Refugees welcome on Stage in Regensburg

„Was ist Chincken?“

Vor der Kühltheke im „Netto“. Ein junger Mann aus einem anderen Land fragt meine Freundin in Regensburg um Hilfe. Fleischiger Aufschnitt für‘s Brot soll‘s sein. Er ist wahrscheinlich Moslem und Schweinefleisch darf er nicht essen. So steht er rätselnd vor der deutschbayerischen Fleischauslage. Sie übersetzt und es beginnt eine gemeinsame Suche nach Geflügelwurst. Eine ältere Dame hat die Szene beobachtet und ist nicht glücklich.

„Wissen Sie,“ sagt sie meiner Freundin bedauernd „ich würde ja so gerne weiterhelfen – aber ich spreche einfach kein Englisch.“.

Die Regensburger erstaunen mich gerade. Der britische Politologe Anthony Glees nannte Deutschland in der Flüchtlingsfrage einen „Hippie-Staat“. Regensburg ist von einem „Hippie-Dasein“ weit, weit entfernt.  Sieben Jahre habe ich dort gelebt, in der mittelalterlichen Stadt an der Donau. Zu Volksfesten und Feiertagen tragen viele Tracht. Man spricht ein breites rollendes Bayerisch. In die Ostermesse nehmen Gläubige Lebensmittel mit und lassen sie segnen. Wertbeständigkeit, Traditionen, christlicher, überwiegend katholischer Glaube, Stolz auf das eigene Bundesland Bayern… in Regensburg wird das gelebt.

Um die 2500 Flüchtlinge sind derzeit in Regensburg untergebracht. Eine „Willkommenskultur“ hat Oberbürgermeister Wolbergs ausgerufen und vertritt sie aktiv und transparent auf Bürgerversammlungen. Er weiß, es gibt auch rechte Strömungen. Pegida kriegt in der Stadt zwar kaum ein Bein auf den Boden, aber ich selber habe schon vor Jahren bei Sitzblockaden gegen rechte Aufmärsche Platz genommen – sie sind da. So stellt er sich auf Informationsveranstaltungen den Bürgerfragen und bekommt erstaunliches zu hören.

„Was wird da eigentlich getan, damit die Flüchtlinge sicher sind?“, fragt eine Frau. „Ich will kein braunes Gesockse bei uns im Stadtteil haben.“

Ja, auch so können besorgte Bürgerfragen aussehen.

Doch bei der sicheren Unterbringung wird nicht Halt gemacht. Die Universität, viele Organisationen und Vereine bieten und entwickeln ein breit gefächertes Angebot. Es geht um Hilfe, es geht aber auch um Begegnung. Das Theater Regensburg ist rege dabei. Es reserviert Kartenkontingente für Flüchtlinge, erste Vorstellungen werden deutsch-arabisch simultanübersetzt, ein Jugendclub für unbegleitete Flüchtlinge findet wöchendlich statt, ein Familienclub ist in Planung.

Letztes Wochenende platzte die größte Spielstätte, das Velodrom, aus allen Nähten. Unter dem Motto „Come together – Refugees welcome on Stage“ standen Flüchtlinge gemeinsam mit Regensburger Musikern und Sängern auf der Bühne. Es gab Mozart, es gab kurdische Liebeslieder und eines aus der Ukraine, ein Perser spielte klassische spanische Gitarre, es gab Trommeln und Tanz, eine Sopranistin sang „Somewhere“ aus der „West Side Story“, es gab Elektropop aus Regensburg und DJ‘s aus Afghanistan. Im Zuschauerraum saßen Deutsche und Flüchtlinge eng beieinander um Platz zu schaffen für die überwältigende Nachfrage. Manchmal war es mucksmäuschenstill, manchmal wurde gefeiert, am Ende räumte man spontan die ersten Sitzreihen zur Seite um tanzen zu können.

Fremdes für die Regensburger, fremdes für die Flüchtlinge, laut und leise. Mit viel Respekt und Neugier füreinander.

Neugier ist etwas fantastisches. Neugier macht, dass uns etwas unbekanntes vertraut wird.

Ein Bericht mit Bildern und einem Videoeindruck >>> HIER

6 Gedanken zu „Refugees welcome on Stage in Regensburg

  1. Dieses Thema ist umfangreich und keinesfalls kann man mit ein paar Hilfen aus der Nachbarschaft und ehrenamtlichen Helfern dieses Problem angehen. Außerdem ist das ein Projekt, was Vorbereitung, Geduld und eine gewaltige Investitionssumme erfordert. Nur mal eben was regeln, geht sicher nicht. Dazu gehört auch, die braunen Ecken, die Pediga- Bewegung im Auge zu behalten. Meiner Einstellung nach, mein ganzes Lebens lang, habe ich mich immer dafür eingesetzt, dass die strafrechtliche Seite, eben Hetze und Beeidigungen, Überfälle, Körperverletzungen und Brandstiftung usw. mit aller Härte des Gesetzes geahndet werden. Das ist leider nicht immer der Fall, wenn man die Bewährungsstrafen sieht!!
    Aber, ich bin auch der Meinung, das die Flüchtlinge, viele tun das sicher schon, unseren Staat, unser Land anerkennen und Toleranz aufbringen müssen. Gewalttätige Demonstrationen unserer Migranten darf man nicht verschweigen. Es gibt genug davon, die nicht zu dulden sind und auch Konsequenzen fordern. Ganz klar ist unsere Toleranz zu anderen Kulturen in unserem Land im oberen Bereich anzusiedeln! Das gibt es in Europa nicht allzu oft.

    In diesem Sinne …… viele liebe Grüße Brain
    (PS: ich bin auch Stammleser)

  2. Ich weiß, dass Du Stammleser bist… 😉

    Ich persönlich sehe das so… wir haben 1949 ein Grundgesetz bekommen. Darin sind die wesentlichen staatlichen System- und Werteentscheidungen festgelegt. Es steht im Rang über allen anderen deutschen Rechtsnormen. Es ist, aus gutem Grund, so weit entwickelt, dass es in anderen Ländern bei bestimmten Studiengängen beispielhaft gelehrt wird. Sein Artikel 18 folgt dem Gedanken der „wehrhaften Demokratie“.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Streitbare_Demokratie
    Sie schützt die freiheitlich demokratische Grundordnung (FDGO). Das tut sie ohne Ansehen der Person auf deutschem Hoheitsgebiet. Wenn man das Grundgesetz also zugrundelegt, dann hat man bereits ein universelles Instrumentarium welches die zu schützenden Werte beschreibt. Ich stimme Dir zu, dass es unerheblich ist wer dagegen verstößt. Die FDGO gehört geschützt, mit allen Mitteln, die von ihr vorgesehen werden, das meint rechtsstaatliche. Aber eben auch in jede Richtung und auch gegen Deutsche.
    Eine Freundin hat mir aus Rostock berichtet, dass Menschen rechter Gesinnung am Bahnhof, wo die Flüchtlinge ankommen, gebrüllt haben „Alle vergasen!“. Da kann man sich nur wünschen, dass die Flüchtlinge noch nicht allzu viel Deutsch gelernt haben.
    Du bist Polizist, Du hast Deine Unversehrtheit, vielleicht sogar Dein Leben eingesetzt das Wertesystem unseres Staates zu beschützen. Politiker reden derzeit viel von diesen Werten, Stichwort deutsche „Leitkultur“. Sie wollen, dass die Menschen, die zu uns kommen unsere Werte verstehen und anerkennen. Daran ist nichts falsch. Das Grundgesetz beschreibt diese Werte und schützt sie. Schutz und Verpflichtung gelten aber in jede Richtung. Das gilt für Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchende wie für deutsche Bürger.
    Und wenn unsere wehrhafte Demokratie sich in ihren Mitteln nicht ausschöpft, dann gefährden wir sie, dann beleidigen wir auch Staatsdiener wie Dich, die ihr verschrieben sind.
    Carlo Schmidt hat 1948 vor dem parlamentarischen Rat gesagt: „Man muss auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“
    Ich teile diese Ansicht.

  3. Das werden wir. Weißt Du, unsere Kanzlerin hat dieses Wort geprägt – „alternativlos“. Ich mag’s nicht. Gar nicht. Es gibt immer eine Alternative. Die Frage ist, ob man sie lieber will. Wie sähe sie denn in der Flüchtlingsfrage aus, nachdem wir Minimum 3 Jahre Abschottung versucht und so getan haben, als gingen uns Kriege woanders nichts an? Nachdem wir mit nachlässigen Zahlungen an recht unwürdige Flüchtlingscamps nahe des Kriegsgebietes Flüchtlingsbewegung gefördert haben?
    Wir heben Schengen auf und machen Grenzen dicht, wie eine Dominokette. Schweden macht dicht, dann Deutschland, Österreich usw. – alle lassen humanitäre Werte sausen und übernehmen das Model Ungarn. Können wir das überhaupt? Können wir hunderte Kilometer Grenze so abschotten, dass die Flüchtlinge sie nicht überwinden? Wollen wir diese Zäune? Wir berufen uns auf Dublin und lagern die „Verwaltung“ der Flüchtlinge nach Griechenland aus – einem Land in das wir nicht zurückführen, weil die dortigen Bedingungen keinen humanitären Standarts entsprechen, die wir verantworten wollen. Registrierung in einem Land, dem wir in der Griechenlandkrise jegliches Talent für Bürokratie rundheraus abgesprochen haben. Nach Dublin könnten wir… wollen wir? Sollten wir?
    Was ist die Konsequenz, wenn wir das jetzt versuchen?
    Die Flüchtlingsbewegung ist ein Stresstest für das Schönwetterprojekt Europa (immerhin Friedensnobelpreisträger). Sie ist eine gigantische Herausforderung an die Werte, die wir uns zuschreiben. Sie ist aber auch ein gigantischer Beleg dafür, das Armut und Krieg in einer kleiner werdenden Welt nicht mehr nur das Problem der anderen sind. Menschen neigen nicht zur Rechtzeitigkeit, wenn es darum geht sich um etwas zu kümmern, das sie nicht direkt betrifft. Nun, jetzt betrifft es uns.
    Wir haben sehr lange sehr gut auf Kosten anderer gelebt. Wir verkaufen Waffen, eingesetzt werden sie woanders. Wir verscherbeln unsere EU-Überschüsse in Afrika zu Lasten einheimischer Produktion. Wir produzieren unsere Konsumgüter unter gelinde gesagt verbesserungswürdigen Umständen billig in anderen Ländern. Konzerne kaufen Wasserechte in anderen Ländern zum Nachteil deren einheimischer Bevölkerung das abgefüllt in unseren Supermärkten landet. Wir veröden Landschaften zum Abbau von Rohstoffen, die sich in unserer Elektronik wiederfinden. Ach ja und den Klimawandel gibt’s ja nicht.
    Das ist lange gut gegangen und konsequenzlos geblieben. Vielleicht ändert sich da gerade etwas. Etwas, das viel größer ist als dass es von Zäunen überhaupt aufgehalten werden könnte. Es betrifft nicht nur die Frage wohin mit den Flüchtlingen, es betrifft alle Gründe für ihre Flucht.
    Deswegen glaube ich nicht an einfache Antworten. Ich verspüre aber Bedenken denen gegenüber, die sie jetzt gerade anbieten. Weil die Gefahr so groß ist, dass Menschen der Versuchung erliegen sie zu bevorzugen.
    Und so hast Du recht, das ist zu beobachten, mit Argusaugen.

  4. Sehr ausführlich ……ich denke über deine Worte nach. Ich glaube wir haben beide die „Probleme“ verstanden, bei den Politikern zweifle ich manchmal.

    Argusaugen …. richtig …. besonders in die braune Ecke.

    Viele liebe Grüße in die Schweiz …

    LG B.

  5. Wieder Zustimmung… weißt Du, wenn kritische Journalisten und Ausländer, Asylanten tätlich angegriffen werden, vermehrt und immer als Horde gegen einzelne oder wenige, dann frage ich mich schon nach Werteverteidigung.
    Und natürlich bin ich auch von der regierenden Politik genervt. Sehr sogar. Machtansprüche, Selbstdarstellungen statt Entscheidungen nerven während AfD’ler unverhohlen den Schießbefehl gegen Flüchtlinge propagieren.
    Ein multikausales Problem braucht ein Lösungsbündel, soviel muss die Logik gebieten. Ein internationales sogar. Mindestens aber ein europäisches. Wenn in der Bankenkrise ein Gipfel den nächsten jagt und in der Flüchtlingsfrage nur gesprochen wird um einander ein „Nein!“ mitzuteilen, dann gibt Europa ein beklagenswertes Bild ab.
    Wir tun so, als hätten Flüchtlinge ein Wahl, aber wir geben ihnen keine. Wir beschließen die Mittel für Flüchtlingscamps vor Ort zu kürzen, internationale Schutzzonen Fehlanzeige.
    Stattdessen arbeiten die europäischen Länder gegeneinander und die einzelnen Parteien ihrer Länder ebenso, bis als kleinste gemeinsame Lösung Zäune übrig bleiben – weder praktikabel noch problemlösend. Es ist frustrierend.
    Und es ist ein Nährboden für Strömungen die jedes Land mehr beschädigen als gemeinsame humanitäre Hilfe es könnte. Das ist politisch unklug bis verheerend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.