„Ein fliehendes Pferd“

Wann wird aus einer guten Ehe eine ausreichende Ehe? Wann aus ersehntem Umgang eine liebgewonnene Gewohnheit? Ab wann verbringt man sein Leben mit einem Menschen, weil er einfach schon so lange da ist?
Sabine Halm könnte nicht sagen, dass sie eine schlechte Ehe führt. Sie würde das Gegenteil sagen. Sie würde von Respekt reden, den man einander schenkt, von gemeinsamem Humor, von einem um einander wissen und einem sich verstehen mit und ohne Worte. Sie würde die Interessen betonen, die man teilt… und vergessen zu erwähnen, was man schon länger nicht mehr teilt. Man schätzt den Wert des anderen, die Verbundenheit und die Kontinuität, die sich unter anderem in einem jährlichen Urlaub am Bodensee spiegelt… jährlich, seit 11 Jahren.
Ein zufälliges Aufeinandertreffen mit einem Schul- und Studienfreund ihres Mannes auf der Urlaubspromenade wird zur statischen Belastungsprüfung des eingefahrenen Ehegebäudes. Klaus Buch ist, ganz namensgemäß, Journalist und Verfasser von Trendbüchern, unkonventionell, Gesundheitsprofi, Herausforderungsfahnder und potenter Eroberer der 18 Jahre jüngeren Hel, mit der er in zweiter Ehe verheiratet ist. Sabine lädt das espritgeladene Paar in die Eheferienwohnung ein…
Fliehendes Pferd2(Plakatfoto © Theater St.Gallen/Tine Edel)

„Ein fliehendes Pferd“ ist eine 1978 veröffentlichte Martin Walser Novelle über die Lücken sozialer Behauptungen, über die Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Scheins und das Unvermögen der Aufrechterhaltung zwischenmenschlichen Scheins. 1985 adaptierten Martin Walser und Ulrich Khuon die Novelle für das Theater und wandelten den feingliedrigen Sarkasmus und das subtil/offensichtliche menschliche Verletzungspotential unerfüllter Sehnsüchte und Hoffnungen in eine szenische Fassung.
Es war Voltaire, der gesagt hat: „Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.“. Treffender lässt sich das zeitlose Brennmaterial der vier Figuren nicht beschreiben, mit dem sie, zur kritischen Masse verdichtet, beginnen miteinander entlang ihrer Wünsche zu zündeln. Das Ende ist Zerstörung und Aufbruch zugleich – vielleicht hinein in eine Erneuerung…vielleicht auch nur in die Rekonstruktion des gewesenen. Das Ende ist die Frage, ob Menschen mit ihren Erfahrungen nur lernen… oder ob sie etwas begreifen.

„Ein fliehendes Pferd“ – Theater St.Gallen/Lokremise – weitere Aufführungen: 10., 13., 14., 17., 18., 22., 25., 27. und 29. September 2013

In der Novelle reisen die Halms mit ihrem siebenjährigen Cockerspaniel „Otto“ an den Bodensee. In der Theaterfassung ist „Otto“ aus verständlichen Gründen nicht anwesend. Unsere Kostümbildnerin Meta Bronski machte ihn, zu meinem außerordentlichen Vergnügen, trotzdem zu einem Teil ihrer wunderbaren Figurinen. Ich möchte ihn nicht vorenthalten…

Otto Halm Cockerspaniel

6 Gedanken zu „„Ein fliehendes Pferd“

  1. Hallo liebe Silvia…..

    ich habe den Artikel gelesen. Ich habe darüber nachgedacht und das schon bei den ersten zwei Sätzen. Fühlte ich mich angesprochen? Ich weiß es nicht. Immerhin habe ich 32 Jahre herumgebracht, nein, erlebt, in der Ehe und ich komme immer noch gerne nach Hause. Allerdings musste ich auch leicht schmunzeln. Ich erinnerte mich an die Worte des Alt Bundeskanzlers Schmidt, der einmal sagte : Ach ja, man muss sich auch mal ertragen können. Ich glaube er meinte, man sollte nicht immer gleich aufgeben, manchmal eine schwierige Aufgabe.
    „Eines Tages wird alles gut …..“ Ich denke daran………………..
    Und …… Cocker ….. sind lustige Hunde ……. habe drei süße „Viecher“ in meinem Umfeld!

    Liebe Grüße …. hoffe Dir geht es gut …
    Brain

    LG Brain

  2. 1950 heiratete Walser seine Käthe, vier Töchter gingen aus dieser Ehe hervor… der Mann weiß, was eine Langzeitehe für Schönheiten und Schwankungen erlebt… das glaube ich ziemlich sicher. 🙂
    Gerade beim „fliehenden Pferd“ ist der Gedanke sehr naheliegend, dass etwas Walser in beiden männlichen Hauptfiguren steckt und so hat er sicher auch seinen eigenen Erlebnishorizont schriftstellerisch umgeformt verarbeitet. Das Stück ist durchaus kein Plädoyer gegen langanhaltende Beziehungen, gar nicht… es beschäftigt sich nur ein wenig mit den Versuchungen, die dabei erwachsen können. 🙂
    Und ja, Cocker sind sehr lustige Hunde… ich spiele immer recht gern mit ihrem „Haupthaar“, da haben sie oft recht comichafte Frisuren – oder man kann ihnen welche hineinstreicheln…

  3. Ich glaube, das Thema der Novelle ist deswegen immernoch so zeitgemäß, weil eine Beziehung ja nichts in Stein gemeißeltes ist (und wenn dann eher aufgrund gesellschaftlicher Konventionen als von sich aus). Das „romantische“ Modell sieht im Grunde vor, ein Eheversprechen zu geben, das um jeden Preis aufrecht erhalten wird, weil sich die Qualität einer Beziehung nach seiner Auffassung vor allem in ihrer Langlebigkeit ausdrückt. Eine Annahme, die man mit Recht mal in Frage stellen kann. Gleichzeitig wird aber bei Walser der Gegenentwurf zu diesem Modell auch nicht unhinterfragt goutiert. Die Fassade der scheinbaren Selbstverwirklichung brökelt auch bei dem jungen Paar, welches sich in seiner Beziehungsführung wohl eher auf Statussymbole verläßt. Vielleicht mag ja, wenn die Novelle überhaupt eine Empfehlung hinsichtlich der Lebensgestaltung geben wollte, Achtsamkeit die Lösung sein, auf die es hinausläuft …

  4. … und Ehrlichkeit. Vor sich selbst und anderen. Ein bißchen dieser Ehrlichkeit bekommen beide Paare zu schlucken, die Umstände zwingen sie sich zu hinterfragen, Masken abzulegen. Walser lässt offen welche Schlüsse jeder für sich und die Paare miteinander ziehen. Es könnte sein, dass sich alles verändert… vielleicht sogar verbessert. Es könnte auch sein, dass man die abgebröckelte Fassade neu verputzt. Der Schluss stellt fragen, die jeder mit nach Hause nehmen darf. Durchaus eine Qualität, wie ich finde.

  5. Stück und Inszenierung kenne ich nicht, aber die Novelle.
    Ist es nicht eher so, dass die einzelnen Figuren ihre jeweiligen Verwerfungen bereits recht gut konserviert in ihre Beziehungen mitgebracht haben, dass also die aufbrechenden Verspannungen nicht die Folge von nachlässig und unehrlich entwickelten Beziehungen sind, sondern deren Ursache? Dass die erzählte Handlung der Beziehungskonflikte also eine Projektionsfläche ist, die Walser quasi über die Binnenhandlung legt, die die Konfrontation der Figuren mit ihrem Selbst untersucht?

  6. Ja, Du hast recht. Sie bringen Vorgeschichten mit in ihre Beziehungen und haben als einzelne Menschen bereits die Disposition diese Vorgeschichten und eigene, von ihnen lang empfundene Defizite weder anzugehen noch zu veröffentlichen. Sie setzen sich bereits als Einzelpersonen nicht mit sich auseinander und haben diese Gepflogenheit mit in ihre jeweiligen Ehen getragen. Man könnte sogar sagen, sie haben sich Partner gesucht, die ihnen erlauben mit Vertuschung zu leben. Und das haben sie getan, unterschiedlich lange, aber vehement. Das Aufeinandertreffen macht sie füreinander zu Katalysatoren, in der Kombination sind sie plötzlich konfrontiert… und sie sind es nicht gewohnt konfrontiert zu sein.
    Das Stück findet da allerdings andere Mittel des Ausdrucks. Die Novelle verändert sich in der in der Stückfassung. Einmal natürlich, weil sich die Helmut’sche Erzählsicht im Theater nicht aufrecht erhalten lässt. Zum anderen fehlt nicht nur der kleine Otto Halm, sondern auch die Szene um das fliehende Pferd, das Stück ist gewissermaßen tierbereinigt… dafür aber gibt es ein zusätzliches Gespräch allein zwischen den beiden Frauen. Da Walser an der Stückfassung mitgearbeitet hat kann man die Änderungen gutheißen, der innere Einblick, den die Novelle quasi natürlich mitliefert, ist aber erstmal neutralisiert und muss für alle Figuren darstellerisch gefunden werden.

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