Waschküchenliebesgeschichte

Die Tour de France nähert sich ihrer Entscheidung. Morgen letzte Etappe. Viel mitbekommen habe ich nicht von ihr. Schon seit Jahren schaue ich mir die Übertragung kaum noch an. Dabei mochte ich das mal sehr. Ich fand es beinah meditativ dem Surren der Gangschaltungen zuzuhören, manchmal gemischt mit dem Rotorengeräusch des Hubschraubers und den Motoren der Begleitfahrzeuge, sich die Landschaft anzusehen, die Fahrtechnik zu studieren, die Mannschaftsstrategien, die Einzelfluchten und Ausreißversuche, das langgestreckte Spektakel, die Leiden in den Bergen, das Wahnsinntempo der Abfahrten.

Das war damals, als man noch irgendwie glauben konnte, dass es nur einige schwarze Schafe gibt, die ihrer Leistung mit konsequentem planvollen Doping auf die Sprünge helfen. Heute erlaubt sich die Frage: sind eigentlich irgendwelche Schafe im Pulk weiß?

Der Profiradsport als Wettkampf medizinischer Strategien, ein Katz und Maus Spiel um Dosis, Mittel, Einnahmezeitplan… es macht keinen Spaß mehr.

Manchmal gucke ich noch „Material“. Nein, ich spreche nicht von den muskulösen Kehrseiten der Helden im Sattel… ich schaue wirklich nach den Rädern. Was ist grad‘ so Mode? Was gibt’s denn neues? Wohin geht der Trend? Aber das ist immer nur kurz.

Dabei sind Fahrräder eine ganz alte Liebe von mir. Zusammengebaut wurden sie in der Waschküche. Die hieß so, weil sie wohl wirklich mal eine gewesen war. Kessel standen noch herum, uralte Leitungen liefen am bröckelnden Putz der modrigen Wände entlang. Keiner brauchte sie mehr. Keiner sagte etwas, als wir Kinder aus dem Haus anfingen dort Fahrräder zu reparieren und unterzustellen. Im Gegenteil, man schenkte uns manchmal altes Werkzeug.

Wenn Sperrmüll war schwärmten wir aus und suchten nach Fahrradteilen. Nach und nach bildeten sich Stapel. Felgen türmten sich, Rahmen, Lenker, Blecheimer voller schmieriger Ketten, Pedale… Bremsen waren immer knapp.

Wenn es regnete, dann hockten wir in der Waschküche und bauten uns neue Räder zusammen. Gewagte Entwürfe – bestimmt durch das verfügbare Material. Wenn es nicht mehr regnete fuhren wir sie Probe. Wenn sie enttäuschten, dann wurden sie halt wieder demontiert und anderweitig verbaut. Manchmal investierten wir und kauften Spraydosen. Dann bekamen die Rahmen neue Farben. Wenn man das im Winter machte, dann kam man völlig beduselt aus dem kleinen schlechtbelüfteten Raum und die Waschküche roch noch tagelang nach einer hinreißenden Mischung aus Öl, Gummischläuchen und Lackfarbe. Den Geruch werde’ ich nie vergessen!

Kurz vor meinem 15. Geburtstag erhielt ich Waschküchenverbot von meinem Bruder. Er tat schrecklich geheimnisvoll. Am Geburtstag überreichte er mir mein erstes Rennrad. Er hatte einiges gekauft, einiges aus dem Ersatzteillager verwendet, ein paar alte Fahrradteile aus dem eigenen Besitz beigesteuert und mir mein erstes Rennrad gebaut – und er hatte es rosa gesprüht! Mein erstes Rennrad war ROSA!

Es bekam einen Namen und ich bin wahnsinnig gerne damit gefahren.

So fing das alles an. Die Räder wurden immer besser, ich wurde immer schneller. Als ich mit 25 Jahren mein erstes Engagement in Dessau antrat verkaufte ich mein Rennrad… von dem Erlös erwarb ich eine Waschmaschine. Das war praktisch, aber ich hatte mir auch das Pflaster in Dessau beguckt… nicht rennradtauglich, gar nicht.

Erst mit 38 entdeckte ich meine Fahrradbegeisterung wieder. Rund um Regensburg finden sich einige der hinreißensten Radwege von Deutschland. Großartig beschildert, angenehm zu fahren, landschaftlich begeisternd. Ich erstand ein Tourenrad. „Sunny“ (das mit den Namen habe ich beibehalten!) ist ein Maulesel. Man kann tonnenweise Gepäck aufladen und wie ein ein Cowboy auf einen Trek gehen oder einfach tageweise cruisen. Nachdem ich also wieder Geschmack gefunden hatte, und nebenbei auch noch Triathlonabsichten entwickelte, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder etwas schnelleres treten wollte. Und wer war besser geeignet mir dafür den passenden Drahtesel zu bauen als mein Bruder?

Er zeigte sich sofortigst angetan von meinem Wunsch und die geschwisterliche Abstimmung begann. Er stöberte nach Rahmen und beschickte mich täglich mit Ebayangeboten. Bunte Rahmen, Breitrohrrahmen, Rahmen in allen Facetten – aber ich war nicht gethrilled.

„Watt willste denn?“

Ich wollte etwas klassisches, ohne Schnickschnack, elegant aber kraftvoll, wie aus einem Designguss, etwas dunkles, „…etwas, das Darth Vader fahren würde!“. DAMIT konnte er was anfangen und er fing an zu jagen und zusammenzubauen. Herausgekommen ist ein Traum in schwarz, 9,2 Kilogramm Glanzlack und Metall, erlesen ausgestattet, vollkommen an meine Größe und Wünsche angepaßt … und von mir ein ganz klein wenig endgetuned. Das Oberrohr ziert ein edler Schriftzug: conceptbike designed by (sein Name) – velocity in style.

Natürlich hat es einen Namen, natürlich heißt es „Vader“ und natürlich habe ich das Konterfei des dunklen Lords auf dem Vorbau angebracht.

Am 31.07. findet in Regensburg der alljährliche Arber Radmarathon statt, ich werde ihn zum dritten Mal fahren. Mein Bruder schlug dafür einmal vor, ich solle schwarz tragen und mit Darth Vader Helm fahren… Helm ist ja immer gut auf einem Fahrrad. Ich fand die Idee spannend. Aber nur einen Moment lang. Ich glaube, man kann nicht gut atmen in den Dingern und selbst meine Star Wars Hinwendung kennt Grenzen. Und eine TÜV-Zulassung für die Straße hat der sicher auch nicht!


(„You underestimate the power of the dark side.“)

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