Fürth Teil I: Sabinjscharinnen

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Ideen, Interpretationsfähigkeit, Innovation… das sind schöne "I"-Wörter und sie haben am Theater viel zu suchen. Wie bei allem bestimmt allerdings auch hier das "Wie" die Qualität. Ich werde irre, wenn man mir in der "Dreigroschenoper" Abu-Ghuraib-Bildzitate unterjubelt, während das Stück mitten in der Bankenkrise Textstellen wie „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ aktuell und original mitliefert. Oftmals sollte dem zwanghaften Modernisierungswillen von Regisseuren Einhalt geboten werden. Die Verbesserung des qualitativ hochwertigen und funktionierenden ist in der Regel eine Verschlechterung.
"Der Raub der Sabinjscharinnen… pardon, der Sabinerinnen" ist ein Stück dem man Modernismen ersparen sollte … und genau das hat Katharina Thalbach auch getan. Woran hingegen nicht gespart wurde war ein vergnügt dynamisch aufspielendes Ensemble, eine hinreißend präzise Kommödienstruktur aus Timing, Witz und Cäsur, eine für Sprachfetischisten wohltuend anzuhörende Sprachbehandlung und ein bunter Strauß Einfälle, die dem Stück beigemischt wurden, ganz ohne sein Gefüge auszuhebeln.
Es war ein ganz und gar vergnüglicher Theaterabend, zu dem ich da ausgerückt war, als ich letzten Samstag nach Fürth fuhr.
Bereits vor der Vorstellung umrundete ich den Theaterbau und genoß die Betrachtung seiner Fassade. Man nenne mich romantisch, aber ich habe eine kolossale Schwäche für Theater, die nach Theater aussehen. Auch in der Pause gönnte ich mir nur eine kurze Zigarette und flanierte dann grinsend und detailverliebt durch alle Räumlichkeiten bis in den höchsten Rang empor.
Man kann schwer über diese Aufführung schreiben ohne Katharina Thalbach eine besondere Erwähnung zukommen zu lassen. Nicht nur, weil sie für die Regie verantwortlich zeichnet, nicht nur, weil sie dem Sabotage-Kakadu ihre unverwechselbare Stimme leiht, nicht nur weil sie eine großartige Luise Striese abgibt, sondern auch weil sie die Rolle des Stückes zum Leben erweckt… den Theaterdirektor Striese. Ist das besonders, weil eine Frau ihn spielt? Nein, es ist höchst wurscht, man vergißt die Geschlechterfrage von Anfang an, sie ist einfach unerheblich und verliert sich in der Güteklasse der Darstellung vollständig.
Mit dem Theaterdirektor Striese habe ich eine eigene Vergangenheit zu laufen. Als ich den "Raub der Sabinerinnen" das erste Mal sah wurde er von Helmut Straßburger gespielt. Es war das erste Mal, dass ich meinen Schauspieldirektor auf der Bühne sah. Wer Helmut Straßburger niemals auf einer Bühne erlebt hat, dem kann man schwer beschreiben was für eine Wucht das ist. Ich nenne es "selbstverständliche Raumverdrängung". Eine ganz leichtfüßige Präsenz ungeheurer Kraft, Leidenschaft und Intensität von der großen Geste bis hin ins kleinste leiseste Detail, ein unwiderstehliches passieren-lassen von Gefühlen.
Ich finde der Theaterdirektor sollte überhaupt nur von Menschen gespielt werden, die die großartige Fähigkeit haben ihr überproportional vorhandenes Talent mit einer großen Demut und Liebe für das Theater zu verbinden. Dann und nur dann treffen Sätze wie "Ich habe dem Theater alles gegeben." ins Herz. Dann und nur dann ist die "Schmiere"-Rede ein Plädoyer für die Bühne auf der Bühne. Das ist eine Rolle für Theatermenschen… nicht für Stars.
Ist es also eine Rolle für Katharina Thalbach? Ja, oh ja. Und sie kann's nicht wissen, aber wenn man Helmut Straßburger als Striese gesehen hat und sie in der Rolle wunderbar findet, dann steckt darin ein großes Kompliment. Aber vielleicht könnte sie das verstehen… denn die beiden haben zusammen gearbeitet. Charmanter Bildbeweis anbei!

Wird dieser Theaterabend die Welt verändern? Voraussichtlich nicht. Wird er politische Diskussionen lostreten? Höchwahrscheinlich nein. Hat das Stück das Potential für gesellschaftliche Umstürzungen? Nope.

Gibt es einem Ensemble Futter und Gelegenheit auf hohem Niveau zu amüsieren? Aber ja doch! Sollte es weiterhin zur Aufführung gelangen? Oh ja bitte!

Warum? Weil Theater viele Aufgaben hat. Und wenn es schafft einen zweieinhalb Stunden schmunzeln und lachen zu lassen, zu berühren und mit einem Lächeln aus dem Haus zu schicken – dann hat es eine davon vollumfänglich erfüllt!

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