7000 on the move

Zu Zeiten weit von heute und nah des Mittelalters gab es wohlgepflegt den Brauch , dass die edlen sich gemessen im Zusammenkommen, welches ward Turnier genannt. Getränkt in Schweiß, durchtränkt von eisern Willen schuf dies Treffen Helden, gefeiert im bunten Gepränge einer ihnen huldigenden Menge.

Heute haben wir sowas nicht mehr – heute haben wir Sport.

Bei manchen dieser Veranstaltungen schwingt man sich auf die edlen Rösser der Neuzeit, tritt sie bis ihr Tacho eine Geschwindigkeit anzeigt, die größer ist, als die Geschwindigkeitsbegrenzungen der Dörfer, durch die man rauscht, berauscht sich am Schnurren der Gangschaltung im Leerlauf, sammelt eine aparte Mischung aus salziger Kruste und Straßendreck auf seiner Haut an und findet das vergnüglich.

Kommt es darauf an, wer wann ins Ziel kommt, dann nennt man das Radrennen, kommt es darauf an in einer bestimmten Zeit überhaupt ins Ziel zu kommen, dann ist’s ein Radmarathon. Ich fahre die Marathons lieber. Man fährt gegen die Länge der Strecke, aber nicht gegeneinander…obwohl es erstaunlich ist, wieviele Männer es überhaupt nicht verknusen können, wenn eine Frau sie auf dem Rennrad überholt und dann kleine Wettfahrten anzetteln, selbst wenn sie auf einem betagten Tourenrad sitzen und es nicht mal eine herausragende Leistung von mir darstellt, dass ich sie abhängen kann.

Trotzdem herrscht bei Marathons eine ganz andere Stimmung. Der Arber-Radmarathon ist einer aus der anspruchsvollen Kategorie… jedenfalls, wenn man eine der Touren in die Berge fährt. Das mache ich aber nicht. Ich bin doch nicht verrückt.

Zunächst einmal hasse ich Bergfahren. Immer schon. Ich fluche dabei wie ein Rohrspatz, wenn es denn mal sein muss. Ich bin auch eine sehr unsichere Abfahrerin – klar, logisch, wie soll ich’s wohl lernen, wenn ich Berge meide, wie der Teufel das Weihwasser. Vader, mein Rennrad, ist dafür auch nicht bestückt. Vader wurde gebaut um hohe Geschwindigkeiten zu fahren. Und weil mein Bruder glaubt, ich wäre ein Bolzer wie Jan Ulrich und könnte vergleichbare Wattzahlen auf die Straße treten habe ich vorne Kettenblätter in Frühstückstellergröße, während die hinteren vom Bierdeckel bis zum Fünfmarkstück gehen – Berguntauglichkeit …es sei denn man ist Jan Ulrich. Bin ich nicht, deswegen fahre ich die flache Tour. Die ist toll. Meistenteils entlang der Donau. Flüsse sind auch toll. Flüsse fließen da, wo’s flach ist. Deswegen fahren Kind und Kegel diese Tour, ganz bunter Haufen. Manche mit Kinderanhänger, Knirpse, die nur knapp dem Puky-Rad entwachsen sind, ganze Familien, Freizeitfahrer, Cracks, die Mischung ist wild und verwegen. Neun Uhr ist Massenstart… lockere Aufstellung auf der Startgeraden, gemeinsamer Countdown, auf „Los!“ setzt sich die Räder-Legion langsam in Bewegung, an der Hauptbühne vorbei, aus den Lautsprechern dröhnt „Conquest of Paradise“, wir passieren Sponsorenfahnen und Starttor – ich liebe es. Das hat Wucht, das hat Masse, das hat was von Aufbruch, von „Come on, let’s do it!“, von in die Schlacht ziehen, von Herausforderung, von „alles noch vor sich“… Gänsehaut und strahlende Gesichter. Ich grinse jedesmal als ginge die Fahrt ins Zuckerwatteland.

Dann heißt es vorausschauend fahren. Am Anfang sind alle dicht zusammen und in diesem Pulk passieren unerwartete und bremsentestende Dinge. Man schlenkert aus, Kinder veranstalten übermütige Kurzsprints und quetschen sich durch Lücken, andere sind Pulkfahren gar nicht gewöhnt und weichen schon aus, wenn jemand in einem Meter Abstand vorbei will, wieder andere strecken zum abbiegen spontan zackig die Arme ‘raus… auf einer abgesperrten Strecke, auf der etwa 150 Menschen im Feld vor uns erkennbar abgebogen sind und zumindest die Vermutung nahelegen, dass wir dies wahrscheinlich auch alle machen.

Ich fahre sehr gedämpft und behutsam durch die erste halbe Stunde, fahre nach vorne wo es sicher geht, habe aber auch kein Problem mit weniger Tempo, das Feld wird sich von selbst in Geschwindigkeitszonen ziehen und dann kann man brettern wie man will. So ist es dann auch. Die Versorgungsstation lasse ich aus und fahre durch. Zunächst kommen mir nach dem Wendepunkt noch viele entgegen, dann wird’s einsamer. Und plötzlich bin ich irgendwie ziemlich allein auf der Strecke. Ich beginne mich zu fragen, ob ich irgendwo falsch abgebogen bin, ein Pfeilschild übersehen und die Strecke verlassen habe. Einige Kilometer vor Regensburg dann doch wieder Schilder. Ich war nicht falsch abgebogen, ich war einfach schnell. Breites Grinsen ob dieser Erkenntnis. Ja, ich weiß, ist ja kein Rennen… aber sowas ist trotzdem schön zu merken und streichelt das Ego.

Bei der Zieleinfahrt mache ich Spökes mit dem Fotografen. Entweder dieses Foto wird grenzdebil aussehen – oder verdammt cool.

Und dann isses schon vorbei. Der Platz ist ziemlich leer. Eine bayerische Blaskapelle unterhält die wenigen, die auf ihre strampelnden Freunde und Familienangehörigen warten, die Stände der Sponsoren stehen verwaist und warten auch auf die Rückkehrer der Touren. Vielleicht 50 von meiner Tour, ein paar vermatschte Moutainbiker, mehr sind’s noch nicht. Ich hole mir mein Trikot ab, meine Urkunde,eine Portion Nudeln mit Käse und schiebe Vader nach Hause.

Den ganzen Tag, noch bis weit in den Abend hinein, werden die Fahrer/innen/kinder von den Strecken eintrudeln… jeder einzelne ist Erster und hat’s geschafft. Um 12h stehe ich bereits wieder in der historischen Innenstadt, in einem der besten Cafés vor Ort und kaufe Johannisbeerbaisertorte. Mag sein, Kuchen um High Noon wird in Ernährungsratgebern nicht vorgesehen – aber es ist ja auch gigantisch, was man so an Kalorien auf der Strecke lässt… wie soll man die denn sonst wieder ‘reinkriegen???

3 Gedanken zu „7000 on the move

  1. Wow! Ich seh schon, unser gemeinsamer Halbmarathon wird ungefähr 2 Minuten ein gemeinsamer sein … danach haste mich überholt. Auf dem Foto machst Du übrigens eine bessere Figur als Jan Ulrich. Großartig!

  2. Autsch. Haben Bayerns Hairstylisten derzeit alle Urlaub, oder ist das blasse, dünne, formlose Gezippel auf dem Kopf Teil einer Rolle? Beste Grüße aus Birmingham (mal wieder, Du weißt schon) vom kleinen Arschloch

  3. … nein, weiß ich nicht. Was ich aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festzustellen wage ist, dass Du noch niemals mit einem Fahrradhelm einen Radmarathon gefahren bist.
    Und ich kann mich einfach nicht dazu durchringen einen Hairstylisten zu solchen Events zu bestellen. Die Armen müssen dann so lange warten und Du weißt ja, Blasmusik ist nicht jedermanns Geschmack…

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