„Erst haben die Menschen das Atom gespalten, jetzt spaltet das Atom die Menschen.“ (Gerhard Uhlenbruck)

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Irgendwann einmal verhieß uns der Glaube an die Technologie eine strahlende Zukunft. Nirgendwann war die Chance dafür, dass sich dieses Versprechen einlöst, größer als 2011. Und wieso geht das dann nicht durch alle Medien? Als Gegengewicht zu frustrierenden Weltfinanzmeldungen und kriegerischen Mißständen aller Art?
Weil das mit der "strahlenden Zukunft" ein Mißverständnis war – und deshalb ist die Chance dafür auch frustrierend. Wenden wir uns den Strahlenquellen zu.
Fukushima – ja, das gibt's noch und leider strahlt es auch ohne mediale Anteilnahme weiter. Inzwischen ist klar, dass die Betreiberfirma TEPCO von Anfang an nach Kräften bestenfalls verschleiert, schlimmstenfalls gelogen hat. Der Tsunami hat zwar die Kühlung der Akw's schachmatt gesetzt, allerdings waren die Druckbehältnisse der Brennstäbe bereits nach dem Erdbeben beschädigt… eine Kernschmelze schon nach dem Erdbeben nahezu unausweichlich. In den Reaktorblöcken 1-4 hat es Explosionen gegeben, bei Block 3 vermuten einige Experten mittlerweile, dass die Explosion nicht auf Wasserstoff zurückzuführen ist, sondern auf Kernspaltung. Wie auch immer, vier Reaktoren befinden sich in einem desolaten Gebäudezustand, in dreien davon schmelzen sich die Kerne gerade durch ihren Sicherheitsbehälter. Wie weit sie in die darunterliegende Betonschicht geschmolzen sind kann derzeit niemand sagen, die Gebäude sind höchst begrenzt betretbar.
Immernoch findet man Spaltprodukte, die aufgrund ihrer geringen Halbwertzeit nicht mehr aus dem aktiven Reaktorbetrieb stammen können, sie wären dann bereits zerfallen. Ihr Vorhandensein deutet auf spontane Rekritikalität der geschmolzenen Kerne hin… was nichts anderes bedeutet, als dass in dieser Masse, die sich durch den Reaktor schmilzt, weiter aktive, sich selbst erhaltene Kernspaltungsprozesse stattfinden. Treffen diese Kerne auf Wasser wird es zu einer Explosion unabsehbaren Ausmaßes kommen. Wissenschaftler halten es für eine gute Idee eine zusätzliche unterirdische Eindämmung zu bauen, auch um das Grundwasser vor radioaktiver Verseuchung zu schützen. Auch die japanische Regierung befürwortet das. TEPCO lehnt ab. TEPCO ist überfordert. Denn da sind ja noch vier Abklingbecken in denen tausende Tonnen Uran und Plutonium lagern. Ganz dicht sind die Becken nicht mehr, in welchem Umfang weiß allerdings keiner. Man pumpt weiter Wasser in sie hinein, versucht einen angemessenen Füllstand zu sichern, trotzdem liegen die Brennelemente immer mal wieder frei. Abklingbecken Nr.4 ist 8 Grad davon entfernt zu kochen, der Zustand sämtlicher Brennelemente in allen Becken ist spekulativ, ganz sicher aber sind sie nicht unbeschädigt.
Rund um Reaktor 2 versagen neuerdings elektronische Geräte… das kennt man aus Tschernobyl, deswegen verpflichtete man damals dann Menschen für Aufräumarbeiten.
Das Evakuierungsgebiet ist zu klein, man weiß das. Man findet Strahlungsgebiete 60 Kilometer von den Reaktoren entfernt in denen Menschen nicht leben sollten, aber größere Evakuierung bedeutet größere Kosten. Deswegen verschleppt man sinnvolles handeln und schickt Schulkinder mit eigenen Dosimetern, langen Ärmeln und Mütze zur Schule. Das hilft nicht, aber man hat ja was getan. Spielen sollen sie aber zuhause… lieber nicht draußen. Ist draußen denn gesundheitsschädlich? Nein, natürlich nicht, reine Sicherheitsmaßnahme.
Ein Tierschützer, der zwei streunende Hunde widerrechtlich aus der Evakuierungszone gerettet hat, bekam einen abstrusen Anruf eines TEPCO-Mitarbeiters. Er solle die Hunde wieder abgeben, die gehören angeblich nunmehr TEPCO. In Tschernobyl wurden alle Haus- und Wildtiere abgeschossen. In ihrem Fell sammeln sich radioaktive Partikel, die sie dann verschleppen, sie werden zu Strahlungsquellen und müssen als schwachstrahlender Sondermüll beseitigt werden. TEPCO wollte die Tiere sicher nicht aus Tierliebe.
Dabei braucht es keine Tierfellmessungen um zu belegen, dass TEPCO das Ausmaß der Katastrophe verharmlost hat. Erst vor kurzem musste der Konzern die bisher voraussichtlich freigewordene Strahlungsmenge verdoppeln… man habe sich da verschätzt.
Gibt's auch anderswo strahlendes absurdes Theater? Oh ja. Haben Sie schon mal ein Boot an einem Kernkraftwerk anlegen sehen? Derzeit kann man ein solches Bild in Fort Calhoun besichtigen. Das Nuklearkraftwerk ist vom Mississippi eingeschlossen worden. 2010 bescheinigte die NRC (Nuclear Regulatory Commission) eine 100%ige Chance auf einen Kernschaden, wenn eine Mississippiflut 1010 Fuß übersteigt. Die Chance für eine solche Flut wurde mit 19% als unwahrscheinlich bewertet. Die derzeitige Flut ist bei 1007 Fuß, Tendenz steigend. Eilig erbaute wassergefüllte Barrieren sind zerstört, inzwischen sickert Wasser in die Transformatorengebäude, deswegen ist man auf Notstrom. Man hat Sandsäcke gestapelt und versucht einströmendes Wasser vom Gebäudekomplex zu pumpen. Man sieht Kraftwerkpersonal Benzinkanister eilig zu den jeweiligen Pumpanlagen schleppen und Sandsäcke auftürmen… wir können Atome spalten, aber wenn uns dieser Wagemut entgleitet, dann schippen wir Sand in Säcke.
War's das schon? Leider nein. In Los Alamos frißt sich ein expandierendes Buschfeuer an ein Kernforschungszentrum heran. Auf dem Gelände des Los Alamos National Laboratory lagern 30.000 Fässer mit über 200 Litern plutoniumbelastetem Müll aus der Zeit des Kalten Krieges, oberirdisch in Zelten. Das Feuer ist dem Gelände zur Zeit stellenweise bis auf 15 Metern nahe gekommen. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage lauten heiß, trocken und windig. Der Fire Chief Doug Tucker sagte in einem Interview “I seriously think it will be up to 100 thousand acres, God I hope not God I hope not."

Gerade, während ich diesen Beitrag geschrieben habe, kam eine neue Meldung auf Enenews herein… um Fort Calhoun gibt es jetzt eine 10 Meilen Evakuierungszone. Sicherheitsmaßnahme. Es gäbe keine unmittelbare Bedrohung. Ich habe nach Fukushima mal einen Physiker sagen hören: "Wenn jemand im Zusammenhang mit einem Atomkraftwerk sagt, es bestünde keine Gefahr… lauf'!"

Habe ich erwähnt, dass es ein Stück flussabwärts noch das Cooper Kernkraftwerk gibt? Sie wollen es erst ab 902 Fuß hoch Wasser drumherum abschalten… könnte bald passieren, man ist inzwischen bei 900 Fuß. Man könnte zynisch werden. Rachel Maddow wurde es. Sie faßte die aktuelle nukleare Situation weltweit zusammen… tadellos sarkastisch, tadellos faktisch korrekt. Ansehenswert.

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