On Stage

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Es dauerte eine Weile Berufsleben bis ich meinen ersten Monolog spielen durfte. Nicht einen Monolog in einem Stück, nein, ein Stück als Monolog, ganz für mich alleine. Es hieß "Die chinesische Nachtigall" und war für Kinder von 4 - 99 Jahren gedacht. Ich spielte vier Menschen und diverse Tiere - eine Herumtoberei riesigen Ausmaßes und ich habe es geliebt.
Wir spielten das Stück im Theater, aber wir fuhren damit auch in Schulen und Kindergärten. Mobiles Theater bedeutet nicht, daß Schauspieler beim Auf- und Abbau des Bühnenbildes helfen müssen... es bedeutet aber auch nicht, daß sie es lassen müssen - und ich mache das gerne.
In einem Kindergarten war ich also gerade damit beschäftigt das Bühnentuch faltenfrei zu kriegen und Bäumchen aufzustellen, als ich bemerkte, daß ein kleiner Junge in der Tür stand und mir, wohl schon eine Weile lang, zusah.
Als er bemerkte, daß ich ihn bemerkte fragte er, was ich da mache. Ich antwortete, das könne ich ihm noch nicht sagen, denn dann sei die Überraschung weg. Er blickte nachdenklich, dann wandte er sich um und verschwand.
Minuten später stand er wieder in der Tür, mit immer noch der gleichen Frage... "Was machst du da?". Ich sagte, ich könne es ihm immer noch nicht sagen - wegen der Überraschung. Er verzog wieder bedenklich bedenkend das Gesicht und ging.
Minuten später, Ihr ahnt es, stand er wieder in der Tür... dieses Mal allerdings mit dem kaum zu verbergenden Trumpf des Wissenden auf seinem Gesicht... er hatte offensichtlich Erkundigungen eingezogen.
Und er lächelte sehr zufrieden als er verkündete:
"Ich weiß jetzt, wer du bist! Du bist der Theater!"
Seitdem weiß ich, wie meine Biografie unbedingt heißen muß, sollte ich jemals eine schreiben - "Du bist der Theater!".

Die Bühne erzählt Geschichten - immer auf ihr... aber manchmal auch neben ihr.

Ein paar von meinen findet Ihr hier...

Als ich Disney's Kurzfilm "Ferdinand der Stier" zum ersten Mal sah war ich acht Jahre alt. Ich mußte ein bißchen erwachsener werden bis ich ihn schließlich selbst spielen durfte.
Ein bißchen... nicht viel...

(Foto: © Tine Edel für das Theater St.Gallen)

Vor der Vorstellung, aber bereits im gestrengen spanischen Hofzeremoniell - "Don Carlos".

"Die Nibelungen" - bisher das einzige Stück für das ich isländischen Text gelernt habe. Denn "Brunhild" ist eine kriegerische, temperamentvolle Isländerin. Und ich dachte mir, wenn man vor Wut außer sich ist... und das ist sie im Stück einige Male... dann neigt man ja dazu in seine Muttersprache zu verfallen.
Also machte ich meinem Regisseur den Vorschlag, er nahm ihn begeistert auf... und ich hatte mir einiges an Extrabeschäftigung eingehandelt. Denn die Sprache ist nicht ohne - aber man kann grandios darin fluchen.

Ég elska Ísland!

"I became insane, with long intervals of horrible sanity." - Edgar Allan Poe
Als eben jener beim Poetry Slam "Dead or Alive".

Stahlhartes Gemüt, stahlharter Rosengarten - "Gräfin Helena" vor eben jenem... im "Käthchen von Heilbronn".

Am "Tag der offenen Tür" suche ich mir gerne im Fundus ein "Ganzkörperkostüm" zusammen und ziehe, so angezogen, durch das geöffnete Theater um kleine Kinder zu bespaßen - und verblüffend oft auch die großen.
In Dessau war es die "Bremer Stadtmusikanten"-Katze, in St.Gallen wurde es ein kurioser "Froschdrache" - in Regensburg war es ein riesiger Bär.
Ich spreche dabei die ganze Zeit niemals ein Wort... und es hat auch noch nie eins gebraucht.

"Poseidon" in der Maske - eigentlich war der Plan gewesen mir einige symbolische Schuppen auf die Wange zu kleben. Nach einem ersten Test gefiel mir die Idee so gut, daß ich gerne mehr wollte. Die Regisseurin war einverstanden, der Maskenchef ganz meiner Meinung - er wandte aber ein, daß das die Maskenzeiten sprengen würde.
Also schlossen wir einen Deal... ich nahm die erste Maskenzeit und verbrachte anschließend 20 Minuten damit meine Gesichtshälfte selbst zu verschuppen. Das Ergebnis war es wert und ein apartes Spielgefühl war es auch - denn je nach Mimik bewegten sich die einzeln verklebten Schuppen mit und stellten sich, je nach Gesichtsausdruck, sogar auf.

In "Frühling der Barbaren" war es meine Aufgabe ein inhaltlich höchst verschachteltes englisches Gedicht vorzutragen. Mein Schauspieldirektor und Regisseur Tim Kramer fragte, ob ich die Performance nicht mit einigen Gitarrenakkorden untermalen wolle.
Irgendwie uferte die Idee dann aus und ich komponierte für den Gedichttext den überdramatischsten Countrysong ever. Zur letzten Vorstellung überreichte ich ihn den Produktionsbeteiligten als CD - meistens mit den Worten "Nur falls ihr dachtet, ihr seid dem Song jetzt entkommen.".
Das ist das Cover, das ich dafür gebastelt hatte...

"Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich." - hat Strindberg über sein Stück "Traumspiel" gesagt.
Eine Verkäuferin in einem Bremer Supermarkt hat wahrscheinlich etwas ähnliches gedacht, als ich Seidenstrümpfe nachkaufen wollte, die ich als "Quarantänemeister" über den Kopf gestülpt trug und während den Proben dazu im Rekordtempo verschlissen hatte.
Ich fragte sie nach der größten Größe, die sie auf Lager hätten. Sie musterte mich und bemerkte charmant "Aber Sie brauchen doch höchstens eine 42.". Und ich antwortete "Nein, nein, ich will die Strümpfe über dem Kopf tragen.".
An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich dann ablesen, daß ich das lieber genauer erklären sollte... was ich umgehend getan und sie sehr damit amüsiert habe.
Schauspielern ist manchmal wirklich nicht bewußt wie befremdlich ihr Alltagsgeschäft wirken kann. Zumindest mir scheint es gelegentlich zu entfallen.

(Mit Maria Albu / Foto: Dariush Safa)

Schnappschuß eines Kollegen auf der Seitenbühne bei den Proben zu "König Ubu" - als "Mutter Ubu".
Dieses Bild habe ich kommentarlos an meinen Bruder geschickt. Seine Antwort kam prompt und fiel einsätzig aus: "Wer ist das?".
Ich liebe Rollen, bei denen sich Maskenbildner/innen austoben dürfen... und ich auch.

Heidi's Alptraum in der Maske.
Ich hatte das große Vergnügen "Fräulein Rottenmeier" gleich zweimal spielen zu dürfen - in den beiden aufeinanderfolgenden Weihnachtsproduktionen "Heidi" und "Heidi und Klara".
Danach hatte ich aber bei weitem noch nicht genug von dieser Rolle und schrieb ihr zwei weitere szenische Wiederauferstehungen für die abendliche Unterhaltungsreihe "Nachtzug" am Theater St.Gallen... in denen  Rottenmeier  auf Themen wie Astrophysik, Fragwürdigkeiten der Sprache, Computer und Sport prallte.

"Nekropolis" - mein erstes LiveHörSpiel. Das Bild entstand nach der zweiten Vorstellung in der Garderobe und liefert drei unübersehbare Beweise:
Erstens: man kann auf der Bühne unfasslich viel Spaß am Menschheitsuntergang haben. Zweitens: man kann auch bei einem „Hörspiel“ ziemlich dreckig werden – denn vor der Vorstellung war das Kostüm sauber… und die Darstellerin auch. Drittens: ein blaues Auge kann auch gut aussehen.

In der "Chinesischen Nachtigall" spielte ich die Erzählerin und den Haushofmeister und den Kaiser und den Koch und die Küchenmagd und diverse Tiere... nun, irgendwie alle eben... nur die chinesische Nachtigall nicht.

Die mußten die Kinder selber sehen, wenn sie auf meinem Finger sitzt.