1.Europäischer Theatertag der Toleranz – „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“

Länder sind in Bewegung. Die Bewegung richtet sich nach den innenpolitischen Strömungen. Die ungarische Strömung hat eine signifikante Strömung nach rechts.
Schon ein paar Jahre.
Ungarn besitzt ein Pressegesetz, wie man es sonst nur von autoritären Staaten kennt. Der europäische Protest hielt sich in Grenzen, die EU forderte wenig verbessernde Abänderung – und bekam sie nur teilweise. Ungarn bekam im Gegenzug eine „Pressefreiheit“, die eine schlecht bemäntelte staatliche Zensur bedeutet.
Premier Orbán hat eine Parlamentsmehrheit. Im Prinzip bedeutet das die Freiheit alles zu. Und diese Freiheit beschneidet vorallem die Freiheit der anderen. Demokratische Grundrechte werden ausgehöhlt, die Notenbank entmachtet, Schlüsselpositionen umbesetzt – Ungarn wurde von der Republik zur Nation, das neue Grundgesetzt beginnt nunmehr mit einem nationalen Glaubensbekenntnis.
Die Europäische Union schweigt dazu weitgehend. Gelegentlich hört man von Besorgnis reden… wenige äußern sich so definitiv wie Daniel Cohn-Bendit, der Orbán als „autokratisch durchgeknallt“ bezeichnete.

In einem solchen Land sind Kunst und Kultur, mehr noch als ohnehin in jedem Land, ein Ort an dem humanistischer Widerstand geleistet werden kann – es sei denn man ist gründlich genug auch dort die gedankliche Freiheit und Toleranz zur Tür hinauszufegen.
Heute geschieht am „Neuen Theater Budapest“ nicht weniger als genau das. Heute wird es in die Hände zweier Intendanten übergeben, deren humanistische Gesinnung nicht nur hinterfragt – sondern schlichtweg vermißt werden darf. Die Entscheidung dazu fällte der Oberbürgermeister im Alleingang, ein Tabubruch, dessen Gestalt sich harmonisch in die neusten Entwicklungen des Landes einfügt.
Als Reaktion wird heute an vielen Theatern in Europa vor der Vorstellung ein Memorandum verlesen und zugleich der „1.Europäische Theatertag der Toleranz“ begangen.
Ich habe heute keine Vorstellung. Leider. Aber heute gehen tausende Schauspieler/innen in Europa auf ihre Bühnen, sprechen Worte ihrer Geschichten des Abends, in so unterschiedlichen Sprachen.
Hier sind die Worte, die man ihnen heute voranstellen könnte:

Memorandum


Ich verlese ein Memorandum, das heute in den meisten Theatern Europas vor der Vorstellung in der jeweiligen Landessprache verlesen wird:
Heute ist der 1.Februar 2012. An diesem Tag wurde in Budapest eines der bedeutendsten Theater der Stadt an zwei neue Intendanten übergeben, die seit vielen Jahren öffentlich rechtsradikales Gedankengut vertreten. Sie publizieren antisemitische, antiziganistische und rassistische Hetzschriften und leiten ab heute ein subventioniertes Theater einer europäischen Hauptstadt. Das ist ein Tabubruch.
Wir wollen das nicht zum Anlass nehmen, Steine nach Budapest zu werfen, sondern uns in unserem eigenen Land und in unserer unmittelbaren Umgebung für Toleranz, Vielfalt und Solidarität für die Schwächeren einzusetzen.
Wir sind bestürzt darüber, dass in vielen Europäischen Ländern politische Kräfte wirken, die Hass, Verachtung und Neid zwischen den Menschen schüren. Wir wollen mit unserer Theaterarbeit das Trennende in der Gesellschaft überwinden, Neugierde erwecken und die Sinne für gesellschaftliche Wahrheiten schärfen – für das gemeinsame Wohl aller Menschen, den Frieden und die Freiheit in Europa. Sind wir Menschen doch alle frei und gleich an Würde und Rechten geboren, sind wir doch alle Bürger einer Welt.
Heute ist der 1.Februar 2012. Begehen wir heute gemeinsam den 1. “ Europäischen Theatertag der Toleranz“.

Ein Gedanke zu „1.Europäischer Theatertag der Toleranz – „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“

  1. Vor dem Mauerfall war Budapest für uns aus dem Osten ein Sehnsuchtsort: heiterer, offener, gelöster, altmodischer und moderner, auch etwas avantgardistisch, auch etwas luxuriös, farbig.

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