Schuld und Sühne… und Vergebung

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Mark Stroman vereint viele texanische Klischees auf sich. Er ist ein bulliger Typ, dessen Nacken so breit ist wie sein Kopf, in dem sich Vaterlandsliebe zu einer furchteinflößenden Mischung mit Rechtsextremismus verbindet. Am 9. September 2001 verlor er seine Schwester in einem der Türme des World Trade Centers, sah sein Land unvorstellbaren Terroranschlägen ausgesetzt.

Er tötete zwei Menschen, ein weiteres Opfer, Rais Bhuiyan, überlebte, obwohl er ihm in den Kopf schoß. 35 Schrotkugel stecken noch heute in Bhuiyan's rechter Gesichtshälfte, sein rechtes Auge ist blind. Mark Stroman verstand das als seine persönliche Rache, er schoß auf Menschen, die in seinen Augen arabisch genug aussahen um seine Kugeln und den Tod zu verdienen. Er wird zum Tode verurteilt, seine Exekution durch die Giftspritze ist für diese Nacht angesetzt.

So weit das Verbrechen, so weit die Tragödie, so weit ein weiteres Beispiel für Hass zwischen Menschen, zwischen Völkern, zwischen Religionen, die sich nicht kennen, die sich nicht kennen lernen wollen, die einander nicht verstehen und sich deshalb umbringen… mit Flugzeugen, mit der Waffe in der Hand, mit der Vorstellung des Rechts auf ihrer Seite.

Aber diese Geschichte ist anders. Rais Bhuiyan ist anders, anders, als man das von dem Opfer eines solchen Verbrechens erwarten würde. Bhuiyan ist Muslim, seine Eltern sind beide Islamlehrer. Sie haben ihn gelehrt, dass alles in Gottes Namen geschieht und nichts davon grundlos. Noch im Krankenhaus vergiebt er Stroman. Sein Leben gerät aus den Fugen, er verliert seinen Job, seine Beziehung zerbricht, aber er findet einen neuen Sinn für sich. Er kämpft dafür Stroman’s Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe zu wandeln. Er sieht in seiner Hinrichtung keine Besserung für niemanden, aber er glaubt daran Menschen aus ihren Vorurteilen retten zu können, wenn es ihm gelingt Stroman’s Leben zu retten.

Dafür kämpft er. Er beginnt die Kampagne „World without hate“, er spricht mit den Hinterbliebenen der anderen beiden Opfer, er überzeugt sie von seiner Idee, er knüpft Kontakte zu Menschenrechtsaktivisten und der Menschenrechtsorganisation „Reprieve“. Die Organisation hat einen Brief bekommen. Eine Frau aus dem Saarland, eine Brieffreundin Stroman’s, schreibt von einem Vater aus Niedersachsen, den Stroman nie kennen gelernt hat.

Rais Bhuiyan reist. Er fährt nach Dänemark und führt Gespräche mit der Firma, die das Gift für die Hinrichtung liefert, nach Straßburg um den Fall vor dem Europäischen Parlament vorzutragen, in Berlin will er den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung treffen… Markus Löning sagt das Treffen in letzter Minute ab, Zeitmangel. Er werde jedoch an den texanischen Gouverneur schreiben – auch wenn es keine Beweise für eine deutsche Abstammung Stroman’s gäbe.

Ob das die Hinrichtung verhindern könnte ist fraglich. Begnadigungen und Wandlung der Strafe sind in Texas selten. Bhuiyan hat angekündigt, dass er nicht aufgeben werde. Nicht in Stroman’s Fall, in keinem Fall. Er hat eine Aufgabe gefunden, herausgefunden, was Gott von ihm erwartet hat, als er ihn zum Opfer machte.

Der Mann, der in Interviews immer noch etwas nervös wirkt, der langsam spricht und seine Worte mit Bedacht wählt, er versteht sich als Botschafter gegen den Hass. Er will etwas verändern. Mark Stroman hat er verändert.

Stroman spricht von ihm als bemerkenswerten Mann, als Überlebender seines Hasses, dessen tiefer islamischer Glaube ihm die Stärke gegeben habe das Unverzeihliche zu verzeihen, er sei eine Inspiration für ihn, ein Beispiel für alle, der Hass müsse aufhören.

Und noch einen weiteren Erfolg kann Bhuiyan verzeichnen… der dänische Pharmakonzern wird keine weiteren Todesspritzen in die USA liefern.

Es gibt viele Befürworter der Todesstrafe, es gibt viele Gegner. Ich persönlich lehne die Todesstrafe ab. Ich habe dafür einen ganz einfachen Grund: Menschen machen Fehler. Das Rechtssystem besteht aus Menschen. Es darf keine unumkehrbaren Urteile verhängen, es darf kein Leben nehmen dürfen. Nachweislich wurden in den USA von 1900-1985 über 350 Menschen zum Tode verurteilt, deren Unschuld später bewiesen werden konnte. Das sind nur jene Falschurteile, die aufgedeckt wurden… die Dunkelziffer mag höher liegen. Es gibt kein nachdrücklicheres Argument gegen die Todesstrafe… zumindest dachte ich das bis heute. Denn Rais Bhuiyan hat ein ganz einfaches gefunden, das ebenso gut ist. Er sagt, dass keine Hinrichtung Hass oder Gewalt aus dieser Welt löschen kann, man verliere nur ein weiteres Leben.

Mark Stroman gehört nicht zu den Unschuldigen. Die Überwachungskamera einer Tankstelle, lieferte unwiderlegbare Beweise seiner Schuld. Aber vielleicht ist das gar nicht wichtig. Vielleicht ist wichtiger welche Antwort Bhuiyan und die Angehörigen der anderen beiden Opfer gefunden haben auf die Frage: What lesson do you want to teach your children?

Vielleicht haben sie eine friedengebendere Antwort gefunden als Vergeltung. Vielleicht sollte ein Staat ihr Urteil höher bewerten, als das seine. Unabhängig davon ob Mark Stroman es verdient, unabhängig ob man seiner Wandlung glaubt… einfach nur weil man an die Gedanken seiner Fürsprecher glaubt und weil sie es verdienen, dass ihrem Urteil Respekt entgegengebracht wird.

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