Ich bin in einem Land geboren worden dem ein fantastisches Grundgesetz als Verfassung gegeben worden ist. Es ist eine junge Staatsordnung, geschaffen um Demokratie und Menschenrechte in Deutschland unwiderruflich zu schützen und zu bewahren. Denn sie ist das Produkt eines Staates, der beides abgeschafft hatte. Eines Staates, der “unwerte” Menschen in Konzentrationslagern vernichtete. Unwert war vieles – Abstammung, Religion, eine Behinderung, eine abweichende Meinung, eine abweichende Liebe.

Sechs Farben markierten das unwerte Menschsein. Homosexuelle trugen den rosa Winkel.

Als Deutschland sein neues Grundgesetzt bekam und die Aufgabe hatte, die Verbrechen in den Konzentrationslagern aufzuarbeiten, wurden die rosa Winkel irgendwie übersehen und der §175 von 1935 nahtlos in das überarbeite Strafgesetzbuch der jungen BRD übernommen. Er deklarierte Liebe weiter als Straftat. Was für eine widerliche Entscheidung, generell und gerade in Deutschland. Dabei gab es längst andere Vorbilder. In Island ist jede einvernehmliche Liebe zwischen mündigen Menschen seit 1940 legal.

Deutschland brauchte weitere 54 Jahre für diese Entscheidung und die Abschaffung des §175.

Dabei steht in seinem großartigen Grundgesetz:

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

und:

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.”

Das sind einfache Maßgaben.

Hat Liebe nur manchmal Würde? Verdient sie Schutz nur zwischen Mann und Frau? Und wenn alle vor dem Gesetz gleich sind, wieso haben sie dann verschiedene Rechte?

Heute hat der Bundetag beschlossen, dass es nur eine Ehe gibt – und sie gilt für alle. Die Entscheidung ist richtig. Und grauenvoll verspätet.

Trotzdem gab es immer noch ausreichend Protest. Gesellschaftlicher Verfall wurde angemahnt. Ja, ich war in Norwegen, Schweden, Dänemark, Island, alles Länder, die seit Jahrzehnten nur ein Ehemodel für alle kennen. Wirklich… wahnsinnig verrottete Gesellschaften… die sich im übrigen ständig die Medaillenränge des Human Development Index streitig machen.

Die Kirche schaltete sich mit Widerspruch ein… oh bitte, sogar Irland hat diese Entscheidung vor Deutschland getroffen und das Christentum ist dort relativ verbreitet.

Die CDU betonte Kinder als schützenswertes Merkmal der Institution Ehe – und übersah dabei nicht nur die kinderlos geschützte Ehe ihrer Vorsitzenden, sondern alle Kinder, die alleinerziehend oder in Beziehungen ohne Ehevertrag aufwachsen.

Schließlich wurde argumentiert, die Software der Computer in den Rathäusern sei auf gleichgeschlechtliche Ehen gar nicht vorbereitet. Oh weiha.

Eine unwürdige Diskussion hat, ein Menschenleben verspätet, ein würdiges Ende gefunden.

Deswegen gehört dieser Tag allen Menschen, die in Deutschland getötet wurden, weil sie geliebt haben, die ihre Liebe verbergen mussten, weil sie ein Verbrechen war, all jenen, die später, gegen alle Anfeindungen, demonstriert und sich sichtbar gemacht haben – und damit auch nicht aufhörten als die Zwei-Klassen-Ehe sie zufriedenstellen sollte. Dieser Tag gehört aber auch kommenden Generationen, die wissen werden, dass Liebe eine Wahl und Freiheit hat. Die wissen, dass Liebe ebenso katastrophal wie wunderschön sein kann, vollkommen egal welcher Mensch welchen Menschen liebt.

Ich glaube nicht an die Ehe an sich, gleich wer wen heiratet. Über Versprechen bis an das Ende meines Lebens fange ich an nachzudenken, wenn ich 80 geworden bin, denn dann traue ich sie mir zu. Vielleicht. Aber es ist völlig unerheblich was ich mir zutraue und ob ich mich Trauung traue – ich will, dass jede, das jeder die Freiheit hat sich zu trauen. Niemand muss, aber alle sollen können. Gerechtigkeit wird nicht kleiner wenn mehr Menschen sie teilen. Denn auch sich gegen ein Recht entscheiden zu können ist ein Privileg, das heute allen Menschen in Deutschland gegeben wurde …ohne auch nur einem einzigen etwas wegzunehmen.

Ja, wir haben ein großartiges Grundgesetz. Ich neige verbissen dazu es zu verteidigen. Denn für mich ist es das wörtliche Abbild einer unbedingt erstrebenswerten Gesellschaft. Und ich weiß, dass die real gelebte Gesellschaft ihrem Grundgesetz hinterhinkt. Aber heute hat sie ein bißchen aufgeholt.

Vor zwei Tagen hatte er Premiere – der Froschkönig. Das Stück, das im Schloss spielt und nun auch stilecht bei den Heidelberger Schlossfestspielen zu sehen ist.

Eins sei vorneweg gesagt: es hat riesigen Spaß gemacht. Aber es ist Sport – und nicht zu wenig davon. Kindertheater ist physisch meist fordernd… weil schnell und actionreich. Wir bilden da keine Ausnahme. Es geht zur Sache. Und genau so muss das auch sein.

Das Schloss im Schloss besteht aus Stegen, Plattformen, einem fahrbaren Prinzessinnenbett, einer ebenso mobilen Waschküche und natürlich dem obligatorischen Brunnen, in dem die goldene Kugel der Prinzessin verschütt geht – weswegen sie einen ungewöhnlichen Liebhabenpakt mit einem glitschigen Frosch eingehen muss.

Das Konzept sieht vor, dass alle Figuren sich nur in diesem Arragement bewegen… gefangen in der königlichen Maschinerie, gefangen auch in den Anforderungen, Träumen, Pflichten, Wünschen und Sehnsüchten, die sie mit sich tragen.

Erst zum Schluss, wenn das Chaos seine Happy Ends gefunden und alle Verwirrungen beseitigt sind, gewinnen die Figuren ihre Freiheit – und die Fähigkeit ihre angestammten Wege und Stege zu verlassen und neue zu suchen.

Das Konzept bedeutet aber auch, dass wir alle da sind… von Anfang bis zum Schluss. Wer nicht gerade in den Spielszenen ist hat trotzdem im Hintergrund zu tun… und in den Übergängen mechanisieren wir uns komplett durch wie kleine aufgezogene Figuren einer komplexen Spieluhr.

Annette Wolf hat Bühnenbild und Kostüme liebevoll in den Englischen Bau des Heidelberger Schlosses eingepasst. Klassisch, kindgerecht, modern und detailreich erschließen sich die Räume und Figuren auf den ersten Blick …und haben stets etwas persönliches oder noch einen zusätzlichen besonderen Kniff zu bieten. Der weinende Brunnen, der goldene Esslöffel am Zepter, die Warzenkolonie auf der Froschhaut, meine Multifunktions-Schürze, Heinrichs eiserne Bändern… es wimmelt vor schmunzeliger Details, die man beobachten und an denen man sich freuen kann.

Natascha Kalmbachs Konzept und Regie geht auf… wir spielen in der Frosch-Maschinerie “like a fine-tuned machine”. Ja, ich weiß, das hat Donald Trump auch von seinem Weissen Haus behauptet… allerdings – bei uns stimmt’s wirklich.

Die Textfassung von Thomas Freyer ist eine Uraufführung und ein Glücksgriff. Sie passt in alle Kinderohren ohne kindisch zu klingen und beschreibt die so bekannten Figuren mit einem frischen zeitgemäßen Blick.

Der Englische Bau ist eine rechteckige Ruine, nach oben offen, an drei Seiten durch Fensterfronten ohne Fenster darin begrenzt und schließt an der vierten Seite mit dem Dicken Turm ab. Morgens liegt die über 20 Meter breite Zuschauerraumseite im Schatten… nicht aber die Bühne.

Wir sind, schon in der Probenzeit, umfangreich mit Sonne verwöhnt worden. Seit letztem Wochenende aber meint sie es etwas zu gut mit uns. Wir haben eine Hitzwelle, bereits bei Vorstellungsbeginn so gut wie restlos keinen Schatten mehr auf der Bühne, mehrlagige Kostüme, Bisonhaarperrücken und der Frosch gart in einem gut gepolsterten Watton. Und, nur zur Erinnerung, für rund 95 Minuten Einlass und Vorstellung verlässt niemand von uns die Bühne. Und, nur zur Erinnerung, es ist Sport… springen, rennen, toben, Kollegin tragen, hüpfen, über Tische und Stühle klettern… alles mit Tempo natürlich… es kommt so einiges an Körperarbeit zusammen.

Inzwischen haben wir darstellerisch konforme Maßnahmen ergriffen um gegen die Hitze zu bestehen.

Sobald ich morgens in unser Masken-, Umkleide-, Technik- Requisitenzelt komme platziere ich sinnvolle Mengen Wasser im dortigen Kühlschrank. Es hilft nach der Vorstellung die Kerntemperatur zu senken. Ein nasser Waschlappen im Plastikbeutel landet gleich daneben und nach dem Abschminken erstmal eine Weile auf Stirn und Nacken.

Meiner Utensilienschürze habe ich ein Stofftaschentuch extra angehängt. Gegen Schweiß, der von meiner Nase tropft, habe ich nichts… aber er läuft auch in die Augen und verträgt sich exorbitant schlecht mit meinen Kontaktlinsen. Da die fleissige Gunhilde ohnehin ständig arbeitet und werkelt finde ich es aber charakterkonform, wenn sie sich ab und an mal das Gesicht abtupft. Abseits der Spielszenen verwende ich dafür eine mechanische Gestenfolge, damit es mit dem Konzept harmoniert.

Inzwischen nutze ich das Taschentuch auch dazu den Metallgriff des Aluminiumkochtopfdeckels zu greifen, den ich wie einen Ritterschild verwende, wenn ich Putzbürstenschwingend zum Schutz des Königs eile. Der Deckel hat dann nämlich schon eine Weile in der Sonne Hitze aufgesammelt – und war zur Premiere so überraschend heiss geworden, dass ich mich ein wenig konzentrieren musste ihn tatsächlich festzuhalten.

Inzwischen haben wir Wasserflaschen an vier strategischen Stellen des Bühnenbildes platziert und jeder kann sie in seine Hintergrundbeschäftigung einbauen, wenn er dort in die Nähe kommt. Auch dafür habe ich eine Mechanik entwickelt… Schluck, Schluck, Schluck, Flasche absetzen, Schluck, Schluck, Schluck… zu wiederholen so oft es geht.

An bisher zwei Stellen habe ich die Zusatzbetankung untergebracht… ich liebäugle mit einer dritten.

Vielleicht komme ich so auf ungefähr den Liter, den ich vermutlich auch in meinem Kostüm lasse.

Man darf es also ohne Übertreibung sagen: der Froschkönig in Heidelberg ist eine heisse Sache. Vorallem aber ist er ein Spaß. Auf beiden Seiten, Bühne und Zuschauerraum.

Und die Kinder machen genau so viel Spaß wie wir wohl ihnen. Nicht nur während der Vorstellung.

Wir stehen ja auf der Bühne wenn sie hereinkommen und zu ihren Plätzen geleitet werden. Und schon dabei kommentieren sie frei drauf los. Ein Junge marschierte auf dem Weg zu seinem Sitzplatz die Bühne entlang als wäre er Flugkapitän und müsse vor dem Start die Checkliste abhaken. Er deutete auf den König und rief laut laut “König!”. Er sah auf den Brunnen und vermeldete “Brunnen!”. Er erspähte die goldene Kugel auf dem Bühnenrand und stellte richtig fest “Kugel!”. Sein Blick wanderte zur Prinzessin und auch sie wurde laut ausgerufen – “Prinzessin!”.

Dann sah er mich… und ich konnte ihn denken sehen… denn ich komme im Originalmärchen nicht vor und jetzt war er erkennbar in Schwierigkeiten.

Er fing sich aber recht schnell, deutete auf mich und verkündete im Brustton der Überzeugung: “Putzfrau!”.

Zum Glück darf ich die Kinder anlächeln… denn ein maskenhaft ernstes Freeze wäre in dem Augenblick sehr schwierig gewesen.

Heute bezauberte mich ein kleines Mädchen. Sie nahm in der dritten Reihe Platz und musterte uns auf der Bühne alle sehr eingehend und aufmerksam. Schließlich beugte sie sich zu der Klassenkameradin neben ihr und erklärte deutlich hörbar, sehr bestimmt, sehr ernsthaft, aber auch wie zur Beruhigung: “Das sind alles Menschen …in Kostümen!”.

Erwischt! Wohl wahr. Man nennt sie Schauspieler.

Mehr Bilder, mehr über das Stück und seine Menschen, sowie alle Vorstellungsdaten – HIER.

(Figurinen – © Annette Wolf / Fotos der Aufführung – © Annemone Taake für das Theater und Orchester Heidelberg)