Fri(t)sch, frei, ‚drüber – „Die Nibelungen“ in Bremen

Wollten Sie ein Theater schon mal mit einem Tinnitus verlassen? Besuchen Sie „Die Nibelungen“ am Theater Bremen, dort haben sie eine überaus reelle Chance darauf. Was Herbert Fritsch mit dem deutschesten aller Stücke treibt definiert einiges an Schmerzgrenzen für die Bühne neu.

Die Inszenierung polarisiert. Sie wird geliebt oder verachtet, bejubelt oder gehasst… ein meinungstechnisches Mittelfeld dürfte Mangelware sein. Grund genug sie anzusehen also.

Der Vorhang öffnet sich. Ein rundlich stattlicher dunkelhäutiger Mann in Miróbunten Klamotten jammert singend in seiner Muttersprache – Togolesisch. Rüdeger, linkisch, in Lack und Rasterlocken eilt um ihn herum und dolmetscht für das Publikum. Es ist Etzel der da leidet und währenddessen färbt sich die Videowand hinter ihm in herablaufenden Projektionstropfen aus Blut rot. Dazu Musik, die einem Gladiatoren Ehre bezeugt hätte. Der König läuft die Bühne in dramatischen Posen ab, Rüdeger fängt an, wie in blindengerechten Fernsehspielen, auch das zu dolmetschen – da wußte ich, dass ich diese Inszenierung mögen würde.

Verstehen Sie mich nicht falsch… ich hasse Brülltheater. Und es wird eine Menge gebrüllt. Es wird ohne Ende gebrüllt. Massenweise und in jeder nur erdenklichen Tonlage und Färbung. Es wird gebrüllt, geposed, Fratzen geschnitten, bis die Darsteller ihre grellen Kostüme in den Schatten stellen – es ist vollkommen ‚drüber. Es geht über Comic hinaus, über Cartoon, über Anime, es ist Monty Python auf Koks vor einer Videoleinwand deren Lavalampenähnliche Farbwechsel so bekifft machen wie die Soundmuster des Windows Mediaplayers.

Ja, ich hasse Brülltheater… aber ich liebe Konsequenz. Und wenn man Brülltheater in eine völlige Konsequenz packt und es über alle Denkbarkeiten hinaus zur Grenzensprengenden Kunstform erhebt… dann entsteht Komik. Eine schmerzhafte Komik. Eine absurde Komik. Teilweise eine geniale Komik.

Giselher und Gerenot sind immer kleine mistige Pestbeulen… in dieser Inszenierung möchte man ihnen regelrecht den Hals umdrehen, so widerliche kleine Früchtchen sind sie. Sie haben eindeutig die Binären des Star Trek Next Generation Universums zum Vorbild und sind einärmelig über ihr Kostüm verbunden. Als sie nach Brunhilds Erbeutung die Heimkehr der ganzen Bagage ankündigen, geraten sie darüber in eine Extase, welche schließlich in dem Wort „JA!“ gipfelt und dessen mehrminütiger Wiederholung in allen nur erdenklichen Varianten und Geisteszuständen… bis hin zur völligen Erschöpfung… (erster Szeneapplaus)… aufrappeln und weiterJApsen… (zweiter Szenenapplaus)… und wenn man ihnen eigentlich schon den Gnadenschuß geben möchte um sie von dieser Zwangsstörung zu befreien – dann geht’s nochmal ‚ne Minute so weiter, bis zum letzten „Ja“ und dem dritten Szenenapplaus.

Ich habe Tränen gelacht.

Nach Hagens Demaskierung als Siegfrieds Mörder im Dom wird Fritsch erzählmüde… flugs landen die Nibelungen in einem überdimensionierten rollenden Pappkochtopf und schieben von der Bühne ab, Rüdeger übernimmt erzähltechnisch den gerafften Schluss der Geschichte, in Lack gestopfte Rasterlakeien tanzen zu afrikanischen Technorythmen auf die Bühne, das animalische greift um sich und man tanzt einen dynamisch furiosen Ringelpietz in die durchchoreografierte Applausordnung… bei der man sich irgendwann zwischen Applaus und Ohren zuhalten entscheiden muss… denn die Tonanlage folgt dem Motto der Inszenierung „Immer noch eins druff“ und erreicht in etwa das Niveau als wäre man bei der Loveparade an eine Lautsprecherbox gefesselt worden.

Ich entschied mich irgendwann für Ohren zuhalten… den Applaus hätten die Darsteller eh nicht mehr gehört – und die waren auch damit beschäftigt die Zuschauer auf die Bühne zu winken und in ihren eskalierenden Tanz einzubinden. Caligula hätte wohlwollend genickt. Ich war nicht auf der Bühne tanzen… ich hatte ja die Finger in den Ohren.

Wie lange auf diese Weise die Post abging? Laut Einlassdame haben sie es schon mal auf 23 Minuten gebracht.

Um es ganz deutlich zu formulieren: was Herbert Fritsch, von dem ich annehme, dass er eine Stan Lee Comic Sammlung sein eigen nennt, seine Darsteller tun lässt ist hemmungslos und nicht gesund. Er fährt das Stück derartig ins Maximum, dass wohl zu sehen ist, wer dieses Maximum noch stemmen kann und wer morgen keinen Ton mehr ‚rauskriegen wird.

Die energetische Leistung des Ensembles ist durch die Bank bemerkenswert. Allein, jeder hat ein eigenes Maximum und manche operieren sprachlich und stimmlich erkennbar jenseits ihrer Grenzen. Ich hätte mir mehr Wechsel zwischen leicht und volle Kanne gewünscht. Mehr Parabelflüge statt linearer Power. Einige Szenen geben eine Ahnung, wie gut auch das funktioniert hätte. Einigen Darstellern hätte weniger überschießende Akustik das Leben erleichtern können.

Wenn „No Limit“ die Form ist, dann muss man unablässig brilliant sein um diese Form halten, spielen zu können – was eine Unmöglichkeit ist… und doch einigen fast gelingt.

Prädikat: grenzenlos ‚drüber – und deswegen höchst sehenswert.

Die Nibelungen in Action!

2 Gedanken zu „Fri(t)sch, frei, ‚drüber – „Die Nibelungen“ in Bremen

  1. Für dieses Jahr gerade mal so und zum Glück die letzte Vorstellung erwischt. Für nächstes Jahr sind aber wohl noch einige Vorstellungen angedacht, nur die Termine stehen noch nicht fest…habe den Chef vom Einlass gefragt, während ich neben dem Zuschauerraum im Foyer stand und durch die Türen weiter den Bühnentumult beguckt habe. Ich wollte das wirklich weiter sehen, aber ich musste aus dem Musiklärmstrom ‚raus und wollte auch mal wieder meine Finger aus den Ohren nehmen. Deswegen hatte ich da Position bezogen während das Publikum nach eigenem Ermessen das Haus verließ.
    Ja, schau‘ Dir das an, das ist wirklich kein verschleuderter Abend. Aber bring‘ Ohrstöpsel mit. Ich mach‘ das beim nächsten Mal ganz sicher.

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