YES!

Was bedeutet „Lügenpresse“? Das Wort bedeutet: wenn Du nicht meiner Meinung bist, dann lügst du.

Und: weil du sowieso lügst muss ich mich mit dir nicht mehr auseinandersetzen.

Deshalb: brauche ich mich mit niemandem auseinandersetzen, der anderer Meinung ist oder meine Meinung hinterfragt. Denn entweder ist die oder der Teil der Lügenpresse – oder ein verblendetes armes Opfer der Lügenpresse.

Fazit: Meine Meinung steht fest – bitte verwirren Sie mich nicht mit Fakten oder Fragen.

Dunja Hayali hat genau das getan. Immer wieder, beharrlich und vor Ort. Sie hat zugehört, nachgefragt, ungeschützt, ruhig. „Menschen interessieren mich.“ sagt sie.

Für ihre Berichterstattung ist sie in den Sozialen Medien attackiert worden… ein besseres Wort dafür gibt es nicht. Ich habe überlegt an dieser Stelle Beispiele an zuführen. Sie sind leicht zu finden. Unter YouTube-Videos, auf Facebook, auf Twitter, in den Kommentaren zu ihren Sendungen. Es braucht keine Mühe sie zu finden, es braucht nur Mühe sie zu lesen.

Ich habe mich dagegen entschieden. Sie sind hasserfüllt, sexistisch, rassistisch. Sie unterschreiten, was noch Niveau genannt zu werden verdient, sie überschreiten, was noch den Namen Meinungsfreiheit tragen könnte. Sie verdienen Verachtung nicht Beachtung.

Dunja Hayali hat auch sie beachtet. Trotzdem. Rund 100 Anfragen zu einem persönlichen Treffen hat sie an jene verschickt, die ihr „Lügenpresse“ vorwarfen. Wenige wollten sich stellen, zwei hat sie getroffen.

Sie glaubt an den Dialog. Wie führt man ihn? Mit allen Menschen, auch mit denen die hassen statt zu denken?

Vielleicht trotzdem. Weil es der einzige Weg ist. Wer dem Hass ausweicht schenkt ihm Raum. Wer schweigt stimmt zu. Wer andere ignoriert kann sie nicht überzeugen.

Gestern bekam sie die „Goldene Kamera“ in der Kategorie „Beste Information“.

YES!

 

 

 

 

8 Gedanken zu „YES!

  1. Tja, diese Dankesrede von Dunja Hayali wird ja gerade auf allen Kanälen abgefeiert, wobei sie im Grunde nur wiederholt, was vielerorts schon an Erfahrungen von Politikern, Journalisten, Prominenten und Unprominenten veröffentlicht worden ist im Zusammenhang mit Dialog-Versuchen mit AfD und Pegida.

    Der Dialog ist und bleibt schwierig. In Freital wurde er von der Masse der besorgten Bürger niedergebrüllt, bevor er überhaupt beginnen konnte. Im Internet entlädt sich ungefiltert stumpfer Hass, der vielleicht die Folge eigener Gewalterfahrung ist, vielleicht auch nicht – und auf den Demonstrationen findet man eine Mischung aus Nach-Unten-Tretern, Vollpfosten und eben auch solchen, die nicht wissen, wohin mit ihren Zukunftsängsten. Ich muß zugeben, dass mich inzwischen der Raum, der diesen meschenverachtenden und inhaltlich oft schlichtweg unzutreffenden Äusserungen in den Medien gegeben wird, eher nervt. Man kann über Flüchtlingspolitik diskutieren, über Arbeitslosigkleit, Dumpinglöhne, Hungerrenten, über Integrationsproblematik, den Islam und was den Menschen sonst Sorgen bereitet. Wohin aber führt eine fortgesetztes Veröffentlichen der wirr vorgetragenen Thesen von Stammtischbrüdern, deren Gebahren man ja mittlerweile kennt? Ich bin nicht gegen journalistische Beiträge dieser Art, merke aber, dass mir das Interesse daran abhanden kommt, weil ich kein konstruktives Ergebnis und auch sonst wenig Bereicherndes darin erkennen kann.

  2. An PEGIDA, AfD und Co. ist auch nichts bereichernd, nichts konstruktiv. Und ich möchte, dass sich das dokumentiert. Ich halte es für falsch die AfD nicht zu politischen Diskussionen zu bitten. Ich möchte, dass diese Partei ihre „Lösungen“ darlegt. Einerseits, weil sie sich damit in konkreten Nachfragen zerlegt, andererseits zeugt es nicht von demokratischer Natur solche Erscheinungsbilder als nicht diskussionsfähig zu brandmarken und sie zu ignorieren. Wenn sich niemand wortwörtlich mit dieser Geisteshaltung auseinandersetzt, dann muss sie ihre kruden Thesen auch niemals inhaltlich begründen. Nur dadurch wird aber die Flachheit und Menschenverachtung darin sichtbar.
    Es ist die Aufgabe der Demokraten… seien sie Politiker oder Journalisten… diese Auseinandersetzung zu führen. Ist das als Prozess nervig, weil dazu gehört, dass man unsägliches immer wieder zu hören bekommt? Oh ja! Aber PEGIDA, AfD und Konsorten verschwinden nicht, indem man sie ignoriert.
    Sie enttarnen sich, indem sie nach ihrer Substanz hinterfragt.

  3. Dem widerspreche ich nicht.

    Mir stellt sich eher die Frage, ob zum Beispiel dieses „Stimmen einholen“ auf Pegida-/AfD-Whatever-Veranstaltungen (was ja vielfach schon geschehen ist und gesendet wurde), wirklich eine Auseinandersetzung im Sinne eines Austauschs ist, wie Du ihn Dir wünschst. Journalisten, die mit einem Mikro durch die Reihen ziehen und hier und da kleine Wortfetzen einsammeln … ich kann nicht erkennen, dass da ein Gespräch stattfindet. Vielmehr wiederholen sich – übrigens von beiden Seiten – Phrasen und Einwände, die man nun inzwischen tausendfach gehört und gelesen hat. Ja, wir wissen jetzt, wo die Ängste verhaftet sind. Und ja, das kann man partiell auch nachvollziehen. Und ja, da muß man Lösungen finden. Nur, das Gegenteil von Ignoranz ist zum jetzigen Zeitpunkt aus meiner Sicht nicht Stimmen einfangen, sondern Angebote, die einen echten und langfristigen Dialog möglich machen. Ein Setting, wo die besorgten Bürger vor Ort ihre eigenen Anliegen klären können – mit der Option, eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse herbeizuführen. Wer sich an sowas gar nicht erst beteiligt (siehe Freital), der darf sich über Ignoranz dann auch nicht beklagen. Wer nur vollumfängliche Zustimmung akzeptiert und alles andere der „Lügenpresse“ zuordnet, der ist schlichtweg nicht diskussionsfähig. Hier darf die demokratische Mehrheit in meinen Augen auch mal sagen, für solch einen gequirlten Unsinn gibt es hier einfach keinen öffentlichen Raum.

    Für jene, die auseinandersetzungswillig sind, wären Diskussionssettings wichtig, die über das „Stimmen einfangen“ hinaus gehen. Finde ich.

  4. Dunja Hayali hat deswegen Sendematerial ungeschnitten veröffentlicht. Und es sind Gespräche zustande gekommen. Die Menschen haben geantwortet. Einige dieser Antworten sind berührend, andere schwer auszuhalten. Aber es sind Dialoge. Manche enttarnen ihre eigene Inhaltslosigkeit (auch das finde ich wichtig), andere beschreiben gesellschaftliche Probleme, für die die Politik gerade keine Lösung anbietet und sich auf’s ermahnen beschränkt. Journalistische Arbeit soll versuchen wertfrei zu beschreiben, sofern das menschlich überhaupt gelingen kann. Und unsere PC-Gesellschaft tut sich oft schon mit der Beschreibung schwer. Eine Gesellschaft, die humanistisch funktionieren will, hat dieses Problem.
    Natürlich dürfen alle alles sagen, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Aber sagen ist das eine, zuhören das andere. Wenn alle nur noch sagen und keiner mehr zuhört, dann bilden sich unversöhnliche Meinungslager. Ich muss eine andere Meinung nicht teilen, aber ich muss sie zur Kenntnis nehmen und mich auseinandersetzen… sonst verdränge ich sie in die Abgründe der sozialen Medien und fördere sie durch Schweigen.
    Die Demokratin in mir zuckt zusammen, wenn Wahlkampfdiskussionen etablierter Parteien abgesagt werden sobald die AfD mit von der Partie ist. Politik muss mehr können als zu vermeiden, sie muss solchen Strömungen begegnen. Sie muss demaskieren. Aber für all das ist Auseinandersetzung die Grundlage.
    Ich glaube, dass Demokratie dem gequirlten Unsinn Gelegenheit geben muss sich zu äußern, denn gequirlter Unsinn enttarnt sich auf diese Weise am besten. Beispiel Frau Storch, AfD, die bei Facebook auf die klare Frage: „Wollt Ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?“ mit einem klaren „Ja.“ antwortete. Nachdem ihr dann wohl irgendwer klargemacht hat, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist und kein rechter Staat deklarierte sie das „Ja.“ als technisches Missgeschick, sie sei von der Computermaus abgerutscht.
    Gerne mehr davon, sowohl von der Gesinnungsveräußerung, als auch von der hanebüchenen Erklärung beim zurückrudern.

  5. Versteh mich nicht falsch. Ich bin absolut gegen Zensur – im Rahmen dessen, was die Meinungsfreiheit zuläßt. Der entlarvende Effekt wird allerdings leider meist nur von jenen erkannt, die eh nicht mit den Antidemokraten sympathisieren.
    In diesem Sinne finde ich den journalistischen Beitrag von Dunja Hayali auch nicht falsch. Ich verstehe nur nicht, warum er so abgefeiert wird, denn die Berichterstattung von Frontal letztes Jahr ging in die selbe Richtung. Ich hab irgendwie das Gefühl, das gab’s schon und ich sehe da nichts Neues.

    Nehmen wir nun die Interviewpartner, die gesprächsfähig wirken und zumindest weitgehend den Eindruck machen, demokratischer Gesinnung zu sein. Den Typen am Anfang zum Beispiel oder die Omi mit der Kerze. Die könnte man ja in der Tat abholen. Aber gelingt das durch einen Zwei-Minüter-Dialog, der nie wieder fortgesetzt wird wie im Video oben zu sehen? Wenn dieser Vorgehensweise nichts mehr folgt, ist es für’n Arsch und interessiert mich als Zuschauerin auch nicht mehr besonders, weil eine derartige Portraitierung der Pegida-/AfD-Anhänger ja schon stattgefunden hat und keine neuen Erkenntnisse aus ihr gewonnen werden. Da würde ich journalistisch interessanter finden, eine Langzeitreportage zu produzieren, die die Protagonisten in einen wirklichen Dialog einbindet. Einer, der Möglichkeiten zur Entwicklung liefert …

    Dass die Politiker der demokratischen Parteien völlig dicht machen und alle nur ignorieren und ausschliessen, stimmt übrigens so nicht. Wenn ich mir diverse Talkshows in Erinnerung rufe, habe ich schon den Eindruck, dass da Kommunikationsbereitschaft zum Ausdruck gebracht wird. Auch in Freital wurde ein solcher Dialog versucht (mit der Folge übrigens, dass die Vertreterin dieser Initiative bedroht wurde). Auch wenn solche Dialoge stattfinden, darf man antidemokratische Ideen auch antidemokratisch nennen. Das empfinde ich nicht als Ausgrenzung.

  6. Ich finde die Berichterstattung vor Ort aus vielen Gründen wichtig. Zum einen differenziert sie die Menschen, die in dieser Strömung stehen. Während einige gar keine eigene Meinung vorbringen können, andere Hassgründe benennen, können manche klare Beweggründe beschreiben. Das fächert DIE Pegida-Anhänger auf und beschreibt ihre Unterschiedlichkeit und damit auch das gesellschaftliche Problem, das diese Bewegung stärkt, breiter.
    Zum anderen ist es wichtig nicht nur über etwas zu berichten, sondern mit den Menschen direkt zu sprechen. Ebenso wichtig dem hohlen Lügenpresse-Vorwurf etwas entgegen zu setzen.

    Ja, man darf benennen, man muss es sogar, aber ich glaube eben nicht an Ignoranz. Und in Freital hat die Lokalpolitik Kommunikation versucht, ohne Rückendeckung der Politgrößen, die dazu vor Ort geschwiegen haben oder außer „Pack“ nicht viel zu sagen hatten.
    Jetzt mal rein hypothetisch… stell‘ Dir das Bild vor… diese Frau, die Angela Merkel als Volksverräterin angekreischt hat… und Merkel geht nicht stillschweigend weiter, sondern zu ihr, mit dem ganzen Pressetross im Gefolge und fragt sie etwas in der Richtung, ob Hilfe dann auch noch Verrat ist, wenn die Dame welche braucht. What a scene!
    Gabriel brüllt zurück, ja, aber aus der Deckung. Ich vermisse den Mut ruhig zu konfrontieren, ich vermisse den Mut zur Überlegenheit durch Geist vor Ort. Ich vermisse politische Siege in der direkten Konfrontation. Dunja Hayali hat dieses Thema nicht nur in Erfurt aufgegriffen, ihre Aktivitäten sind vielfältig. Sie berichtet aus dem Irak, sie zeigt Gesicht, beim gleichnamigen Verein, sie geht in Schulen – aber sie hat sich eben auch in Erfurt schubsen lassen.

    Dass mehr getan werden muss, auf allen Ebenen, vertiefend, dialogisch, argumentativ, couragiert… ja, da stimme ich Dir zu. Aber es ist eben auch wichtig jene mit Anerkennung zu stützen, die bereits handelnd unterwegs sind. Ich mag keine Preisverleihungen, aber wenn Preise Zeichen der Wertschätzung und Unterstützung setzen können, dann sollen sie das tun, auch mit der entsprechenden Aufmerksamkeit. Sie bedeuten nicht, dass dadurch etwas vollbracht ist, oder andere weniger tun oder alle schon genug unternehmen. Sie sind an solcher Stelle Ermutigung für weiteres.

  7. Dass Pegida nicht ein Brei ist, sondern ein sehr heterogener Zusammenschluß, der sich ja zuweilen auch in den eigenen Reihen in die Haare kriegt, haben inzwischen glaube ich die meisten kapiert.

    Wer aber zu einer differnzierten Haltung gegenüber den besorgten Bürgern aufruft, sollte zumindest nicht seinerseits auf die Schiene des Politiker-Bashings aufspringen. Zweifelsohne werden da Fehler gemacht und könnten stellenweise bessere Gespräche geführt werden mit mehr Bürgernähe. Zu beklagen, dass ÜBERHAUPT KEINE Ansätze in diese Richtung gemacht werden, bewegt sich jedoch auf dem selben Niveau wie die Annahme, alle Pegida-Demonstranten seien unverbesserliche Nazis. Gleichwohl ist es eben auch ein Fakt, dass weite Teile dieser Bewegung nur äusserst bedingt kommunikationswillig sind – das widerum zeigt ja auch die Arbeit von Dunja Hayali. Man möchte ein klares Feindbild und einfache Lösungen. Und es stellt sich die Frage, wie gehen wir damit um, wenn von dieser Sichtweise um keinen Preis abgerückt wird. Die Argumente sind schnell ausgetauscht, wenn ein Gegenüber sich gar nicht erst auf eine tiefere Betrachtungsebene einläßt. Und das macht es auch solchen Politikern schwer, die sich grundsätzlich verhandlungswillig zeigen und Geist beweisen. Ich finde, diesen Umstand sollte man berücksichtigen, bevor man ihnen pauschal Ignoranz und Ausgrenzung vorwirft.
    Aus einer rein menschlichen Perspektive kann ich übrigens Berührungsängste auch verstehen. In dem Moment, wo man ganz persönlich Teil des Feindbild dieser Menschen ist, riskiert man halt auch schnell, Opfer von tätlichen Angriffen zu werden im Rahmen bestimmter Gemengelage. Und vor diesem Hintergrund finde ich Ängste auch einfach menschlich.

    Grundsätzlich bin ich ja bei Dir, was den Wunsch nach funktionierenden Dialogen betrifft. Inwieweit die Arbeit von Dunja Hayali dazu beiträgt, sei mal dahin gestellt. Zumindest schadet sie einem solchen Dialog sicher nicht. Schwierig finde ich hingegen eine Darstellung, welche die Lügenpresse-Brüller als harmlose Opfer feiger Politiker beschreibt.

  8. Ich möchte die Geisteshaltungen hinter PEGIDA, AfD und Co. keineswegs relativiert wissen, sie nicht verharmlosen – aber mir reicht es nicht ihnen das Label von Dummheit oder fehlender Bildung anzuheften und sie dann abzutun.
    Auch darin liegt eine Gefahr.
    Ich weiß gerne, was Menschen motiviert, besonders dann, wenn ich vollkommen anderer Meinung bin und nicht erkennen kann, wie man zu einer solchen Weltsicht gelangt.
    Wo kommen diese Menschen her? Was treibt sie an? Was mehrt sie? Wie erbasteln sie sich ihre Weltlogik? Es ist, wie bei unserer Rollenarbeit, wenn wir einen Charakter spielen, der allem, woran wir selbst glauben, zuwider läuft. Dort stellen wir auch diese Fragen. Fragen stellen kann man auch mit einem Mikrofon. Fragen stellen bedeuten, dass der andere eine Antwort geben muss oder sich entblößt keine zu haben.

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