Ein Abschied

Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit ist heute eine Ära zu Ende gegangen.
Heute war der letzte Start eines Space Shuttles. Der 135igste in 30 Jahren.
Alle Prozeduren waren heute wie immer, liefen ab, präzise wie ein Uhrwerk.. und nichts war heute wie immer. Alles war heute zum letzten Mal. Die vierköpfige Crew, die von allen NASA Mitarbeitern in den Astrovan geklascht und gebrüllt wurde. Sie hatten ein Banner aufgespannt für die Crew… „We are behind you, Atlantis“. Alle hatten unterschrieben, das weiße Banner war schwarz vor Unterschriften.
Auf dem externen Shuttletank flog heute ein Emblem mit. Darauf ein Diamantumriss mit dem Space Transportation System darin. Als die Columbia 1981 zum ersten Mal startete nannte man sie „Gem of the Galaxy“. Umgeben von einem symbolischen Orbit um die Erde. Eingebettet 14 kleine Sterne. Sie symbolisieren die Crewverluste der beiden Shuttle-Unglücke. Drei goldene Sterne stehen für die noch existierenden Orbiter, zwei weiße für die zerstörten Challenger und Columbia.
Das Enblem wird zusammen mit dem Tank in der Atmosphäre verglühen.
In den wiederverwendbaren Feststoffboostern wurde ein Element verbaut, das bereits vor 30 Jahren bei STS-1 geflogen ist. Nun findet es sich bei STS-135 am Ende der Geschichte wieder.
Als die White Room Crew heute den Astronauten auf ihre Plätze geholfen und die Luke zum Shuttle verschlossen hatte, verließen sie, wie viele vor ihnen und in den kommenden Wochen, ihren Arbeitsplatz. Jeder von ihnen hielt einen Zettel in die Kamera, sie lesen sich fortlaufend: „On behalf of all who have designed & built & serviced & loaded… launched & controlled & operated & flown these magnificent space vehicles… thank you for 30 years with our nation’s space shuttles! Godspeed Atlantis! God bless america!“
Das ist patriotisch, sicher. Und sehr amerikanisch. Es ist aber auch wütend. Und stolz. Und liebevoll. Und es ist wahr. Das Space Shuttle Programm der NASA wurde von wenigen zu Fall gebracht – aber von vielen getragen.
Eine Million Menschen hatten den Weg an die „Space Coast“ gefunden um sich von „ihrem“ Shuttle zu verabschieden. Ja, das Shuttle ist Regierungseigentum. Aber seine Fans neigen dazu es sich anzueignen. Und eigentlich gehört es ihnen genauso, denn 30 Jahre sind eine lange Zeit. Dreiviertel meines Lebens sind Menschen Raumschiffe geflogen. Jüngere erinnern gar keine Raketen. Die Shuttle waren die ersten to launch like a rocket, to orbit the earth like a spaceship and to return like a plane. Sie sind einzigartig geblieben. Es gibt keinen Nachfolger. Die NASA bleibt am Boden, liegt am Boden, sie hat ihre Mitarbeiter freigegeben, Tausende. Ihr Wissen wird nicht mehr gebraucht, es geht verloren.
Die meisten sind heute gekommen. Sie wollen ihr Shuttle starten sehen. Sie wollen noch einmal stolz sein auf ihre Arbeit, jedes Ventil, das sie eingebaut haben, jede Hitzeschutzkachel, die sie handgeschöpft haben. Viele sprechen von einem „Familienmitglied“ das geht. Sie wollen sich verabschieden.
In den Foren, ganz gleich ob den amerikanischen oder deutschen, sprechen die Mitglieder von dem Gefühl einen „Freund“ zu verlieren. Man hat viele Abenteuer geteilt, viel Zeit zusammen verbracht. Man tauscht sich aus. Wißt ihr noch, als damals drei ‚raus sind und den Satelliten „per Hand“ eingefangen haben? Oder als das Hubble-Teleskop eine Brille brauchte und das Shuttle die Mission gewagt hat? Nüchterne Techniker schreiben vom Kampf gegen Tränen. Jeder hat seine eigene Geschichte mit dem Raumschiff, persönliche Erinnerungen.
Jörg aus dem Raumfahrerforum hat einmal gesagt „Der Shuttle hat Seele“. Das ist irrational, sicher. Aber ich habe die Faszination dieses Orbiters nie besser auf den Punkt gebracht gehört.
Ohne alle anderen Leistungen der Raumfahrt abwerten zu wollen – das Shuttle ist etwas besonderes. Es ist wie die Verwirklichung einer Idee, die wir als Kind hatten. Kinder zeichnen keine Raketen… sie zeichnen Raumschiffe.
Heute ist der erste Tag einer letzten Mission nach der wir dieses Raumschiff verlieren.
Der letzte Start.
Dann werden die Stationen abgerufen. Jede muss ansagen, ob aus ihrer Sicht etwas gegen den Start spricht. Normalerweise klingt das so: „OTC?“ – „OTC is go!“ … TBC?“ – „TBC is go!“ usw.
Auch das war heute anders. Die Stationen namen sich Zeit für persönliche Worte. Sie bedankten sich für die gute Zusammenarbeit, für die 30 Jahre, sie wünschten Mission Control alles Gute, sie sprachen von Zukunft, von weiteren Herausforderungen, die es geben werde. Der Launch Status Check hat noch nie so lange gedauert. Der Launch Director, der die Kamera aushalten musste, während die Ansagen zu hören waren, kämpfte um seine Mimik. Es fiel ihm nicht leicht.
Es fiel vielen heute nicht leicht. Bei der NASA, vor Ort, überall auf der Welt.
Die Atlantis ist heute in die Sonne gestartet. Bilderbuchstart. Gleißender blauer Planet auf ihren Außenkameras, perfekt ausgeleuchtetes Schiff, wunderschönes Rollmannöver im Weltraum. Sie ist geflogen, als ob sie sagen wollte: „Und deswegen werdet ihr die Shuttles vermissen.“

Und ja, das werde ich. Das ist ganz leicht…

6 Gedanken zu „Ein Abschied

  1. Welch ein Schmach für die USA. Die Geldnot diktiert jetzt auch in der Raumfahrt eine Abhängigkeit von den Russen, an die man früher nie gedacht hätte. Nach der „Atlantis“-Rückkehr, die für den 20. Juli vorgesehen ist, verfügen die USA auf Jahre hinaus über keine Weltraumvehikel mehr, die Astronauten ins All befördern können. Die Nasa ist dann für ihre Astronauten auf Mitfluggelegenheiten in den russischen „Sojus“-Kapseln angewiesen. Große Fracht aus dem All kann künftig überhaupt nicht mehr zur Erde zurückgebracht werden. Amerika ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

  2. Du hast recht. Die Shuttle werden abgeschafft, nicht weil sie nicht immer noch das leistungsfähigste, vielseitigste Raumfahrzeug wären, das es gibt… sie sind zu teuer. Ein Start kostet rund eine Milliarde US Dollar.
    Dafür bringen sie bis zu sieben Astronauten ins Weltall und rund 20 Tonnen Fracht. Die USA kaufen nun Tickets bei den Russen. 60 Millionen pro Person. Die Russen haben eine Vervierfachung dieses Preises angekündigt. Das kann man machen, wenn man ein Monopol hat. Nun rechnen wir 60 Millionen mal vier mal sieben Astronauten. Das sind 1,68 Milliarden. Da ist noch keine Fracht bezahlt. Die NASA könnte selbst Plätze verkaufen. Sie könnte sich Frachttransport bezahlen lassen. Sie könnte Satelliten aussetzen und mit dem Shuttle sogar bergen und reparieren. Sie könnte Weltraumteleskope für den Weiterbetrieb retten und zusätzlich tausende Jobs, bei der NASA und ihren landesweiten Zulieferfirmen.
    Stattdessen zahlt sie nun selbst…
    Ich bin gewiss nicht gut in Mathematik, aber das muss man nicht sein um sich nach der Richtigkeit dieser Entscheidung zu fragen. Der Preis, den die NASA nun zahlt ist hoch… in jeder Hinsicht.
    SpaceX soll nun schnellstmöglich den kommerziellen Transportweg zur ISS ebnen. Niemand weiß, wann schnellstmöglich ist. Bisher haben sie bei einem Testflug erfolgreich einen Käse transportiert. Von einem unbemannten Andocktest an der Raumstation ist man noch entfernt. Niemand weiß ob und wann SpaceX Menschen transportieren kann. Staffelstabübergabe funktioniert anders. Die USA haben den Staffelstab fallen lassen. Deswegen sind sie aus dem Rennen…

  3. Was man alles mit dem Geld anfangen könnte. Versteht mich nicht falsch, ich bin auch ein Fan der Raumfahrt und „Weltraumwissenschaften“. Ich stelle mir nur die Frage, wie weit wir schon in der Raumfahrt wären, wenn wir Homunculus-Äffchen mal wirklich auf irgendeinem Gebiet zusammen- und nicht gegeneinander arbeiten würde.
    Mit wem konkurrieren wir zurecht, während uns die Zeit davonläuft, weil wir es schaffen, unseren eigenen Lebensraum für uns nachhaltig zu zerstören? Ist das logisch, homo sapiens sapiens?

    Vollführe ich einen zu gewagten Gedankensprung, wenn ich nun die Frage anschließe:
    Globalisierung ja, aber doch bitte ohne die anderen Völker, oder was?

    Ja, „EGO“, Du schreibst zum Beispiel in Deinem ersten Satz schon von Schmach, soetwas kann nur zustande kommen, wenn es mindestens zwei Parteien gibt, bei der die eine vor der anderen das Gesicht verlieren kann.

    Toll, jetzt schämt sich eine Partei. Sind wir schon weiter? Nein. Immer schön nach den Sternen greifen.

  4. Ich glaube, dass es gut ist, dass die USA nun ihre technische Hoheit über den Weltraum verloren hat. Das gibt Platzt frei, für private Raumschiffbauer und vielleicht geht so die Entwicklung weiter und gewinnt sogar an Fahrt. Die NASA befand sich seit der Mondlandung in einem stetigen Niedergang.

  5. Lieber Herr Loewe,
    ich weiß, es ist eigentlich unanständig sich selber zu zitieren, aber zu der Frage, ob dieses Geld sinnvoll angelegt oder anderswo besser eingesetzt wäre habe ich vor Monaten schon einmal viel geschrieben. Nicht aus Eitelkeit, wohl aber aus Faulheit möchte ich deswegen einfach in dem Punkt mit dem Link (https://rhode.theaterblogs.de/?p=52)
    antworten. Ich stimme Ihnen aber vollständig zu, wenn Sie fehlende Globalisierung bei der Bewältigung von Herausforderungen jeder Art beklagen. Wir könnten auf so unendlich vielen Gebieten größeres schneller erreichen, wenn wir lernen würden grenzenübergreifend zu kooperieren. Die ISS ist, im Bereich der Raumfahrt, eine Andeutung dessen. Aber dieser Wunsch nach gemeinsamer Anstrengung läßt sich auf vieles übertragen.

    Lieber Rolf,
    ja und nein. Die kommerzielle Raumfahrt entwickelt Minimallösungen, da sie sich ja halbwegs rechnen müssen. Allrounder wie das Shuttle aber können weitaus mehr. Es hat uns Möglichkeiten gegeben, die mit Raketen und Kapseln nicht gegeben sind. Außerdem ist Personentransport auf dem Sektor noch Zukunft. Derzeit fliegen können nur die Russen. Raumfahrt braucht aber eigentlich Redundanz. Nehmen wir den, hoffentlich nicht eintretenden, Fall an, dass es zu einem Sojus-Unglück kommt. Nach den beiden Shuttlekatastrophen blieb die Orbiterflotte jahrelang am Boden… Ursachenforschung, technische Aufrüstung.
    Die Sojus dürften aber nicht am Boden bleiben. Die ISS wäre gefährdet. Es birgt ein Risiko diese Transportredundanz zu verlieren und die Shuttle aufzugeben, bevor SpaceX so weit ist Flüge übernehmen zu können.
    Aber, wie Du, bin ich sehr froh und neugierig und gespannt wegen diesem neuen Sektor. Je breiter die Basis für Raumfahrt, desto kostengünstiger wird irgendwann die Fahrkarte nach oben. 😉
    Auch Virgin Galactic, die ab 2012 knapp über die Grenze zum Weltraum fliegen werden, plant auf lange Sicht durchaus den höheren Orbit und könnte dann vielleicht auch Raumstationen anfliegen.
    Jep, ich sage „Stationen“, denn auch da könnte noch was kommen… 😉

  6. Wieder mal ein kleiner Hinweis zur Rechtschreibung: das Wort heißt Emblem, nicht Enblem. Gruß von der Akademikersau 🙂

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