In den Kommentarfunktionen der sozialen Medien tummelt sich ein Wort – „Eliten“…oftmals kombiniert mit der Verortung „da oben“.

Damit beschrieben werden jeweils unterschiedliche Gruppen oder Individuen, welche es gewagt haben Standpunkte zu vertreten, die dem Kommentierenden missfallen.

„Eliten“ wird dabei nicht inhaltlich verwendet, sondern diskreditierend.

„Eliten“ können so ziemlich alles sein… Liberale, Politiker, Humanisten, jeder, der mehr verdient als man selber und diverse mehr.

„Die Eliten“ ist ein unfasslich universelles Werkzeug, das eine Meinung aufgrund ihrer Abstammung angreift – und sich deswegen nicht die Mühe machen muss sie inhaltlich zu widerlegen.

Praktisch. Aber klären wir, was „Elite“ eigentlich bedeutet.

Wikipedia definiert die Elite als „eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen“ und unterschiedet u.a. zwischen „Machteliten“ und „Bildungseliten“.

Schnittmenge möglich.

Das bedeutet, wenn ein Mensch gebildet oder einflussreich oder im Bestfall beides ist, dann gehört er zur Elite.

Aber wir haben da ja noch den Stolperstein „mutmaßlich“ und mutmaßen kann man alles. Deswegen kann so gut wie jeder irgendwie Elite sein – besonders, wenn er im öffentlichen Fokus steht und anderen deswegen seine Gedanken und Meinungen mitteilen kann.

Hier kommt mein Beruf ins Spiel.

Als Theaterschauspielerin und Blogschreiberin mit eher handverlesener Leserschaft betrifft mich das geringfügig – allerdings gibt es massenhaft Kolleginnen und Kollegen, die deutlich mehr Öffentlichkeit abbekommen… und diese nutzen um ihren Ansichten und Überzeugungen Gehör zu verschaffen.

Die „Hollywood-Eliten“.

Aber wenn sie das tun, dann stolpert man im Internet über eine beachtliche Kommentardichte, die ihnen dieses Recht abspricht – WEIL sie Schauspieler sind.

Ich habe mir exemplarisch zwei Ansprachen herausgesucht… von Meryl Streep und Scarlett Johansson… jeweils einen Facebookeintrag dazu aufgerufen und mich durch die ersten 200 Kommentare gepflügt.

Die Auswahl steht stellvertretend für unzählige gleicher Sorte, die man von Twitter bis Youtube & Co. findet.

(Die Kommentare sind von mir anonymisiert worden. Im Original nachzulesen HIER und HIER. Zur vergrößerten Ansicht ggf. auf das Bild klicken.)

Erstaunlich häufig wird kritisiert, wenn Schauspieler nicht auswendig sprechen. Wir alle kennen die Frage „Wie merken Sie sich nur diesen vielen Text?“. Die seltsame Bewunderung für diese handwerklich eher sekundäre Leistung scheint von vielen als Grundvoraussetzung für die Meinungsäußerung von Schauspielern angesehen zu werden.

Nicht wenige fühlen sich außerdem urplötzlich zu Theaterkritikern und Juroren in einem imaginären Beautycontest berufen – diese Kommentare betreffen mehrheitlich vor allem Meinungsäußerungen von Schauspielerinnen.

Ein wesentlicher Gedankenbaustein der nichtinhaltlichen Kritik ist der Umstand, dass Schauspieler die Fähigkeit besitzen fremde Texte authentisch zu verarbeiten.

Offensichtlich Grund genug anzunehmen, dass sie privat keine eigenen haben. Wenn sie also eine Meinung äußern kann es keinesfalls die eigene sein.

Immer wieder gern genommen auch der Umstand, dass manche Schauspieler recht gut verdienen und sich deswegen nicht über irgendeinen Weltzustand beklagen sollten. Das missachtet nicht nur, dass die meisten Schauspieler nicht als berühmtes Baby zur Welt kommen, sondern auch dass Geld nicht zwangsläufig Empathie und Geist versiegen lässt.

Kann – aber muss eben nicht.

Die überwiegende Anzahl der Kommentare aber spricht Schauspielern schlicht Recht und Fähigkeit ab die Öffentlichkeit zur Veräußerung eigener ernsthafter Betrachtungen zu verwenden.

Das missachtet noch einiges mehr. Nämlich schlichtweg den Umstand, dass Schauspieler Menschen mit eigenen privaten Ansichten sind. Dabei scheint ein gesellschaftlicher Konsens darüber zu bestehen, dass sie private Einsichten sehr wohl zu gewähren haben.

Denn sie sind Personen des öffentlichen Lebens. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren wen sie nun schon wieder geküsst haben, welche Marken sie tragen oder nicht, wann sie einen über den Durst trinken, wieso sie auf die Idee kamen sich die Haare zu schneiden und ob diese Nase tatsächlich noch keinen Chirurgen gesehen hat… ganz zu schweigen von der Überwachung ihres Gewichts, ihrer Muskelmasse und der Anzahl der Gesichtsfalten, die aufgetaucht oder verschwunden sind.

Das alles ist vollkommen legitim, das hat man praktisch als Gesamtpaket gebucht, wenn man mutig genug ist sich vor eine Filmkamera zu stellen und dadurch Berühmtheit zu erlangen.

Aber gesellschaftskritische Gedanken äußern? Überzeugungen in, womöglich noch, eigene Worte fassen? Eine politische Ansicht vertreten? Um Himmelswillen, dafür sind Schauspieler nicht da.

Was fällt denen ein?

Ja, jeder Metzger und Müllmann hat das Recht auf eine Meinung, das ist in den Kommentaren zutreffend angemerkt worden. Schlicht, weil jeder Mensch das Recht hat seine Meinung zu vertreten, solange sie kein Verbrechen bedeutet.

Aber Schauspieler nicht? Warum? Warum ausgerechnet sie nicht?

Warum disqualifiziert dieser Beruf in den Augen nicht weniger für Meinungsäußerungen?

Ist es vielleicht, weil ein Schauspieler viele Menschen sein kann? Und man deswegen niemals genau weiß, wen er gerade gibt?

Weil schauspielen schnell mal übersetzt wird mit der herausragenden Fähigkeit überzeugend zu lügen?

Ist es so schwer zu glauben, dass Menschen, die plausibel Rollen spielen eigene Überzeugungen pflegen?

Und die privat genau deswegen besonders gut unterscheiden können wann sie eine Rolle spielen und wann nicht?

Sind Schauspieler, die nichts anderes tun als das Wesen anderer zu erkunden um sich in sie hineinzuversetzen, nicht gerade geeignet sich zu einer Gesellschaft zu äußern, die aus diesen einzelnen Wesen besteht?

Sind Schauspieler nicht ohnehin ständig mit politischen oder gesellschaftskritischen Fragen konfrontiert, weil die wenigsten Theaterstücke und ein Großteil aller Filme nun mal keinen unproblematischen oder zuckersüßen Alltag zum Inhalt haben?

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“

Doch, tun wir.

„Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung.“ (Max Reinhardt)

Und wenn jemand viel Zeit mit enthüllen verbringt, dann kann es ihm passieren dabei Meinungen zu gewinnen. Es kann ihm auch passieren, weil er einfach Mensch ist. Und denkt. Oder fühlt. Und diese Meinungen können ihm wichtig genug sein sie auch privat öffentlich zu äußern. Und er darf das.

Sogar, wenn sein Beruf Schauspieler ist.

1 Kommentar

  1. Interessanterweise steht man auf besondere Weise zur Disposition, wenn man einen Beruf ausübt, der irgendwie mit Medien und Öffentlichkeit zu tun hat. Das betrifft Schauspieler und andere Künstler, aber auch Politiker, Leistungssportler oder prominente Unternehmer. Die Leute haben das Gefühl, sich in all diesen Bereichen auszukennen, weil sie schliesslich selbst einen VW fahren und irgendwann mal Udo Lindenberg auf der Strasse begegnet sind und ein Autogramm bekommen haben. Auch wenn man selbst nicht Udo Lindenberg ist und nur selten nach Autogrammen gefragt wird, löst die Information, man sei Künstler, übrigens dieselben Assoziationen beim Gegenüber aus (ausser vielleicht, dass man selbst im Gegensatz zu Udo als noch dazu erfolgloser Künstler eingestuft wird).

    Über Schauspieler im speziellen gibt es noch dazu unendlich viele Mythen, die wohl subtil in der Wahrnehmung vieler Menschen umherwabern, zum Teil sogar widersprüchlicher Natur. So werden Schauspieler zum Beispiel gleichzeitig als unstete, brotlose Spinner wie auch als glamouröse Idole wahrgenommen. Beides finde ich merkwürdig. Im Allgemeinen wird ihnen unterstellt, dass sie eher unaufrichtige und vor allem überaus exhaltierte, selbstsüchtige und geltungsbedürftige Zeitgenossen sind. Gleichzeitig findet man es auch irgendwie großartig, dass diese Menschen es sich erlauben, (wie der oben schon zitierte Max Reinhardt es mal ausdrückte) „bis an ihr Lebensende weiterzuspielen“. Scheinbar ist man zerrissen zwischen einer gewissen Faszination für freie Geister, für die man Künstler – zurecht oder zu unrecht – hält und der tiefen Überzeugung, so ganz seriös könne das alles nicht sein.

    Ganz jenseits von Vorurteilen über Schauspieler wird aber das abfällige Absprechen einer qualifizierten Meinung einfach oft jenen zu Teil, denen gegenüber die Verfasser sich irgendwie benachteiligt fühlen. Und da hilft es dem gekränkten Ego am schnellsten wieder auf die Füße, sich zu sagen, die (da oben) sind im Gegensatz zu mir alle grenzdebile Vollhorste.

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