Vor zwei Wochen bin ich ins Schloss gezogen. Ich hatte schon immer ein wirkliches Faible für Schlösser – und Burgen erst. Also schien mir das eine gute Idee zu sein.

Die Stellenbeschreibung war einfach: „Alles regeln, was im Schloss zu regeln ist!“. Ich fand, das ginge sehr in Ordnung so und machte mich frisch an’s Werk.

Die Prinzessin ist ganz reizend. Clever und smart und… nun ja, gerade ein Teenager… aber, Himmel, das waren wir ja alle mal.

Ihr Papa, der König, ist… ein wenig schräg. Eigentlich herzensgut, aber schräg. Es macht ihm noch sehr zu schaffen, dass die Königin sich aus dem Staub gemacht und nichts als einen Brief hinterlassen hat, auf dem sie ankündigt sich ein neues Leben suchen zu wollen. Seitdem balanciert der König zwischen den Staatsgeschäften und exessivem Jojo-Spiel… ich bin sehr unschlüssig ob das als duchgängig gesund zu betrachten ist. Angelegentlich erscheint er mir verwirrt.

Sowohl die Abreise der Königin, als auch der anteilig hinterfragenswürdige Zustand des Königs machen das Leben der Prinzessin natürlich nicht einfacher… und eben auch noch… ich erwähnte es ja bereits… Teenager.

Kein Wunder, dass sie oft und gerne Zeit allein im Wald verbringt. Ballspielend.

Nun ja, nicht direkt “Ball” – es ist mehr eine goldene Kugel, wie es sich für eine Prinzessin besser geziemt.

Sie ist ein wenig tolpatschig mit ihrem Lieblingsspielzeug… ich frage mich, ob uns das noch in Abenteuerlichkeiten stürzen wird.

Vor kurzem ist ein gut aussehender Mann im Schloß aufgetaucht. Er trägt Eisenbänder um die Brust gewickelt und sucht seinen Prinzen.

Aber im Schloß ist kein Prinz.

Allerdings hat es vor kurzem ein Frosch bis auf den Esstisch der Prinzessin geschafft – ich überlege noch, ob ich einen Kammerjäger holen sollte oder die Lage anders zu lösen besser wäre. Man wird sehen.

Zwischenzeitlich habe ich den suchenden Diener mit dem großen Herzen hinter den Eisenbändern in meiner Waschküche untergebracht. Jemand musste sich ja seiner annehmen.

Allerdings bringt er mir dort nun meinen Wäschewaschplan durcheinander… und DAS … also DAS… geht so gar nicht.

Jetzt hat auch noch jemand Banner im Schloss aufgehängt. Sie verkünden spannendes. Doch, ich habe so das Gefühl, als ob uns Abenteuer ins Haus stünden… pardon, ins Schloss.

Wir leben in einer Zeit, in der ein nordkoreanischer Diktator und ein amerikanisches Diplomatiegenie einander mit Nuklearschlägen bedrohen um einen Krieg zu vermeiden. Clever.

Diese brisante Kindergartenlogik beweist: die Apokalypse gehört in die Hände von Fachleuten… vorzugsweise Schauspielern.

Dort ist sie nicht nur unbedenklich für die menschliche Spezies. Sie ist dann vor allem auch unerwartet unterhaltsam.

„Nekropolis – Bite Club“ hatte die ersten beiden Vorstellungen.

Die zweite Folge der städteübergreifenden viralen LiveHörSpiel-Reihe der Theater Konstanz, St.Gallen und Aachen steuert vollkommen unverhohlen den Menschheitsuntergang an und kommt dabei ganz ohne frustrationsschürende Gesellschaftsendzeitabrechnung aus.

Das ist nicht zuletzt der Lebendigkeit des skalpellfein beobachteten Textes von Anita Augustin geschuldet, der seine Figuren ernst nimmt, sorgsam im Grenzbereich von Sehnsucht, Wirklichkeit und Wahnsinn balanciert und dabei mühelose Sprachbrücken baut zwischen Nachdenklichkeit, Witz und Aberwitz.

Regisseur Eike Hannemann zettelt damit ein vergnügliches „end of the humans as you know them“ an (nach Belieben zu singen auf eine bekannte Melodie von R.E.M). Ein infektiöses Spiel aus Szene, Klang und ungezählten Requisiten. Ansteckungsgefahr beabsichtigt.

Denn die Menschen in „Nekropolis“ sind keine Fremden, keine Formen, keine Formalien. Wir kennen sie. Wir erkennen sie irgendwie wieder. Wir leben mit ihnen. Wir sind sie.

Das macht sie so unterhaltsam… und seltsam unausweichlich. So wie wir selbst – ergänzt um die Frage „Was wäre wenn…sich plötzlich etwas ganz grundlegend mit uns ändert?“. Denn was ist schon Untergang und was Befreiung?

„Let’s call it Grauzone.“

„Nekropolis – Bite Club“ – ein letztes Mal am 11.05.2017 / 20h / in der LOKremise / St.Gallen

Das Bild entstand nach der zweiten Vorstellung in der Garderobe und liefert drei unübersehbare Beweise:

  • Man kann auf der Bühne unfasslich viel Spaß am Menschheitsuntergang haben.
  • Man kann auch bei einem „Hörspiel“ ziemlich dreckig werden – denn vor der Vorstellung war das Kostüm sauber… und die Darstellerin auch.
  • Ein blaues Auge kann auch gut aussehen.