Dieser Blog hat einen griechisch-englischen Namen. „Theatron“ huldigt der Keimzelle des griechischen Theaters als „Raum zum Schauen“ – „Today“ schlägt den Bogen in das globalisierte englischsprachige Jetzt. Es schien mir eine logische sinnreiche Kombination.

Seit gestern steht aber auch fest, dass aus einer griechisch-englischen Kombination unerwartete Seltsamkeiten erwachsen können, vielleicht weder logisch, noch sinnreich.

Großbritanien und die Demokratie.

Demokratie ist großartig. Niemand bei klarem Verstand kann das bestreiten und ich würde in keiner anderen Staatsform leben wollen. Aber auch sie hat Tücken und Schwächen.

Die größte davon ist wahrscheinlich, dass sie darauf angewiesen ist, dass Menschen ihre Bedeutung verstehen.

Eigentlich sollte das bewerkstelligt werden können, denn die Regeln sind einfach:

1. Ich habe eine Stimme. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Privileg und Verpflichtung zugleich.

2. Ich darf jede Überzeugung, die nicht nicht das Völkerrecht auf den Kopf stellt, vertreten und zur Grundlage meiner Stimmabgabe erheben.

3. Um zu einer Überzeugung zu gelangen sollte ich mich idealerweise selbstständig informieren um diese zu bilden.

Das Ergebnis ist ein mündiger wählender Bürger… und die Mehrheit dieser Bürger bestimmt das Ergebnis.

Demokratie in Perfektion… und weit weg von der gerade erst wieder durchexerzierten Realität.

Problem mit Punkt 1:

72,2 Prozent der registrierten Wähler haben über den Brexit abgestimmt. Das ist eine hohe Wahlbeteiligung. Trotzdem war rund 27 Prozent das mit der Demokratie irgendwie zu anstrengend.

Sie haben damit jedes Recht verwirkt sich über irgendeine Brexit-Konsequenz in irgendeiner Weise zu beklagen.

Wer von seiner Stimme keinen Gebrauch macht muss auch anschließend dabei bleiben.

Ja, ich weiß, es hat am Abstimmungstag, wie die Briten sagen würden, Katzen und Hunde geregnet… aber wenn dann mehrheitlich ältere und konservative Wähler den Regenschirm benutzen prägen sie das Ergebnis.

Problem mit Punkt 2:

„Neiiin, ich will eigentlich nicht das wofür ich stimme, aber ich bin unzufrieden und will ein bißchen protestieren!“.

Leute, so funktioniert Demokratie nicht.

Denn wenn genug Leute auf die gleiche blödsinnige Idee kommen ist die Mehrheit da und ihr kriegt genau das, was ihr nie wolltet.

Das Wahllokal ist kein Ort um auf bequeme Weise zu protestieren, es ist ein Ort für Überzeugungen. Stimmzettel verstehen keinen Sarkasmus.

Und es macht keinen Sinn anschließend via TV und Twitter zu bekunden „Aber ich hab‘s doch nicht so gemeint!“ …

Problem mit Punkt 3:

Wir leben in einem Zeitalter der Information. Ob gedruckt, via TV oder im Internet – unser Zugang zu Informationen ist groß wie nie. Aber wir müssen sie nutzen und bewerten.

Und wenn ich Leuten glaube, die auf rote Doppeldeckerbusse malen, dass sie die angeblich 350 Millionen Pfund, die Großbritanien wöchentlich an die EU zahlt, in das nationale Gesundheitssystem stecken wollen …und dann am Morgen nach der Wahl verkünden „Sorry, it was a mistake.“… dann ist das zwar eine Sonderklasse von schamlos – aber mein Fehler.

Viele Argumente der Brexiteers standen seit Monaten auf dem Prüfstand und waren durch Fakten widerlegt.

Informationslücke

Demokratie ist großartig. Ja, sie ist es auch dann noch, wenn ihre Ergebnisse nicht meiner Meinung entsprechen. Und ja, sie ist noch nicht ideal. Aber das liegt nicht an ihr.

Versöhnlich schließen möchte ich mit einem Zitat von Alice Duer Miller:

„…I have seen much to hate here – much to forgive. But in a world where England is finished and dead, I do not wish to live.“

4 Kommentare

  1. Hallo ….

    selbstverständlich ist die Demokratie ein Privileg und Entscheidungen daraus müssen nicht immer meiner Meinung entsprechen. Damit kann ich leben. Den Austritt der Briten aus der EU beurteile ich ganz einfach und mit einem Satz: „Das ist von den Wählern nicht ganz zu Ende gedacht !!“
    Mit schlechter Laune mal kurz für „Austritt“ stimmen, genügt nicht. Wenn dann noch Initiatoren des Brexit kneifen und sich für die weitere Regierung nicht zur Verfügung stellen, ist das noch ein ganz anderes Thema. Dann frage ich mich: „Was sollte das alles ….?“ Jetzt kommt noch die EU dazu, die Hektik und Stress verbreitet. Die Briten treten erst aus, wenn der Antrag vorliegt, wenn dieser überhaupt gestellt wird.
    Die Demokratie wird aber auch ein wenig anstrengend und verwässert, wenn man heute die Bürgerbegehren, die Volksentscheidungen und andere Referenden sieht. Das sollten absolute Ausnahmen sein.Unsere gewählten Volksvertreter entscheiden im Bundestag, Bundesrat und bei Zweifelsfällen gibt es noch das Bundesverfassungsgericht zur Kontrolle. So sollte es sein, aber ab und zu läuft es aus dem Ruder, selbstverständlich demokratisch. Es ist wie die Kunst zum Beispiel, die mir auch nicht immer gefallen muss und trotzdem ein Bestandteil unseres Landes und Lebens ist.

    Demokratische Grüße
    Brain

    PS: Gibt es noch ein Statement zur Jupitersonde?

    • Silvia Rhode

      Hallo Brain…

      …große Planeten zuerst… 🙂 … NATÜRLICH habe ich „Juno“ ganz genau verfolgt und bin nach 5 Jahren Anflugzeit ausgesprochen zufrieden, dass das nicht ganz ungefährliche Eintauchen in den ersten Orbit geglückt ist. Jetzt mal schön alle Instrumente aktivieren und dem Gasriesen ein paar Geheimnisse entlocken!
      Zu dem Geschehen auf dem kleinen dritten Planet unseres Sonnensystems.
      Ich lebe in einem Land das direkte Demokratie praktiziert. Die Schweizer dürfen über alles abstimmen das mit dem Völkerrecht vereinbar ist. Das machen die ständig und sie haben Übung darin den Drachen Demokratie zu reiten. Als Deutsche bin ich davor zurückgeschreckt. Hitler ist gewählt worden, ich bin mir höchst bewusst, dass Mehrheitsentscheidungen fatal sein können. Aber eine Schweizerin hat mir das Prinzip erklärt – und es ist faszinierend.
      Nehmen wir die Abstimmung über Zuwanderung. Sie wurde angenommen, muss nun innerhalb von 3 Jahren umgesetzt werden und beinhaltet eine Kontingentierung der Personenfreizügigkeit. Das widerspricht den bilateralen Verträgen der Schweiz mit der EU.
      Setzt man die Initiative also im Wortlaut um, dann gefährdet man alle Verträge der Schweiz mit der EU, die sind in Rechten und Pflichten nämlich miteinander verknüpft. Wird einer gebrochen sind andere ebenso hinfällig.
      Man wird nun Gesetzesentwürfe einreichen und verhandeln und irgendwann wird es eine neue Volksbefragung geben, die fragt „Wollt ihr, dass zur Umsetzung der Zuwanderungsinitiative Handelsverträge mit der EU aufgelöst werden?“. Das wird wahrscheinlich abgelehnt werden. Und so arbeitet man sich Schritt für Schritt an den demokratischen Kompromiss heran – und fragt halt immer wieder.
      Das ist ein sehr feines und komplexes System, bei dem die Bürger immer wieder gefragt werden und vorher dezidiertes Informationsmaterial via Post bekommen.
      Es ist ein System, das Frust- oder Protestentscheidungen abfedern kann.
      Das Brexit-Referendum kann das nicht, es ist ja oder nein und es kommt auch (höchstwahrscheinlich) nichts mehr nach. Es kann nicht nachjustiert werden, sich nicht an der Realität oder Entwicklung der Situation überprüfen. Die Schweiz ist ein Land beständiger Abstimmung, im doppelten Sinn – Entscheidung und Justierung. Deswegen funktioniert das hier.
      Unsere parlamentarische Demokratie ist das Ergebnis unserer Geschichte. Sie ist ärgerlich, oft genug, aber sicher. Und sie war damals eine logische Konsequenz.

  2. Hallo Silvia,

    ich habe eine gewaltige Anzahl deiner Texte und Berichte gelesen. Zu welchem Ergebnis komme ich als ehemaliger beruflicher Berichteleser? Ich finde es immer wieder faszinierend, das deine Ausführungen, also Antworten auf ein Thema äußerst präzise, fundiert ausgewählt sind und mich zum Nachdenken „verführen“, wie bei diesem Thema. Das ist eher selten, aber nach zweimal Lesen und Überlegen, bin ich meist davon überzeugt, das deine Thesen, Meinungen usw. zutreffen. In meiner Denkweise und Meinungsbildung bin ich aufgrund meiner Lebenserfahrung durchaus komplizierter anzusehen als andere Bürger. Nun ja….. sicher weißt du womit das zusammenhängt. Als Stammleser freue ich mich auf weitere Themen.

    In diesem Sinne,liebe Grüße aus Norddeutschland und viel Freude und Erfolg auf der Bühne.

    Brain

    • Silvia Rhode

      Ich weiß, dass Du auch jemand bist, der ein Vergnügen daran findet etwas in Gedanken „auszupacken“ bis der Inhalt zugänglich ist. Umso mehr… danke für Dein Kompliment. Ich hoffe ihm auch mit den weiteren Artikeln zu entsprechen. 🙂

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