinung ist oder meine Meinung hinterfragt. Denn entweder ist die oder der Teil der Lügenpresse – oder ein verblendetes armes Opfer der Lügenpresse.

Fazit: Meine Meinung steht fest – bitte verwirren Sie mich nicht mit Fakten oder Fragen.

Dunja Hayali hat genau das getan. Immer wieder, beharrlich und vor Ort. Sie hat zugehört, nachgefragt, ungeschützt, ruhig. „Menschen interessieren mich.“ sagt sie.

Für ihre Berichterstattung ist sie in den Sozialen Medien attackiert worden… ein besseres Wort dafür gibt es nicht. Ich habe überlegt an dieser Stelle Beispiele an zuführen. Sie sind leicht zu finden. Unter YouTube-Videos, auf Facebook, auf Twitter, in den Kommentaren zu ihren Sendungen. Es braucht keine Mühe sie zu finden, es braucht nur Mühe sie zu lesen.

Ich habe mich dagegen entschieden. Sie sind hasserfüllt, sexistisch, rassistisch. Sie unterschreiten, was noch Niveau genannt zu werden verdient, sie überschreiten, was noch den Namen Meinungsfreiheit tragen könnte. Sie verdienen Verachtung nicht Beachtung.

Dunja Hayali hat auch sie beachtet. Trotzdem. Rund 100 Anfragen zu einem persönlichen Treffen hat sie an jene verschickt, die ihr „Lügenpresse“ vorwarfen. Wenige wollten sich stellen, zwei hat sie getroffen.

Sie glaubt an den Dialog. Wie führt man ihn? Mit allen Menschen, auch mit denen die hassen statt zu denken?

Vielleicht trotzdem. Weil es der einzige Weg ist. Wer dem Hass ausweicht schenkt ihm Raum. Wer schweigt stimmt zu. Wer andere ignoriert kann sie nicht überzeugen.

Gestern bekam sie die „Goldene Kamera“ in der Kategorie „Beste Information“.

YES!