Wenn zuschauen keinen Spaß macht…

Alle Städte, in denen ich jemals fest engagiert war, wiesen zwei Besonderheiten auf – sie besaßen ein Weltkulturerbe …und mindestens einen Fluß.
2002 zur Jahrhundertflut war ich in Dessau engagiert. Ich war nachts Deiche verstärken und tagelang auf den Sandplätzen Säcke abfüllen. Ich traf Fremde und Kollegen, die Theater-LKWs wuchteten unsere Arbeit mit an die Brennpunkte als die Proben ausgesetzt wurden. Ich habe niemals größeren Zusammenhalt erlebt. Einwohner und Urlauber, Kinder, Teenager, ganze Familien füllten und füllten die Sandsäcke, bildeten, wenn der Ruf „KETTE!!!“ über den Platz hallte eine ebensolche und reichten sich die kostbaren Flutblockadebausteine wie Ameisen weiter. Privatleute und Restaurants brachten Essen und Getränke zu den Helfern, Rentnerinnen stapften mit Körben voller Obst über die Sandberge und merkten dazu an, sie könnten die Sandsäcke nicht schleppen, aber ja trotzdem helfen.
Menschen können unglaubliches leisten, wenn eine Tragödie sie verbindet.
Sicher, es gab auch die Fluttouristen mit den Händen in den Hosentaschen, die erstaunt Dreinschauer, wenn man mit versandeten Klamotten durch die Innenstadt ging… es gibt sie sicher heute wieder… aber sie waren nicht die Mehrheit und sie sind es heute sicher auch wieder nicht.
Heute bin ich in der Schweiz und verbringe viel Zeit damit online in den Süden und Osten zu schauen, Hashtags zu verfolgen, Ticker zu lesen.
Die Helfer/innen in Regensburg haben großartiges geleistet. Eine kritische Uferstraße musste vorerst aufgegeben werden, aber die Stadt konnte überwiegend gegen Rekordpegel geschützt werden. Andere Städte in Bayern hatten bei weitem nicht so viel Glück und müssen schlimmere Flutschäden abwehren und bewältigen.
Neue Meldungen aus dem Osten lassen befürchten, dass die Pegelstände von 2002 eingestellt, in einigen Gebieten sogar übertroffen werden könnten. Wieder arbeiten Einsatzkräfte und freiwillige Helfer/innen Hand in Hand, trotzdem ist gestern in Dessau gegen 17h ein Meßstab mit der Marke von vor 11 Jahren nur noch wenige Zentimeter zu sehen und es wird noch einiges an Wasser erwartet. Ich würd‘ was drum geben jetzt wieder Sand in Säcke füllen zu können.
Meine besten Gedanken und Wünsche sind in meinen jahrelangen Orten und Gegenden. Haltet durch, Ihr könnt viel!

6 Gedanken zu „Wenn zuschauen keinen Spaß macht…

  1. Liebe Silvia ….
    in diesen Situationen finde ich es auch außergewöhnlich, dass hier so viele freiwillige Helfer antreten. Das ist anzuerkennen! Man muss diese Dimensionen des Hochwassers einmal selbst erlebt haben. Dabei meine ich nicht die, ich sage es mal deutlich “ recht widerlichen“ Schaulustigen, die sich das Leid anderer Menschen nur angucken. Verhindern kann man das nicht! Hier in Hamburg gilt immer der Spruch : vor dem blanken Hans kannst du nicht weglaufen!° Das ist so! Habe ich selbst erlebt, als ich in den 70 er Jahren im Freihafen Hamburg vom Hochwasser eingeschlossen war. Die Schäden sind beachtlich. Man kann nur hoffen, dass die Bundesregierung einspringt, Versicherungen werden es ja nicht sein. Und …. ein paar Hilfeankündigungen europäischer Außenminister vermisse ich noch. Unser Außenminister sagt immer weltweit Hilfe zu! Scheinbar müssen wir uns selbst helfen!

    Liebe Grüße

    Brain

  2. Wie sehr kann ich deine Worte nachvollziehen.
    Meine Heimat..Dresden…wird abermals von der Elbe bedroht, einem Fluss, der Dresden eigentlich erst zu dem macht, was es ist. Es schmerzt mich unendlich so viele Kilometer weg zu sein und nichts, aber auch gar nichts tun zu können!
    Mit Stolz beobachte ich die vielen freiwilligen Helfer in meiner und auch in anderen deutschen Städten. Es mag sein, dass Menschen nur in der Not zusammenstehen, miteinander kämpfen, sich motivieren und sich zu Höchstleistungen antreiben. Aber genau das sind die Situationen, in denen dies so unendlich wichtig ist!!
    Mir, uns allen bleibt die Hoffnung, dass nicht die Pegel von 2002 erreicht werden. Ich denke an alle Helfer, egal wie groß oder klein ihr Beitrag auch sein mag, ich bin dankbar für jeden von ihnen.
    Und vielleicht hört es sich eigenartig an, aber gerade iin diesem Moment bin ich stolzer denn je aus Dresden zu sein.
    Mit Tränen blicke ich auf meine Stadt, habe Angst und Sorge, aber auch tiefe Hoffnung, wenn ich die Welle der Hilfsbereitschaft sehe! Macht weiter so, haltet durch, stet zusammen und ihr könnt alles schaffen!!

  3. Ich kann verstehen, dass man sich das Hochwasser anschauen will – auch wenn aus unerfindlichen Gründen das Interesse nicht ausreicht sich in irgendeiner Form helfend einzubringen. Oder beispielsweise in Gegenden, in denen Privatpersonen gar nicht zur Hilfe aufgefordert werden, weil die Einsatzkräfte allein im Einsatz sind. Wie viele schreckliche Gewalten hat Hochwasser eine morbide Anziehung. Ich habe kein Verständnis dafür wenn Schauslustige auf Dämmen herumstehen, Hilfskräfte behindern, Anordnungen mißachten, teilweise mit Autos auf destabilisierte Dämme fahren oder die Flüsse für Schlauchboottouren nutzen und dann Rettungskräfte binden, die besseres zu tun haben.
    Wenige können schaden und behindern. Die meisten sind hingegen wohl auch bei dieser Flutkatastrophe anders unterwegs. Ich lese Geschichten die mir bekannt vorkommen und berühren. Die Bereitschaft sich helfend einzubringen ist groß – und ja, auch wenn man schwer gegen Wasser ankommt… der Versuch wird immer unternommen und kann nicht alles aber manches verhindern oder abmildern.
    http://www.mz-web.de/halle-saalekreis,20640778,23128612.html —> nur ein stellvertretendes Beispiel für viele viele Städte!

  4. Ja, es ist ein mieses Gefühl die Füße stillhalten zu müssen… in solchen Lagen ist etwas tun immer das beste um sie auszuhalten.
    Aber es gibt Vorteile gegenüber 2002… viele Hochwassersysteme haben eine Anpassung und Verbesserung erfahren, viele Prozesse und Informationswege greifen besser ineinander – und die Menschen wissen, dass sie etwas erreichen können… sie haben es schon einmal bewiesen.

  5. Die Frage ist, woher kommt das Wasser, naja das wissen wir, aber war das früher auch so, oder hat sich irgendetwas an den Flussläufen, den Deichen, oder vermutlich den Wassermengen von oben geändert?
    Scheinbar sind die Fachleute machtlos, oder es dauert eben eine ganze Zeit, bis man so etwas in den Griff
    bekommt. Ich bin der Meinung, dass unsere Fachleute sicher viel Sachverstand haben!

    Die Welt verändert sich, unaufhaltsam….

    LG Brain

  6. …tut sie, aber nicht immer zum besseren … Landschaft wird bebaut, Flüsse aus ihrem natürlich Flußbett herausbegradigt, Flutungsflächen verschwinden… dazu beobachten wir eine steigende Anzahl und Schwere von Klimaereignissen. Dass diese Kombination zumindest ungünstig ist… und nebenbei bemerkt teuer und existenzvernichtend… das zu begreifen braucht nicht mal Fachverstand.
    Was übrig bleibt ist dann Hochwasserschutz. Funktionierender Hochwasserschutz aber gibt das Problem flußabwärts weiter.

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