„Wir spielen in keinem toten Haus.“

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Es ist schon ein wenig irritierend. Kultusminister Stephan Dorgerloh will am Anhaltischen Theater die Sparten Schauspiel und Ballett schließen. Von einem „kulturellen Kahlschlag“ mag er trotzdem nicht sprechen und fabuliert von Strukturanpassung und alternativer Bespielung. Allein… die kulturelle Vielfalt, die er zu erhalten gedenkt, empfindet seine Pläne durchaus nicht als Bereicherung. Matthias Brenner, Intendant vom Neuen Theater Halle, verneinte auf journalistische Nachfrage gleich dreifach und sprach von „Beuteteilungsphilosophie“ an der er sich nicht zu beteiligen wünsche.
Das Hans Otto Theater sieht das genauso und fand für diesen Widerwillen deutliche, treffende und wohlformulierte Worte, die einer Verbreitung wert sind:

Sehr geehrter Herr Minister,
mit größter Verwunderung erfahren wir aus Ihrem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung, daß Sie u. a. das Hans Otto Theater Potsdam zur Bespielung der von Ihnen abgewickelten Dessauer Bühne vorsehen. Wir erinnern uns an keine Absprachen.
Ist es vielleicht Ihr Ziel, der zu Recht empörten Öffentlichkeit »Alternativen« vorzutäuschen? Wie können Sie glauben, daß unsere Potsdamer Künstlerinnen und Künstler auf einer Bühne spielen, deren Ensemble Sie ausgelöscht haben? Wir spielen in keinem toten Haus. Wir setzen unser Ensemble nicht dem Boykott des Dessauer Publikums aus. Wir lassen uns nicht in die Machenschaften Ihrer verheerenden Politik hineinziehen.
Wir fordern Sie auf, umgehend die Zerstörung der großen Dessauer Spieltradition zu stoppen. Diese 220jährige Ensemble- und Theatertradition gehört nicht Ihnen. Generationen von Künstlern haben hier gemeinsam mit Generationen von Bürgern und Stadtgemeinschaften ihre Welt befragt, Anschauungen entwickelt, soziale Erfahrungen und Erkenntnisse mit ästhetischen Mitteln vertieft.
Ihre Aufgabe ist es, künstlerische Impulse und Traditionen zu beschützen. Die bloße Auslöschung von Teilen der Struktur, ohne Idee für einen Neuanfang, ist phantasielos und haltungslos und bedeutet die ultimative kulturpolitische Bankrotterklärung.
Im Hinblick auf Ihr hohes demokratisches Amt halten wir Ihr Vorgehen darüber hinaus für moralisch verwerflich. Sie zertreten die Saat.
Es ist richtig, die Region wandelt sich. Haben Sie Ideen für die Zukunft? Wo Theater, Schauspiel-, Ballettsparten geschlossen werden, entsteht nichts – nur Ödnis. Prothesen können echte kulturelle Bewegung weder ersetzen noch imitieren. Die Kulturtechnik öffentlichen Spiels braucht Kontinuität und Befähigung, sie braucht Ensembles und den ständigen Austausch von Impulsen mit der Bürgergesellschaft.
Wir fordern Sie auf, alle gesellschaftlichen Teilnehmer an der kulturpolitischen Willensbildung des Landes zu beteiligen und insbesondere den Kulturkonvent, die Städte und Gemeinden mit ihren Theaterleitern und die Öffentlichkeit mit ihren differenzierten Haltungen und Erwartungen in den Prozeß kulturpolitischer Konzeptfindung auf ehrliche und transparente Weise einzubeziehen. Haben Sie Mut zu den »Investitionen in die Zukunft«, die Ihre Partei fordert. Stehen Sie dazu!
 Wir unterstützen den Protest unserer Kollegen und der Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt gegen Ihre hermetische Handlungsweise und Ihre zerstörerischen kulturpolitischen Entscheidungen.
 
Wir geben diesen Brief den Intendanzen von Dessau, Magdeburg, Halle, Eisleben und Leipzig sowie dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins zur Kenntnis.
 
 
Mit freundlichem Gruß,
Tobias Wellemeyer                   Volkmar Raback
Intendant                                   Geschäftsführender Direktor
Ute Scharfenberg                       Heike Arlt
Chefdramaturgin                        Betriebsratsvorsitzende            
Potsdam, 28. 01. 2014

Was mag daraus zu schlußfolgern sein, wenn Theaterleitungen und Ensembles der Bespielabsicht des Kultusministers eine so deutliche Absage erteilen? Vielleicht, dass man einfach das Ensemble auf die Dessauer Bühne lassen sollte, das es wirklich zutiefst will… das Dessauer Ensemble.

7 Gedanken zu „„Wir spielen in keinem toten Haus.“

  1. Als erstes sei folgendes erwähnt. Der Brief ist gut, zutreffend und trifft den Kern der Sache. Mich wundert es immer, dass die Betroffenen scheinbar erst aus zweiter Hand informiert werden. Politiker sind nicht allwissend und es gibt auch „Dussel“, die einfach im falschen Resort tätig sind. Ein Kultusminister sollte nicht auch als Finanzminister fungieren, sondern seinen Bereich verteidigen und werben. Kürzen kann jeder, aufbauen, selbstverständlich mit Fingerspitzengefühl, nur Wenige.
    Nun befasse ich mich noch nicht sehr lange mit dem Thema, bin aber immer noch der Meinung, dass Theater, in seinen vielfältigen Formen ein “ Muss “ ist.
    Deshalb die Frage : Was bleibt denn übrig, wenn man in einem Theater das Schauspiel und Ballett einstellt?

    So aus der hohlen Hand gesagt, kann das ja nicht mehr viel sein???? Und was soll eine alternative Bespielung sein? Amateurgruppen? Laientheater ohne Struktur?

    Wir kommen ja nicht umhin. Ein Theater braucht Strukturen , Planung, gute Stücke ,mit Sicherheit mehrere Sparten und auch Profis im Schauspiel. Und … so etwas kostet Geld, aber kommt einer sehr großen Anzahl von Bürgern zu Gute.

  2. Gut gebrüllt Löwin,

    und erst einmal die besten Wünsche für Glück und Gesundheit (ich hoffe, ich liege heute richtig). Kann ich Dich auch nicht sehen, so lese ich doch gelegentlich von Dir. Was ich lese gefällt mir meist.

    Was allerdings die Probleme des Theaters in Dessau anlangt, dächte ich, Du solltest es besser wissen.
    Die Probleme sind hausgemacht und dem Land nicht höher anzulasten als der Stadt.

    Wir Theaterleute – und ja, ich zähle mich immer noch dazu – reagieren stets mit spontanen Reflexen, wenn die Substanz unserer Kunst gefährdet wird. Bedauerlicherweise hat aber noch keine der unsäglichen Schließungserfahrungen der vergangenen Jahre zu einem Umdenken bei denen geführt, die stets potentiell Betroffene sind.

    Beginnend mit der spektakulären Schließung des Schiller-Theaters in Berlin ist in den letzten zwanzig Jahren geradezu eine Walze der Theaterzerstörung über Deutschland hinweg gerollt. Wo immer ein Theater geschlossen wurde, war nicht seine mangelnde Leistungsfähigkeit die Begründung, sondern ein am allgemeinen Zustand der Kommunen festgemachter Sparzwang.

    Insofern steht Dessau-Roßlau also mit seinem Problem nicht allein in der deutschen Kulturlandschaft. Theater oder Sparten von Theatern werden geschlossen, weil angeblich kein Geld da ist.

    Aber ist das wirklich so?

    Müssen wir nicht fragen, ob dieses Klischee vom nicht vorhandenen Geld – angesichts der Tatsache, dass Geld andernorts und an anderen Stellen mit vollen Händen ausgegeben wird – nicht nur ein vorgeschobenes Argument ist? Müssen wir nicht ganz tief in uns hineinhorchen und uns Rechenschaft darüber ablegen, ob denn das, was da zur Disposition gestellt wird, nicht ganz zu Recht eine kritische Revision erfährt? Ist das Theater, das wir machen noch zeitgemäß? Ist das kulturelle Angebot durch die Vielfalt der Medien, durch die universale Vernetzung mit der Kultur der Welt nicht inzwischen so breit gefächert, dass das Theater hier und heute nicht mehr die Rolle spielen kann, die es vor fünfzig Jahren noch spielte?

    Und als gelernter Theaterwissenschaftler will ich hier und heute ganz laut bekennen – ja wir müssen das!

    Und als einer der im Geschäftsleben als Unernehmer in den letzten zwanzig Jahren etwas über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Verfasstheit dieses Landes gelernt hat, will ich leise und ganz bedächtig die Frage hinzufügen – wieso eigentlich?

    Vielleicht sollte uns Folgendes hellhörig machen:

    Immer, wenn sich irgendwo ein Trend entwickelt, entwickeln sich auch Stereotype. Ganz einfach deshalb, weil die Neigung zu Vorurteilen in einer Gesellschaft, in der den Menschen auf allen Ebenen das Denken abgenommen wird, einfach um ein Vielfaches stärker ist, als die zu sachkundigen und auf langen Wegen erarbeiteten Urteilen. Die Gesellschaft hat es sich angewöhnt, scheinbar gleiche Fragestellungen mit scheinbar bewährten Lösungsvorschlägen zu beantworten. Zur Zeit liegt der Lösungsvorschlag Sparen im Trend.

    Genauer: das Sparen liegt bei den Kommunen im Trend.

    Dem sogenannten Markt – und hier vor allem, der in den letzten Jahren auf allen Ebenen versagenden Finanzindustrie – wird das Geld dagegen von den europäische Zentralbanken quasi hinterher getragen – oder um es in wallensteinscher Manier auszudrücken: es wird ihnen in den Arsch geschoben. Nie gab es soviel Geld wie heute. Es wird gedruckt und quasi zum Selbstkostenpreis an genau diejenigen verteilt, die in den letzten zehn Jahren nur eines unter Beweis gestellt haben, nämlich, dass sie damit nicht verantwortungsbewußt umgehen können. Und dann sitzen da in London ein paar gelackte Schnösel am PC, freuen sich über das frische Geld und verzocken in einer halben Stunde, wovon eine normale Kommune ihre Theater Jahre lang unterhalten könnte.

    Und die Theater sollen sparen?
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    Das sind Ausschnitte aus einem Text, den ich für einen Abgesang auf das Dessauer Theater vorbereite. Ich denke, liebe Silvia, dass einige Fragen einfach neu gestellt werden müssen. Allerdings an beide Seiten – an das Theater und an die Politik. Allein die Tatsache, dass es sich Dessauer Kultur- und Politverantwortliche vorstellen können die erste Dorf-Oper in Deutschland zu betreiben, sollte die Frage aufwerfen, welches Theaterbild die Gesellschaft hat und vor allem welches wir in der Gesellschaft hinterlassen haben? – Darüber müssen wir mehr nachdenken.

    Da ich von Deinem Denken viel halte, hoffe ich, Dich an Deinem Geburtstag ein wenig provoziert zu haben.

    lg hr

  3. Lieber Hartmut,

    der Tag ist richtig… und ja, ich habe auch an Adi gedacht… 🙂
    Ich danke Dir sehr für Deine Gedanken und Deine Wünsche… Du weißt ja, ich mag Deine Gedanken.

    Weißt Du, ich stelle nicht in Abrede, dass Theater stets und ständig und mit mehr als einem Lippenbekenntnis in der Verpflichtung ist sich nach seinen eigenen Strukturen zu fragen, danach, ob es erreicht und berührt, ob es sich verständlich macht oder in einer Institutionalisierung zu verlieren droht. Kein Theater darf sich darauf ausruhen per se ein wichtiger Teil von Kultur zu sein, sondern muss seine Position lebendig halten.
    Aber wenn es geschlossen ist, dann ist es tot. Da ist dann ground zero und jede Entwicklung, jede Verbesserung, jede Anpassung an Zeit und Gegebenheit überflüssig… es ist ja nichts mehr da. Für das Überleben einer seltenen Tierart ist ein gewisser Genpool Voraussetzung… sie ist nicht erst ausgestorben wenn kein Tier dieser Art mehr aufzufinden ist… sondern bereits dann, wenn ihre Vielfalt zu drastisch geschrumpft ist.
    Kulturell betrachtet wird dem Theater die Basis entzogen, die es braucht in seiner Zeit zeitgemäß zu sein oder zu werden. Es geht mittlerweile an’s eingemachte… und das eingemachte wird aufgefuttert von Befugten, die nicht begreifen welche Vorräte sie antasten – unwiederbringlich.
    Ich poche nicht auf Strukturen. Ich will nicht an gestrigem heute festhalten. Ich mag Wandel wagen. Aber unter realistischen Bedingung – und mit dem Ziel der Erhaltung. Wenn Strukturanpassungen nur noch die namentliche Bemantelung der Wegrationalisierung sind, dann ist der Erhaltungsgedanke verschwunden. Und dagegen gilt es aufzubegehren. Das ist kein Reflex… das ist logisch und notwendig.

    Ich denke oft an den Satz, den Du mir mal gesagt hast: Berlin hatte viele Theater, Berlin hat viele Theater, Berlin wird einmal viele Theater gehabt haben.
    Du hast ihn vor langer Zeit in einem unserer Kantinengespräche gesagt… zu einer Zeit, die rückblickend fast rosige Bedingungen parat hatte. Inzwischen kann man Berlin getrost durch Deutschland ersetzen.
    Du hast recht… die Frage ist: wofür investiere ich durchaus vorhandene Mittel? Und es gibt Landesregierungen, die da andere Entscheidungen treffen als in Sachsen-Anhalt.
    Kultur und Kunst müssen sich vieles fragen lassen. Das ist legitim. Fraglos aber bleibt, dass sie die Antworten nur geben können, wenn sie existieren. Und das ist gesellschaftliche und politische Verantwortung.

    …abschließend… was Du „provozieren“ nennst, das hab‘ ich immer als Anregung verstanden… und deswegen darfst Du es immer… an Geburts- und anderen -tagen. 🙂

  4. Meine liebe Silvia,

    will man einen Dialog nicht fruchtlos führen, setzt das zwei Dinge voraus: Erstens die Sachlichkeit und Redlichkeit der Argumente und zweitens die Bereitschaft zur Überprüfung der eigenen Positionen. Allerdings ist die Forderung nach Sachlichkeit an Betroffene nicht billig, denn Betroffenheit setzt Emotionen frei und Angst ist der schlechteste Berater den man haben kann.

    Insofern sind wir beide in einer komfortableren Situation als die Dessauer Theatermacher, denn ich schau von außen auf „mein“ Theater und Du sitzt in der reichen Schweiz. Vielleicht ist das eine gute Ausgangsposition für einen konstruktiven und objektiven Dialog.

    Jeder gute Konstrukteur weiß, dass zur Konstruktion immer auch die Dekonstruktion gehört und sei es nur das Loch, das er in die Erde graben muss um darauf sein Fundament zu gründen. Erst einmal ist es Zerstörung.

    Es kling vielleicht zynisch, wenn ich Dich darauf verweise, dass gerade Ground Zero in vieler Hinsicht eine Provokation zu neuem Denken und auch in der Wirklichkeit die Grundlage für neue Konstruktionen – seien sie technischer oder gesellschaftlicher Art – ist.

    Jede Gesellschaft neigt strukturell dazu zu verfilzen. Dies wird noch dadurch befördert, dass sich die Zahl derer, die bereit sind neue Wege zu gehen, stabil auf einem relativ geringen Niveau eingepegelt hat.

    Dieses Problem hat sich für frühere Generationen mit Kriegen und großen wirtschaftlichen Zusammenbrüchen gelöst. Um diese zu Umgehen, braucht es mehr Vernunft. Und an dieser Stelle ahnst Du vielleicht, in welchem Dilemma wir stecken!?

    Dein Ground Zero Argument musst Du noch einmal befragen und der gefährdete Genpool ist vielleicht für ein Land, dass die größte Theaterinfrastruktur der Welt besitzt auch ein noch einmal zu überdenkendes Argument.
    Und da wir gerade bei hinkenden Metaphern sind: Eine von Lava verbrannte Erde soll ja sehr fruchtbar sein!?

    Da jede Tabula rasa eine Illusion ist (weshalb ich übrigens Urheberrechte für Unsinn und Besitzstandswahrung halte) beginne ich hier auch erst einmal mit der Dekonstruktion.

    Zunächst mal ein nur scheinbar triviales Rechenexempel:

    In der Mitteldeutschen Zeitung verweist der Verwaltungsdirektor des Anhaltischen Theaters im Juni 2013 stolz darauf, dass das Anhaltische Theater Dessau im vorangegangenen Jahr den Erfolg von 1,8 Millionen Euro Einnahmen zu verbuchen hätte.

    Das veranlasste mich als Unternehmer, dessen Firma im letzten Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum feierte, zu folgender Überlegung und Rechnung:

    Der Einfachheit halber vernachlässigen wir jetzt mal Urlaubstage und Freizeit und nehmen das Wirtschaftsjahr als Grundlage. Dazu abstrahieren wir vorerst noch von der Bezuschussung des Theaters. Dann hat also jeder von den rund 350 Mitarbeitern im vergangenen Jahr 14 Euro pro Tag erwirtschaftet.

    Vergleiche ich das mit meiner kleinen Ballettschule und ihrem angegliederten Fitnessbereich – einer Institution, von der ich mit gutem Gewissen behaupten kann, dass sie sich – ähnlich dem Theater – in jeder Hinsicht der künstlerischen und gesundheitlichen Erbauung seines Publikums widmet -, dann ergibt sich, dass meine insgesamt 7 Vollzeitbeschäftigten (hier sind Halbtags- und Honorarkräfte zusammengefasst) jeder für sich einen Betrag von 102 Euro pro Tag erwirtschaften.

    Das sind immerhin 728 Prozent der nominellen Wirtschaftsleistung eines Theatermitarbeiters (die Bezuschussung des Theatermitarbeiters nicht gerechnet – s.u.).

    Und nun noch eine Überlegung dazu:

    Das Theater ist stolz auf seine 128.000 Besucher im Jahr (Bühnenjahrbuch 2010/11). Dass sich diese aus Mehrfachbesuchen einzelner Zuschauer ergeben ist klar.

    Meine 7 Mitarbeiter betreuen pro Woche 1400 Kunden, auch hier Mehrfachbesuche gerechnet. Da wir nur zwei Wochen Urlaub im Jahr machen und 7 Tage die Woche geöffnet haben, sind das ca. 70.000 Besucher pro Jahr. D.h., wir erreichen mit 7 Vollzeitarbeitskräften mehr als die Hälfte des Zuspruchs, den das Theater mit 350 Beschäftigten im Jahr für sich verbuchen kann.

    Fazit:

    Ganz abgesehen davon, dass von unserer kleinen Firma auch noch Steuern an den Staat abgeführt werden und abgesehen auch davon, dass jeder einzelne Mitarbeiter des Theaters um 14 Euro pro Tag zu erwirtschaften, mit 126 Euro pro Tag bezuschusst werden muss, wie kann es sein, dass meine Mitarbeiter (die Inhaber eingeschlossen) nur ca. 1/3 des Durchschnittslohnes eines Theatermitarbeiters und dazu kaum die Hälfte des Urlaubs in Anspruch nehmen können?

    Was läuft falsch in der Kultur dieser Gesellschaft?

    Oder will hier irgendjemand behaupten, dass die Bespaßung von 128.000 Besuchern ein zigfaches wertvoller ist als unser kulturelles Engagement?

    Gern argumentiert man mit dem kulturellen Gewinn eines Standortes durch das Theater und gefällt sich in dieser Begründung quasi als kultureller Herzschrittmacher der Kommune. Das hat zwar meines Wissens noch kein Wirtschafts- oder Kulturwissenschaftler tatsächlich nachgewiesen (denn umgekehrt beeinflussen ja Standort und Wirtschaft des Standortes auch den Theaterbesuch und die für das Theater vorhandenen Mittel), doch nehmen wir das tatsächlich einmal an, dann sei ja wohl die Frage erlaubt, wo der wachsende Zuspruch zum Standort Dessau bleibt? Die ständig sinkenden Einwohnerzahlen von Dessau-Rosslau sprechen da irgendwie eine andere Sprache.

    Was den kulturellen Herzschrittmacher anlangt, sind da zusätzliche Fragen aufgeworfen, denn, wenn das Herz nur noch schlagen kann, wenn man andere Organe – Museen, Bibliotheken, Jugendklubs etc. – unterversorgt oder ganz lahm legt ……. ?

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    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich fordere nicht eine Kultur, die sich rechnet und ich beklage nicht meine eigene Situation. Aber ab und zu macht es Sinn aus der Perspektive von Wolkenkuckucksheim auch mal den Boden der Realität zumindest in Augenschein zu nehmen.

    Was aber ist die Realität an einem Stadttheater?

    Unser Begriff von Kunst und Künstlern ist deshalb so erhaben, weil sich unsere Zunft im Abglanz der ganz Großen sonnt. Kunst ist mit dem Nimbus des Besonderen umgeben.

    Nach dreißig Jahren am Theater weiß ich, dass dieser Nimbus ein Märchen ist. Wer Goethe in den Mund nimmt, hat ihn noch lange nicht im Kopf. Unter sogenannten Künstlern gibt es – wie in jedem anderen Bereich der Gesellschaft – talentierte und total untalentierte, fleißige und stinkend faule, kluge und strunzdumme.
    Und Leute – jetzt mal ganz im Ernst – das gilt für Schauspieler, wie es für Sänger, Regisseure und nicht zuletzt auch für Intendanten gilt.

    Die Impulse die von einem Stadttheater in die Gesellschaft gehen halten sich in Grenzen. Ein Blick auf entsprechendes Feedback zu einzelnen Inszenierungen im lokalen Bereich spricht da Bände. Und obwohl die meisten auf Unterhaltung angelegten Bühnenschöpfungen (ich rede hier immer noch von Stadttheatern) tatsächlich nicht über das Niveau eine Dschungelcamps oder von DSDS hinausreichen, werfen sie nicht annähernd soviel Kontroversen auf.
    Wo Shakespeare draufsteht ist meist nichts drin, was einem Stefan Raab oder Got to Dance nur in Ansätzen das Wasser reichen kann – geschweige denn Shakespeare.
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    Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum die meisten Theater zwar eine Internetseite haben, dort aber keine Dialog mit ihrem Publikum führen? Auch auf Fan-Seiten bei Facebook findet bestenfalls Selbstdarstellung, im Falle von Bedrohungen vielleicht Empörung, fast nie aber eine Auseinandersetzung mit den angebotenen Inhalten statt.

    Soviel für heute und erst mal zur Anregung.

    Und: Ich bin für ein Theater in Dessau – Ein Dessauer Opernhaus wäre allerdings ein satter Anachronismus – nichts als kleinbürgerliche Selbstbespiegelung.
    Denn: Kein musikalisches Stadttheater der Welt wird in der Lage sein, den Exodus einer ansonsten weitgehend unattraktiven Stadt aufzuhalten. Ganz zu schweigen davon, dass kaum ein ernstzunehmender Künstler ein Engagement auf einer Titanic annehmen wird, auf deren Bordwand schon ganz groß „Untergang“ steht.

  5. Lieber Hartmut,

    wer einen fruchtbaren Dialog führen will muss aber auch Klischees meiden. Es stimmt, ich bin gerade beschenkt …und ich weiß das. Einerseits arbeite ich in einem wirklich außergewöhnlich harmonischen und teamfähigen Ensemble, was per se großen Spaß generiert, andererseits arbeite ich an einem Theater, das großen Rückhalt genießt bei seinen Entscheidungsträgern und in seiner Stadt. Trotzdem wachsen auch in der Schweiz die Franken nicht auf den Bäumen. Es muss gehaushaltet und Gelder gerechtfertigt werden. Aber es gibt ein klares Bekenntnis für das Theater aus der Betrachtung heraus, dass der Wert eines Theaters mit unternehmerischen Zahlen nicht vollständig beschrieben werden kann.
    Wenn ein Land, das für seine weitsichtigen Finanzentscheidung (Währung, Deflationsbegrenzung etc.) bekannt und beneidet ist kulturelle Vielfalt als ausdrückliches Staatsziel festschreibt, dann darf man sich durchaus fragen wieso ausgerechnet ein rechenstarker Staat das so betrachtet.
    Kultur erfährt in Deutschland einen Imagewandel, eine Brandmarkung als Kostenfaktor. Kultur und Kunst darf nach ihrer Berechtigung gefragt werden, ja, aber dieser Prozess ist ihr nicht vollständig aufzubürden.
    Und, wie man an Deinem Rechenbeispiel sieht, in Zahlen kann sie diesem Brandmal auch nicht entgegentreten. Theater ist mehr wert weil Mehrwert.
    Man kann sich fragen, wie es besser oder noch besser in seiner Zeit untergebracht werden kann, wie man es offen und interaktiv gestalten kann, man kann über Spielplanstruktur, zeitgemäßes Engegagement und vieles mehr diskutieren – darf es auch – soll es – aber den Vergleich mit der hippen Raabmanufaktur hat es nicht verdient. Theater muss seine eigene Nische generieren, es darf nicht gezwungen werden aus Überlebensgründen werbefinanzierten TV-Sendern hinterherzuhecheln.
    Theater hat eine viel schwierigere Aufgabe, die mit Talk- und Pokerduellformaten nicht gelöst werden kann. Es muss eine Brücke schlagen zwischen seinem Erbe und dem Jetzt seiner Gesellschaft. Es muss bewahren und entdecken.
    Wenn Theater auf Trend getrimmt werden muss, dann werden wir eine gesprochene Literatur verlieren deren Kunst und Schönheit bereits heute in Vergessenheit gerät. Wo, außer im Theater, kriegt man zeitlose Gedanken in wortschöpferischer Sprache serviert, die die Sprachbandbreite handelsüblicher TV-Formate wirken lässt wie ein Telefonmodem gegen einen Highspeed-DSL-Anschluss? Wo sonst hab‘ ich immer HD, immer 3D, eine grandiose Grafik und wenn ich will interaktives Entertainment?
    Du hast recht… Theater darf sich nicht in einer elitären Kunstposition zurechträkeln. Aber was Theater leisten muss zwischen Erbe, lebendigem Heute und seiner Zukunft, was es als kulturelles Multitool an Spektrum ausbalanciert ist gesellschaftlicher und künstlerischer Hochleistungssport. Wenn es zu einer Verzichtbarkeit mutiert, dann sind wir bereit auf einen der potentiell lebendigsten Vermittler von Gedanken und Geschichten aller gewesenen Zeiten und unserem aktuellen Jetzt zu verzichten. Dem einzigen Ort an dem über 2400 Jahre alte Worte genauso zupacken können wie druckfrische Uraufführungen.
    Wie legt man dafür einen Preis fest an Zuwendung?
    Und wenn man die Zuwendung nicht mehr geben will – wie legt man einen Preis fest für den daraus resultierenden Verlust?

  6. Meine liebe Silvia,

    ich bin ein bissl traurig, wegen des Vorwurfs mich eines Klischees bedient zu haben. Insofern muss ich das – bevor wir weiter über Theater diskutieren – mal richtig stellen. Meine diesbezügliche Einschätzung beruht auf 300 km Wanderung durch dieses Land, ergänzt um ein Wissen, dass ich durch gründliches Studium und Nachdenken erworben habe.
    Btw: War übrigens auch mal im Theater St. Gallen.

    Aber wenn Du mir nicht glaubst:

    Studie der Schweizer Großbank Credit Suisse

    „Das reichste Land der Welt ist laut Studie die Schweiz – mit einem durchschnittlichen Vermögen von 513.000 Dollar pro Erwachsenem. An zweiter Stelle steht Australien mit 403.000 Dollar, an dritter Norwegen mit 380.000 Dollar. Es folgen Luxemburg, die USA, Schweden, Frankreich, Singapur, Belgien und Dänemark mit Werten zwischen 250.000 und 300.000 Dollar.“

    Quelle: SpiegelOnline / 9.10.2013

    Ich fürchte eher, Du bist da einem bedingten Reflex aufgesessen. Was seinerseits, wenn nicht auf ein Klischee, so doch auf ein leichtes Ressentiment schließen lässt. Im Sinne der Loyalität gegenüber Deinen Gastgebern halte ich das aber für Dein gutes Recht. 😉

    lg hr

  7. Hartmut, Du musst nicht traurig sein… 🙂
    Ich stelle gar nicht in Abrede, dass die Schweiz wohlhabend ist. Und dass Geld nicht alles ist, aber doch einiges erleichtert auch nicht. Allerdings kann man die Unterschiedlichkeiten der Kulturförderung nicht allein damit begründen, dass die Schweiz ein reiches Land ist. Es hilft… aber es ist ja durchaus nicht so, dass Deutschland am Bettelstab geht. Trotzdem werden dort andere Entscheidungen getroffen das vorhandene Geld betreffend.
    Sachsen-Anhalt erwirtschaftet seit Jahren einen Steuerüberschuss, den es lieber hortet um für diffuse schlechte Zeiten gerüstet zu sein statt es zu investieren – obendrein und trotzdem kürzt es die Theatergelder.
    Die Schweiz, zweifellos ein Land das glückliche Finanzentscheidungen trifft, betrachtet das anders. Und zwar so, wie auch die Empfehlungen von Experten an die Landesregierung lauten… Struktur schaffen und stärken, auch im kulturellen Sektor, statt verbissen die Basis wegzusparen.
    Und deswegen kann man nicht einfach sagen: die Schweiz hat’s ja, deswegen ist es da anders. Es ist eine andere Haltung.

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