„Der Sport ist ein sehr vernünftiger Versuch des modernen Zivilisationsmenschen, sich Strapazen künstlich zu verschaffen.“ (Curt Emmrich, dt.Arzt und Schriftsteller)

Nicht wenige sogenannte Volksläufe haben einen karitativen Zweck. Der Regensburger Leukämielauf wird seit 1999 von der Leukämiehilfe Ostbayern und dem hiesigen regen Laufverein LCC Marathon veranstaltet. Er hat sich zum größten Benefizlauf der Region gemausert, viele Projekte angestoßen und finanziert und versammelt regelmäßig im Herbst tausende von Läufern und Walkern. Für mich ist er immer der Abschluß der Wettkampfsaison… welche dieses Jahr, aufgrund von massiv vorherrschender Trainingsunlust, recht eventmilde ausfiel. Allein, ich mag diesen Lauf sehr und wollte auf die Teilnahme keinesfalls verzichten. Man hat die Auswahl zwischen diversen Streckenlängen. Für die 5km bin ich zu arrogant. Das macht aber auch keinen Spaß… kaum ist man losgelaufen biegt man schon wieder auf die Zielgeraden. 7km walken… dagegen sprechen zwei Punkte: 7km und walken. Walken ist wirklich nur noch eine Option, wenn ich mich vor den Augen einer Lieblingskollegin partout nicht blamieren will und die Strecke wenigstens zweistellig ist – siehe Fürth.

Also 10,2km… laufen. Jaja, auf jedem Anmeldezettel steht: der Teilnehmer versichert in einem angemessenen Trainingszustand zu sein, blalalablabla… was man so alles versichert ist schon lustig.

Andererseits sind 10 Kilometer und ‚nen bißchen ja nun auch keine läuferische Weltreise… paßt scho, wie man hier in Bayern so sagt.

Rund um unsere Startzeit lacht die Oktobersonne auf uns herunter, strahlend und gutlaunig… dieses Wasserstoffmistdingens ohne Kalenderanbindung – Hallooooooo, es ist Herbst und das ist ein Laufwettbewerb. Da reicht fröhliches Licht, brütende Hitze hatte hier keiner bestellt. Wir bekamen sie dennoch.

Die Massen traben pünktlich auf die Strecke und produzieren auf den ersten hundert Metern der Sportplatzaschenbahn eine Stampedeähnliche Staubwolke, bevor es vom Platz Richtung Donauwehr geht. Nach 3 Kilometern keimt in mir die dunkle Ahnung auf, dass das heute wehtun wird.

Meine Definition eines guten Wettkampfes lautet: man darf am Ende nur so viel Schmerzen haben, wie man am Anfang erwartet hat. Ich ahne, dass das heute kein guter Wettkampf wird.

Die Strecke ist schattenlos, die Sonne knallt auf uns herunter, als wir über einen Schlenker schließlich an der Donau weiterlaufen weht ein brackiger Geruch vom Fluss. Ich kenne diesen Geruch, so riecht der Fluss bei Niedrigwasser und er führt Nierdrigwasser, weil es bolleheiß ist. Seit Tagen und heute und das laufen macht es nicht besser, so gar nicht. Mein Mp3-Player, auf Zufallsauswahl eingestellt, amüsiert mich mit dem „Superman“-Theme… aber dem Kryptonier verleiht unsere gelbe Sonne seine Kräfte, mir klaut sie meine allmählich durch brütenden Dauerbeschuss. Ich bin sicher, meine Gesichtsfarbe offeriert schon wieder ein reizvolles Spektrum an Rottönen, die Kerntemperatur fühlt sich köchelnd an, der Inhalt meiner Trinkflasche landet anteilig in Nacken und Gesicht und meine Kopfmoral hat zum Sinkflut angesetzt… was nicht dadurch begünstigt wird, dass ständig Läufer an mir vorbeiziehen und ich so gar keine Körner in der Hand habe das zu unterbinden.

Apropos Hand… lustige Sache… als ich versuche die Hände zu Fäusten zu schließen klappt das nicht mehr so ganz richtig. Na bloß man gut, dass ich ohne Pulsgurt laufe, es gibt Zahlen, die will ich auf meiner Uhr gar nicht lesen.

Die Versorgungsstation scheint mir wie die Oase in der Wüste. Ich tausche zwei Becher Wasser gegen ein ziemlich atemloses „Danke!“ und befördere deren Inhalt duschartig auf meinen Körper. Es bessert nicht viel. Ich fange an in Gedanken mit meinem Mp3-Player zu reden. Als er „I’ll meet you at midnight“ spielt versichere ich ihm, dass das hier so lange auf keinen Fall dauern wird, Kondition und Sonnenschein hin oder her. Bei „What hurts the most“ fällt mir ‚ne Menge ein, was gerade mehr weh tut als unausgesprochene Gefühle.

Mein Tempo ist grottig, der Blick auf die Uhr frustrierend.

Erst auf den letzten zwei Kilometern schalte ich von der normalen Uhrzeit auf die Stopuhr – und merke, dass ich mich verrechnet habe. Mein verdorrtes Gehirn hat mit 14h Startzeit gerechnet – Start war aber 14.15h… ich bin viel schneller als ich die ganze Zeit dachte – und als es sich anfühlt.

Als ich auf den Sportplatz einlaufe sammle ich nochmal alles zusammen um meinem Laufstil wenigstens einen Restanflug von athletisch zu verpassen – Schauspieler!

Ich laufe mit „Gloria“ über die Ziellinie… mein Mp3-Player hat einen gewissen Sinn für Humor, wirklich.

1 Stunde, 18 Minuten… eine Minute schneller als letztes Jahr… wie ist DAS denn jetzt passiert???

Später erfahre ich, dass der Sieger nach 33 Minuten im Ziel war. Ich finde das grundunanständig, echt. Wahrscheinlich hat er sich einen Becher Cola und seine Urkunde abgeholt und ist dann locker weiter nach Hause gejoggt. Sowas mache ich nicht. Ich gehe zu McDonalds und hole mir einen McFlurry Snickers mit Extrakaramellsauce… Kerntemperatursenkung …echt… …nur deswegen…

Gut lachen hat man immer… aber vorher meistens mehr…

Vor dem Start – immer wieder ein eigenes Kopfkino…

 

Nach ihren Kidsläufen sammelten eine Handvoll Kinder erst sich selbst zu einer Kreativgruppe zusammen – und dann alle Getränkebecher aus den Müllsäcken.

DAS war das Ergebnis. Und es bekam Applaus!

Und da soll mir nochmal einer sagen man würde Kunst in Museen finden und Kinder bräuchten eine Playstation. Für mich die künstlerische Installation des Tages!

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