Mögen die Spiele beginnen

Ich bin gegen Talkshows in denen Laien ihr zerstörtes Beziehungsleben veröffentlichen, ihre Familienfehden einem johlenden Studiopublikum zugänglich machen oder mit künstlich aufgeplusterten Exaltiertheiten nach fünf Minuten Fernsehaufmerksamkeit fahnden. Ich bin vor allem deswegen dagegen, weil ich es für unverantwortlich halte medienunerfahrene Menschen in den Häcksler der TV-Verwertung zu werfen, die weder ihre Wirkung noch deren Konsequenzen abschätzen können.
Allerdings geht mein Mitleid und Fremdschähmpotential schlagartig offline, wenn mediengewohnte B,C,D,E,F-Promis sich freiwillig über dem australischen Dschungel abwerfen lassen um sich fürderhin von Reis, Bohnen und Kakerlakendrinks zu ernähren.
Das „Dschungelcamp“ geht in die achte Staffel und jede/r Campbewohner/in dürfte hinlänglich Gelegenheit gehabt haben zu recherchieren für welche soziologische TV-Studie sie/er gebucht worden ist. Der Konsumgehalt des Dschungelcamps manövriert auf einer Stufe mit Chips und Mikrowellenhamburger und spaltet die Nation in Ernährungswissenschaftler und Junkfoodfans. Neun Millionen Zuschauer aller Alters- und Bildungsschichten snackten sich durch die Finalfolge der letzten Staffel. Die anschließende Nominierung für den Grimmepreis führte nicht nur bei Katrin Sass zu kultureller Empörung. Dabei erhebt die RTL-Version der wortwörtlichen „Hunger Games“ so wenig Anspruch auf Kunst, wie die Bildzeitung auf tiefschürfenden Journalismus, während sie schwarze Zahlen schreibt obwohl niemand sie liest.
Das aus England importierte TV-Format macht keinen Hehl daraus „die niedersten Gaffgelüste verrohter heimischer Chipsfresser zu befriedigen“…wie „Der Spiegel“ schreibt. Damit allein allerdings kann man den Erfolg des stressmaximierten Camps nicht erklären. Dass es nicht reicht die niedersten Instinkte der Fernsehzuschauer anzusprechen bewiesen die zu Recht grundgefloppten Realityshows „Wild Girls“ und „Reality Queens auf Safari“ … bei denen es Pseudo-Promis erlaubt wurde kopfschüttelnde Einheimische mit ihren Albernheiten zu belästigen.
Der Schlüssel zur Konsumakzeptanz des Dschungelcamps liegt wohl eher darin, dass die Teilnehmer im eigenen Saft schmoren und sich ausschließlich gegenseitig mit der Demaskierung ihrer sozialen Kompetenzen die Nerven ramponieren. Zu diesem Zweck stellt RTL jährlich eine erfolgversprechende kritische Masse aus Allüren, Attitüden, Ambitionen und Aversionen zusammen, die, gewürzt mit Dschungelprüfungen, Schatzsuchen, Nahrungsmittelknappheit und der Aufgabe Stimmen für den weiteren Verbleib im Camp zu akquirieren, notwendigerweise explodieren muss. So ist nicht das OB die Frage, sondern das WIE.
Wie bei allen interessanten menschlichen Versuchsanordnungen, gleich ob Theaterstück oder Verhaltensexperiment, werden die Protagonisten umständehalber gezwungen die Komfortzone ihres selbstgewählten Rollenverständnisses zu verlassen und problembehaftet abseits ihres Normalverhaltens zu interagieren. Dabei kann die Erwartungshaltung des Publikums sowohl erfüllt als auch durchbrochen werden. Darin liegt die konzeptionelle Fairness und ein nicht unwesentlicher Reiz der sich live entwickelnden Handlung. Das Playmate kann sich darauf beschränken hüllenlos im Planschteich zu baden oder als geschickte Streitschlichterin verblüffen. Der dynamische Held kann Essenssterne sammeln wie ein Weltmeister oder von einer Schar beißwütiger Ameisen dazu verdammt werden wie ein Koloratursopran zu kreischen. Andererseits kann die Diva oder das Weichei in den Dschungelprüfungen auch eine erstaunliche Fähigkeit zur Selbstüberwindung unter Beweis stellen. Unterhaltungsdramatik entsteht, wenn Menschen anderen Menschen dabei zuschauen, wie sie eine Wahl haben. Kein Theaterstück würde über Menschen geschrieben, deren Schicksal vorbestimmt ist. Was uns interessiert sind die Entscheidungen, die sie treffen und die Entwicklung, die sie dabei nehmen. RTL hat dieses Prinzip bloß in den Dschungel verlegt und mit Kameras bestückt.
Der Wiener Komponist, Autor, Musiker und Kabarettist Gerhard Bronner sagte: „Das Drama aller Zeiten hat eigentlich nur ein einziges Thema gehabt: die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu leben.“. Man ist versucht sich an Jean-Paul Satres „Geschlossene Gesellschaft“ zu erinnern und die Erkenntnis: „Die Hölle, das sind die anderen.“. Die kulturelle Aufarbeitung dieses Gedankens ist Satre tiefgründiger und aus anderen Motiven gelungen als RTL, keine Frage. Und doch nutzen beide zutiefst menschliche Mechanismen, im Handelnden, im Zuschauer… auf ihre Weise.

13 Gedanken zu „Mögen die Spiele beginnen

  1. Sehr schön beschrieben. Und damit bist du auch gleich geoutet als einer dieser verrohten heimischen Chipsfresser mit niedersten Gaffgelüsten. 🙂

  2. Ich habe von diesem Hype ungefähr anderthalb Stunden Sendezeit, auf kleine Häppchen verteilt, konsumiert, mich überwiegend zu Tode gelangweilt und den Rest der Zeit fremd geschämt. Ich hege nicht direkt Empörung für dieses Format, kann ihm aber ehrlich gesagt keinen besonderen Charme abgewinnen. Es fällt mir schwer zu verstehen, was Menschen veranlasst, sich ohne Not auf so lieblose Art vorführen zu lassen und der Unterhaltungsfaktor erschliesst sich mir bislang auch nicht so richtig. Um ehrlich zu sein finde ich die Prekkis, die sich bei Vera am mittag an die Gurgel gehen, sogar unterhaltsamer …

  3. Ich verfolge Biosphere2 und Mars500. Ich kenne die Experimente von Ian Robbins… und da sollte ich das Dschungelcamp nicht studieren??? 😉

  4. Also, ich oute mich auch mal und „gestehe“ schon in diese Sendung hingesehen zu haben, allerdings zur Entschuldigung meinerseits nur beim Zappen, aber doch etwas hängengeblieben.

    Fazit : Das kann man sich nicht ansehen, ist eher Arbeitslosen – TV und soviel Gage könnte man mir gar nicht zahlen, so als viertklassiger Promi um dort mitzumachen, es sei dann man ist pleite. Man macht sich lächerlich und im wahrsten Sinne des Wortes zum Affen!
    Und … die Frage ist, lohnt sich das für den Sender, so was auszustrahlen? Billig kann das ja nicht sein.

    Allerdings kann man sehr gut erkennen, was das für Leute sind, in allen bisherigen Sendungen, wenn diese Damen und Herren den Mund aufmachen und versuchen Erklärungen abzugeben. Ich glaube, da spielt Medienerfahrung dann keine Rolle, eher die Intelligenz und vielleicht Lebenserfahrung. Dazu sage ich immer:
    „Nur gut aussehen genügt sicher nicht….“

    Was sagte mal ein kleiner Star, so aus diesem vielfältigen, doch unbedeutenden Bereich : Ja klar, der Eiffelturm liegt in Holland und der hier (sie deutete auf ein Bild von Honecker) ist ein US – Schauspieler!

    Nun gut … in diesem Sinne liebe Grüße

    BRAIN

  5. Hier die Antwort auf die Frage, ob es sich für den Sender lohnt:

    … laut Insiderkreisen belaufen sich die Produktionskosten auf rund zwei Millionen Euro pro Folge – das bedeutet 30 Millionen Euro pro Staffel.

    „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gehört zu den erfolgreichsten Formaten RTLs und erzielt täglich gigantische Einschaltquoten. Ein klassischer 30-sekündiger TV-Spot liegt beim Dschungelcamp zwischen 57.500 und 72.000 Euro.

    Werbung ist aber nicht die einzige Einnahmequelle für RTL. Per SMS und Telefonanruf können die Zuschauer festlegen, welche Promis zur Dschungelprüfung antreten – später auch wer das Camp verlassen soll. Für den Sender ein lukratives Geschäft, denn hunderttausende Euro sammeln sich hier täglich an.

    weiter lesen: http://web.de/magazine/finanzen/wirtschaft/17037396-kostet-dschungelcamp.html#.A1000145

  6. Ja, die Rechnung geht bei allen interaktiven Formaten aller Sender perfekt auf… das heisst bei allen Formaten, wo die Werbekosten durch kostenpflichtige Abstimmungen der Zuschauer ergänzt werden. Die Ausbeute dürfte bei den ganzen Sängerformaten sogar noch höher sein… da deren Produktionskosten wahrscheinlich weniger Aufwand finanzieren müssen. (edit Ja, ist so, steht so auch in Kajs Link!) Es gibt einen amüsanten Frontal21-Bericht, der mal ein wenig die Hintergründe der Produktionsumstände auslotet:

    http://www.youtube.com/watch?v=WOJegquFSVw

    Im FOCUS beklagte übrigens die Schauspielerin Nikola Kastner, dass das Dschungelcamp anspruchsvollere Formate bei RTL blockiert.
    http://www.focus.de/kultur/experten/kastner/schauspielerin-beschwert-sich-ueber-rtl-show-dschungelcamp-blockiert-sendeplatz-fuer-anspruchsvolles-2_id_3549381.html
    Die Moderatoren griffen das in der gestrigen Sendung auf und fragten sich das gleiche, was auch ich spontan dazu dachte: was für anspruchsvollere Formate???
    Denn sein wir ehrlich… es ist ja nicht so, dass RTL sich permanent durch hochpreisige Fernsehfilme auszeichnet. Es ist ja nicht mal so, dass sie ihre Realitysoaps mit Schauspielern besetzen.
    Man kann argumentieren, was man mit den (unbestätigten) 30 Millionen alles an freien Theatergruppen finanzieren könnte. Wohl wahr. Grob gerechnet könnte man aber auch sagen, dass zwei Folgen „Wetten dass“ pro Jahr weniger das Anhaltische Theater vor seiner unwürdigen Zerschlagung bewahren könnten. Die Rechnung wieviel gutes Theater man mit schlechtem Fernsehen finanzieren könnte darf man so oder so nicht aufmachen… es führt zu Wahnsinn.

  7. Kaj….

    danke, ich hatte zwar nicht genau danach gefragt, aber diese Kosten eines Werbespots hatten mich schon länger interessiert. Alles zusammen sind es wirklich gigantische Summen, die scheinbar leichtfüßig über den Tisch laufen.

    Und Silvia ….. deinem letzten Absatz stimme ich voll zu. Ich glaube, darüber darf man gar nicht
    nachdenken und „wir“ werden sicher auch nichts ändern. Obwohl … der Sender RTL würde bei einer
    finanziellen Unterstützung der Theater bei den Interessierten ganz „hoch oben“ stehen.

    Zum Abschluss, objektiv gesagt: Eigentlich schmeißen die mit dem Geld nur so um sich …….

    LG

    Brain

  8. Das tun sie… denn die Wirtschaft und die Zuschauer schmeißen es ihnen zu. Allerdings freiwillig. Bei den öffentlich rechtlichen Sendern kennt man beides auch, kann aber zusätzlich noch die staatlich eingetriebenen Rundfunkgebühren verteilen. Man stelle sich nur mal vor, der Staat würde sich dazu hinreißen lassen von jedem Steuerzahler monatlich einen Euro einzutreiben um damit eine Jahrhunderte alte Theaterlandschaft vor ihrer Abholzung zu bewahren… hm… was für eine schöne Utopie.

  9. Ja, was Kultur angeht, ist es in der Tat so, dass es problematisch ist, Steuergelder ausschliesslich nach dem Kriterium der größten Nachfrage zu verteilen. Dann hätten wir eben nur noch seichte Unterhaltungsformate und gar keinen Schiller mehr. Wäre ja auch irgendwie schade.

  10. Nun… die öffentlichrechtlichen bekommen die Rundfunkgebühren ja eben, damit der Verrohung der Sehgewohnheiten durch die privaten Sender kultureller Einhalt geboten wird. 😉
    Wäre doch schön, wenn die Kulturgebühren im Theaterbereich das ihrige für Schiller&Co. tun würden… eben abseits der Nachfrage.

  11. Hallo Silvia,

    Die Hamburger Kultur – und Tourismusabgabe gibt es ja schon. Ich habe das mal nachgelesen. Diese Abgabe soll auch für kulturelle Veranstaltungen, eher wohl aber für Sportevents, genutzt werden. Allerdings ….. von einer Theaterunterstützung in der Stadt habe ich nichts herauslesen können. Dabei gehe ich davon aus, dass viele Touristen auch die Hamburger Theater besuchen.

  12. Zweifellos. Allerdings scheitert das Konzept ja bereits beim sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht selten an der Umsetzung. Mich nerven zwar diese Kulturpessimisten, die finden, dass früher eh alles besser war. Aber dem Eindruck, dass z.B. selbst öffentlich-rechtliche Dokuformate immer boulevardtauglicher werden, kann ich mich leider nicht so entziehen … Trotzdem: Ich wär‘ dabei!

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