„Postdramatisches Theater“ ist eine Wortkombination des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann und beschreibt eine zeitgenössische performancenahe Form des Theaters. Es ist ein Abgrenzungsbegriff gegen das „traditionelle Sprechtheater“. Traditionell bedeutet zweierlei. Dass man etwas schon sehr lange macht – das ist im Fall des Theaters richtig… es IST alt, oft totgesagt und immer noch quicklebendig.

Traditionell bedeutet aber auch „herkömmlich“, einer „gängigen Praxis entsprechend“. In welcher Weise der Vorgang „Mensch geht auf Bühne und hat etwas zu sagen“ so „kömmlich“ da…her…kommt hängt enorm vom Geschehen und der Perspektive des Betrachtenden ab.

Mit Fantasie, Witz, Inhalt und Spielenergie gefüllt ist es ja gerade das Ziel eines Theaterabends gegenteilig davon zu sein, nämlich überraschend, frisch und erreichend.

Sei‘s drum – postdramatisch also. Was bedeutet das dem Wortsinn nach?

postdramatisch„Dramatisch“ bedeutet aufregend, ausdrucksvoll, explosiv, nervenaufreibend, packend, spannungsgeladen, überwältigend, bewegt, lebendig, mitreißend.

Postdramatisch bedeutet demnach: all das bitte nicht.

Was für ein Verlust.

Und wie unsinnig für das Theater. Wie kann man etwas auf eine Bühne bringen, aber all das nicht erreichen wollen?

„Postdramatisches Theater“ ist also eine theaterwissenschaftliche Beschreibung, die mit der Natur und Notwendigkeit von Theater rein gar nichts zu tun hat. Denn egal ob Textfläche, Performance oder 1400 Jahre alter Originaltext – Theater ist dramatisch. Und soll das im besten Sinne dieses Wortes auch sein.

„Post“ ist ein gefährliches Wortanhängsel. Es suggeriert nicht, dass man auf etwas aufbaut, etwas weiterentwickelt, sondern etwas überkommen hat. Abgehakt. Abgelegt. Weggeworfen. Ein für das Theater trügerischer Befreiungsschlag. Bäume ohne Wurzeln verdorren.

Zweifellos, manche Bäume verdienen das verdorren.

Ich würde gerne in einer postkriegerischen, postrassistischen, postsexistischen, posthomophoben, postnuklearen, postkorrupten, postintoleranten, postverdreckten Welt leben. Wer würde das nicht?

Aber an einem postdramatischen Theater arbeiten? Nein. Warum denn auch? Beweglich, suchend, experimentell, wagemutig… ja, bitte… aber postdramatisch. Nein.

Nun hat sich „Post“ in eine weitere gefährliche Wortkombination geschmuggelt. Kanzlerin Merkel hat es frisch ausgerufen, wir leben in einem „postfaktischen Zeitalter“. Im Grunde heißt das: „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!“.

Excusez???

Ich bin mir nach 46 Jahren Existenz durchaus bewusst, dass es auf dieser Welt Meinungen gibt, die weit von meiner eigenen abweichen. Ich lege großen Wert darauf, dass verschiedene Meinungen existieren und dass man sich über sie austauscht. Das geeignete Mittel dafür sind Argumente. In Argumenten enthalten sind Fakten, möglicherweise unterschiedlich bewertet, aber Fakten.

Der Ausstausch von Argumenten muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass sich Überzeugungen verändern, er führt aber ganz sicher dazu, dass jene, die diesen Austausch treiben oder verfolgen, sich in Kenntnis aller Interpretationsmöglichkeiten befinden und sich ein reichhaltiges Bild machen können.

Aber wenn ich mich in meinen Argumenten nicht mehr an Fakten binden muss… dann wird alles möglich, denn Fakten sind der kleinste unleugbarste gemeinsame Nenner. Bricht er weg – was soll ich da noch diskutieren?

postfaktischWie soll ich mit Kreationisten diskutieren, die das Alter der Erde mit rund 6000 Jahren angeben, wenn sie die Radiokohlenstoffdatierung von Dinosaurierknochen als Verschwörung deklarieren ohne dafür den geringsten Beweis aufbringen zu müssen?

Und was mache ich dann mit einem Präsidentschaftkandidaten Trump, dessen vordringlichstes Interesse vor dem ersten TV-Duell der Verhinderung des Faktenchecks gilt?

Was bedeutet Politik, wenn es als Gegenargument ausreicht gefühlte vierzig mal „Wrong!“ dazwischenzubrüllen?

Wohin entwickeln sich Gesellschaften, in denen es Wahlberechtigten ausreicht, wenn unliebsame Kritik eine Lüge genannt wird?

Postfaktisch ist präbequem, prädumpf. Und was uns, den Souverän einer Demokratie, angeht präverantwortungslos. Wir dürfen wählen… aber wir dürfen Politik nicht aus der Verantwortung entlassen uns mit ihrer Sicht auf belegbare Fakten zu beliefern.

Denn egal wie postfaktisch jemand zur Wahlurne geht, die Mehrheit jener, die das tun (und auch die stumme Menge jener, die es lassen) schafft Fakten, die ihr Leben bestimmen werden.

„Post“ ist eine Vorsilbe, die mit Bedacht gewählt werden will.

2 Kommentare

  1. Postfaktisch ist irgendwie eine ziemlich Worthülse.
    Die lateinische Vorsilbe „post“ meint „nach“ oder „hinter“. Im Hinblick auf Genres wie „postdramatisch“ ist meist ein Bezug zum ursprünglichen Genre (hier: Dramatik) gemeint, der jedoch um irgendetwas nachfolgendes ergänzt oder erweitert wird.
    Was allerdings postfaktisch meint, ist mir völlig schleierhaft. Diese Wortkombi gibt in meinen Augen keinerlei Sinn.

    • „Postfaktisch“ hat derzeit noch einen Wikipedia-Eintrag, welcher jedoch zur Löschung vorgeschlagen ist.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Postfaktisches_Zeitalter
      Dem Phänomen lässt sich so einfach wahrscheinlich nicht begegnen.

      Beispiel: Trump behauptet Amerikas Arbeitslosenquote liegt bei 42%. Seine Wähler glauben das. Die offizielle Quote nennt 5%. That’s fact. Jetzt kann man kritisch hingehen und sagen, gut, auch ein Staat kann solche Quoten schönen, ich veranschlage mal 10% Zuschlag. 15% sind kritisch und viel… aber Trump sagt 42%. Er belegt das nicht, er sagt nicht, wie er darauf kommt… er sagt es einfach.
      Postfaktisch bedeutet: etwas wird wahr, weil es jemand sagt.
      Greift man es an, indem man Fakten auf den Tisch legt… ist das eine Lüge (Lügenpresse), es ist falsch, eine Verschwörung unter Umständen. Plötzlich ist jener, der belegbar argumentiert, in der sich rechtfertigenden Position. Nicht jener, der vollkommen ohne Fakten navigiert.
      Politisch ist das eine Katastrophe. Es bedeutet das nur entscheidet, wer die größere Emotionswelle auslösen kann… egal wodurch, egal womit.
      AfD-Politiker wie Georg Pazderski argumentieren bereits, dass gefühlte Fakten auch Realität sind. Wenn ich also wirklichkeitsferne Fakten fühlbar mache sind sie Wirklichkeit. Ein perfides System. Ein angsterzeugendes System. Das darf doppelt verstanden werden.

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