Herrschsucht und Wollust im Filter der Zeit

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Ich habe eine Schwäche für alte Bücher. Die trifft sich ganz ungünstig mit einer ebenfalls vorhandenen Schwäche für Flohmärkte. Ich gehöre also zu den Leuten, die ihrer Begleitung am Beginn des Flohmarktrundgangs ihre Brieftasche aushändigen. Bei mir ist diese Handlung meist von dem Satz begleitet: "Egal, wie ich gucke, verhindere, dass ich Bücher kaufe oder ein Einrad!".
Das mit dem Einrad ist eine andere Geschichte. Ich wollte schon immer lernen Einrad zu fahren, aus angeberischen Gründen. Es steht aber zu befürchten, dass ich mich damit umbringe, deswegen sollte ich mir andere Wege suchen Eindruck zu schinden.
Bei den Büchern ist es ein Lagerproblem.
Nichts desto trotz besitze ich eine kleine feine Sammlung von Werken, die um die hundert Jahre alt sind. Oftmals ist mein Faible für skurile Dinge da mein Kaufberater. So besitze ich ein Buch mit geistlichen Amtsreden aus dem Jahre 1893 – obwohl ich Atheist bin. Die Lektüre der vorgefertigten Reden für schreibfaule Geistliche war trotzdem hochinteressant.
Ich nenne einen "Daheim-Kalender" aus dem Jahre 1903 mein eigen, der unter anderem großartige Anzeigen zur sofortigen Entfernung eines Damenbarts enthält ("Spur- und schmerzlos"-schon damals wurde in der Werbung gelogen was das Zeug hält!), für "Grolichs Haarmilch", "Photographische Apperate", "Elastische Gummi-Crepe-Leibbinden" und Zucker – Ja, Zucker… hier der Text: "Hausfrauen! Mütter! Beachtet die Mahnung der Wissenschaft, die uns lehrt, daß reichlicher Zuckergenuß das Vorteilhafteste für Ernährung und Verdauung ist. Zucker schafft Muskelkraft. Zucker wirkt durstlöschend. Zucker erhöht die Verdaulichkeit. Zucker ist in Anbetracht seines hohen Nährwertes das wohlfeilste aller Nahrungsmittel. Für schwerarbeitende Männer, für schwächliche Kinder ist Zucker unentbehrlich!".
Ich wußte es ja schon immer!
Ein äußerst gehegtes Expemplar ist "Der Schauspielführer, Theaterstücke ihrem Inhalte nach wiedergegeben" aus dem Jahre 1916. Einmal deswegen, weil darin großartige Bilder von Theateraufführungen sind. Etwa 80% der dem Inhalte nach wiedergegebenen Theaterstücke kenne ich nicht. Sie werden heute auch nicht mehr gespielt. Sie haben es einfach nicht durch den Filter der Zeit geschafft. Vieles, was wir heute grob "Klassiker" nennen, findet man gar nicht im Inhaltsverzeichnis… 1916 waren diese Stücke offenbar noch keine Klassiker und wurden nicht als erwähnenswert angesehen. Skakespeare? Gibbet nicht!
Das Buch ist auch deswegen hochinteressant, weil es Rollenbeschreibungen enthält die gesellschaftlich und moralisch zeitnah an den damaligen Einschätzungsgewohnheiten geschrieben wurden – während wir heute ganz andere Blickwinkel, Wertungen und Interpretationen vornehmen und für zeitgemäß erachten.
Aber lest selbst:

"Fräulein Julie, Trauerspiel von August Strindberg (1891)

Julie ist das entsetzliche Produkt einer schauderhaften Erziehung. Herrschsucht und unterdrückte Wollust sind die Hauptcharakterzüge des nun fünfundzwanzigjährigen Mädchens. Eine ehrliche Verlobung läßt sie, weil der Mann nicht ihr Sklave werden will, und in einem aufgeregten Moment wird sie selbst freiwillig die Sklavin ihres zynischen Dieners Jean, der gar keine Mühe braucht, das Mädchen in seine Kammer zu bringen, wo sie sich ihm selbst anbietet.
Wie die moralische Ernüchterung eintritt, will sie mit Jean fliehen. Dieser rät ihr aber roh, sich lieber den Hals abzuschneiden, und das tut sie denn auch, da die Ankunft ihres bisher abwesenden Vaters gemeldet wird.
Die Vererbung von Sünden, Verbrechen und Krankheiten ist, wie bei den meisten neuen nordischen Dichtern, auch hier betont. Es ist die Mutter, die ihren Gatten betrogen, Julie gegen ihren Wunsch zur Welt brachte und auf sie Selbstsucht und Leichtfertigkeit vererbte. Dadurch wird den Helden und Heldinnen dieser Stücke eine gewisse Unschuldigkeit zugesprochen, die mit ihren Handlungen in so grellem Widerspruch steht, daß das Grausige abstoßend, die Moral lächerlich wirkt. Eine Kunst, die weder erhebt, noch befreit. Auch die Darstellungskunst ist durch diese Dichtungen zur Nichtigkeit und Kleinlichkeit verschlechtert."

Verfasser dieser Zeilen ist Leo Melitz, 1855-1927, Direktor des Stadttheaters zu Basel, er gilt als der "Erfinder" des Schauspielführers. Das Stück hat überlebt. Bis heute kann es fesseln und liefert seinen Darstellern Futter zu brillieren. Und dann frage ich mich manchmal… was wird in hundert Jahren wohl über unsere neuen Dichter, unsere Darstellungskunst verfasst werden? Ich wüßte es nur zu gerne.

2 Gedanken zu „Herrschsucht und Wollust im Filter der Zeit

  1. In Hamburg gibt es aktuell ein (offenbar jedoch eher herbeigeschriebenes) Skandälchen über eine Performance im Rahmen des Live Art Festivals auf Kampnagel. Libido Sciendi, die Inzenierung einer Paarung. Angeblich haben die Darsteller (realen) Sex. Die Mopo, Bild und Focus schlagen Alarm. Von Tabubruch ist die Rede, von Porno und Skandal. In hundert Jahren wird man sich tot lachen. Wahrscheinlich. Die Kampnagelintendantin tut es schon jetzt. Aber immerhin, die Karten sind ausverkauft!

    Retrospektiv erinnere man sich bespielsweise an die Uraufführung von „Le sacre du printemps“. Oder an die BRAVO, die noch in den 80ern schwulen Jungs nahelegte: „Das mit schwul solltest du dir nicht einreden. Du bist doch nicht so, nur weil die anderen dich so nennen. Wahrscheinlich würde helfen, wenn du dich mal wehrst und einfach ,Quatschkopf‘ zurückgibst.“ Nein, nein … ich war nicht dabei. Weder in Paris noch bei Dr. Sommer. Aber beides wirkt eben aus heutiger Sicht extrem schräg, obwohl ja Dr. Sommer noch praktiziert und Strawinski nach wie vor aufgeführt wird.

  2. Den Gedanken, das in hundert Jahren diese Fragen (nach Darstellerkunst, Wertigkeit von Texten,…) noch relevant sind, finde ich sehr beruhigend…

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