Vor zwei Tagen hatte er Premiere – der Froschkönig. Das Stück, das im Schloss spielt und nun auch stilecht bei den Heidelberger Schlossfestspielen zu sehen ist.

Eins sei vorneweg gesagt: es hat riesigen Spaß gemacht. Aber es ist Sport – und nicht zu wenig davon. Kindertheater ist physisch meist fordernd… weil schnell und actionreich. Wir bilden da keine Ausnahme. Es geht zur Sache. Und genau so muss das auch sein.

Das Schloss im Schloss besteht aus Stegen, Plattformen, einem fahrbaren Prinzessinnenbett, einer ebenso mobilen Waschküche und natürlich dem obligatorischen Brunnen, in dem die goldene Kugel der Prinzessin verschütt geht – weswegen sie einen ungewöhnlichen Liebhabenpakt mit einem glitschigen Frosch eingehen muss.

Das Konzept sieht vor, dass alle Figuren sich nur in diesem Arragement bewegen… gefangen in der königlichen Maschinerie, gefangen auch in den Anforderungen, Träumen, Pflichten, Wünschen und Sehnsüchten, die sie mit sich tragen.

Erst zum Schluss, wenn das Chaos seine Happy Ends gefunden und alle Verwirrungen beseitigt sind, gewinnen die Figuren ihre Freiheit – und die Fähigkeit ihre angestammten Wege und Stege zu verlassen und neue zu suchen.

Das Konzept bedeutet aber auch, dass wir alle da sind… von Anfang bis zum Schluss. Wer nicht gerade in den Spielszenen ist hat trotzdem im Hintergrund zu tun… und in den Übergängen mechanisieren wir uns komplett durch wie kleine aufgezogene Figuren einer komplexen Spieluhr.

Annette Wolf hat Bühnenbild und Kostüme liebevoll in den Englischen Bau des Heidelberger Schlosses eingepasst. Klassisch, kindgerecht, modern und detailreich erschließen sich die Räume und Figuren auf den ersten Blick …und haben stets etwas persönliches oder noch einen zusätzlichen besonderen Kniff zu bieten. Der weinende Brunnen, der goldene Esslöffel am Zepter, die Warzenkolonie auf der Froschhaut, meine Multifunktions-Schürze, Heinrichs eiserne Bändern… es wimmelt vor schmunzeliger Details, die man beobachten und an denen man sich freuen kann.

Natascha Kalmbachs Konzept und Regie geht auf… wir spielen in der Frosch-Maschinerie “like a fine-tuned machine”. Ja, ich weiß, das hat Donald Trump auch von seinem Weissen Haus behauptet… allerdings – bei uns stimmt’s wirklich.

Die Textfassung von Thomas Freyer ist eine Uraufführung und ein Glücksgriff. Sie passt in alle Kinderohren ohne kindisch zu klingen und beschreibt die so bekannten Figuren mit einem frischen zeitgemäßen Blick.

Der Englische Bau ist eine rechteckige Ruine, nach oben offen, an drei Seiten durch Fensterfronten ohne Fenster darin begrenzt und schließt an der vierten Seite mit dem Dicken Turm ab. Morgens liegt die über 20 Meter breite Zuschauerraumseite im Schatten… nicht aber die Bühne.

Wir sind, schon in der Probenzeit, umfangreich mit Sonne verwöhnt worden. Seit letztem Wochenende aber meint sie es etwas zu gut mit uns. Wir haben eine Hitzwelle, bereits bei Vorstellungsbeginn so gut wie restlos keinen Schatten mehr auf der Bühne, mehrlagige Kostüme, Bisonhaarperrücken und der Frosch gart in einem gut gepolsterten Watton. Und, nur zur Erinnerung, für rund 95 Minuten Einlass und Vorstellung verlässt niemand von uns die Bühne. Und, nur zur Erinnerung, es ist Sport… springen, rennen, toben, Kollegin tragen, hüpfen, über Tische und Stühle klettern… alles mit Tempo natürlich… es kommt so einiges an Körperarbeit zusammen.

Inzwischen haben wir darstellerisch konforme Maßnahmen ergriffen um gegen die Hitze zu bestehen.

Sobald ich morgens in unser Masken-, Umkleide-, Technik- Requisitenzelt komme platziere ich sinnvolle Mengen Wasser im dortigen Kühlschrank. Es hilft nach der Vorstellung die Kerntemperatur zu senken. Ein nasser Waschlappen im Plastikbeutel landet gleich daneben und nach dem Abschminken erstmal eine Weile auf Stirn und Nacken.

Meiner Utensilienschürze habe ich ein Stofftaschentuch extra angehängt. Gegen Schweiß, der von meiner Nase tropft, habe ich nichts… aber er läuft auch in die Augen und verträgt sich exorbitant schlecht mit meinen Kontaktlinsen. Da die fleissige Gunhilde ohnehin ständig arbeitet und werkelt finde ich es aber charakterkonform, wenn sie sich ab und an mal das Gesicht abtupft. Abseits der Spielszenen verwende ich dafür eine mechanische Gestenfolge, damit es mit dem Konzept harmoniert.

Inzwischen nutze ich das Taschentuch auch dazu den Metallgriff des Aluminiumkochtopfdeckels zu greifen, den ich wie einen Ritterschild verwende, wenn ich Putzbürstenschwingend zum Schutz des Königs eile. Der Deckel hat dann nämlich schon eine Weile in der Sonne Hitze aufgesammelt – und war zur Premiere so überraschend heiss geworden, dass ich mich ein wenig konzentrieren musste ihn tatsächlich festzuhalten.

Inzwischen haben wir Wasserflaschen an vier strategischen Stellen des Bühnenbildes platziert und jeder kann sie in seine Hintergrundbeschäftigung einbauen, wenn er dort in die Nähe kommt. Auch dafür habe ich eine Mechanik entwickelt… Schluck, Schluck, Schluck, Flasche absetzen, Schluck, Schluck, Schluck… zu wiederholen so oft es geht.

An bisher zwei Stellen habe ich die Zusatzbetankung untergebracht… ich liebäugle mit einer dritten.

Vielleicht komme ich so auf ungefähr den Liter, den ich vermutlich auch in meinem Kostüm lasse.

Man darf es also ohne Übertreibung sagen: der Froschkönig in Heidelberg ist eine heisse Sache. Vorallem aber ist er ein Spaß. Auf beiden Seiten, Bühne und Zuschauerraum.

Und die Kinder machen genau so viel Spaß wie wir wohl ihnen. Nicht nur während der Vorstellung.

Wir stehen ja auf der Bühne wenn sie hereinkommen und zu ihren Plätzen geleitet werden. Und schon dabei kommentieren sie frei drauf los. Ein Junge marschierte auf dem Weg zu seinem Sitzplatz die Bühne entlang als wäre er Flugkapitän und müsse vor dem Start die Checkliste abhaken. Er deutete auf den König und rief laut laut “König!”. Er sah auf den Brunnen und vermeldete “Brunnen!”. Er erspähte die goldene Kugel auf dem Bühnenrand und stellte richtig fest “Kugel!”. Sein Blick wanderte zur Prinzessin und auch sie wurde laut ausgerufen – “Prinzessin!”.

Dann sah er mich… und ich konnte ihn denken sehen… denn ich komme im Originalmärchen nicht vor und jetzt war er erkennbar in Schwierigkeiten.

Er fing sich aber recht schnell, deutete auf mich und verkündete im Brustton der Überzeugung: “Putzfrau!”.

Zum Glück darf ich die Kinder anlächeln… denn ein maskenhaft ernstes Freeze wäre in dem Augenblick sehr schwierig gewesen.

Heute bezauberte mich ein kleines Mädchen. Sie nahm in der dritten Reihe Platz und musterte uns auf der Bühne alle sehr eingehend und aufmerksam. Schließlich beugte sie sich zu der Klassenkameradin neben ihr und erklärte deutlich hörbar, sehr bestimmt, sehr ernsthaft, aber auch wie zur Beruhigung: “Das sind alles Menschen …in Kostümen!”.

Erwischt! Wohl wahr. Man nennt sie Schauspieler.

Mehr Bilder, mehr über das Stück und seine Menschen, sowie alle Vorstellungsdaten – HIER.

(Figurinen – © Annette Wolf / Fotos der Aufführung – © Annemone Taake für das Theater und Orchester Heidelberg)