Die AfD und die Kultur – Portrait einer schwierigen Beziehung

In allen Wahl- und Parteiprogrammen der Afd, die ich recherchiert habe, wird bedeutsamer Wert auf Bildung und die deutsche Sprache gelegt. Einer Partei mit so eindeutigen Schwerpunkten sollte der Zusammenhang beider Themen mit Kultur nicht entgehen. Es wäre zu erwarten, dass dezidierte Vorstellungen dazu beschrieben werden.

Ganz so einfach ist es nicht. So besorgt sich beispielsweise die Hamburger Afd auf 28 Seiten u.a. über Ferienwohnungen, Überschwemmungsgebiete und sauberes StadtGrün – über Kultur findet man nichts.

Immerhin ist sie damit weiter als die AfD Thüringen. Wenn man dort auf das Wahlprogramm klickt… erhält man das Logo des Wahlprogramms – und ja, nur das Logo. Kultur ebenso abwesend, wie …naja, alles andere eben auch.

Ich beschließe grundsätzlicher vorzugehen und steuere die landesweite Website der AfD an. Acht Themenkomplexe sind dort aufrufbar, nein, Kultur gehört nicht dazu. Ich klicke hoffnungsvoll auf die Rubrik Bildung, denn dorthin könnte man sie sinnvoll verräumt haben. Hat man aber nicht, sie ist schlicht abwesend.

Zurück in die Regionen – in Bremen findet sich im Resümee des 49 Seiten umfassenden Wahlprogramms zwar der Satz: „Nur selbstbewusste Kulturnationen können Integrationskraft gewinnen…“ – Kulturpolitik, die ja dazu passen würde, sucht man indes vergebens.

Ich bin hartnäckig und schwenke um nach Baden-Württemberg… 64 Seiten, 12 Programmpunkte, keiner davon beschäftigt sich mit Kulturpolitik – aber ich finde etwas. Unter dem Programmpunkt „Leitbild der Familie schützen und fördern“ ein erster Hinweis darauf, wie die AfD sich gegenüber Kulturschaffenden zu positionieren gedenkt:

„Die AfD will auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden.“

Interessant. Die AfD will auf Rundfunkanstalten einwirken. Ein erstaunlicher Plan jener Partei, die gerne von „Lügenpresse“ spricht und unabhängige Berichterstattung so sehr vermisst.

Abseits von schwerwiegenden juristischen und journalistischen Bedenken – das wird die Drehbuchautoren diverser Fernsehproduktionen vor ganz neue Herausforderungen stellen… die sie in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht haben dürfen.

Das Wahlprogramm aus Sachsen ist eine informative Offenbarung. Es gibt Aussagen zur Kulturpolitik:
„Wir wenden uns gegen einen normierten und nach reinem Verkaufswert zusammengezimmerten Kulturbegriff ebenso wie gegen einen Verordnungsstaat, der durch Fördermittel und Auszeichnungen in die Kulturproduktion eingreift.“

Also keine Fördermittel für Kultur? Keine Auszeichnungen? „Jugend musiziert“ dürfte damit genauso am Ende sein, wie der „Heidelberger Stückemarkt“, Theatertreffen adé und… und… und. Man möchte Denkmäler pflegen, die sorbische Kultur, Vereine für Kultur und Sport und das Kulturraumgesetz modifizieren – alles bedarfsgerecht. Das ist ein dehnbarer Begriff, denn was ich nicht fördere verschwindet und bedarf dann auch weniger.

Beunruhigend. Sicher. Aber den Spitzenplatz ausformulierter Kulturpolitik sichert sich das AfD Wahlprogramm 2016 in Sachsen-Anhalt. Dort ist zu lesen:

„2.8.1 Pflege der deutschen Leitkultur

Die Internationalisierung aller Lebensbereiche, die Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft auf deutschem Boden und der fehlende Mut zu unserer deutschen Leitkultur schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährden auf lange Sicht die Demokratie selbst. Dem wollen wir mit einer Kulturpolitik gegensteuern, die in der Pflege einer deutschen Leitkultur eine sehr wichtige Aufgabe begreift und so dafür Sorge trägt, dass auch und gerade die integrationswilligen Einwanderer sich verstärkt mit unserem Land identifizieren.“

Warum eine Internationalisierung die Demokratie gefährdet erschließt sich mir nicht und wird auch nicht weiter erklärt. Was hingegen von der Kultur erwartet wird ist genau beschrieben:

„2.8.2 Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichtssagender Unterhaltung!

Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“

Wie man die freiheitlichen Aspekte von Kunst in wenigen Sätzen so mit Füßen treten kann, dass es in Stepptanz ausartet, zeugt nicht nur von einem bemerkenswerten Missverständnis der Kunst, sondern der Freiheit an sich.
Und jeder Staat, der auf Rundfunkanstalten einwirkt und seinen Bühnen vorschreibt was dort wie zu inszenieren ist, kann vieles sein… aber eines nicht – eine Demokratie. Was ist dann eine Partei nicht, die das will?

9 Gedanken zu „Die AfD und die Kultur – Portrait einer schwierigen Beziehung

  1. Also ….. ich gebe Dir voll und ganz Recht. Diese Partei ist eigentlich „gar nichts“ und keinesfalls eine
    Alternative für Deutschland. Sicher muss man sich damit befassen und hinter die Kulissen sehen. Das
    mache ich auch. Ich denke darüber nach und würde diese Partei nie wählen! . Aber …… die AfD ist eine Gefahr, die nicht zu unterschätzen ist. Nicht alle Bürger machen sich bei dem Kreutz auf dem Wahlzettel Gedanken und hören nur auf die dumpfen Parolen. Dazu kommt, dass keiner dieser Politiker in der Lage ist, eine verantwortungsvolle Regierungstätigkeit auszuführen. Dazu fehlt es ganz einfach an Grundkenntnissen!
    Persönlichkeiten, die irgendetwas positives, was fundiertes von sich geben ? Auch hier weit gefehlt und nur flache Sprüche. Trotzdem Vorsicht, denn diese Partei kann ganz leicht auf eine Prozentzahl kommen, die wir nicht für möglich halten! Und dann?? Verlierer werden alle Parteien sein und vielleicht heben die damaligen Nichtwähler die AfD noch in den Bundestag!

    Also ganz genau beobachten und verantwortungsbewusst wählen …….

    In diesem Sinne liebe Grüße

    Brain

  2. Lieber Brain,
    ich habe für den Beitrag eine Menge Programme der AfD gelesen… und sie nicht nur nach Kulturpolitik abgeklopft – welche ja ohnehin größtenteils abwesend war.
    Die Wahlprogramme lesen sich als Forderungskatalog. Wir wollen dies, wir wollen das… was dort nicht zu lesen ist sind Vorschläge, programmatische Lösungen. Und das kennzeichnet meiner Meinung nach diese Partei. Stimmenfischen durch Forderungen… deren Umsetzbarkeit keiner Prüfung standhält (Mal vollkommen abgesehen davon, dass sie inhaltlich meine Überzeugung so wenig vertreten, dass ich mir eine solche auch nicht wünschen würde!).
    Aber es gibt ja Menschen, die sich von dieser Partei vertreten fühlen… sie fühlen sich übersehen von den etablierten Parteien oder sie wollen protestwählen.
    Würden sie die hohlen Phrasen auf Realitätstauglichkeit prüfen, dann würden sie merken, dass sie verpuffen. Deutlich in der Flüchtlingsfrage zu beobachten. Aber eben auch bei anderen Themengebieten, die gerade weniger Beachtung finden.
    Ich stimme Dir aber zu. Es ist gefährlich, wenn Menschen abstimmen, ohne diese Prüfung zu denken. Denn auch ihre Stimme zählt. Deswegen ist es so wichtig, dass unsere Gesellschaft, die Politik diese Partei konfrontiert und sich auseinandersetzt. Statt sie zu ignorieren oder abzutun.
    Man sieht ja wohin es führt, wenn AfD-Politiker/innen erklären müssen was sie mit Flüchtlingen an geschlossenen Grenzen tun würden. Es führt zu demaskierenden Äußerungen. Die Spruchblasen müssen zerplatzen. Sicher wird man so nicht alle abhalten können AfD zu wählen, aber ich sehe keinen besseren Weg.

  3. Na….. dann haben wir ja die AfD erkannt!

    Diesen geforderten, oder nur für möglich erachteten Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an einer Grenze, kann einen rechtstreuen Bürger fassungslos machen.
    Auf diese Idee darf keiner, auch kein Politiker, kommen und das in der Öffentlichkeit zu vertreten zeigt, wie Du schreibst, eine gewisse, nein deutliche Demaskierung dieser Leute.
    Aber ich bin in dieser Hinsicht beruhigt, weil kein bundesdeutscher Polizeibeamter diese These der AfD durchsetzen würde. Das zeigt, dass diese Politiker der AfD auch keine Kenntnisse im Bereich der Sicherheit und Ordnung haben. Dazu ein Hinweis:
    Gewalttätige Demos zeigen immer wieder, dass deutsche Polizeibeamte selbst bei bürgerkriegsähnlichen Zuständen (Berlin + 1. Mai) und Notwehrlagen für die eigene Person nicht von der Schusswaffe gegen Menschenmengen Gebrauch machen. Das ist auch richtig so, entspricht der modernen Ausbildung und Einsatz anderer Mittel, von absoluten Ausnahmen mal abgesehen.

    Flüchtlinge sind harmlose Grenzgänger, dazu im tausender und 10. tausender Bereich und diese Krise, egal wie man dazu steht, muss politisch und rechtlich einwandfrei bewältigt werden!

    Wir werden die nächsten Wahlen beobachten und vielleicht auf das Thema wieder zurückkommen!

    Brain

  4. Ich finde es, wie Du, vielsagend, dass eine Partei, die sich so sehr um die Werte unserer Gesellschaft besorgt, diese Werte so schnell verrät, wenn man sie fragt, wie sie diese Werte denn schützen will. Das ist absurd. Entweder unsere Gesellschaft besitzt diese Werte, dann muss sie sich ihnen in ihrem Handeln grundsätzlich verpflichtet fühlen… oder sie hat sie nicht und demaskiert das durch ihr handeln.
    Zu messen sind niemals Worte, sondern Taten.

  5. Fein ……. ich bin mit unseren Kommentaren zufrieden. Es ist aber ein unendliches, wichtiges Thema, aber die Linie stimmt ja. Nun warten wir ab, bis zum März, der ersten Landtagswahl!

    Alles Gute ….. Brain

  6. Aus aktuellem Anlass und weil es in unseren Austausch passt teile ich diesen Artikel… weil ich diese Meinung ebenfalls teile:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/clausnitz-ihr-seid-nicht-das-volk-kommentar-a-1078411.html

    DAS erwächst aus Worten… und, obwohl ich mit diesem Mob nichts weiter teile als meine Nationalität, bin ich zutiefst beschämt. Denn in dem Land, in dem ich geboren wurde, gilt nach wie vor: die Würde des Menschen ist unantastbar. Und wer die Werte dieses Landes verteidigen will muss ihn kennen und danach handeln!

  7. Tja, es wird immer wieder behauptet, dass die armen AfD Wähler schlichtweg nicht wissen, was die Partei, die sie da wählen, will und dass die meisten umgehend von ihrer Entscheidung abrücken würden, wenn sie nur mal die Wahlprogramme lesen würden.

    Ich persönlich bin von dieser Theorie nicht restlos überzeugt. Es gibt zahlreiche empirische Untersuchen, die bei diskriminierenden Thesen Zustimmungsquoten von z.T. über 60% in der Gesamtbevölkerung verzeichnen. Die Zustimmungsquote bei der Annahme, Homosexualität sei eine Krankheit lag z.B. bei über 50 %. Die Zustimmungsquote bei der These, Hartz 4 Empfänger seien Schmarotzer lag noch höher (erstaunlicherweise sogar bei den Hartz 4-Empfängern selbst). Solche Meinungen spiegeln sich natürlich auch in den Wahlergebnissen wider. Ich bin ziemlich sicher, dass ein Gros der Wähler ziemlich einverstanden ist mit dem kruden Weltbild, das die AfD entwirft. DAS finde ich im übrigen noch dramatischer als die Frage der praktischen Umsetzbarkeit von AfD-Ideen.

  8. Es hat mich immer erstaunt, dass Menschen, wenn sie Angst haben, auf überalterte Weltbilder zurückgreifen, statt gerade deswegen neue Lösungen zu erdenken. Sie funktionieren dann wie ein Computer – ihr Gedankensystem wird auf die letzte scheinbar funktionierende Konfiguration zurückgesetzt… Ergebnis: Rückschritt.
    Besonders absurd in diesem Fall ist, dass dabei extreme und überkommene Positionen angenommen werden – ein Vorwurf, der von eben diesen Menschen ja dem Islam gemacht wird.
    Es gelingt dabei vollkommen zu übersehen, dass die erfolgreichsten Gesellschaften aufgeklärte Gesellschaften sind oder zumindest solche, die sich um diese Entwicklung bemühen… https://de.wikipedia.org/wiki/Human_Development_Index

    Ich stimme Dir absolut zu… die Ausbreitung rückwärtsgewandtem Gedankenguts in der deutschen Gesellschaft empfinde ich weitaus bedrohlicher als den Zuzug eventuell rückwärts gewandter Flüchtlinge. Unsere Gesellschaft verliert dadurch die menschlichen Mittel, die sie zur Integration bräuchte.

  9. Genau. Einerseits mißlingt Integration aufgrund rückschrittlicher Haltungen, andererseits ist sie gerade da umso wichtiger, wo solche Haltungen besonders verbreitet sind. Menschen neigen ja nunmal dazu, Fremdes erstmal abzulehnen. So ist Fremdenfeindlichkeit am verbreitetsten in Regionen, wo es kaum Ausländer gibt, wohingegen Städte wie Köln und Frankfurt, die einen hohen Ausländeranteil haben, vergleichsweise wenig mit Ausländerfeindlichkeit kämpfen müssen.
    In dem Moment, wo Fremdes persönlicher erlebt wird, relativieren die meisten Menschen ihre Haltung, indem sie beispielsweise einräumen, gegen den türkischen Nachbarn oder den schwulen Kollegen sei nichts einzuwenden, auch wenn sie generell gegen Schwule und/oder Ausländer seien. Insofern ist Integration zweifellos eine gute Maßnahme, um Hass und Berührungsängsten vorzubeugen.

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