Theaterfest

Gestern hat das Theater St.Gallen seine Spielzeit 2013/2014 offiziell eröffnet und sich zu diesem Anlass ein eintägiges Theaterfest gegönnt mit so ungefähr allem was das Zuschauerherz und Spielkinder jeden Alters erfreut.
Eröffnungsfest
Viele Bereiche des Theaters waren für eingehende Blicke hinter die Kulissen geöffnet, wurden aber auch zu Spielorten für Theatererfahrungen jeder Art. Im Studio hatte das Kinderstück doppelt Premiere und Hans eine Menge Glück, szenische Lesungen fanden statt, die Hauptbühne wurde lebendig und zeigte, was sie technisch ‚drauf hat, bevor sie wieder als Hauptdarsteller in den Hintergrund trat und wechselnden Darbietungen von Oper, Musical und Tanz einen Platz gab. Vor dem Theater gab es Leckereien, der Park daneben wurde gleich mit zur Bühne, ein Speakers Corner vor dem Haus erlaubte Spontanperformances für alle. Es gab einen Shuttleservice mit Großraumrikschas vom Marktplatz zum Theater mit dem man sich den ganzen Tag über von sportlich strampelnden Theatermitarbeitern zum Epizentrum des Events befördern lassen konnte, prächtige Kostüme wurden versteigert und die Maskenabteilung war ins Foyer umgezogen, zeigte Kostproben ihres Verwandlungshandwerks, schminkte Kinder und platzierte hautnah hunderte von Tattoos mit Motiven aus der kommenden Spielzeit.
So kam es, dass ich bereits einen schicken Beethoven auf dem Unterarm trug als ich mich morgens zur Matinee von „Das fliehende Pferd“ im Malersaal einfand… wo man nebenbei auch noch Elemente aus dem „Heidi“-Bühnenbild ganz aus der Nähe in Augenschein nehmen konnte.

Malsaal1
Nachdem wir neugierig gemacht hatten auf die kommenden menschlichen Verwicklungen nach Martin Walser knöpfte ich mich in meine selbstgewählte Festaufgabe. Ich muss es gestehen… ich habe ein anhaltendes Vergnügen in seltsamen Ganzkörperkostümen über Theaterfestivitäten zu stromern und die dort eingetrudelten Kinder (ggf. auch gewogene Erwachsene, da kenne ich keine Altersobergrenze) zu bespaßen. Ich gebe der Ausbildung der Westfälischen Schauspielschule dafür die Schuld. Maskenspiel war dort fester Bestandteil des Lehrplans, erst die neutrale Maske, dann die expressive, gefolgt von Commedia dell‘ arte und schließlich der Clownsnase als kleinste und schwierigste Maske. Ich bin dieser Ausbildung heute noch oft dankbar, sie legt ein ganz wunderbares Gefühl für Rhythmus, Bewegung, Spannung und Impulse an, das man überall gebrauchen kann… auch wenn man später selten mit Masken auf der Bühne steht. Umso mehr ein Grund sie sich gelegenheitsweise zu suchen. In Dessau bin als Bremer Stadtmusikanten Katze über den Tag der offenen Tür getobt, in Regensburg als fast Zweimeterbär. Ein Streifzug durch den St.Galler Kostümfundus erbrachte dieses Jahr eine völlig neue Kreation… ein Froschdrache.
Froschdrache
Kinder sind umwerfende Spielpartner in nonverbaler Kommunikation. Am Anfang sind sie oft  erstaunt über das 1.70m.-Geschöpf, das da plötzlich auftaucht… so was passiert im Kino schließlich nie. Schüchternes betrachten, winken, gegenseitiges anpirschen… aber dann wird sehr genau erkundet was man mit diesem komischen Ding alles anstellen kann. Sobald man erst mal eine Schar Kinder um sich versammelt hat wird die Hemmschwelle für alle anderen kleiner, die Unbedenklichkeit des grünen Wesens ist ja offensichtlich. Händeschütteln? Geht. High Five? Geht auch. Bauch anpicksen? Ja, der Drache ist kitzlig. Kann man ihn erschrecken? Ja, kann man. Tanzt der? Wenn man vortanzt – dann macht der mit. Nachmachen, vormachen, mitmachen. Redet er? Nein, leider nicht. Wie alt ist der Drache? Drei… Gekicher, man ist nämlich älter. Viele Kinder hatten noch ihre Schaumstoffröhren von der „Cyrano de Bergerac“-Fechtdarbietung dabei… ich musste einige Duelle bestehen, ließ mich natürlich aber auch zum Vergnügen der jungen Helden ins Boxhorn jagen. Aus den Werkstätten hatten manche coole gebastelte Saiteninstrumente mitgebracht, was zu spontanen Rockkonzerten im Foyer führte. Ein kleines Mädchen hatte vor dem Theater eine Weile mit mir herumgekaspert und als ihr Vater dann lächelnd andeutete, dass man ja eigentlich nach Hause gehen wollte, da fand sie, es sei eine gute Idee, wenn ich mitkomme. Es bedurfte einigen Gestenreichtums und der wörtlichen Mithilfe ihres Papas festzustellen, dass ich im Theater wohne und deswegen kein neuer Kinderzimmerbewohner sein kann.
Je jünger die Kinder sind, desto suspekter ist ihnen das seltsame Geschöpf. Auf dem elterlichen Arm und wenn man sich selber ganz klein macht gelingt es aber manchmal trotzdem sie von der eigenen Ungefährlichkeit zu überzeugen. Ein sehr süßer kleiner Junge von höchstens drei Jahren hatte zunächst eine klare Vorstellung davon wie groß die Distanz zu dem seltsamen Drachen zu sein hatte. Kam ich näher war sehr ersichtlich, dass es ihm dann unheimlich wurde. Und dann mache ich auch keinen Blödsinn und halte den Abstand ein. Aber er kam immer wieder. Und jedes Mal wurde der Sicherheitsabstand kleiner. Er fing an die Hand nach mir auszustrecken, wenn ich es tat, aber ein Meter vor der Berührung war es ihm dann doch nicht mehr geheuer. Beim nächsten Mal waren es dann bloß noch dreißig Zentimeter. Beim folgenden Mal hätten nur noch Zentimeter gefehlt bis zur Berührung unserer Zeigefinger – aber, nee, noch war es nicht so weit. Und natürlich kam er dann doch wieder, auf dem Arm seines Papas. Ich kniete schon am Boden, sein Papa auch und er hielt sich an ihm fest – aber dann war es doch so weit… mein Finger tippte an seinen. Und nichts furchtbares war passiert. Hm. Erneutes antippen. Wieder alles ungefährlich. Ganz vorsichtiges streicheln meiner ausgestreckten flachen Hand. Der Drache tut nichts. So saßen wir dann da, auf dem Boden im Foyer, minutenlang und der kleine Junge streichelte ganz gedankenverloren die Hand des großen Drachen. Manchmal habe ich mit dem Zeigefinger seine Hand gekitzelt, dann hat er sich das ruhig betrachtet und die Hand vom Drachen zurückgekitzelt. Als die beiden gingen bedankte sich sein Vater höflich für die vielen Anläufe und die Zeit auf dem Foyerboden und erzählte, dass der Kleine einfach immer wieder zum Drachen hingewollt habe.
Manchmal ist es schade, dass ich in der Vollmaske nicht rede, denn ich hätte zu sagen gehabt, dass der kleine Junge mir ein sehr bezauberndes Theaterfesterlebnis beschert hat. So aber habe ich ihnen einfach enthusiastisch vehement nachgewinkt.

5 Gedanken zu „Theaterfest

  1. Hallo Silvia …..
    das ist ja eine gute Idee, so ein Theaterfest zur neuen Spielzeit zu organisieren. Hattest du einen Überblick über die Teilnehmerzahl dieser Veranstaltung? Ich glaube, die Hamburger sind hier im Norden dafür zu einfach steif.
    So ausführlich wie du geschrieben hast, mit Begeisterung eben, auch viele Einzelheiten, hat es dir sicher wieder viel Spaß gemacht, die jüngeren „Fans“ zu bespaßen und in dein Spiel mit einzubinden. Sicher ist das auch noch anstrengend dazu.
    Nebenbei gesagt ……..das Froschdrachekostüm steht dir gut ….. auch die Socken!

    Also ….. viel Erfolg für die neue Spielzeit und berichte, wie es läuft!!

    Liebe Grüße Brain

  2. Ich könnte gar nicht sagen, ob es ein Eröffnungsfest oder einen Tag der offenen Tür an den Hamburger Theatern nicht… ich weiß es nicht. Ich mag diese Tage. Weil sie eine Einladung sind und viele neue Begegnungen schaffen.
    Die Socken sind klasse oder? Was macht man nicht alles um den Kindern Brücken zu (Frosch)drachen zu bauen. 🙂

  3. Doch doch, solche Theatergalen, -feste, -feiern … whatever, gibt es an Hamburger Bühnen auch. Ohnsorg und St Pauli Theater machen das zum Beispiel traditionell zur Spielzeiteröffnung. Schauspielhaus und Thalia terminieren ihren Tag der offenen Tür, soweit ich weiß, unabhängig davon. Wobei ich mir jetzt nicht sicher bin, ob bei denen auch ein Froschdrache mit bei ist …

  4. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Spezies eine Artensingularität im St.Galler Raum darstellt. Ich bin mir aber ebenso sicher, dass es eine Menge artverwandte Spezies gibt mit denen man Kindern Spässeken machen kann.

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