Cannes doch nicht wahr sein

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Lars von Trier ist zurück… er kann wieder nach Cannes. Wie schön.

2011 wegen Verständnisbekundungen für Adolf Hitler und abstrus verwirrter Selbstdeklaration als “Nazi” zur „persona non grata“ erklärt und von der Croisette verbannt, darf er nunmehr dieses Jahr seine Serienmördergeschichte “The House that Jack Built” ausser Konkurrenz präsentieren.

Genießen wir doch noch einmal die wahrscheinlich krudeste Pressekonferenz, die das Festival je zu verzeichnen hatte.

Und genießen wir dabei besonders die Körpersprache und Mimik von Kirsten Dunst, die neben dem zusammenhanglos faselnden dänischen Regisseur – wie wahrscheinlich alle ihre Kolleginnen und Kollegen – gerne in jedem Graben versunken wäre… hätte sich gnädig einer aufgetan.

Also darf er wieder nach Cannes, darf sich wieder erläutern, seine Fingerknöchel wieder mit “FUCK” bemalen und sich überlegen, ob er sein T-Shirt mit dem Aufdruck der Goldenen Palme und dem Schriftzug „persona non grata“, mit dem er über die Berlinale stolzierte, für das Festival nochmal hervorkramt.

Serienmörder also, nun gut. Der Film ist hochkarätig besetzt, wie üblich. Wahrscheinlich werden seine Bilder zudem tadellos durchoptimiert sein. Auch üblich. Lars von Trier Filme pflegen die stilistisch entführende Bildkomposition von Diorwerbespots schließlich über Spielfilmlänge durchzuhalten.

Selbstverständlich gesellschaftskritisch gehaltvoller.

Wird es wieder durchmechanisierten, emotionslos zersplitterten Sex geben? Werden sich wieder erklägliche Mengen Blut fotogen über nackte weibliche Haut ergießen? Wird die Gefühllosigkeit unserer Gesellschaft sich wieder in Traumsequenzen zur fotografischen Schönheit erheben? Und die Vereinsamung dekonstruierter Charaktere begründen welche Qualen sie auf der Suche nach irgendwas über sich und andere bringen? Wird ein Fegefeuer wieder Lösung sein?

Falls es noch nicht aufgefallen ist… ich bin kein Fan.

Das liegt nicht an seiner Bildsprache. Das liegt ausdrücklich nicht an der Leistung seiner Darsteller. Und das liegt ganz sicher nicht daran, dass ich zartbesaitet bin.

Zum Vergleich… ich bete die Arbeit von David Lynch an. Er ist mein Gott der Bilder. Ich verehre seine visuelle Sprache. Aber sie ist stets das Transportmittel einer sich verwandelnden Geschichte. Sie umschließt Brutalität und Güte, Schock und Humor, sie kann zart und kalt sein, sie bildet Figuren in unvorhersehbaren Facetten ab und führt sie durch Entwicklungen in denen Tragik und Schonungslosigkeit dadurch enstehen, dass sie eine Wahl hätten – und sie nicht nutzen.
Ich lache und schmunzle in David Lynch Filmen… oft und viel. Bis er dafür sorgt, dass jedes Lächeln erfriert.

Seine Menschen bleiben gefährlich unberechenbar und man traut ihnen alles zu… im guten wie schlechten.

Lars von Trier Filme sind wie eine optisch aufgelöste Psychotherapie, die absehbar schieflaufen wird. Es gibt keine Hoffnung, höchstens Flucht vor dem unabwendbaren. Und die zu klärende Frage im Film ist eigentlich nur: “Wie und wie sehr geht’s schief?”. Denn die Welt ist ein qualvolles Jammertal, das vorgeführt, aufgeführt wird.

Absehbarer zelebrierter Schmerz, kunstvoll eingepackt.

Geplante Schockeffekte, die man nicht ewig steigern kann und bei denen ich mich vor allem vor den Spezialeffekten der Maske verneige – aber das tue ich bei “The Walking Dead” auch.

Was soll’s – holt die rostige Schere ‘raus, es muss doch noch was abzusäbeln geben… über das jene cineastische Feinschmecker anschließend kontrovers diskutieren können, die sonst bei der kleinsten Blutlache Zeter und Mordio schreien.

Er langweilt mich, kunstvoll und absichtsvoll provokant. Und Cannes kann nicht genug kriegen davon.

Dabei müsste man sich nur mal in seiner Verwandschaft umschauen.

Im September 2017 feierte Joachim Triers Film “Thelma” eine vom Mainstream-Kino zu Unrecht relativ unbeachtete Premiere.

Die norwegische Produktion ist unfassbar gut besetzt, besticht mit soghaften Bildern und entwickelt ganz langsam, sanft, fast liebevoll ein zwischenmenschliches Grauen in dem alle schuldig sind – und niemand. Die kalte, ruhige und nüchterne Beiläufigkeit, das nachdrückliche Spiel aller und die übergeordnete Schönheit der Bilder gestalten einen Kopf und Gedanken zwingenden Film – der in Cannes ohne weiteres verdient hätte gezeigt werden können.

Wenn man einen Trier will, dann hätte man auch diese Wahl treffen können.

Aber Cannes möchte Lars von Trier. Denn der Schmerz ist ein dunkler Wald und das Filmfestival vermisst seinen Förster.

Wenn Himmelspaläste abstürzen

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Regelmäßige Leser*innen meines Blogs wissen, dass ich einigen nerdigen Hobbys fröne. Als besonders intensiv zu benennen wäre Astronomie und Raumfahrt. Und normalerweise bin ich es, die sehr gerne jede sich bietende Gelegenheit nutzt um Menschen auf den Zauber der Sterne aufmerksam zu machen und alle technologischen Wege, die wir gefunden haben unser Universum besser zu verstehen und zu erkunden.

Augenblicklich ist das anders. Augenblicklich werde ich gefragt.

Das ist selten und liegt an einem Himmelspalast, der über die Osterfeiertage den Himmel entgültig verlassen wird.

Die erste chinesische Raumstation “Tiangong 1” (übersetzt “Himmelspalast 1”) wurde 2011 als erstes von drei geplanten Raumlaboren gestartet und diente der chinesischen Raumfahrtagentur CNSA vorallem als Erfahrungsgewinn. An ihr wurden Kopplungsmannöver mit den Shenzhou -Raumschiffen (übersetzt “Götterschiffe”) erprobt und Langzeitaufenthalte von Taikonauten (internationale Ableitung von „taikong ren“ (Raumfahrer), welche sich widerum ableitet von „Taikong“, was so viel wie großer Himmel/Leere bedeutet).

“Tiangong 2” wurde 2016 erfolgreich gestartet.

Sechs Monate zuvor war der Funkkontakt zum ersten Himmelspalast abgebrochen – und das ist jetzt das Problem.

Um eine Raumstation kontrolliert zu entsorgen muss man ihren Wiedereintritt in die Atmosphäre auswählen und sie dafür zu einem genau berechneten Zeitpunkt abbremsen. Der Geschwindigkeitsverlust senkt die Station in die Atmosphäre der Erde. Dabei entsteht ein gerütteltes Maß an Hitze, die wie eine Art luftige Müllverbrennung funktioniert, die Raumstation erst gründlich zerlegt und dann verglüht. Übrig bleiben Bauteile aus Materialien, die besonders hitzeresistent sind und Temperaturen um die 1800 Grad Celsius überstehen können.

Bei der russischen Raumstation “Mir” (russisch “Frieden” oder “Welt”) waren das rund 40 Tonnen, die in Pazifischen Ozean versanken.

Ohne Funkkontakt allerdings gibt es kein Bremsmannöver und die Schwerkraft wird zum Kontrollzentrum. Das bedeutet, man kann keine Wasserfläche auswählen und eine Vorwarnung herausgeben.

Unwissenschaftlich gesagt – “Das Ding kommt einfach ‘runter.”

Das klingt drastisch. Und gefährlich. Und ist wahrscheinlich der Grund, warum ich gerade öfter nach Raumfahrt gefragt werde als üblich.

Beleuchten wir also die Fakten.

“Tiangong 1” ist unbestreitbar eine Errungenschaft, aber die Raumstation ist auch ein Winzling. Ihre Größe entspricht in etwa einem amerikanischen Schulbus. Beim Start wurde ihr Gewicht mit gerade mal 8,4 Tonnen angegeben. Zum Vergleich – die “Mir” brachte es auf stolze 120 Tonnen Masse, die ISS wiegt satte 450 Tonnen.

Rund 1,5-3,5 Tonnen chinesischer Trümmerteile könnten die Erde erreichen, verstreut in einer Schleppe über einem Gebiet von 1000 bis 1200 km Länge.

Das klingt immer noch viel. Es klingt weniger, wenn man weiß, dass jedes Jahr ohnehin 70 bis 80 Tonnen Raumfahrtschrott vom Himmel fallen.

Und wer Raumfahrt jetzt erst recht unverantwortlich gefährlich findet, der muss bedenken, dass groben Schätzungen zufolge pro Jahr allein etwa 50.000 Tonnen Material von Meteoriten auf die Erde niedergehen. Ab etwa der Größe einer Kirsche überstehen sie die Atmosphäre und schlagen mit dynamischen 20 000 Kilometern pro Stunde ein – was einem Gewehrschuss aus dem All gleichkommt.

Auf einer Fläche von Schleswig-Holstein passiert das vermutlich einmal pro Tag. Trotzdem wurde niemals eine universelle Helmpflicht für Erdbewohner eingeführt. Und niemand sorgt sich wirklich vor die Haustür zu gehen.

Die Presse schreibt von “kühlschrankgroßen Teilen”, die den Erdboden erreichen könnten. Und jeder mit ein wenig Cartoonfantasie hat sofort das Bild des herabfallenden Amboss und einige Befürchtungen. Man möchte nicht mit glühend heissen kühlschrankgroßen Teilen beworfen werden, so viel ist sicher.

Und deswegen sollte man Journalisten für solche Formulierungen einen nicht allzu freundlichen Monolog halten.

Denn der Grund dafür, warum die Trümmermenge so vage angegeben wird ist schlicht der, dass niemand sagen kann was mit der Raumstation beim Wiedereintritt passiert… es ist eine vollkommen ungeprobte Premiere.

Niemand weiß wie hoch die Geschwindigkeit der Eigenrotation wird oder wann Tiangong in wie viele Teile zerbricht – und davon wird wesentlich mitbestimmt werden wie viel Raumstation die Erde wiedersieht.

Und ganz sicher kann niemand sagen welche Größe die kritischen, weil hitzeresistenteren, Bauteile nach ihrem Wiedereintritt haben.

Wen betrifft das mit dem getroffen werden überhaupt?

Die Absturzone erstreckt sich 43 Grad nördlich und 43 Grad südlich des Äquators und viel genauer wird es bis kurz vor dem Absturz auch nicht werden. Erst am Absturztag selbst wird eine Vorhersage des Zeitpunktes im Genauigkeitsbereich von einigen Stunden möglich werden.

Die Wahrscheinlichkeit ist in den Randregionen der Zone erhöht, da die Station sich gemäß ihres Bahnverlaufes länger über diesen Gebieten befindet.

Von welchen Wahrscheinlichkeiten sprechen wir?

In der anzunehmenden Absturzzone befinden sich Ballungszentren, wahr. Vor allem aber viel Wasser, Wüsten und dünn besiedelte Regionen. Die Wahrscheinlichkeit von einem Trümmerteil getroffen zu werden ist etwa so groß wie von einem Blitz getroffen zu werden – zweimal… innerhalb eines Jahres.

Unnötig zu sagen wie viel größer die Gefährdung durch jede bedenkenlos angetretene Autofahrt ist.

Wer “Tiangong 1” trotzdem ein wenig genauer im Auge behalten möchte, dem sei diese Website empfohlen. Sie trackt die Station in Echtzeit und liefert zudem die aktuellen Daten über Geschwindigkeit und Höhe der letzten Tage des Himmelspalastes an seinem ihm namentlich zugedachten Platz.

UPDATE:
Zu den Einflüssen auf die Sinkrate der Station gehört auch das Weltraumwetter. Gemeint sind Fluktuationen des Sonnenwindes, die Auswirkungen auf das Magnetfeld der Erde und die Dichte unserer Atmosphäre nehmen können. Vorhergesagt war eine erhöhte Sonnenaktivität und deshalb größere Atmosphärendichte. Das ist nicht eingetroffen. Deswegen wird die Station nun weniger stark abgebremst als erwartet und unseren Planeten länger umkreisen dürfen.
Damit verschiebt sich der Absturz grob von „tagsüber Sonntag“ auf „Sonntag Nacht bis Montag“.

Sonntag ist der 1. April. Das ist trotzdem kein Scherz. That’s science… und ein comichaftes timing.

 

Credits Bild: ESA – CC BY-SA IGO 3.0

And the OSCAR goes to… ???

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Die OSCAR-Nominierungen sind draußen. Leichte Verwunderung. Sind das wirklich die Nominierungen für den OSCAR, also… den Acadamy Award… Hollywood???

Nicht Toronto? Nicht Venedig?

Die Nominierungen für die Veranstaltung bei der letztes Jahr die Geschichte um einen weißen Jazzpianisten, der den Jazz revolutionieren will, mittelmäßig tanzend und singend bei sechs goldenen Jungs lalalandete… sieben… für kurze Zeit. Die Veranstaltung???

Die Nominierungen sind dieses Jahr… vielfältig.

Erstaunlich viele Liebesgeschichten. Ungewöhnliche Liebesgeschichten zwischen Männern, zwischen Mensch und Fischkreatur, Transgender.

Let’s take a look…

“The Shape of Water” – nominiert in 13 Kategorien… ein hinreißend zart-nüchtern schwelgender Horrorliebesfilm, fantastisch und großartig besetzt. Ansehen, unbedingt ansehen. Man kann sich in diesen Liebesfilm regelrecht verlieben. Mir ging es so.
Und… for heaven sake… gebt Octavia Spencer endlich ihren zweiten OSCAR – sie hatte ihn schon letztes Jahr für “Hidden Figures” verdient.

“Three Billboards Outside Ebbing, Missouri “ – wütend, komisch, schuldig, unschuldig, fragwürdig, ungerecht, gerecht… zu recht bereits mit Preisen überschüttet und für sieben OSCARS nominiert. Einer davon wird fraglos an Frances McDormand gehen.

Christopher Plummer ist nominiert für “Alles Geld der Welt”. Eigentlich hatte Kevin Spacey seine Rolle und musste dafür fünf Stunden in der Maske älter geschminkt werden. Nach Missbrauchsvorwürfen wurde mit Plummer nachgedreht und er ist fantastisch. Liebe Industrie, lernt daraus… besetzt Menschen im tatsächlichen Rollenalter statt Jüngere in die Maske zu schicken, es lohnt sich.
Aber urteilt selbst… hier der Vergleich:

Zwingend in die Maske musste Gary Oldman… denn er sieht nicht aus wie Winston Churchill, aber er ist Winston Churchill. “Die dunkelste Stunde” ist sechsmal nominiert… darunter Gary Oldman und das Make-up-Team. Die beiden OSCARS sollten es minimal auch sein.

Meryl Streep bricht mit ihrer 21 zigsten OSCAR-Nominierung ihren eigenen Rekord… wer sollte es denn auch sonst tun? Die geschätzte, aber laut Trump “überschätzteste Schauspielerin” aller Zeiten als “Die Verlegerin”. Gefallen wird der Film Trump aber ohnehin nicht, egal ob mit oder ohne Streep… es geht um den Wagemut von Journalismus.

Würde sie gewinnen wäre es ihr vierter OSCAR und sie würde mit Katherine Hepburn gleichziehen. Sie wird nicht gewinnen – wegen Frances McDormand. Aber sie kann das verschmerzen. Es gibt nur zwei Frauen mit drei OSCARS… sie und Ingrid Bergman.

Zum ersten Mal ist mit Rachel Morrison für “Mudbound” eine Kamerafrau nominiert – zum ersten Mal seit 90 jahren.
Der bildgewaltige Film, der Weite einfängt und doch regelrecht im Bild an seinen Menschen klebt, hätte diese Auszeichnung verdient.

Greta Gerwig ist in der Kategorie “Beste Regie” nominiert – als fünfte Frau in 90 Jahren. Diese Bilanz ist beachtenswert.

Der erste Film unter weiblicher Regie wurde 1886 von Alice Guy-Blaché gedreht. Erst 1975 nominierte die Acadamy zum ersten Mal eine Regisseurin – Lina Wertmüller. 2010 erhielt Kathryn Bigelow als erste und bis hierhin einzige Frau einen OSCAR für die beste Regie. Selbst die Unterrepräsentation von Regisseurinnen in Hollywood bedenkend ist das eine erstaunliche Statistik.

Greta Gerwigs Film “Lady Bird” ist eine berührende, trotzige, komische, wunderbare Geschichte über das erwachsen werden und Elternsein und Liebe und viel Chaos, das einfach dafür sein muss. Der Film ist fünfmal nominiert, darunter nocheinmal Greta Gerwig für das Original Drehbuch, die großartige Laurie Metcalf und die verdammt begabte Saoirse Ronan – die leider nicht gewinnen wird… weil… sagte ich schon? …Frances McDormand.

“Call me by your name” – dreimal nominiert… eine tieftraurige und trotzdem seltsam unbeschwerte, nicht zu Ende gelebte Liebesgeschichte zwischen zwei Männern im Norditalien der 80iger Jahre. “Later!” sagen sich die beiden oft, manchmal im Ernst, manchmal aus Spaß. Aber nicht jede Liebe hat ein “Bis später!”. Manchmal hat sie eine Zeit und nur eine.

Ich weiß nicht, wie gut ich mit meinen OSCAR-Prognosen hier bin… aber eins kann ich praktisch garantieren: es wird, es MUSS eine mitreißende, grandiose, wütende, amerikanisch-pathetische, fantastische Musikperformance geben… denn “This is me” ist für “The Greatest Showman” als bester Filmsong nominiert.
Keala Joan Settle wird ihn singen und sie wird umwerfend sein. Sie wird das Publikum von den Sitzen fegen, es wird standing orvations geben und… da bin ich Frances McDormand-like sicher… einen OSCAR.
In diesem Video singt sie den Song das erste Mal für die Crew… schaut selbst, warum ich all das glaube…

 

In deutscher Sache… “Aus dem Nichts” hat es nicht unter die Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film geschafft. Als der Film auf die Shortlist für den OSCAR gesetzt wurde war wieder zu hören, was gerade Deutsche oft über “ihre” Oscarkandidaten sagen:
“Ja, die Deutschen müssen halt Nazifilme drehen um Oscarchancen zu haben.”.
Dazu mal zwei Gedanken.
Erstens… nein, müssen wir nicht. Aber es ist ja auch nicht unbedingt gerade so, dass die deutsche Filmindustrie sich schräg-smarten, schrill und schreiend komischen Kulturkommödien verschreibt wie beispielsweise der schwedischen Nominierung “The Square” (übrigens eine absolute Empfehlung, ich habe mich köstlich amüsiert).

Zweitens… natürlich basieren Teile der Geschichte auf den von der neonazistischen Terrorvereinigung NSU begangenen Anschlägen. Aber es geht um mehr. Es geht auch um ein rassistisches Versagen der deutschen Ermittlungsbehörden. Und nicht zuletzt darum wie Hinterbliebene und Opfer von Anschlägen weiterleben, weiterexistieren können… müssen, während das öffentliche Interesse neuen Schlagzeilen weicht und das Leben für alle weitergeht… während ihres zertrümmert bleibt.

Der Film verdient seine Entstehung, die Aufmerksamkeit und seine Preise.

Ganz ohne deutsche Beteiligung finden die OSCARS trotzdem keineswegs statt. Etwas unter dem Radar fliegen immer die Nominierungen für die Kurzfilme. Und dieses Jahr findet sich dort der deutsch-kenianische Film “Watu Wote – All of us”… für den Katja Benrath und Tobias Rosen nominiert sind.

Ein kurzer Film… darüber, dass Menschen grauenvoll sind – und großartig.

Der Film ist ein Jahr nach Trumps Amtseinführung und dem Muslimban genau zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Botschaft nominiert.

Meine letzte Prognose lautet daher… es wird einen deutschen OSCAR geben. Nicht den, an den alle dachten – aber es wird ihn geben.

Oder… zwei??? Gleich zwei???
Vielleicht… denn bei „Bester animierter Kurzfilm“ findet sich „Revolting Rhymes“ und dafür nominiert sind Jakob Schuh und Jan Lachauer. Und sie erzählen uns Märchen. Die wir glaubten zu kennen… aber… nein, es war eigentlich alles ganz anders.
Vielleicht ein OSCAR… ich vergebe auf jeden Fall schon einmal das Prädikat hinreißend und bezaubernd…

Jakob: «Ja zur Kultur in der Ostschweiz, bitte!»

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Als ich 2012 zum vorsprechen nach St.Gallen fuhr betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben schweizer Boden. Ich wusste, außerhalb der gängigen Klischees, sehr wenig über das Land und noch weniger über St.Gallen. Als ich engagiert wurde holte ich beides vehement nach. Ich bin gewöhnt neue Städte zu entdecken, aber dieses Mal war es ein ganzes Land und meine Neugier schier grenzenlos.

Land, Stadt, Theater… ich wollte alles wissen. Über letzteres hat mich vor allem eine Tatsache sehr berührt. Das Theater St.Gallen gilt als das älteste bespielte Berufstheater der Schweiz. Man sollte das in Zürich erwarten, in Bern, Basel, in Genf, Lausanne… nein, es ist St.Gallen.

Und das fand ich wunderbar. Immer.

Das erste Laientheater entstand in St.Gallen bereits im Mittelalter, um das Jahr 900 herum. Aber 1801 entstand das Theater St.Gallen offiziell – und blieb. Es wanderte und hatte verschiedene Standorte. 1968 bekam es seine derzeitige Heimat… eine Betonarchitektur, die, zugegeben, nicht jedermanns Geschmack trifft. Ich mochte sie immer. Besonders seit ich wusste, dass dieses Gebäude einen Kniff verfolgt… es vermeidet rechte Winkel und gibt einem an vielen Stellen das Gefühl in einem M.C.Escher-Bild herumzulaufen.

Aber es ist in die Jahre gekommen und bedarf baulicher Verbesserungen… besonders für die Gewerke. Das ist vollkommen fraglos.

Die anstehende Renovierung wird Zeit brauchen und Geld kosten.

Wenn Kultur Geld braucht, besonders wenn sie Extrageld braucht, dann finden sich immer Menschen, oft Politiker, die die Chance ergreifen sie in Frage zu stellen. Ganz grundsätzlich. Lohnt sich das eigentlich? Ist das Kunst oder kann das weg? Oder ist das Kunst und kann trotzdem weg?

Kalkulationen werden aufgestellt. Das ist einerseits vernünftig, andererseits gefährlich. Denn was ein Theater für seine Stadt ist kann schwer beziffert werden. Es ist mit seiner Stadt verwoben. Je länger es dort bereits verweilt, je mehr. Es wird von seiner Stadt geprägt und es prägt seine Stadt. Oft über ihre Grenzen hinaus. Ökonomisch nennt man das „Umwegrentabilität“. Ein verdruckstes Wort, das nichts anderes beschreibt, als dass Theater weit mehr für seine Region erwirtschaftet als bloß die Summe seiner Eintrittskarten. Aber es geht um mehr als Ökonomie.

Etwa 450 Vorstellungen finden jährlich statt… nicht alle im Theater. Manche in Schulen, manche in Migros-Fillialen, manche in Chur, Baden, Visp oder Fribourg.

Über 150.000 Zuschauer aus dem gesamten Bodenseeraum sehen Vorstellungen des Theaters. Nur das Opernhaus Zürich und das Theater Basel hatten in der Spielzeit 2015/16 mehr Gäste.

Vor einigen Jahren verquatschte ich mich nach einer Vorstellung in der Lokremise mit einem Zuschauer. Es war eine schöne angeregte Unterhaltung, bis er sich bedauernd entschuldigte, er müsse seinen Zug nach Zürich kriegen.

Ich fragte warum er Zug fährt, in Zürich hätten sie ein Theater, ich sei da sehr sehr sicher. Er grinste breit und sagte, er käme schon seit Jahren lieber nach St.Gallen. Ich habe ihn mit “Bis bald.” verabschiedet.

Was ist ein Theater für seine Stadt, seine Region? Und was davon passt in Zahlen?

Theater ist auch Orchestermusiker, die Unterricht geben, Theater ist Jugendclub, Theater ist Tanzunterricht, Theater ist Lesungen im Café oder in Buchhandlungen, Theater ist auch Probenbesuch von Schulklassen, Theaterpädagogen und Schauspieler, die in die Klasse kommen vor oder nach dem Theaterbesuch, Theater ist Publikumsdiskussion, Theater ist ein beleuchteter Container voll mit Kunst und oft ein lokales joint venture auf vielen Ebenen. Theater ist manchmal Stadtgespräch und kontrovers, Theater ist politisch, Theater ist, wenn am Bühnenausgang Menschen auf die Darsteller warten und wenn man an der Supermarktkasse von der Dame vor einem gefragt wird was man für die nächsten Monate an Stücken empfehlen würde.

Theater ist persönlich. Zwischen Streaming, TV und Kino ist Theater das vielfach totgesagte, quicklebendigste und persönlichste Medium das Geschichten erzählt… und immer 3D.

Theater lebt in seiner Stadt und belebt seine Stadt. Es ist ein weitverzweigter Austausch, im großen und kleinen.

Die Renovierung des Theaters St.Gallen wird etwa 50 Millionen Franken kosten. Lediglich 9,5 Millionen davon werden von der Regierung als “wertvermehrend” angesehen.

Für die verbleibenden 40,5 Millionen Franken schlage ich daher vor ein anderes Wort zu nehmen: “werterhaltend”. Denn das Theater in St.Gallen hat einen Wert, hat ihn gegenwärtig, hat ihn seit über 200 Jahren. Und seine Renovierung erhält diesen Wert, bewahrt ihn für das Jetzt und für die Zukunft.

Manchmal ist sparen nicht Gewinn. Manchmal ist sparen schlicht Verlust. Denn ein Wert wird oft nicht dadurch ausgedrückt, dass er in Zahlen passt. Sondern dadurch, dass er stattfindet, dass er wirkt und dass er Teil des Lebens von Menschen ist.

Weiterführende Links:
Die Situation

Ein treffend interessanter Kommentar

https://ja-kob.ch/

Studie zur „Umwegrentabilität“ von kulturellen Eigenbetrieben, in Auftrag gegeben von der Stadt Leipzig

Copyright der Backstagebilder: Tine Edel aus ihrer wunderbaren Fotoarbeit „Vor dem Auftritt“ für das Theater St.Gallen

8er

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BEFORE:
Seit Tagen schleiche ich vorsichtig behutsam durch’s Internet und bin auf der Hut. In Amerika und England hatte der achte Teil der Star Wars-Saga „Die letzten Jedi“ bereits Premiere… Spoiler könnten überall lauern und mich anfallen. Und ich will nichts wissen, wenn ich acht Minuten nach Mitternacht, die vertraute blaue Schrift lese „A long time ago in a galaxy far, far away….“, gefolgt vom Star Wars-Schriftzug, gefolgt vom Fließtext, gefolgt von einem Planeten, gefolgt von einem Raumschiff… so viel ist sicher, denn das ist Tradition.

Die Star Wars-Saga ist ein überaus geliebtes Relikt meiner Kindheit, aber auch eine fortlaufende Geschichte, die seit fast 40 Jahren erzählt wird. Ihre Heldinnen und Helden sind mit mir gealtert und nun in der Gesellschaft neuer Figuren und Kreaturen, die den Staffelstab, pardon… das Laserschwert aufnehmen und weitertragen.

Wie sich das mit der Schauspielerin verträgt, die über Kleist in Verzückung gerät und Beckett anbetet? Gar nicht… und großartig.

AFTER: (ab hier selbstverständlich SPOILER-Alert!)
Halten wir fest – ich könnte glücklicher sein. Gleich nach dem verpflichtenden Beginn serviert der Film eine exquisite Raumschlacht, für die allein es sich lohnt die 3D-Brille auf der Nase zu haben. Es beginnt verheißungsvoll und geht vielversprechend weiter… denn dass Luke Skywalker sich nicht darum reißen würde Rey auszubilden war abzusehen und bildet einen ebenso erwarteten wie amüsanten Erzählstrang. Reys Affinität zur und Furchtlosigkeit gegenüber der dunklen Seite der Macht erhält mächtig Schub und man fragt sich immer drängender nach ihrer Abstammung. Geklärt wird sie nicht, allerdings offeriert der Film eine Rätselsequenz, die meiner persönlichen These Nahrung liefert, dass Rey, wie Anakin, durch die Midi-Chlorianer selbst gezeugt wurde.

Die Rebellen sind währenddessen in Bedrängnis, ein hanebüchener Plan wird entwickelt und angegangen. Der nun folgende Erzählstrang ist einer meiner Hauptkritikpunkte. Rose Tico und Finn arbeiten sich durch eine entsetzlich platte und ästhetisch fragwürdig umgesetzte Parabel aus dem Star Wars Äquivalent geschundener Rennpferde, superreicher dekadenter Waffenhändler und Oliver Twist like unterdrückten armen Kindern – nur um schließlich beim erkennbar zwielichtigen Benicio del Toro zu landen …der eigentlich schon an eine andere Galaxie vergeben ist.

Speaking of it… seitdem die Guardians dieser Galaxie köstlich, flott und amüsant Furore machen, haben genreverwandte Filme die Tendenz ihren Stil abzukupfern. Das ist mir schon beim neuen „Thor“ und „Valerian“ unangenehm aufgefallen und ist anteilig auch dem achten Teil der Star Wars Saga anzumerken. Problem dabei – was bei den Guardians organisch verabreicht wird tändelt in anderen Werken an der Grenze zu nerviger Flapsigkeit.

Rey und Kylo kommunizieren inzwischen und versuchen sich gegenseitig auf ihre Seite der Macht zu ziehen, bis Rey beschließt sich in einer Rettungskapsel auf Snokes gigantischem Kommandoschiff abliefern zu lassen, um Kylo dort von dem Konflikt zu befreien, den sie in ihm spürt.

Sowas ist im sechsten Teil schon mal gut gegangen – der Film gewinnt wieder an Fahrt… zumal auch Finn und Rose sich mittlerweile in Gefangenschaft auf demselben Schiff befinden.

Snoke gewinnt im achten Teil deutlich an Konturen. Ich bin erklärter Andy Serkis Fan und sowohl Spiel als auch Stimme sind ein deutlich ausgefeilterer Genuss als seine projizierte Anwesenheit im siebten Teil. Leider ist es ein kurzer… denn in bester Sithtradition überlebt er seinen Schüler nicht. Ungeklärt noch immer: wer war der Kerl eigentlich und was war seine Geschichte bevor er in Darth-Maul-Manier halbiert wurde???

Kylo Ren hat sich leider zu einem weiteren Hauptkritikpunkt von mir gemausert. Bereits zuvor nicht mit Selbstkontrolle gesegnet mutiert er zu einem tobenden Klischeeteenager, der brüllend und zähnefletschend derartig an Bösewichtstatus einbüßt, dass man ihm über seine wilden Locken streicheln und Baldrian empfehlen möchte.
Und man erinnert sich wehmütig an seinen Großvater, der in jedem schweren Atemzug mehr Bedrohung verkörperter als das trotzige Kind, das nun die First Order an sich gerissen hat.

Der bildgewaltige Showdown vor einem verlassenen Stützpunkt der Rebellion ist der Saga würdig und überführt einen weiteren Held in ein Jenseits… aus dem er zurückkommen kann, wie wir wissen. Und wie Yoda-Fans sich erfreut erinnern dürfen. Mit Yoda bin ich unfassbar eigen und ich erkenne und schätze den Versuch ihn sehr nah an die Perfektion seiner ursprünglichen Puppenspielerfigur heranzubringen… im Gegensatz zu den ersten drei Teilen. Es gelingt trotzdem nicht wirklich. Frank Ozs Genie kann niemend ersetzen.

Zuletzt ist es an der Rebellion sich neu zu formieren und dem Funken zu vertrauen, den sie für das Feuer der Zukunft sein werden.
Das obligatorische Gruppenbild fehlt, die versprengten und dezimierten Rebellen geben es ab… an eine übersentimentale Sequenz, die Steven Spielberg in ET-Kitschlaune geschrieben haben könnte.

Fazit – der achte Teil geht neue Wege. Manche sind sehr vielversprechend. BB8 entwickelt sich zu einem biepsenden Sonnenscheinhelfer mit Kultcharakter, die Porgs sind gut platziert und kein Jar Jar Binks Nervdesaster, Reys Geschichte bleibt spannend, die neuen Protagonisten funktionieren tadellos.
Die Casinosequenz ist zu offensichtlich belehrend und Leias Ausflug in den ungeschützten Weltraum a la Star Lord hätte nicht sein müssen. Die Macht war immer mit ihr, aber da wird sie zum erfrierenden Super-Jedi auf Kommando, der vorher nie angelegt wurde.
Was mich am meisten stört ist aber, dass der achte Teil mir ständig irgendwas erklären will. Der Konflikt wird nicht nur gespielt, er wird zudem beschrieben – wortreich, psychoanalytisch. Ich bräuchte das nicht. Seien wir ehrlich… Star Wars Figuren sind deutlich gezeichnet, sie sind Archetypen eines großartigen Märchens zwischen Sternen und Planeten. Nichts gegen die Idee sie mehrlagiger anlegen zu wollen, aber dann bitte mit dem Risiko von Rätseln und nicht mit begleitenden Wortkaskaden, die zudem nicht frei von gewissen Wiederholungen sind.

Der neunte Teil wird wieder in den Händen von J. J. Abrams liegen… und ich bin sehr angetan von dieser Wahl. Sein Gespür hat er bewiesen als die Macht erneut erwachte.
Und einiges aufzulösen er hat. Fraglos das ist.

Dieser Text wäre unvollständig ohne diesen Abschluß.
Als Luke auf Leia trifft sagt er „No one is ever really gone.“ und meint Han Solo.
Er sagt es aber auch zu Carrie Frances Fisher, von der er nicht wusste, dass sie am 27. Dezember 2016 die Galaxy far, far away für immer verlassen würde… um vielleicht eine noch entferntere zu finden. Der Satz ist trotzdem wahr.
Im Abspann wird sie verabschiedet als „our Princess“. Sie als Mensch war viel mehr als das… aber auch das ist wahr.

Take the Outtake

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Dieser Blog wird neue Portraitbilder bekommen. Sie entstehen diese Woche, nach und nach. Die Fotosession letztes Jahr summierte sich auf 16GB Datenmaterial und geschätzte 2000 Bilder – an einem Tag wohlgemerkt.

Dieses Mal sind 5 Tage veranschlagt… heute war der erste und irgendwie habe ich das Gefühl, es könnten dieses Mal noch ein paar Bilder mehr werden.
Letztendlich brauchen werde ich rund ein Dutzend… aber dieses Dutzend zu kreieren bedarf eben etwas Aufwand. Im Spülsaum dieser exzessiven Fotoherstellerei entstehen haufenweise Bilder, die eigentlich nie jemand zu sehen kriegt – naja, bis heute.
Denn ich habe mal einige ausgesucht, die eben zu einer Fotosession gehören, auch wenn sie es nie auf die Setcard schaffen werden…

 

…weil …eigentlich Rauchpause…

 

… weil nur knapp am Denker von Rodin vorbeigeschrammt und viel zu viel Hand vor dem Gesicht…

 

…weil etwas zu schräg überamüsiert von dem Geschehen…

 

…weil der Blick niemals so viel Irrsinn in sich tragen sollte, dass es aussieht, als ob man hinter Gitter gehört anstatt davor…

 

…weil …oh, da fährt ein Zug… ach, ja… Kamera…

 

… weil es nicht gut ist, wenn man so aussieht, als hätte man endlich einen Weg gefunden Donald Trump die Präsidentschaft zu entreißen…

 

DAS gefällt mir schon ganz gut… jetzt brauche ich nur noch 11 andere…

 

Sie haben die Wahl!

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Man kann Populisten viel vorwerfen. Hauptsächlich, dass sie Angst schüren und versprechen, sie und nur sie allein könnten die Probleme dazu lösen.
Im Zuge dieser Schwarzweißmalerei lügen sie. Nicht zu knapp.

Aber wenn es um ihre tatsächlichen Ziele geht lügen sie fast nie.

Schauen wir zurück in die kürzere Vergangenheit – das ist einfacher, als ohne Kristallkugel in die Zukunft zu schauen.

Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – nicht, weil er die meisten Stimmen hatte… aber er hatte genug.

Er hatte sie weil Latinos ihn gewählt haben, People of Colour, die LGBT-Community, ältere Menschen, Muslime und Frauen.
Sie alle müssen, das ist Mathematik, zusammen mit den Nichtwählern, Sorge getragen haben ihn ins Amt zu hieven.

Dann trat der „muslim ban“ in Kraft und die Muslime waren entsetzt.

Dann machte er sich daran den medizinischen Versorgungscentern von Planned Parenthood die staatliche Förderung zu entziehen – in Amerika für unversicherte Frauen oftmals der einzige Zugang zu Vorsorge, Verhütung, Aufklärung und, wenn sie das wollen, medizinisch überwachter Abtreibung. Und die Frauen waren entsetzt.

Dann waren sie gleich doppelt entsetzt, denn Trump möchte Obamacare aufheben, was nicht nur bedeutet, dass bis zu 32 Millionen Menschen ihre Gesundheitsversorgung verlieren, sondern auch viele ältere Menschen ihre Altenpflege… und selbst gesunde Frauen sollten sich jetzt gut überlegen, ob sie sich eine Schwangerschaft leisten können.
Also waren die Frauen doppelt entsetzt und viele ältere Wähler schlicht und einfach entsetzt.

Dann begann eine Ausweisungswelle, von der bis zu 11 Millionen illegale Einwanderer betroffen sein könnten, hauptsächlich Latinos. Rund 800.000 ihrer Kinder, die sich unter DACA dem Schutz der Regierung anvertraut hatten, sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, denn das Programm soll aufgehoben werden. Also waren die Latinos entsetzt.

Dann hob Trump Transgenderschutzgesetze auf und will Transgender zudem aus dem Militär entfernt wissen. Also war die LGBT-Community entsetzt.

Dann nannte Trump Nazis und Ku-Klux-Klan-Mitglieder „some very fine people” und, nicht nur, die People of Colour waren entsetzt.

Eine Menge Entsetzen – und jedes kleinste Bißchen davon ist gerechtfertigt. Aber nichts davon ist eine Überraschung.

Nichts davon war unabsehbar.

Donald Trump hat nicht verborgen was er ist oder was er will. Im Gegenteil. Er war absolut durchsichtig, offen und ehrlich. In der Frage kann man ihm nichts vorwerfen.

Warum also haben so viele Schafe ihren Schlachter gewählt?

Mag sein, ein Teil war einfach schlecht informiert. Wer ahnt denn auch schon, dass man Obamacare schützen sollte, wenn man mit dem Affordable Care Act versichert ist… und einfach nicht verstanden hat, dass das eins ist.

Der weitaus größere Teil aber dürfte einfach darauf vertraut haben, dass Donald Trump alles ernst meint – außer dem, was einem selbst gefährlich werden könnte.

Ein Vertrauen, das jetzt durch Entsetzen ersetzt wird.

Ein hoher persönlicher Preis für den frustrierten Wunsch dem Regierungssumpf als Protestwähler an der Urne mal zu zeigen, was eine Harke ist.
Wenn man wählt, sollte man davon ausgehen, dass eine Partei tut was sie sagt. Denn wenn man sie als Instrument persönlichen Protests mißbraucht und genug andere Menschen auf die gleiche leichtfertige Idee kommen, dann wird sie in der Lage sein zu tun, was sie will.

Die deutsche Protestpartei der Bundestagswahl 2017 ist die AfD.

Also macht es Sinn zu schauen, was sie wollen und wer sie wählen sollte, ohne sich irgendwann in Entsetzen ergehen zu müssen.

Europäisch denkende Menschen: NEIN.
Denn die Partei sieht die “Volkssouveränität” der Bundesrepublik innerhalb der EU gefährdet (WP 1.1).

Mittelschichtler und Geringverdienende: OH NEIN.
Ziel ist ein „schlanker Staat“ ohne gesellschaftliche Verantwortung (GP 1.2), die Abschaffung der Mitbestimmung von Betriebsräten als “unnötige Bürokratie” (GP 5.1), gleiche Steuern, egal ob jemand 20.001 oder 1000.000 Euro pro Jahr verdient (GP 11.1)… was insbesondere Spitzenverdiener begünstigt… und die “Abschaffung der Erbschaftsteuer” sowie keine “Reaktivierung der Vermögensteuer” (WP 10.1)… was insbesondere Vermögenden zugute kommt.

Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Wähler: HELL NO!
Die AfD will die bestehende Sozial- und Arbeitslosenhilfe in eine „aktivierende Grundsicherung“ umwandeln (GP 5.4.2). Zwar soll dabei das Arbeitslosengeld I verlängert werden (WP 11.8). Aber nicht erwerbstätigen Menschen stünde dabei nur noch ein Mindestbetrag zu, der sehr viel geringer als die aktuelle Unterstützung ausfallen würde.

Ältere Menschen und Pflegebedürftige: ABSOLUT NEIN!
Die AfD möchte die sozialen Sicherungssysteme “reformieren“ (GP 5.4). Sie beabsichtigt, staatliche Unterstützung aufzulösen und die damit verbundene Verantwortung auf Familien zu übertragen. So müsse individuelle häusliche Pflege “zu einem Hauptbestandteil der sozialen Sicherungssysteme werden” (GP 5.4.4).
Doch eine solche “Reform” birgt zahlreiche Risiken und versteckte Kosten: Denn weder sind alle Menschen in ein familiäres Umfeld eingebunden. Noch verfügen alle Familien über die Mittel, sich diese Unterstützung zu leisten.

Berufstätige Frauen: IN KEINEM FALL!
Die AfD lehnt die „Geschlechterquote“ ab (WP 1.15). Weil sie zudem der Meinung ist, dass „Alleinerziehende“ selbst Schuld sind, wenn die Partnerschaft beendet wird, soll deren angeblich „bedingungslose Förderung“ beendet werden (WP 7.3). Stattdessen soll die „Familie aus Vater, Mutter und Kindern“ mit allen Mitteln geschützt (WP 7.7) und Frauen als Hausfrauen wieder mehr geschätzt werden (GP 6.3)

Pazifisten: GANZ UND GAR NICHT!
Die AfD fordert „die Rückkehr der Streitkräfte zur Einsatzbereitschaft” (WP 3.3) und möchte die Wehrpflicht wieder einführen (GP 4.4.2).

Umweltschützer: NATÜRLICH NICHT!
Die AfD behauptet, der Klimawandel existiere nicht und CO2 sei gut für die Umwelt (WP 13.1). Energiegewinnung aus nachhaltigen Quellen lehnt sie daher als unnötig ab.

Homosexuelle: ARE YOU KIDDING ME?!
Vater, Mutter, Kinder… (WP 7.7) Die Partei propagiert ausschließlich die „traditionelle Familie als Leitbild“.

Wenn Sie also ein biodeutscher, heterosexueller, männlicher Waffennarr sind, mit einer lebenslangen Jobgarantie und einer absehbar unantastbaren gesundheitlichen Konstitution bis ins hohe Alter, dem die Umwelt unwichtig ist und den Europa nervt… bitte, dann sollten Sie AfD wählen – Ihnen kann nichts passieren.

Alle anderen sollten sich gut überlegen, was ihnen ein Protestwahlzettel zugunsten der AfD einbringt. Denn wenn sich das genug Menschen nicht fragen, kommen viele Stimmen zusammen, die bewirken, was viele Menschen zwar gewählt haben aber nicht wollten. Und dann sind sie entsetzt darüber, was sie nicht überraschen sollte.

Noch ein Wort an die Nichtwähler:

Ich verstehe Politikverdrossenheit. Auch dieses Mal werden um die 40% aller Wahlberechtigten vom Privileg ihrer Stimme keinen Gebrauch machen. Und sie werden dafür vielfältige Gründe ins Feld führen. Aber keiner davon hat Bestand.

Wer seine Stimme nicht nutzt, wenn sie zählt, verliert für vier Jahre das Recht sich über Politik aufzuregen – und wer will schon auf den Spaß verzichten???

Wer argumentiert, dass er niemanden mehr aus voller Überzeugung wählen kann… dem geht es wie mir. Aber ich weiß, wen ich aus voller Überzeugung NICHT wählen will und meine Stimme ist ein Gegengewicht zu dem Anteil der Politiklandschaft, die ich auf keinen Fall in Amt und Unwürden sehen will.

Und zu guterletzt greift eine Wahrheit mit der mir meine Mutter als Kind erklärt hat, warum sie an einem sonnigen Sonntag mit uns ins Wahlbüro geht anstatt direkt den Spielplatz anzusteuern – wählen zu dürfen ist ein Privileg um das Menschen in anderen Ländern kämpfen müssen. Und alle Menschen, die irgendwo auf der Welt für ihr Wahlrecht kämpfen müssen, machen mein eigenes zu einer Pflicht.

Das war so in den 70igern und an dieser Wahrheit hat sich nichts geändert.

Am 24. September hat jeder eine Stimme und meine hat genauso viel Gewicht wie die eines Atomlobbyisten oder eines verkappten Nazis.

Nicht wählen ist wie Zähne putzen… wenn man’s nicht tut wird’s brauner. Und man kann das Ergebnis dann eklig finden. Man darf sich nur nicht wundern.

 

(Credits: Die Auflistung der AfD Ziele entstand unter Verwendung der großartigen und fundierten Recherchearbeit der Aktionsgruppe K5 (Kleiner Fünf). In Vollständigkeit nachzulesen unter: https://www.kleinerfuenf.de/de/was-will-die-afd    Danke für Euer Engagement!)

Gimp your pictures – and give them a RawTherapee

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Schauspieler brauchen Portraitfotos… da führt kein Weg dran vorbei. Da sie zu unserer Profession gehören sollten sie auch professionell aussehen. Im Zeitalter der Digitalfotografie gehört dazu Bildbearbeitung.

Die beiden Flagschiffe in diesem Bereich heißen “Photoshop” und “Lightroom” und werden vom Softwaregiganten Adobe bereitgestellt.

Beide Programme zusammen kosten als Creative Cloud Fotografie-Paket 141,94 Euro im Jahres-Abo. Gute Software darf ihren Preis haben – aber an Adobe ärgert mich einiges.

Beide Programme stellen gehobene Hardwareanforderungen, setzen teilweise eine Internetverbindung voraus und erfordern eine Registrierung… ich mag das nicht.

Für mich kommen sie auch gar nicht in Frage, da Adobe sich auf breiter Linie beharrlich weigert zur Kenntnis zu nehmen, dass es Linux gibt.
Zwar ermöglicht Linux die Installation unter WINE indem es eine Windowsumgebung vortäuscht – aber ernsthaft… kein Mensch, der einfach nur optimale Fotos möchte, braucht noch Adobe.

Ich möchte Euch zwei Alternativen vorstellen. Beide Programme sind schlank, ressourcenschonend und laufen selbst auf älterer Hardware zügig und arbeitshungrig. Beide bieten einen beeindruckenden Funktionsumfang, der sich hinter Adobe nicht zu verstecken braucht, werden kontinuierlich weiterentwickelt, erfordern keine Registrierung und kein Abo… denn ihr gemeinsamer Kostenpunkt beläuft sich auf 00,00 Euro.

Alle beiden Programme sind plattformübergreifend für Windows, Mac und Linux verfügbar… sie lassen sich als Portable-Versionen sogar auf einem USB-Stick installieren – Bildbearbeitung grenzenlos… dear adobe, that’s how to do it.

Vorab… beide Programme sind wirklich mächtig und können viel. Ihren gesamten Funktionsumfang hier aufzulisten ist unmöglich. Es gibt für beide digitale Handbücher. Vorallem aber gibt es eine gigantische Menge YouTube-Tutorials. Ich empfehle Euch zu überlegen, was Ihr mit Eurem Foto machen wollt. Und wasimmer es ist… irgendjemand hat garantiert schon ein Tutorial dazu gemacht. So bringe ich mir Programme bei und Ihr werdet sehen, sobald man sich ersteinmal ein bißchen in einer Software zurechtgeräkelt hat, fängt man an eigenständig mit ihr herumzuprobieren und merkt gar nicht, dass man währenddessen weiterlernt. Es kann sehr viel Spaß machen und ist dann eher wie ein Videospiel mit dem eigenen Bild als Hauptdarsteller.

GIMP – ist vorallem ein wirkungsvoller Bildmanipulator und bietet eine breite Palette von Werkzeugen, jongliert mit Ebenen, ergänzt, baut um, verschiebt, mischt ab, malt, schneidet aus, stellt frei, kreiiert Cartoons und Animationen… es ist Euer Spielzeug für Pixel. Von der Basisbearbeitung bis hin zur ausgefeilten kreativen Tüftellei sind die Möglichkeiten nahezu endlos. Wer als Beginner beispielsweise nur ein paar Hautunreinheiten beseitigen will kann zum Werkzeug “Heilen” greifen und hat das mit wenigen Klicks erledigt. Davon gelangweilte Cracks können zur Frequenztrennung schreiten und haben auch ihren Spaß.

Als Eindruck habe ich ein Video ausgesucht, das tatsächlich mit Pickel entfernen beginnt – aber ganz woanders aufhört und die Unmöglichkeit den Funktionsumfang von Gimp in einem Blogbeitrag zusammenzufassen charmant verdeutlicht.

Obwohl Gimp bereits breit gefächerte Möglichkeiten und sogar vorgefertigte integrierbare scripts anbietet um Fotos “zu entwickeln” – an RAWTHERAPEE kommt es so wenig heran wie Photoshop an Lightroom.

Wie der Name bereits sagt, das Programm ist ein Spezialist für die Bearbeitung von Raw-Dateien.
Raw-Dateien verhalten sich zu den gängigen Jpg-Dateien wie ein Salatbuffet zum Salatteller. Sie enthalten alle Bildinformationen aus Licht, Kontrast und Farbe, während das Jpg-Format eine annehmbare Durchschnittsauswahl vorbearbeitet serviert und die restlichen Daten wegschmeißt.

Raw-Fotos offerieren also bedeutend mehr Möglichkeiten der eigenständigen Feinabstimmung und sind die zu bevorzugende Wahl – allerdings… RawTherapee kommt mit beidem klar und kann selbst Jpg-Fotos bedeutend verbessern.

Zu Demonstrationszwecken habe ich Jpg verwendet, weil dieses Format von jeder Kamera beherrscht wird. (Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

RawTherapee bietet einen Splitscreen an, der jede Veränderung des Fotos gut verdeutlicht und den direkten Vorher/Nachher-Vergleich erlaubt. Wie Gimp legt es zusätzlich eine Historie an (links, rot unterlegt), die jeden Arbeitsschritt dokumentiert und jederzeit ermöglicht auf jeden beliebigen vorherigen Schritt zurückzugehen.

Im Screenshot zeigt die Historie, dass ich nur einen einzigen Klick gemacht habe – nämlich den auf die automatische Belichtungskorrektur (rechts oben im Menü). Das ist kein Hexenwerk – aber, wie man sehen kann, bereits eine deutliche Verbesserung.

Wer selber entwickeln möchte kann nach Herzenslust mit Farben, Licht, Schatten, Schwarzpegel, Filtern und fein abgestuftem Kontrast herumspielen. Ich wollte das Bild etwas wärmer und es sah schließlich so aus.

Fazit: auch Digitalbilder brauchen die feine Abstimmung, die früher in den Händen eines guten Fotolabors lag und man muss kein Grafiker sein um aus seinem Portraitbild den Pickel zu entfernen, den man vor einer Fotosession nie gebrauchen kann, aber immer bekommt.

Noch ein Sicherheitstipp zum Schluß. Wenn ich ein Bild bearbeite, dann niemals das Original – immer eine Kopie davon. So stellt man unbedingt sicher, dass man wirklich jeden denkbaren Blödsinn damit unternehmen kann, aber die Originaldatei verfügbar bleibt.

Gerade wenn man ein Programm neu lernt sollte man das zur goldenen Regel erheben. Glaubt mir einfach, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Ich habe mir schon ein paar Originale ungewollt überschrieben und bis heute ist mir rätselhaft, wie ich das genau geschafft habe. Safety and copy first.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim herumkommandieren der Pixel und boosten Eurer Bilder. Und wenn Ihr mal kein Portrait bearbeiten wollt, sondern eins zeichnen… kein Problem – Ihr habt ja Gimp.

„Prometheus“ und die schwarze Sonne

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In meinem Leben gibt es zwei große Begeisterungen – das Theater und den Weltraum.

Am Theater bin ich mit meiner exessiven Astronomie- und Raumfahrtversessenheit ein Exot. Unter Astronomen und Ingenieuren bin ich es als Schauspielerin aber auch.

Die beiden Welten begegnen sich nicht allzu oft.

Aber was wäre wenn?

Heute erlebt Amerika eine totale Sonnenfinsternis. Der Mondschatten wird mit rund 2500 km/h von der West- bis zur Ostküste rasen. Millionen Menschen haben sich auf den Weg in die Totalitätszone gemacht um die schwarze Sonne zu erleben. Die Minuten bläulich stiller Nacht mitten am Tag, in denen der Mond unseren Stern vollständig verdeckt und die Korona unserer Sonne wie ein gleißender Ring aus Licht am Himmel sichtbar wird.

Ein magischer Moment.

Ein magischer Moment – den man auf die Sekunde genau vorausberechnen kann.

Casper ist eine kleine Stadt in Wyoming und liegt in der Totalitätszone. Dort gibt es das “Stage III Community Theatre” in dem Laiendarsteller jedes Jahr bis zu sechs verschiedene Stücke auf die Bühne bringen. Und dort entstand eine Idee… für die das Ensemble den ganzen Sommer über geprobt hat.

Heute findet dort die Premiere von “Prometheus” statt, die Geschichte des Titanen, der den Göttern das Feuer aus dem Himmel stahl um es den Menschen zu geben.

Und nicht weniger wird auf der Bühne geschehen… mit unserer Sonne als einzigartiger Hauptdarstellerin. Das Stück wird mit dem Himmelsspektakel so synchronisiert ablaufen, dass sein Inhalt sich mit unserem Stern verbindet und macht damit dessen Verdunkelung zum größten denkbaren Spezialeffekt, den man auf eine Bühne holen kann.

Ich war hingerissen, als ich das vorgestern las. Da war sie! Die perfekte Synthese meiner Begeisterungen, verschmolzen zu einer atemberaubenden Einheit. Grandios! Genial!

Die Schauspielerin in mir platzte fast vor Neid auf all jene, die heute dort auf der Bühne stehen dürfen. Dann schaltete sich die Astronomin in mir ein – und die innere Diskussion darüber begann, wie ideal es für mich tatsächlich wäre.

Denn ich würde mich vorbereiten müssen… Maske, Kostüm, einsprechen, warm machen, die Vorstellung beginnen – alles ohne den “First Contact”, den “Bite” beobachten zu können, wenn der Mond seinen Weg vor die Sonne beginnt. Ich würde ihn überhaupt nicht verfolgen können, denn auf der Bühne kann man schlecht einfach mal seine Sonnenfinsternis-Schutzbrille aufsetzen und in dem Anblick der schwärzer werdenden Sonne schwelgen.

Das Publikum hat es da einfacher. Im 10-Dollar-Eintrittspreis ist eine Schutzbrille enthalten. Die können schauen, wann sie wollen. Bestimmt ein witziger Anblick von der Bühne aus – alle Zuschauer mit so einer Brille auf der Nase. Da findet man heraus wie sich eine Kinoleinwand bei einer 3D-Vorstellung fühlt.

Der Moment der Finsternis wird von dissonanten chorischen Gesängen begleitet werden. Das kann dramaturgisch durchaus Sinn ergeben… astronomisch betrachtet ist es geradezu eine Sünde. Denn wer jemals im Kernschatten des Mondes in der Natur gestanden hat, der weiß – es wird still, unfassbar still. Sogar die Vögel verstummen. Es ist ebenso wirklich wie surreal.

Und dann singen? Die Astronomin in mir würde der Schauspielerin an den Kragen wollen dafür.

Nein, ganz so einfach lassen sich zwei so große Begeisterungen dann wohl doch nicht miteinander verbinden. Aber die Idee bleibt toll und ist, wenn man Bill Conte, Autor und Regisseur des Stückes, glaubt ein “first time” in der Geschichte des Theaters.

Für alle, über die der Schatten unseres Mondes heute nicht hinwegstreift:

HIER geht’s zum Countdown auf der Eclipse-Seite der NASA.

Und HIER geht’s zum Livestream.

Den Darstellerinnen und Darstellern von “Prometheus” und allen, die heute die schwarze Sonne bewundern dürfen – ich wünsche Euch “clear skies”!!!

Two and a half english storys from Heidelberg

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First:

1613 heiratet der junge Kurfürst Friedrich V. die englische Prinzessin Elizabeth Stuart, Tochter des Königs Jakob I. Um ihr einen standesgemäßen Wohnsitz in Heidelberg zu bieten lässt er den “Englischen Bau” auf dem Nordwall zwischen der bestehenden Schlossanlage und dem “Dicken Turm” errichten.

Von dort hat man einen fantastischen Blick über Heidelberg und das Neckartal bis zur Rheinebene.

Erhalten sind nur noch die Fensterfronten, die zweigeschossig emporragen und ohne Dach zusammen mit dem “Dicken Turm” den Raum bilden, in dem “Der Froschkönig” bei den Schlossfestspielen residiert.

Wir spielen dort …und befinden uns damit in einer erstaunlichen und überaus weit zurückreichenden Tradition.

Denn der Kurfürst erbaute seiner Gemahlin nicht nur einen englischen Wohnpalast. 1619 ließ er den oberen Teil des “Dicken Turms” zu einem Theater ausbauen, das dem Globe-Theatre Shakespeares nachempfunden war und schuf so – neben dem Kassler “Ottoneum” – den ersten selbstständigen Theaterbau auf deutschem Boden.

Doch damit nicht genug. Das Ensemble des “Globe-Theatre” in London, durch einen vernichtenden Brand heimaltlos geworden, gastierte drei Monate in Heidelberg im “Dicken Turm”.

Ob Shakespeare ebenfalls nach Heidelberg reiste ist, wie vieles rund um seine mysteriöse Person, nicht geklärt. Aber allein die Vorstellung, dass ich meinen Arbeitsweg mit Menschen teile, die Uraufführungen jener Shakespearestücke gespielt haben die ich heute “Klassiker” nenne – allein diese wunderbare Vorstellung gefällt mir außerordentlich gut.

Second:

Selbstverständlich betrachte ich den “Froschkönig” als höchste royale Instanz in Heidelberg.

Allerdings… das muss selbst ich zugeben… war das heute vielleicht ein wenig anders. Prinz William und Kate waren zu Besuch in Heidelberg.

Bereits morgens vor der Vorstellung konnte man vom Schloss aus britische Flaggen in der abgesperrten Innenstadt erspähen.

Und auch die Einsatzbesprechung der Polizei sah aus dieser Perspektive irgendwie amüsant gesprächskreisig aus.

Nach dem Besuch eines medizinischen Forschungszentrums und dem Empfang auf dem Marktplatz ging es für die beiden Botschafter wider der Brexitentfremdung an den Neckar zu einem Ruderwettstreit zwischen freundschaftlich gemischten Teams aus Heidelberg und seiner Partnerstadt Cambridge – mit den Royals am Steuer.

Da ich Menschenmengen nur geheuer finde, wenn sie vor mir sitzen, entschied ich mich für’s Flussufer.

“You go left and I go right…” könnte Prinz William da gerade vorschlagen, denn so geschah es… and I was left.

Suchbild – finde die Duchesse of Cambridge…

Okay… here she is…

Wenn man gerade gut im Training ist, weil man fast jeden Tag mit dem Fahrrad den Schlossberg hochfährt, dann könnte man auf die gewagte, aber interessante Idee kommen auf dem Rad mit dem Ruderrennen Schritt zu halten – und es zu fotografieren…

…und man ist dann pünktlich im Ziel zum anlegen der Ruderboote auf der gegenüberliegenden Neckarseite…

Und als Belohnung kann man von dort aus auf abgesperrten, wunderbar leeren Straßen zurück in die Altstadt fahren. Hätten immer noch jubelnde Zuschauer hinter der Absperrung gestanden wäre es ein fast “Tour de France”- artiges Gefühl gewesen.

Bonus:

Wenn die Zuschauer eingelassen werden stehen wir bereits auf der Bühne. Wir müssen nicht bewegungslos sein, aber wir tun es in der Regel recht ruhig.

Heute hatte uns ein Junge schon beim hereinkommen gemustert, sich auf seinen Platz gesetzt, uns weiter gemustert… und dann fiel ihm etwas auf, dem er mit viel Erstaunen in der Stimme laut Ausdruck verleihen musste:

“Die Leute sind ja echt!”.

Ja. Keine Leinwand, kein Bildschirm dazwischen… die Schauspieler sind wirklich da. Im “Englischen Bau” schon seit rund 400 Jahren. Und immer noch.