Wir lieben… und wissen so einiges nicht.

Ich trinke selten. Die Anzahl meiner jährlichen Drinks kann man ohne Probleme an beiden Händen abzählen. Heute habe ich mir die Genralprobe unserer nächsten Premiere „Wir lieben und wissen nichts“ angesehen. Danach war ein Cuba Libre fällig.
Um das einzuordnen muss ich manches vorweg schicken:
– meine Kollegen sind wundervoll! Ich habe allen vieren gerne zugesehen, sogar fasziniert zugesehen, lachend und berührt. Der Abend entsteht auf ihren Schultern und sie tragen ihn auf wunderbare sehenswerte Weise.
– das Bühnenbild ist eine Wucht. Hugo Gretler hat eine flexible und ästhetische Bühne geschaffen, lebendig und veränderlich, die einlädt sie zu bespielen und ein großartiges Zuhause für alle Szenen bietet.
– die Regie von Roland Koch ist handwerklich großartig, ideenreich, menschennah, sie beschleunigt und verweilt mit den Figuren, baut Bilder, vereinzelt und mischt die Menschen, lässt sie einander fühlen und aufeinander los.
Ein runder Abend und unbedingt zu empfehlen… wenn man sich nicht mit Raumfahrt auskennt.
Und da kommen wir zum Cuba Libre.
Ein Protagonist betritt die Bühne bereits unter Zeitdruck, er braucht unbedingt eine tragfähige Internetverbindung denn in 55 Minuten wird „sein“ Satellit namens „Halo 2“ von einer ukrainisch russischen Rakete in eine Höhe von 15.000km befördert. Ich bin mit unbemannter Raumfahrt nur mittelmäßig vertraut und musste googeln… „Halo“ bezeichnet entweder einen Orbit über eine Million Kilometer entfernter als die angegebenen Höhe oder ein Stratosphärenflugzeug… „Halo 2“ ist ein Egoshooter und verrät mir zumindest womit sich Autor Moritz Rinke womöglich die Freizeit vertreibt. Besagter Protagonist hat die Isolierung der Atombatterie dieses Satelliten zu verantworten die als alleinige Stromversorgung vorgesehen ist.
Sie sind noch nicht zusammengezuckt?
Fein. Sie werden keinen Cuba Libre brauchen.
Man kann diese Stromversorgung „Atombatterie“ nennen… wer an ihrem Bau beteiligt ist würde sie vielleicht eher Radionuklidbatterie, Radioisotopengenerator oder schlicht RTG nennen. Aber seien wir nicht kleinkariert. Als alleinige Stromquelle diente sie der NASA lediglich bei Apollo 12-17, Pioneer 10+11, Viking Lander 1+2, Voyager 1+2, LES 8+9, Galileo, Ulysses, Cassini, New Horizons sowie dem Marsrover Cursiosity. Nur LES 8+9 sind überhaupt Satelliten, Start 1976. Die ersten, einzigen und sinnvollerweise letzten dieser Bauweise. Bis zu diesem Theaterstück.
Eine ukrainisch russische Trägerrakete? Das wäre dann wohl die „Dnepr“, eine umgebaute Interkontinentalrakete, in der Tat fähig Satelliten auszusetzen …in 300-900km Höhe. Wie sie auch nur einen einzigen Satelliten auf 15.000km Höhe wuchten will wird Herrn Rinkes Geheimnis bleiben.
But we are far from over…
Alle 90 Minuten wird der Satellit die Erde umkreisen. Aha. Ach ja?
In mittlerer Höhe (23.000 km) beträgt die Umlaufzeit bereits 12 Stunden. Wie das flotte Kerlchen in 15.000km auf niedliche 90 Minuten kommen will sollte der NASA mitgeteilt werden. Solche Probleme entstehen, wenn man einen Satelliten mit der ISS verwechselt, die tatsächlich alle 45 Minuten einen Sonnenauf- oder untergang beobachten darf.
We are still far far away from over…
Nun wird von Trümmern im Weltall gesprochen… und das ist auch wahr. Menschen haben die Tendenz zu vermüllen, was sie erobern… das All bildet da keine Ausnahme. Aber Trümmerteile von Raumschiffen???
Ja, um Gotteswillen… welche???
Wir haben zwei Raumschiffe verloren, die Challenger beim Start, die Columbia beim Wiedereintritt und bei Apollo13 ging’s knapp gut. Welches Raumschiff wurde denn im Weltall zertrümmert???
Ein Schraubenzieher soll dort herumfliegen. Naja, knapp daneben ist auch vorbei… es war ein NASA Toolbag, der bei einem Außeneinsatz abhanden kam.
Und dann wird’s dramatisch – gar Leichen fliegen angeblich kalt und still ihre Bahn im All.
Herr Rinke, ernsthaft… Raumfahrt kostet Leben, das ist wahr. Ironischerweise hat sie die meisten ihrer Opfer am Boden gefordert und 14 Menschen starben bei Start und Wiedereintritt. Aber niemand ist im Weltraum umgekommen und keiner umrundet die Erde als gefrorener Leichnam.
But still… lightyears away from over…
Der Satellit hat RTG’s um dem Strahlengürtel des Jupiters widerstehen zu können.
Es ist wahr… man nutzt RTG’s dort gerne, Solarzellen degradieren schnell in Gegenwart des Gasriesen. Aber dass dieser Strahlengürtel 15.000km über unserem Planeten wirkt während der Jupiter im Minimum 588 Millionen Kilometer von uns entfernt ist… das schmeichelt selbst dem größten Planeten unseres Sonnensystems zuviel. Und nebenbei bemerkt …es wäre auch schrecklich ungesund für uns.
Und bevor der kleine Satellit sich um den Jupiter sorgt sollte er sich vielleicht lieber um den Van-Allen-Strahlungsgürtel kümmern. Der ist, im wahrsten Sinne des Wortes, naheliegender.

Das Stück wird bei Rowohlt verlegt. Der Verlag schreibt dazu in seinem Magazin:

Weltraumstation in Kasachstan

Wir haben eine Weltraumstation… nicht im All, nein… in Kasachstan.

Ich liebe die Raumfahrt und wusste nichts (davon).

Ich dachte in Kasachstan liegt der Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur.

Prost!

 

7 Gedanken zu „Wir lieben… und wissen so einiges nicht.

  1. Ein ausführlicher Bericht über einzelnen Themen der Raumfahrt.
    Es gab meines Wissens bei den Amerikanern 3 Verluste am Boden , Apollo 1, die Astronauten White, Grissom und Chaffee bei einem Feuer in der Kapsel. Die anderen Verluste gab es bei Start und Wiedereintritt (USA). Bei den Russen landete auch eine Kapsel mit toten Kosmonauten in der Steppe. Da stellte sich die Frage, ob schon durch Sauerstoffmangel im Weltraum umgekommen, oder erst bei der Landung! Aber sonst stimmt es …..kein Astronaut/kein Kosmonaut fliegt irgendwo als Leiche im All umher.
    Zertrümmerte Raumfahrzeuge ?? Naja, alle Landefähren, oder Teile davon bei den Mondlandungen und bei Apollo 13 wurde die vollständige Landefähre im Weltraum abgesprengt. Wenn man diese denn als Raumfahrzeuge bezeichnet. Das Ganze ist immer ein vielfältiges Thema. Je mehr man nachdenkt, je mehr fällt einem ein.
    Und wenn man bedenkt, das der letzte Mensch auf dem Mond, ich meine Harrisson Schmidt, den Schlüssel auf dem Mondauto für seine Nachfolger stecken ließ, ist das schon ….

    einen Cuba Libre wert.

    In diesem Sinne, liebe Grüße Brain

  2. Ich hatte mich gefragt, ob die Faktenuntreue bei der Raumfahrt unter „dichterische Freiheit“ fällt. Aber der gesamte Rest des Stückes verwurzelt sich vehement in unserer Realität, bis hin zur vielzitierten „Fritz“-Box. Nun, ich kann verstehen, warum Rinke den Beruf mit überirdischen Aspekten bei einer seiner Figuren schick fand. Nur, dann soll er recherchieren. Und wenn es nicht sein Thema ist, dann soll er Leute fragen, die sich damit auskennen.
    Ich bin in einem Raumfahrerforum angemeldet und lese des öfteren Anfragen von Autoren, die es genauer nehmen wollen als er. Das geht also.
    Als nächstes habe ich mich gefragt wieso beim Verlag kein Lektor diese Faktenuntreue bemängelt hat. Aber wenn man bei Rowohlt schon vermeldet wir haben eine Weltraumstation in Kasachstan… dann ist diese Frage auch beantwortet. Die schiere Logik gebietet, dass es keine Weltraumstation auf der Erde geben kann. Es ist ein sogenannter „Weltraumbahnhof“ – und das macht einen geringfügigen Unterschied.
    Sowohl dem Autor, als auch dem Verlag waren diese geringfügigen Unterschiede scheinbar unwichtig. Das mag ich nicht. Auf diese Weise geht man davon aus, dass das Publikum es nicht besser weiß und auch nicht hinterfragt. Dass das schiefgehen kann ist offensichtlich… und hinterlässt dann einen schalen Beigeschmack, den ein bißchen Recherche hätte verhindern können.

  3. Rowohlt……liegt bei mir um die Ecke (500 M) und wird mein nächster Verlag, mit etwas Glück und Empfehlung. Mal gucken.

    LG B.

  4. Sie sollten Dich fraglos verlegen… zumal sie bei Dir sehr sicher gehen können, dass sie sich um die Recherche keine Sorgen machen müssen. Ich weiß, dass Du gerne Fakten suchst und zusammenträgst. Muss eine berufliche Angewohnheit sein. 😉

  5. Tja……

    aber das gilt auch selbstverständlich für Dich…… machen „wir“ halbe Sachen… nein !

    Du in Deinem Beruf ganz sicher nicht ….. eher auf keinen Fall und ich auch nicht.

    Also … weiter so …..

  6. Ich habe ab und an Mitleid mit den Journalisten und Moderatoren wenn Raumfahrtgroßereignisse anstehen. Da berichten sie jahrelang nicht signifikant über den Weltraum und plötzlich müssen sie es aus heiterem Kosmos tun. Die Blüten, die das dann treibt, sind amüsant bis desaströs… und sollten auch nicht passieren.
    Aber in einem Theaterstück hat man als Autor die Wahl. Wenn ich einen fiktiven Spiegel unserer Gesellschaft herstellen will, der trotzdem aktuelle Probleme abbildet, dann kann ich das tun – und habe dann auch sämtliche schreiberischen Freiheiten gefrorene Körper durch das All treiben zu lassen etc.
    Wenn ich mich aber in genau unserer Gesellschaft verankere, das tatsächliche thematisiere – dann muss ich mich an das tatsächliche halten. Und dann muss ich genau werden. Und wenn ich es nicht bin muss mein Verlag mich hinterfragen. Ich verstehe die Faszination real zu schreiben, das Theatergeschehen und die Wirklichkeit zu verbinden. Aber dann darf ich mich auch nicht um die Verpflichtung herumnavigieren zu recherchieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.