Bremer Begegnungen

Man sagt den „Fischköppen“ eine gewisse Zugeknöpftheit nach. Ich konnte das noch nie nachvollziehen und auch nicht unterschreiben. Nach nunmehr eineinhalb Wochen Bremen kann ich es erst recht nicht. Das fängt bei dem Einlasschef im Theater an, der kurz vor der Vorstellung das Wort an die hinteren Reihen im Parkett richtet und im schönsten norddeutschen Dialekt einlädt „Also, wenn Sie woll’n, dann können Sie gerne nach vorne rutschen. Wir würden Ihnen das jetzt mal anbieten.“. Das geht im Fahrradladen weiter, wo das niederpreisige Vorderlicht für mein Gastrad nicht mehr auf Lager war und der Fachmann kurzerhand ein gebrauchtes aus der Werkstatt anschleppte um es mir mit den Worten zu montieren: „Besser was gutes gebrauchtes als neuer Schietkram.“ – hat mich 5,- Euro gekostet und ich versicherte ihm, er habe meinen Tag gerettet.

Heute nun saßen wir bei der Textarbeit im Foyer und versuchten Strindbergs „Traumspiel“ in eine szenische Gliederung zu verpacken, als ziemlich punktgenau parallel zur Bootslandung in Schamsund ebenfalls ein Boot auf unseren Stauerei-Hof schipperte. Nein, manchmal steht dem Theater zwar das Wasser bis zum Hals, aber wir waren schon noch auf dem trockenen – das Boot befand sich auf einem Anhänger und machte Zwischenstation auf dem Weg in sein Winterquartier. Ich saß an der Glastür, beguckte es mir und fand es von Anfang an wunderschön.

Es sah aus, als gäbe es kein zweites Boot seiner Art und als hätte es eine Menge Geschichten erlebt. In der Pause schlenderte ich also rauchend über den Hof um es mir näher zu besehen und kam mit seinem Besitzer Helge Barach-Burwitz ins Gespräch. Mein erster Eindruck war richtig, das Boot ist ein Unikat. Gebaut aus Aluminiumresten, durch einen Vorbesitzer in seine Hände gelangt, wurde es von ihm mit Holzaufbauten gegen schlechtes Wetter und vielen detailverliebten Modifikationen personalisiert. Alles andere als ein Boot von der Stange, aber eine Maßanfertigung für seine Devise „Zwei Stunden langsam auf der Weser schippern sind wie zwei Tage Urlaub!“.

Der Journalist besitzt drei Boote und teilt seine Vorliebe für maritime Langsamkeit und Gelassenheit gerne mit Neugierigen, Interessierten und Gleichgesinnten. Dieses Frühjahr startete er den Aufruf „Abenteurer sucht Mitfahrer“ und befuhr dann mit der gesammelten Truppe die Weser. Es ist viel übriggeblieben… zum entdecken und wiederbesuchen, deswegen will er die Fahrt nächstes Jahr nochmal anzetteln.

Wir haben Emailadressen ausgetauscht und wenn meine Zeit es erlaubt, dann dürfte ich mitfahren. Das ist ja mal genau so eine Reise, wo mir das Wo, das Was und das Wie gefällt.

Und nun erzähle mir noch mal einer Nordlichter seien ein zugeknöpfter Menschenschlag. Nee, nee!


Helge Barach-Burwitz und sein „Schlickrutscher“ auf dem Hof der Bremer Stauerei.

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