Gott ist ein Langschläfer

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Regensburg ist katholisches Pflaster. Mit Bischof Gerhard Ludwig Müller, der Missbrauchsfälle auch schon mal als "Inszenierung" gegen die Kirche verstanden wissen will, ist es manchmal ein höchst verwunderliches und unerfreuliches katholisches Pflaster. Dafür können aber seine Schäfchen nichts und so ist Regensburg vornehmlich einfach nur katholisches Pflaster.
Das bedeutet, wenn es einen katholischen Feiertag gibt, dann wird er in Regensburg vollumfänglich begangen und gefeiert. Heute ist Fronleichnam, ein Hochfest der katholischen Kirche, bei dem die leibliche Anwesenheit Jesu Christi beim Abendmahl gefeiert wird.
Diese Feierlichkeit kündigt sich bereits Tage zuvor durch an die Häuser gebundene Birken an. Als mein Patenhund einmal zu dieser Zeit bei mir zu Besuch war fand er diesen Brauch entzückend und erfreulich. Für ihn muss es gewirkt haben, wie in dem Asterixband, in dem Miraculix Eicheln mit Zaubertrank präpariert, sodass man sie nur auf den Boden werfen muss und schwups steht eine neue Eiche da. Überall in der Stadt hatte es neue Bäume, dolle Sache!
Fronleichnam selbst gibt es eine Prozession. Sie zieht jedes Jahr unter meinem Fenster Richtung Dom, umfasst eine beeindruckende Anzahl verschiedenst gewandeter Gläubiger und Würdenträger, eine Monstranz unter einem Baldachin und zieht sich in der engen Gasse wie Kaugummi in die Länge, sodass es geraume Zeit in Anspruch nimmt bis der Polizeiwagen am Ende durch ist… im Marathon nennt man das den Besenwagen.
Dagegen ist gar nichts zu sagen. So, wie ich von jeder Religion Toleranz erwarte gegenüber anderen Religionen, so erwarte ich sie auch von mir gegenüber diesen Ausübungen des Glaubens. Allein, die Katholiken üben ihren Glauben bemerkenswert früh am Tag aus. Und bemerkenswert früh am Tag befindet sich meine Toleranz noch auf dem Level eines Neandertalers… sie ist gewissermaßen nur rudimentär angelegt.
Ich erinnere eine Kirche am Lausitzer Platz in Berlin, welche die Angewohnheit hatte sonntags ab 7 Uhr morgens ihre Gemeinde ins Gotteshaus zu rufen… etwa 15 Minuten lang und ich konnte mich nie wirklich dazu durchringen das Glockengeläut zu schätzen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde auch die Tendenz haben zu gewissen Uhrzeiten dem freundlichen Muezzin von nebenan , wenn er seine Ausrufung beginnt mit "Gott ist größer!", zuzurufen "Kann der nicht zur Abwechslung mal leiser sein statt groß?". Und Gott, egal welcher, ist mein Zeuge, dass ich die nordrheinwestfälischen Schützenvereine schon herzhaft verflucht habe wenn sie mit Blechinstrumenten-Tschingdarassabums zur morgendlichen Tradition des "Weckens" durch die Straßen ziehen.
Ja, morgens bin ich nicht fähig auferzwungene akustische Darbietungen zu würdigen, ganz gleich welcher Natur.
Zurück zur Regensburger Prozession. Sie ahnen es… lautlos besinnlich findet die nicht statt. Ich bin mit den inhaltlichen Abläufen nicht vertraut, aber es stellt sich so da: einer singt/betet vor, jeweils eine Zeile, dann singen alle anderen "Lobet den Herrn, denn er ist gut.", dann kommt die nächste Solo-Zeile und die anderen antworten wieder mit demselben Text. Der "Vorbeter" benutzt dafür zeitgemäß ein Megafon, könnte ja sein, dass ihn Gott sonst nicht hört.
Aufgrund der schieren Masse der Teilnehmer, der Enge der Gassen und wegen des gemessenen Schritttempos dauert diese Beschallung… und dauert… und dauert… "Lobet den Herrn, denn er ist gut."…
Inzwischen bin ich mir aber keineswegs sicher, ob der "Herr" das so gut findet, wie man ihn lobt. Inzwischen verfolge ich die Theorie, dass der vielleicht auch Langschläfer ist. Ursächlich für dieses Gedankenmodel ist die Fronleichnamsprozession vor zwei Jahren. Ich hatte gerade die ersten Klänge der „frommen Übung“ gehört (sie ist tatsächlich keine Lithurgie, sondern eine „fromme Übung“ mit bischöflicher Zuständigkeit), als sich am Himmel im Zeitraffertempo tiefbläuliche Wolken zusammenrotteten und zu einem regenverheißenden Gebilde formierten. Wind kam auf und fegte durch die Gassen, zupfte keck an den priesterlichen Gewändern, trieb weitere Regenwolken zu einer gräulichen Himmelsbedeckung zusammen und gerade als die Prozession an meinem Fenster vorbei war, und noch ettliches an Weges bis zum Dom vor ihr lag, öffnete das Himmelsgewölbe seine Schleusen und schüttete Wassermassen von bemerkenswerter Kapazität aus.
Als Besitzerin einer ausgeprägten Cartoonfantasie stellte ich mir vor, wie die Gewänder der Teilnehmer sich binnen Minuten mit etwa zwei Litern Wasser vollsaugten, wie das Dach des Baldachins sich in einen ansehnlichen Goldfischteich verwandelte und bestimmt ist es ganz und gar unschicklich die „fromme Übung“ abzukürzen oder deren Schrittgeschwindigkeit zu verdoppeln. Und unter diesen Umständen noch "Lobet den Herrn, denn er ist gut." zu singen kann tatsächlich als ein Glaubensbekenntnis angesehen werden.
Heute nun hatte man augenscheinlich viel Vertrauen in die mitgebrachte Technik gesetzt. In der Raumfahrt glaubt man an die Notwendigkeit der Redundanz technischer Systeme – aus gutem Grund. Wären die Prozessionsteilnehmer heute auch ein bißchen diesem Glauben gefolgt – dann hätten sie ein zweites Megafon am Start gehabt. Aber sie hatten wohl nur eins… und das tat definitiv nicht was es sollte. Trotzdem wurde es stoisch und in unverminderter Lautstärke zum Einsatz gebracht.
Das Ergebnis hatte eine Komik, die man auf einer Bühne vermutlich als Klamauk abgestempelt hätte. Hunderte festlich gekleideter Prozessionsteilnehmer… "Wrrrschpppschtk er krrrruptzukuzzzzzz das schrrrrupschhhhhhhhh." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut."… schreiten langsam über das Kopfsteinpflaster… "Kruzzzzzzzzzniakkkksch der prssssschhhhhhtgumnussch lobet chrrrrusssssjummmmmschkkkkssss." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut."… und die Gasse hallt wieder von der sinnreichen Botschaft: "Prrrrschhhhhumpfschhhh Herr gruzzzzzschzzzziakszt ist dwwwwworfffkschmmmmuschkz." – "Lobet den Herrn, denn er ist gut.".
Nee, wirklich, ich bin geneigt die These in den Raum zu stellen, dass Gott ein Langschläfer mit viel Sinn für Humor ist.

Ein Gedanke zu „Gott ist ein Langschläfer

  1. Langsam erhärtet sich in mir der Verdacht, dass die Hanseaten Gottesdienste in öffentlichen Verkehrsmitteln abhalten. So kommt es zum Beispiel gelegentlich vor, dass während einer U-Bahn-Fahrt Versatzbausteine wie diese meine Krimilektüre beeinträchtigen:
    „Sehr geehrte Damennnun…hqgfl3gzlfgl2bfcgg.Die Linien U 3 mnmnw.jhw.jh.. wegen Bauarbei…hgjhgihiuz3tligzghkhthgth…Gleis drei. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

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