So eine „art trouble“!

Mein Problem mit Kunst ist die Interpretation selbiger als solche.
Aber urteilen Sie selbst:

„Das ungleiche Liebespaar“ – Herstellungsdauer: 4 Minuten und 38 Sekunden, verwendetes Programm: GIMP

Ich habe eine Datei geöffnet, den Tintenmaler als Werkzeug gewählt, ich hatte keine Absichten und keine Ahnung was dabei ‚rauskommen soll, ich hab’ einfach ‚drauflosgepinselt… ist das jetzt Kunst?

Wird es Kunst, wenn ich jemand anderes wäre und New Yorker Geldbürger es schick fänden mit meinem Agenten darüber zu diskutieren, ob das meine cartoonhafte Kritik an der gesellschaftsbedingten Unfähigkeit der Menschen ist die Gefühle des anderen authentisch wahrzunehmen?

Wählen wir ein anderes Medium – das Gedicht.

Die Weite jener,

denkend nichts,

die Wahrheit deiner,

nicht genug.

Die Liebe aller,

tonungslos verstrichen,

geformt in allem,

groß geworden um zu bleiben,

dazwischen – ich.

Herstellungsdauer: Überlegungen einer Zigarettenlänge, Niederschrift in ca. einer Minute, verwendetes Programm: Sprachzentrum.

Ist das Kunst? Ist das die Anklage eines Zweifelnden an die Bedeutungslosigkeit der Welt? Das Protoll des unprotokollierbaren? Die Suche nach dem dazwischen?

Oh, ich kenne Leute, die das ausinterpretieren könnten bis hin zur Preiswürdigkeit. Macht es diese Minutenanstrengung eines Sprachclowns wie mir zu Kunst?

Kunst ist ein fieses kleines Ding, denn es beinhaltet Trends, es beinhaltet das Bedürfnis anderer sich selber auf die Schulter zu klopfen, weil sie die Kunst in der Kunst erkannt haben und verstanden. Kunst entsteht auch, weil einflußreiche Gesellschaftsschaltstellen oder -strömungen meinen sie als solche ausgemacht zu haben und sie zu solcher erheben können.

Ja, ich habe meine Probleme mit Kunst. Immer wieder. Ich weiß auch nicht, was das ist. Und ich bemerke in mir zwei Tendenzen… ich meide das, was andere Kunst nennen und ich gewinne ein ungeheures Interesse an uneitlem kreativem Handwerk, das erschafft weil es will, weil es muss… und das nicht Kunst zum Ziel hat sondern Berührung, in welcher Weise auch immer.

Mein Eindruck ist allerdings, dass ich mir damit neue Probleme erschaffe. Denn dieses Handwerk ist viel seltener als Kunst…

5 Gedanken zu „So eine „art trouble“!

  1. Was genau zeichnet Kunst aus? Zweckfreiheit? Ein besonders hochwertiges Ergebnis? Und wenn ja, worin besteht der Wert von Kunst, was ist der Maßstab für ihre Bedeutung? Zeitaufwand? Hm, man kann Wochen und Monate in die Herstellung eines Gemäldes investieren, welchem das ungleiche Liebespaar in nichts nachsteht. Auf dem Montmatre hingegen sitzt der ein oder andere begabte Zeichner, der innerhalb von Minuten zauberhafte Bilder zu Papier bringt. Nachfrage? Die Nachfrage nach Boulevard-Blättchen übersteigt mutmaßlich deutlich den Run auf Goethe oder Shakespeare.
    Das Problem beim Bewerten von Kunst ist doch vor allem die Abwesenheit einer eindeutigen Zielsetzung. Wenn ein Mechaniker mein Auto repariert, ist das Ziel klar: der Wagen soll hinterher wieder einwandfrei laufen. In der Kunst ist es komplexer. Die Erwartungen an Kunst sind glaube ich sehr unterschiedlich. Du sagst, Berührung ist der Schlüssel zur Kunst … vielleicht. Nun ist aber Berührung eine höchst subjektive Angelegenheit. Manch einer fühlt sich hochgradig berührt, wenn in seiner Lieblingssoap der Held die üblichen Widrigkeiten überwunden hat (also ein bis zwei Hirntumore, den zu unrecht verlorenen Arbeitsplatz, den Tod seines jüngsten Sohnes, die Entführung seiner geliebten Frau und den Typen, der die Frau mit allen Tricks auszuspannen versucht). Andere sind bei der selben Szenerie höchstens erregt, weil ein Mikroschatten im Bild ist. Ist diese Soap nun also Kunst? Ich persönlich bin beispielsweise auch berührt beim Anblick der frühen Werke meines Sohnes. Sind demnach Punkt-Punkt-Komma-Strich-Wachsmalkreidezeichnungen Kunst? Einerseits finde ich den Heiligenschein, welcher der Kunst oft verpasst wird, blöd. Andererseits ist es auch so, dass ich manchmal Laientheater sehe und denke „Stimmt, Schauspieler können ja was“. Damit will ich sagen, dass ich den Unterschied zwischen einer professionellen künstlerischen Leistung und laienhafter Kunst zwar nicht verbal genau definieren könnte, aber manchmal sehr eindeutig wahrnehme. Goethe zum Beispiel hat in meinen Augen durchaus zu recht einen Dichter-und-Denker-Sockel abbekommen. Nen Faust kann halt auch nicht jeder. Auch unter den Profiliteraten nicht. Trotzdem kann natürlich alles mögliche als Kunst bezeichnet werden und hat als solche eine Daseinsberechtigung, was dem Faust an literarischer Schönheit weit unterlegen ist. Kunst kann ja je nach Kontext auch eine eher therapeutische Zielsetzung haben und muß dann keine professionellen Kriterien erfüllen. Mich stört im Zweifel nicht das Label Kunst, sondern eher das Des-Kaisers-neue-Kleider-Prinzip.

  2. Freundchen, von DIR will ich irgendwann noch ein Buch lesen, das nur nebenbei. Mir ist dann auch wurscht, ob dieses in künstlerischer Absicht geschrieben wurde… ich lese Dich gerne!
    Danke für diesen langen Kommentar, die Auseinandersetzung mit meinen Gedanken und die Dazugabe Deiner. Mir fällt sofort einiges dazu ein, zum aufgreifen, gegensetzen, verzahnen, zustimmen…. aaaber ich möchte das gerne ein wenig innerlich beköcheln und bearbeiten. Eine schnelle Antwort würde dem nicht gerecht. Die langsame gibt’s dann entweder hier – oooder beim angedrohten Kaffee in Hamburg!

  3. Robert Gernhadt sagte mal, offenbar genüge es bereits, wenn einer das Fenster aufreißen würde, sich weit hinauslehnen und brüllen: Kunst! Kunst! Kunst!

  4. Das mit dem rufen ist keine dumme Idee… denn von allen, die den Ruf vernehmen, werden die wenigsten riskieren wollen als unempfindlicher Kunstbanause dazustehen – also werden sie zustimmen. Und wenn wieder andere mitbekommen, dass schon so einige dem Ruf „Kunst! Kunst! Kunst!“ zugestimmt haben, dann werden sie denken: so viele können schwerlich irren – und weil sie sich auch nicht blamieren wollen stimmen sie ein in die Zustimmung.
    Und schon hat man eine echte Welle…

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